Stau-Warnung!

Oktober 2020 | Medizin & Trends

Jeder zweite Mann über 50 ist von den Folgen geschädigter Gefäße betroffen. Sehr häufig sind Erektionsprobleme die ersten Alarmzeichen dafür, dass es in den Gefäßen enger wird.
 
– Von Wolfgang Kreuziger

Er wird immer älter, sitzt immer mehr und belastet seine Muskeln immer weniger – der Mensch. Kein Wunder, dass die aus dieser Bewegungsarmut resultierenden Gefäßerkrankungen in den letzten Jahrzehnten Zuwächse von bis zu 40 Prozent verzeichnen, Tendenz: stark steigend.

„Gefäßkrankheiten sind typische Zivilisationserscheinungen“­, bringt es Prim. Univ. Doz. Dr. Reinhold Katzenschlager, Leiter des Gefäßzentrums im Wiener Krankenhaus Göttlicher Heiland, auf den Punkt. „Und weil Männer heute nicht mehr so viel körperlich arbeiten wie früher, jedoch mehr sitzen und gleichzeitig alt genug werden, um späte Gefäßleiden zu erleben, haben sie gegenüber den Frauen kräftig aufgeholt.“

Blutbahnen wie  verstopfte „Röhren“

Schauplatz jener Erkrankungen, die im Alter früher oder später jeden treffen können, sind im Grunde alle Blutbahnen unseres Körpers, allen voran die vom Herz wegführenden Arterien, aber auch die zum Herzen fließenden Venen, sowie die Lymphgefäße. Wobei venöse Erkrankungen in der Regel häufiger und weniger alarmierend verlaufen, arterielle hingegen seltener aber gefährlicher sind.

„Man muss sich die ­Blutbahnen wie Rohre vorstellen“, erklärt Dr. Franklin Kuehhas, als Androloge in Wien Spezialist für Männergesundheit. „Sind sie innen nicht mehr glatt, sondern durch Ablagerungen blockiert oder verengt, kann es zu Durchblutungsstörungen bis hin zur völligen Verstopfung kommen.“ Die mit Abstand häufigste Gefäßerkrankung ist die Arteriosklerose, die krankhafte Einlagerung von Fetten in die Arterienwand, an der Männer aus hormonellen Gründen früher erkranken als Frauen.

Erektionsprobleme als Alarmsignal

Für viele dieser Krisenherde schrillt allerdings ein unübersehbares Alarmsignal, denn Mutter Natur hat dem Mann ein Frühwarnsystem eingebaut. „Erektionsprobleme sind im Grunde nicht als isolierte Krankheit zu sehen, sondern als Vorboten eines oder mehrerer größerer Gefäßprobleme wie Arteriosklerose oder Koronare Herzkrankheit“, weiß Kuehhas. Der Androloge spürt dahinterliegende Ursachen auf, bekämpft man diese, bessern sich in der Regel auch die Erektionsprobleme. „Die Dunkelziffer jener Männer, die Erektionsprobleme beim Arzt nicht ansprechen und sie als gottgegeben oder altersbedingt ansehen, ist enorm hoch“, so  der Experte.

Testosteroncheck ab 40 ratsam

Im Normalfall gehen die Mediziner davon aus, dass sich rund drei Jahre nach dem Auftauchen von Potenzproblemen die dahinter lauernden Gefäßleiden in ihrer ganzen Breite manifestieren. Kuehhas: „Denn die winzigen kleinen Gefäße im Penis sind immer die ersten, die sich verengen.“ Er rät Männern überdies dazu, ab dem 40. Lebensjahr regelmäßig ihren Testosteronwert messen zu lassen, denn das männliche Geschlechtshormon hängt ebenfalls eng mit der Gefäßqualität zusammen.

„Eine zu schwache Testosteronproduktion, die häufig von Problemen mit der Schilddrüse oder dem Hoden herrührt, begünstigt Gefäßschädigungen“, warnt er. Diesem Mangel könne aber mit Medikamenten wirksam gegengesteuert werden.

Ein Problem – viele Auswüchse …

Warum eine ähnliche Gefäßproblematik bei manchen in der Bauchaorta, bei anderen im Herzen oder in den Beinen den größten Schaden anrichten, ist noch unbekannt. „Vieles ist hier genetisch bedingt“, glaubt Katzenschlager. „Ich persönlich habe beobachtet, dass sich das Problem bei rauchenden Männern in sitzenden Berufen eher auf die Beckengefäße schlägt, bei gestressten Menschen hingegen auf die koronaren Herzkranzgefäße.“

… und viele Gemeinsamkeiten

Als Gemeinsamkeit haben alle wichtigen Gefäßkrankheiten, dass sie durch Rauchen, Diabe- tes, hohe Blutfettwerte und hohen Blutdruck ­begünstigt werden, während sie unbehandelt rasch lebensbedrohend werden. „Weiß man rechtzeitig von der eigenen Gefäßschwäche, besteht die Vorbeugung in einem gesunden Lebensstil mit viel Bewegung, fettarmer Ernährung und dem Vermeiden von Nikotin“, betont Katzenschlager. Schlechter trifft es Venenkranke. „Sie haben leider außer dem Vermeiden von langem Sitzen, Stehen und großer Hitze kaum Möglichkeiten vorzubeugen.“

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Häufige Gefäßerkrankungen bei Männern

Krampfadern

Bereits jeder fünfte Erwachsene ist zumindest von leichten Krampfadern (Varizen) betroffen, zunehmend auch Männer. Bei der stark genetisch bedingten Krankheit kann das Blut von den Beinen nicht mehr ausreichend zum Herzen zurückgepumpt werden, es bilden sich Knoten und geschlängelte Venen. „In den Anfängen sind diese sogenannten Varizen eher ein optisches Problem. Doch wenn es zunehmend zu Schwellungen kommt, müssen sie behandelt werden“, erklärt Katzenschlager. „Untersucht werden Krampfadern vor allem mittels Ultraschall und Duplexsonografie“, so der Mediziner. Wenn nötig, werden die Varizen operativ verödet oder entfernt. Konservativ gibt es außer dem Tragen von Stützstrümpfen kaum Therapieansätze. Wichtig bei Venenproblemen ist regelmäßige Bewegung wie Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen.

Hämorrhoiden

Besonders unangenehm, so wissen die Experten, sind vergrößerte Gefäße am After, die sogenannten Hämorrhoiden, von denen statistisch gesehen 70 Prozent der über 30-jährigen Männer betroffen sind. Diese krampfadernähnlichen Schwellungen der Gefäßpolster zwischen Enddarm und Schließmuskel können sich auch unangenehm entzünden.
Sie werden in vier Schweregrade eingeteilt, wobei die Knoten im schwersten Fall dauerhaft aus dem After herausragen. Blut im Stuhl gilt als Frühwarnzeichen, Darmspiegelungungen sichern die Diagnose ab. In leichten Fällen hilft therapeutisch eine medikamentöse Behandlung, bei schwereren werden die betroffenen Gefäße in der Regel verödet, mit Gummibändern abgebunden oder operativ entfernt.

Aneurysmen

Auch wenn sie nicht allzu häufig sind, zählen Aneurysmen bei den über 60-jährigen Männern zu den gefährlichsten Gefäßerkrankungen. „Es sind Erweiterungen von Arterien, häufig der Bauchaorta, die ab einer bestimmten Größe platzen können, wodurch die Gefahr des Verblutens besteht“, erklärt Katzenschlager.
Aufgespürt werden sie mittels Bauchultraschall, dies allerdings meist zufällig aufgrund von unspezifischen Bauchschmerzen. Katzenschlager: „Ab der Größe von 5,5 Zentimetern wird operiert und entweder eine Kunststoffprothese ins Aneurysma eingenäht oder ein Stentgraft eingeführt.“ Letzteres ist ein mit Kunststoff überzogenes Metallgitter, das über die Schlagader gezogen wird, um das Aneurysma auszuschalten.

Schaufensterkrankheit

„Die Betroffenen der peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) haben dabei Schmerzen während des Gehens, die beim Stehenbleiben zu­rückgehen. Deshalb stoppen sie oft wie Einkaufende vor der Warenauslage, daraus resultiert der Spitzname Schaufensterkrankheit“, weiß Katzenschlager, Spezialist für diese Erkrankung. „Diagnostiziert wird sie per ABI-Messung, wobei der Blutdruck im Arm mit jenem im Bereich des Fußknöchels verglichen wird, danach erfolgt eine Bildgebung durch eine Duplexsonografie oder Angiografie.“
Die Therapie besteht je nach Schwere der Krankheit aus blutverdünnenden Medikamenten, einer Arteriendehnung mittels einem ballonartigen Katheter (PTA), einem Stent – ein „Röhrchen“ zur Offenhaltung des Gefäßes – oder aus Bypässen, also Blutumleitungen über andere Arterien.

Koronare Herzkrankheit

Besonders bedrohlich sind Gefäßprobleme in Herznähe. Nicht von ungefähr ist die Verkalkung der Herzkranzgefäße, genannt „Koronare Herzkrankheit“, eine der häufigsten Todesursachen.
Durch verstopfte Blutwege gelangt nicht mehr genügend Sauerstoff ins Herz, ein Herzinfarkt droht. „Typisch dafür sind Brustschmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen“, so Katzenschlager. Bei der ärztlichen Untersuchung macht ein Herzkatheter die Gefäßstruktur am Monitor sichtbar.
Sind von den drei „Ästen“ der Herzkranzgefäße einer oder zwei befallen, wird mittels Ballonkatheter oder mit einem Stent therapiert, bei einem Befall aller drei Äste meistens per Bypass.

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Stand 10/2020

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