Warum Verzicht so guttut

Februar 2020 | Medizin & Trends

Wer auf Nahrung verzichtet, hat plötzlich etwas, das vielen fehlt: Zeit. Zum Ausruhen und Krafttanken, vielleicht auch zum Nachdenken. Fasten ist demnach wie Urlaub für den Körper.
 
– Von Mag. Sylvia Neubauer

Die überraschendste Erfahrung für mich war, dass ich durch das Fas­ten körperlich zunehmend leis-tungsfähiger geworden bin“, beschreibt Dr. Heinz Bixa eine seiner bedeutenden Erkenntnisse, die er durch den Nahrungsverzicht gewonnen hat: „Die­se Erfahrung, dass man keineswegs von Hunger geplagt wird – im Gegenteil – sich täglich besser fühlt. Eine andere wichtige Erfahrung war der sogenannte ,Tag der Stille‘, wo ich einen ganzen Tag alleine durch den Wald gewandert bin. Hier habe ich gelernt, mir wieder selber zu begegnen.“
Bixa ist Allgemeinmediziner, Psychotherapeut und Fastenarzt. Er begleitet auch andere Menschen auf ihrem Weg in ein „befreiteres“ Leben. Welche Wirkung hat Fasten tat­sächlich auf die Gesundheit und worauf gilt es dabei zu achten?

Essenspausen zur Entlastung

„Es lassen sich eine Vielzahl positiver Langzeitwirkungen durch regelmäßiges Fasten belegen“, sagt Bixa, der auch Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Gesundheitsförderung ist, und nennt eine davon: „Wir wissen heute beispielsweise, dass es beim Fasten zu einer Art ,Müllrecycling der Körperzellen‘ kommt.“ Auf dem Chefsessel dieser Recyclinganlange thront ein innerer Arzt. Rund um die Uhr wacht er über den zellulären Stoffwechsel und sorgt dafür, dass unerwünschte Eindringlinge wie Viren, Bakterien oder andere Mikroorganismen in der Zelle bekämpft und kurzerhand verspeist werden.

Ähnliches passiert mit geschädigten oder funktionslos gewordenen Proteinen, die auf diesem Wege ebenfalls aus dem Verkehr gezogen werden. „Beschädigte Zellbestandteile wie zum Beispiel Mitochondrien werden von einer Membran umgeben, die diese Zellbruchstücke abbaut und verdaut. Enzyme zerlegen die Zellteile in kleine chemische Bausteine, die nun für die Produktion neuer Zellbestandteile der Zelle zur Verfügung stehen“, erklärt der Allgemeinmediziner den Mechanismus im Detail. Einerseits wird so also verhindert, dass sich im Körper Berge von Müll ansammeln, andererseits werden Erneuerungsarbeiten in Gang gesetzt.

Pararadoxerweise funktioniert dieser Prozess, der übersetzt so viel wie „Selbstfressen“ heißt, umso effektiver, je weniger Futternachschub von außen kommt. Denn recycelt wird vor allem dann, wenn der Körper kein Insulin ausschüttet – sprich während einer längeren Nahrungskarenz. Hingegen kommt der Körper nie in den Genuss dieses so wichtigen Reinigungsprozesses, wenn sich jemand rund um die Uhr durch sämtliche Snack-Angebote mampft. Eine Weile nichts zu essen, kann dem Abhilfe schaffen.

Entlastungs- und Aufbautage ­erfreuen den Stoffwechsel

Im Grunde genommen ist der menschliche Organismus auf solche Essenspausen programmiert – war er doch in seiner Entwicklungs­geschichte sehr oft unfreiwilligen Nahrungspausen ausgesetzt. Ihm ist die Fähigkeit eigen, ­Energie zu speichern. In Hungerzeiten kann der Körper von seinen Depots zehren, die ihm zu einem geringen Anteil aus Kohlenhydraten, überwiegend jedoch in Form von Fettreserven zur Verfügung stehen. „Beim Fasten wird zuerst der wichtigste Energiespeicher – der Glykogenspeicher in der Leber – zu Glukose, sprich zu Zucker abgebaut. Dann wird Eiweiß in seine kleinsten Bausteine – in Aminosäuren – abgebaut und ebenfalls zu Glukose umgewandelt. Nach einigen Wochen reduziert sich der Eiweißabbau zugunsten des Fettabbaus und aus dem Fett werden dem Körper vor allem sogenannte Keton­körper zur Verfügung gestellt“, beschreibt Bixa die veränderten Stoffwechselprozesse im Detail.

Vereinfacht formuliert schaltet der Organismus beim Fasten von einer Ernährung „von außen“ auf eine Ernährung „von innen“ um. Damit es im Zuge dieser Anpassung nicht im Getriebe knirscht, sollte man dem Stoffwechsel ausreichend Zeit einräumen und das Fasten nicht von null auf 100 starten. Ein bis zwei Entlastungs-tage, an denen ausschließlich leicht verdauliche Kost wie pürierte Suppen, gedünstetes Gemüse, Reis- und Kartoffelgerichte auf dem Speiseplan stehen, bringen die Verdauungsorgane behutsam in „Fastenlaune“.

Auftakt des Fastens bildet eine gründliche Darmreinigung, welche nicht nur die Ausscheidung von Giftstoffen fördert, sondern auch unangenehme Begleiterscheinungen beim Fasten mindert und das allgemeine Wohlbefinden fördert.

Auch nach dem Fasten ist eine zu rasche Rückkehr zur gewohnten Ernährung unbedingt zu vermeiden. Ein Apfel – entweder ganz oder gerieben verzehrt – gilt als klassischer „Fastenbrecher“. Ebenso wie schonend zubereitete Suppen gewöhnt er den Körper allmählich wieder an „mehr Biss“.

 

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Ein Überblick über häufige Fastenmethoden:

BUCHINGER-FASTEN

Das Heilfasten nach Buchinger beschreibt ­eine reine Trinkkur. Neben Mineralwasser dürfen verdünnte Obst- und Gemüsesäfte, ungesüßte Tees und mittags ein Teller Ge­müsesuppe zugeführt werden. Um die Speichelbildung anzuregen und die Verdauungsdrüsen zu aktivieren, werden die Saftportionen idealerweise mit einem Löffel verzehrt und ähnlich wie gewohnte Speisen „gekaut“ – das Getränk wird so zur eigentlichen Mahlzeit. Neben den Fettreserven greift der Körper beim Buchinger-Fasten aber auch das Mus­keleiweiß an, weshalb die Fastenmethode bestenfalls in Begleitung ausgebildeter ­Fastentrainer durchgeführt werden sollte. „Kranken Menschen, die zu Heilzwe­cken fas­ten, stehen verschiedene Einrichtungen unter ärztlicher Führung zur Verfügung“, rät Fastenarzt Bixa beispielsweise Menschen mit Gelenksproblemen, sich an entsprechende Zentren zu wenden.

F.X.MAYR-KUR

Über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen nimmt der Fastende eine spezielle Heilkost aus drei Semmeln und einem viertel- bis halben Liter Milch zu sich, die in kleinen Bissen verzehrt und gründlich gekaut wird. In Wasser aufgelöstes Basenpulver soll Säureüberschüsse ausgleichen, Heilpflanzensäfte aus Blättern, Blüten, Wurzeln oder Früchten sollen die Entgiftung unterstützen. Die lange Fastendauer fördert den Fettabbau, geht jedoch auch mit einem Verlust an Muskeln einher und erfordert viel Disziplin.
Übrigens: „Die ursprüngliche F.X. Mayr-Kur wird heute, nach neuen ernährungsmedizinischen Erkenntnissen, modifiziert nach Dr. Erich Rauch angeboten“, weiß Bixa.

BASENFASTEN

Ist eine sanfte Form des Fastens, deren Ziel es ist, die Ernährungsweise langfristig zu verändern. Anders als beim traditionellen Fasten darf gegessen werden – allerdings ausschließlich rein basische Mahlzeiten, bestehend aus Gemüse, Kartoffeln, Salaten, Obst, Kräutern, und Sprossen. Tabu sind tierische Lebensmittel sowie Koffein und Alkohol.

INTERVALLFASTEN

Bedeutet Fasten in periodischen Abständen: Konkret folgen auf Zeitabschnitte ohne Nahrungsaufnahme Phasen mit normaler Er­nährung. Es gibt verschiedene Formen des Intervallfastens, die sich hinsichtlich Dauer und Häufigkeit des Nahrungsverzichtes unterscheiden. Während das Weekly-Konzept eine 24-stündige Fastenperiode einmal pro Woche vorsieht, fastet man beim Leangains-Konzept – auch Intervallfasten genannt – 16 Stunden pro Tag. An den restlichen acht Stunden darf Nahrung aufgenommen werden. Studien zeigen, dass periodisch fastende Menschen ein geringeres Risiko für Typ 2 Diabetes, Herzinfarkt und Schlaganfall aufweisen.

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Fasten-Beschwerden: Erste-Hilfe-Tipps

Trotz seiner Heilwirkung ist Fasten nicht für alle Menschen geeignet …

So sollten Patienten mit Nieren- oder Herzinsuffizienz ebenso darauf verzichten wie Personen über 65 Jahren mit Vorerkrankungen sowie Frauen in der Schwangerschaft und Stillzeit. Auch schwerwiegende psychische Erkrankungen und seelische Labilität sind Gründe, um dem Fasten besser zu entsagen.
Beim Fasten verhält es sich ähnlich wie bei einer langen Bergtour. Gute Vorbereitung ist das Um und Auf. Was kann man tun, wenn beim Fasten Hürden in Form von „Fastenkrisen“ auftreten?

Müdigkeit und Kreislaufprobleme
    
Warum?
„Beim Fasten werden Stoffwechselendprodukte mobilisiert, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben und über verschiedenste Wege – so ­etwa über Haut, Lunge, Darm, ­Leber, Nieren – abtransportiert werden. Bildhaft gesprochen wird ,der Müll aus den Ecken geholt‘“, ­erklärt Dr. Eduard Pesina, Facharzt für Chirurgie und Fastenarzt: „Und das spürt der Körper und reagiert darauf.“     

Was tun?
Drei Regeln, die viele Fastenkrisen lindern, lauten: ausreichend Flüssigkeit zuführen, die Ausscheidungen des Körpers fördern und Bewegung machen. „Ein Einlauf setzt die Darmperistaltik in Gang und reinigt den Dickdarm“, nennt der Präsident der Gesellschaft für Gesundheitsförderung eine bei vielen so gefürchtete, jedoch ganz harmlose Methode, um den Darminhalt auf schonende Weise abzutransportieren. Alternativ kann auch Bittersalz in Wasser aufgelöst und getrunken werden. Um den Kreislauf in Schwung zu bringen, sollten „Aktivitäten, idealerweise in der freien Natur, gesetzt werden“, ermutigt der Arzt zu sportlicher Betätigung.

Kopfschmerzen und Unwohlsein
    
Warum?

Die Ursachen dafür können vielfältig sein. Der Verzicht auf Koffein, beispielsweise in Form des gewohnten Kaffees, kann das Hämmern im Kopf ebenso begünstigen wie Flüssigkeitsmangel. Eine weitere mögliche Ursache liegt im veränderten Stoffwechsel. Steht dem Körper kein Zucker als Energiequelle zur Verfügung, muss er sogenannte Ketonkörper herstellen.
    
Was tun?
Das oberste Gebot, um der Kopfschmerzen Herr zu werden, heißt auch hier: „Viel trinken!“. Zusätzlich kann man „Pfefferminzöl auf die Schläfen auftragen“, empfiehlt Pesina. Das Öl wirkt durchblutungsfördernd und schmerzlindernd – vorausgesetzt es handelt sich dabei um eine speziell aufbereitete, medizinische zehnprozentige Pfefferminzlösung und nicht um reines Menthol, das zu Hautreizungen führen kann.

Magenbeschwerden und Sodbrennen
    
Warum?

Empfindlichen Mägen kann die Nahrungskarenz dennoch sauer aufstoßen – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
    
Was tun?
„Bei Magenbeschwerden kann man ein bis zwei Teelöffel Heilerde in ein Glas Wasser geben und schluckweise trinken“, nennt Pesina ein klassisches Heilmittel.

Frösteln und Frieren
    
Warum?

Um kostbare Reserven zu schützen, schaltet der Körper beim Fasten auf Sparflamme. Das betrifft auch die Wärmeproduktion.
    
Was tun?
Bei Fröstelgefühlen wärmt ein ansteigendes Fußbad und erleichtert zugleich das Einschlafen. „Dazu einen Behälter knöchelhoch mit lauwarmem Wasser befüllen, die Füße hineinstellen und akklimatisieren lassen. Sobald man sich an die Temperatur gewöhnt hat, kann neuerlich heißes Wasser hinzugefügt werden“, erklärt der Fastenarzt die Anwendung, die insgesamt zirka 15 bis 20 Minuten in Anspruch nehmen kann. Auch gut: „Wenn man daran gewöhnt ist, kann man in die Sauna gehen.“

Stand 02/2020

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