Unser körpereigener Waschsalon

November 2020 | Medizin & Trends

Was an die Nieren gehen kann.
 
– Von Mag. Andrea Krieger

Dass der Mensch so viel Zeit im Leben mit Urinieren verbringt, mag man schon ein bisschen unpraktisch finden. Allerdings verhindert das viele Pinkeln eine Blutvergiftung. Denn ob Essen, Getränke oder Medikamente: Früher oder später haben die Nieren damit zu tun. Was in die fünf bis sechs Liter Blut des Körpers übergeht, durchfließt auch die Nieren – und zwar gleich 300-mal täglich.

Die beiden Nieren – sie liegen unter den Rippenbögen seitlich des Rückgrats – filtern akribisch. Abfälle werden ebenso eliminiert wie Schadstoffe, etwa aus Medikamenten. Dabei entstehen Unmengen Primärharn, der dann noch hundertfach konzentriert werden muss. Sonst ginge sich neben dem Urinieren keine andere Tätigkeit mehr aus.

Tausendsassa Niere

Über die Harnblase sollten dann täglich mindestens drei viertel Liter Harn in der Toilette landen. „Ich finde die Niere interessant, weil sie nicht eine, sondern gleich eine Vielzahl an Funk­tionen hat“, sagt Priv. Doz. Dr. Martin Marszalek, stellvertretender Leiter der Abteilung für Urologie und Andrologie am Wiener Donauspital. „So geht es neben der Produktion von Harn um die Rückgewinnung von Wasser und Elektrolyten wie Kalium, Natrium, Kalzium und Magnesium sowie um die Regulation des Blutdrucks und die Blutbildung.“

Angesichts so vieler Aufgaben haben Urologen genauso mit der Niere zu tun wie Nephrologen. Urologen sind chirurgisch tätig, operieren Nierensteine und -tumoren und konzentrieren sich ansonsten auf die Ausscheidungsfunktion bzw. die von der Niere ausgehenden ableitenden Harnwege: Harnleiter, Harnröhre, Harnblase und Prostata. Nephrologen sind Internisten mit dem Zusatzfach Niere. Sie behandeln viele schwerere und chronische Fälle – bis hin zum kompletten Funktionsverlust der Niere. Solchen Patienten hilft nur mehr eine Blutwäsche (Dialyse) oder Nierentransplantation.

Nierenspender zeigen, dass man sogar mit einer Hälfte des paarigen Organs gut leben kann. Altbundeskanzler Franz Vranitzky etwa spendete seiner Frau eine Niere, der verstorbene Niki Lauda wiederum profitierte von einer Niere seines Bruders und später von einer seiner Frau.

Urin-Schau

Woran merkt man also, wenn die Niere nicht so funktioniert, wie sie sollte? „Wird die Urinmenge bei gleichen Ess- und Trinkgewohnheiten zum Beispiel immer geringer und verdunkelt sich die Harnfarbe, kann das an der Niere liegen“, sagt Urologe Marszalek. Bluthochdruck oder Ödeme kommen öfter vom Herzen, manchmal aber auch von der Niere.

Schmerzsignale sind oft nicht eindeutig. „Etwaige dumpfe Flankenschmerzen können ein Warnzeichen sein, werden aber oft mit Rückenschmerzen verwechselt.“ Blut im Harn wiederum ist mit freiem Auge erst in höherer Konzentration sichtbar. Dabei deutet die Kombination aus Flankenschmerzen und bluthältigem Harn unter Umständen darauf hin, dass sich Nierensteine gebildet haben, die früher oder später den Durchfluss in die Blase erschweren oder blockieren können. Dann droht eine Nierenkolik – ein wellenartiger Schmerz, der wegen seiner Intensität wohl unvergesslich bleibt.

Viel trinken

Die Niere kann ihren Job in Sachen Ausscheidung nur bei ausreichender Wasserversorgung reibungslos erledigen. „Mindestens 1,5 bis zwei Liter Wasser sollten es sein – bei normaler Be­tätigung und Außentemperatur. Wer in der Som­merhitze am Bau arbeitet, braucht dementsprechend mehr. Unterm Strich sollte aus der Trinkmenge jedenfalls mindestens ein drei viertel Liter Harn täglich resultieren“, sagt Marszalek, der sich zum Interview ein großes Glas Wasser bereitgestellt hat. Er weiß, dass es viele seiner Patienten nur auf einen halben Liter Wasser täglich bringen.

Abgesehen davon, dass die Niere das sensible Gleichgewicht des Säure-Basen-Haushalts im Körper nur mit genügend Flüssigkeit gut regulieren kann, bilden sich bei Wassermangel öfter Nierensteine. Etwa fünf Prozent aller Erwachsenen erhalten diese Diagnose vom Urologen. Meist handelt es sich um Kristalle aus Kalzium, die die Niere bei Wassermangel nicht auflösen kann. Menschen mit größeren Harnsteinen müs­sen auf den Operationstisch: „Je nach Grö­ße werden die Steine über die Harnröhre abgesaugt oder die Niere wird punktiert und der Stein wird zerkleinert und abgesaugt. Kleine Nierensteine können wir in den meistens Fällen von außen mittels Stoßwellen zertrümmern“, so Marszalek.

Lässt man die Sache anstehen, kann sich eine ­etwaige bakterielle Blasenentzündung einer Nierenbecken- und Nierenentzündung entwickeln, weil die Bakterien nicht so leicht mit dem Harn ausgeschwemmt werden können wie normalerweise. Zu den Symptomen der Blasenentzündung gesellen sich dann Fieber, plötzlich einsetzender Schüttelfrost, Übelkeit und Erbrechen hinzu. Und: Charakteristischerweise löst schon ein leichter Druck in die Flanken ein starkes Schmerzempfinden aus.

Auf Herz und Nieren geprüft

Eine Nierenschwäche merkt man anfangs selten. Univ. Prof. Dr. Bruno Watschinger von der Wiener Privatklinik Döbling geht davon aus, dass einer von zehn Österreichern mit einer eingeschränkten Nierenfunktion lebt. Dabei können sich Nierenerkrankungen und Bluthochdruck gegenseitig bedingen. Einerseits setzt eine Arterienverkalkung natürlich auch den Nierengefäßen zu. Andererseits entsteht etwa durch eine verengte Nierenarterie Bluthochdruck. Außerdem kann der Blutdruck steigen, wenn die hormonproduzierenden Nebennieren beeinträchtigt sind.

Zusammen verursachen Bluthochdruck und/ oder Diabetes jedenfalls mehr als die Hälfte aller Blutwäschen und Transplantationen. „Insgesamt ist deren Zahl stark steigend“, sagt Nephrologe Watschinger. Überhöhter Blutzucker ist im zweifachen Sinn ein Problem für die Niere. „Erstens leidet die Blutversorgung der Niere durch die zuckerbedingte Verkalkung der Nierengefäße. Zweitens wird jener Teil der Niere geschädigt, der aus dem Blut die entscheidenden Stoffe herausfiltert“, so Urologe Marszalek.

Lichtblick bei Nierentumoren

Männer im Allgemeinen und speziell Raucher ereilt häufiger als andere ein bösartiger Nierentumor. Mögliche Warnsignale können dumpfe Schmerzen im seitlichen Rückenbereich und Blut im Harn sein. Mit drei Prozent aller Krebserkrankungen tritt das Nierenzellkarzinom selten auf, bis 2005 waren die Prognosen allerdings sehr schlecht. „Konventionelle Chemotherapien haben nie wirklich angesprochen. Die meisten Patienten sind schnell daran gestorben“, sagt der Urologe, der zum Nierenzellkarzinom forscht und am Wiener Donauspital mit ebenso vielen Krebs- wie Nierenstein-Patienten konfrontiert ist.

Heute führen vor allem Zufallsdiagnosen im Rahmen der Gesundenuntersuchung zu einer früheren Diagnose. Die moderne Immuntherapie wiederum hat die Behandlung revolutioniert. „Einfach erklärt, versteckt sich der Tumor vor dem Immunsystem. Die moderne Immuntherapie macht den Tumor sichtbar, wirft das körpereigene Immunsystem an und ermöglicht, gegen den Tumor vorzugehen.“

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Dialyse auch im Urlaub

Dialysepatienten müssen auch während eines Kur- bzw. Rehaaufenthaltes oder auch während eines Urlaubes regelmäßig ihre lebensnotwendige Blutwäsche durchführen. In Kurzentren wie z.B. dem Kurzentrum Bad Hofgastein in Salzburg ist das bequem und auf höchstem Niveau möglich, da es über sieben Geräte für Hämodialyse verfügt. Patienten werden individuell betreut und der Kontakt zum medizinischen Fachpersonal und den zuständigen Ärzten ist auf der Station besonders einfach.

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Probleme mit der Blase

Der Harnwegsinfekt ist die häufigste Erkrankung des weiblichen Urogenitalsystems. Ursache sind meist Darmkeime, die in die Harnröhre gelangen und eine Infektion auslösen. Frauen neigen eher dazu, weil ihre Harnröhre viermal kürzer ist. Oft kommt die Blasenentzündung nach dem Sex, mit dem Alter nimmt die Empfindlichkeit der Blasenschleimhaut hormonell bedingt zu.

Die gängige Behandlung ist die mit Antibiotika. Neuere Studien belegen allerdings auch eine gute Wirkung eines Schmerz-und Entzündungsmittels als Behandlungsalternative. Jedenfalls gehören die Beschwerden immer vom Arzt abgeklärt. „Schließlich können ähnliche Symptome wie bei Harnwegsinfekten auch bei Blasentumoren auftreten. Und tatsächlich sehen wir bei Frauen derzeit eine erhöhte Sterblichkeit an Blasentumoren“, warnt der Urologe Marszalek.  

Wenn was danebengeht

An unkontrolliertem Harnverlust leidet laut Medizinische Kontinenzgesellschaft (MKÖ) über eine Million Österreicher. Der MKÖ-Vizepräsident und Urologe Michael Rutkowski unterscheidet drei Formen.
„Am häufigsten tritt die Dranginkontinenz auf, die mit einem starken Harndrang und oft auch einer überaktiven Blase einhergeht. Die zweite Hauptform ist die Belastungsinkontinenz bei körperlicher Betätigung, wobei oft schon ein Heben, Husten, Lachen oder Niesen reicht. Ein Drittel leidet unter der Mischinkontinenz, einer Kombination aus beiden Formen.“
 
Gegen die Belastungsinkontinenz durch Geburten und Übergewicht oder auch eine Prostata-Operation hilft Beckenbodentraining. Letzte Möglichkeit ist bei Frauen eine operativ angebrachte Schlinge am Ende der Harnröhre, die diese stabilisiert. Bei der Dranginkontinenz ist das Problem meist eine überaktive Blasenwand-Muskulatur, die sich schon beim geringsten Füllstand zusammenzieht. Hier nützt neben Medikamenten auch Verhaltenstraining. Rutkowski: „Je nach Blasengröße müssen die einen spüren lernen, dass sie rechtzeitig auf die Toilette gehen. Die anderen wiederum trainieren, den Drang hintanzuhalten.“

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Stand 11/20

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