Leichter lernen

September 2021 | Medizin & Trends

Wie man sich Wissen und Fertigkeiten effektiv aneignet.
 
– Von Mag. Wolfgang Bauer

Wer Neues lernt, entwickelt sich weiter, stärkt seine Persönlichkeit, fördert die Gesundheit des Gehirns – um nur einige positive Effekte zu nennen. „Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, so treibt man zurück.“ Dieser Spruch des chinesischen Philosophen Laotse wird mehr als 2500 Jahre nach dessen Wirken von der modernen Lernforschung zunehmend bestätigt. Vor allem das Aneignen von Fähigkeiten und Fertigkeiten – was die Wissenschaft als implizites Lernen bezeichnet – führt zu neuen Verhaltensweisen und bildet somit eine wesentliche Basis für menschliche Entwicklung. Auf implizite Art und Weise lernt man beispielsweise motorische Fähigkeiten wie Radfahren. Es handelt sich um Lernen in einer Situation, durch Ausprobieren und Wiederholen einer Tätigkeit. Solche Lernvorgänge weisen häufig eine spielerische Komponente auf, trotzdem sind sie mit einer Portion Aufwand und Mühe verbunden.

Eine Mühe, die sich lohnt. „Durch Lernen wachsen wir, verändern wir uns“, so die Medizinerin, Kognitionswissenschaftlerin und Autorin von Lernratgebern Dr. Katharina Turecek aus Wien. Von dieser Art des Lernens wird das sogenannte explizite Lernen unterschieden. Dabei handelt es sich vornehmlich um das Aneignen von Daten und Fakten, etwa um das Einprägen von Vokabeln oder Jahreszahlen, um zum Beispiel im schulischen Alltag die richtigen Antworten geben und Prüfungen bestehen zu können.

In der Jugend lernt, im Alter versteht man

Das Lernen von Daten und Fakten beherrschen Kinder und Jugendliche besonders gut, sagt Katharina Turecek. Aber: „Wenn jemand ein paar Jahreszahlen oder Vokabeln richtig nennen kann, heißt das noch lange nicht, dass die Inhalte auch verstanden wurden.“ Das Verstehen bzw. Einordnen in größere Zusammenhänge stellt eine Domäne von Erwachsenen bzw. älteren Personen dar. Sie können auf einem über Jahre gewachsenen Erfahrungsschatz aufbauen. Dies ist möglich, weil das Gedächtnis vernetzt arbeitet.

Es handelt sich um ein Netzwerk, das offen und erweiterbar ist und so gut wie keine Grenzen kennt. Im Gegensatz zu einer Festplatte. „Eine Festplatte ist irgendwann einmal voll. Mit dem Gehirn verhält es sich aber so: Je mehr drinnen ist, desto mehr passt rein!“, so die Kognitionswissenschaftlerin. Je mehr Anknüpfungspunkte aus bisher Gelerntem also vorhanden sind, desto mehr neue Inhalte können in das Netzwerk eingebaut werden, desto größer wird der Erfahrungsschatz, auf dem man weiter aufbauen kann. Die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) hat es so formuliert: In der Jugend lernt, im Alter versteht man.

Besser konzentrieren

Doch Lernen und Konzentrationsfähigkeit sind keine Selbstläufer, die Zunahme an Lebens­jahren mit den dazugehörigen Erfahrungen ist nicht automatisch ein Garant für einen effektiven Ausbau des Netzwerks im Gehirn. Vielmehr empfiehlt Katharina Turecek durch gezielte Maßnahmen nachzuhelfen, um Konzentration und Lernvorgang zu optimieren, um die Motivation für das Lernen aufrechtzuerhalten und den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten bestmöglich zu fördern. Dazu gehört, die Lernvorgänge zu organisieren, zu strukturieren, indem man für sich klärt:

  • Was will ich lernen?
    Welche Themen nehme ich mir vor?
  • Woher bekomme ich wichtige Informationen?
    Was sind gute Quellen?
  • Welchen Zeitrahmen setze ich mir?
    Was möchte ich zum Beispiel bis zum Ende dieses Jahres wissen bzw. können?
  • Wann lerne ich?
    Bin ich ein Morgenmensch oder fällt es mir am Abend leichter?
  • Lerne ich alleine, mit dem Partner, im Team?

Letzteres ist nach Ansicht der Expertin eher eine Typfrage. „Einzelkämpfer können sich die Lernzeiten besser, weil unabhängig von anderen, einteilen. Aber auch sie profitieren zumeist davon, wenn sie andere einbinden und ihnen das Gelernte erzählen können“, so Turecek. Sie hält es darüber hinaus für hilfreich, das Lernen, vor allem den Start einer Lerneinheit, mit einem Ritual zu verbinden, was die Lernbereitschaft fördert. Man räumt den Tisch ab, stellt die Unterlagen bereit, macht eine Dehnübung und legt los – um nur ein Beispiel zu nennen.

So geht’s leichter

Viele machen den Fehler, dass sie sich Inhalte einprägen und Details merken wollen, ohne sie richtig verstanden zu haben, so Katharina Turecek. Darum hält sie es für wichtig, es umgekehrt anzugehen, also die Lerninhalte nach und nach so zu erarbeiten, dass man sie versteht und mit anderen Inhalten verbindet und vernetzt. So kann man etwa auswendig lernen, dass Karl der Große von 748 bis 814 gelebt hat und im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt wurde.

Während man sich das Jahr der Krönung leicht merken kann, ist dies beim Geburts- und Todesjahr nicht so einfach. Es gelingt wahrscheinlich besser, wenn man über die Epoche des frühen Mittelalters eine gewisse Kenntnis besitzt, wenn man zum Beispiel weiß, welche Kriege dieser Herrscher wann und gegen wen geführt hat, wann sich sein Reich über ganz Westeuropa erstreckt hat usw. Und vielleicht hat man auch den Dom von Aachen schon einmal besucht, den Kaiser Karl erbauen ließ. In dieses bereits vorhandene Wissen bzw. den Erfahrungsschatz ordnen sich die genannten Jahreszahlen dann schon leichter ein.

Ebenfalls hilfreich ist es, Lernunterlagen zu bearbeiten oder vielmehr: kreativ nutzbar zu machen. Also zum Beispiel in Skripten oder in Büchern herumzustreichen, Textpassagen zu markieren, Anmerkungen zu machen oder Zettel einzulegen. „Es macht Sinn, wenn man beim Lesen immer einen Bleistift zur Hand hat, um entsprechende Notizen machen zu können. Das macht das Lesen übrigens auch kurzweiliger“, so Turecek.

Bewegung bietet ebenfalls lernfördernde Effekte. Moderate Bewegung wie Spaziergänge bieten Gelegenheit, Gelerntes zu wiederholen. Gehen fördert die Aufmerksamkeit, Kreativität und die Bereitschaft für die nächsten Lernschritte. Pausen bzw. Trainingspausen – wie sie beim sportlichen Training üblich sind, damit die Leistungskurve steigt – braucht das Gehirn nicht, um im Lernen besser zu werden.

Die Merkfähigkeit unterstützen

Wie merkt man sich Gelerntes leichter? – Indem man zum Beispiel Nonsens-Wörter bildet, so Turecek. Ein Beispiel: Wer sich merken möchte, in welcher zeitlichen Reihenfolge die antiken Philosophen Sokrates, Platon und Aristoteles gelebt haben, reiht ganz einfach deren Anfangsbuchstaben aneinander. Das ergibt: SPA. Dieses Wort könne man sich relativ leicht einprägen, so Turecek.

Ein anderes Beispiel: Einer von Tureceks Klienten musste aus beruflichen Gründen zwei verschiedene Sprachen lernen – Spanisch und Französisch. Weil bei diesem Vorhaben die Gefahr des Verwechselns groß ist, empfahl sie ihm, Spanisch zu Hause und Französisch in der Bib­liothek zu lernen. Die räumliche Trennung ist in diesem Fall hilfreich, um auch Grammatik und Vokabular der beiden Sprachen auseinanderhalten zu können. Loci-Methode nennt man diese Assoziationstechnik, die Inhalte mit Räumen verknüpft (nach lateinisch locus = Ort, Platz). Sie hilft auch, wenn der Mann in der U-Bahn eine französische Zeitung lesen sollte. Er muss sich dann nur vorstellen, er wäre jetzt in der Bibliothek.

Effektiv erinnern

Räume, Orte und Plätze kann man auch als Strategie gegen das Vergessen nutzen. So kann man die Geldbörse, die beim Verlassen des Hauses unbedingt mitmuss, an eine Stelle legen, an der sie nicht zu übersehen ist. Wo vielleicht auch andere wichtige Dinge zum Mitnehmen hinterlegt sind. An solchen Stellen sind auch die Medikamente gut aufgehoben, die man an diesem Tag unbedingt einnehmen muss.
Hat man vor dem Einschlafen eine wichtige Idee, die man sich unbedingt merken möchte, kann man ein Buch vom Nachtkästchen nehmen und es vor das Bett legen. Beim Aufstehen am nächsten Morgen erinnert das Buch am Boden an diese Idee. „Solche Verortungen sind zumeist hilfreicher, als Notizen zu machen“, sagt Turecek. Effektives Lernen ist also nicht schwer, wohl aber will es gelernt sein.

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Gesunde Rahmenbedingungen fürs Lernen

  • Moderate Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns, dadurch steigt die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die Kreativität.
  • Studien belegen, dass permanent erhöhter Blutdruck in mittleren Lebensjahren das Risiko erhöht, später an einer Demenz zu erkranken. Daher gilt ein gut eingestellter Blutdruck als wichtige präventive Maßnahme für die Gesundheit des Gehirns.
  • Ausreichende Flüssigkeitszufuhr fördert die Leistungsfähigkeit des Gehirns, allerdings sollte man mit der Zufuhr von Alkohol zurückhaltend sein. Extrakte aus Ginkgoblättern fördern die Durchblutung des Gehirns. Lecithin stärkt die Gehirnzellen.
  • Eine gute Schlafhygiene dient der Erholung des Organismus, sie trägt außerdem dazu bei, dass man sich Gelerntes besser merkt. Vor allem ein Schläfchen nach einer Lerneinheit kann diesbezüglich wertvoll sein.

Katharina Turecek empfiehlt, möglichst viele dieser Lebensstil-Maßnahmen zu berücksichtigen. „Ein einziger Spaziergang oder die gelegentliche Einnahme eines Wirkstoffs wird das große Ganze nicht ersetzen können.“ Vielmehr betrachtet sie die geistige Gesundheit wie das Spiel eines Orchesters: Wenn ein Orchester gut spielt, dann macht es nicht viel aus, wenn einmal ein Musiker den Ton nicht richtig trifft. Aber: „Wenn umgekehrt das gesamte Orchester schlecht spielt, dann bringt ein einziger guter Musiker nicht viel.“

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Mentale Stärke erlangen

Für das Lernen ist das Gehirn zuständig. Wir können es bewusst trainieren, wandeln und formen, so der Neurobiologe und Autor Dr. Marcus Täuber. In seinem neuen Buch „Falsch gedacht!“ zeigt er auf, wie uns Gedanken in die Irre führen und wie wir sie bewusst wahrnehmen.

MEDIZIN populär
Können wir das Gehirn auch mit zunehmendem Alter noch trimmen?

Dr. Marcus Täuber
Das Gehirn arbeitet mit dem Alter tatsächlich langsamer. Wir brauchen mehr Zeit, um Neues zu lernen. Allerdings lässt sich dieses dann besser mit bereits bestehenden Inhalten verknüpfen. Wir lernen also nicht schlechter, sondern anders. Es ist aber wichtig, das Gehirn fit zu halten. Auch für den Geist gilt: Wer rastet, der rostet.

Wie gelingt es, verschiedene Denkmuster, Annahmen oder auch Vorurteile zu verändern?
Der erste Schritt ist, diese Gedanken überhaupt wahrzunehmen. Dann versuchen, sie zu verstehen: Sind sie wahr? Sind sie nützlich? Welche Absicht verfolgen sie? Und schlussendlich sie zu wandeln: Das heißt, neue Gedanken konzentriert und wiederholt zu trainieren. Eine Gewohnheit im Denken zu verändern, geht nicht von heute auf morgen. Übung macht den Meister.  

Welche Rolle spielt die sogenannte mentale Intelligenz für ein lernfähiges Gehirn?
Mentale Intelligenz ist die Fähigkeit, seine Gedanken wahrnehmen und wandeln zu können. Sie erfordert Bewusstheit und damit viel Stirnhirnaktivität. Diese Anstrengung in Form von Konzentrationskraft ist das Fundament, um geistig dynamisch zu bleiben.

Warum haben Bewegung, Lesen, Häkeln, Stricken, Kochen große Bedeutung fürs Gehirn?
Es ist dasselbe Prinzip wie beim Meditieren oder Rosenkranz-Beten. Wir richten unsere Konzentration auf eine monotone, sich wiederholende Tätigkeit. Im Gehirn erhöht sich dadurch der Serotonin-Spiegel – wir fühlen uns gelassener und zufriedener.  

Krise bedeutet auch Chance. Auch fürs Gehirn?
Unser Gehirn ist für Krisen gemacht. Von der Geburt bis zum Tod begleiten uns Probleme und mitunter Schicksalsschläge. Sie sind ein Teil des Lebens. Wenn wir uns den Herausforderungen stellen, können wir daran wachsen.

Können wir auch aus der Corona-Pandemie lernen?
In Mitteleuropa blieben wir in den letzten Jahrzehnten von schweren Krisen verschont. Das haben wir für normal gehalten, das ist es aber mit Blick auf diesen Planeten und die Menschheitsgeschichte nicht. Die Corona-Pandemie können wir als Generalprobe ansehen, um die weit größere Herausforderung zu meistern: die ökologische Krise. Das schaffen wir nur, wenn wir unser Ego zähmen, unseren Standard zurückschrauben und vor allem als Menschheit zusammenhalten.  

Inwiefern sind Tugenden wie Verzeihen oder Dankbarkeit für mentale Stärke wichtig?
Negative Gefühle wie Hass oder Rache sind Gifte für unser Gehirn. Verzeihen ist eine Art Detox des Geistes, das langsam und schrittweise geschieht. Das negative Gefühl löst sich von den Erinnerungen, was bleibt ist Weisheit. Dankbarkeit ist pures Lebenselixier. Es aktiviert unser Belohnungssystem im Kopf und stärkt den Fokus aufs Positive. Verzeihen und Dankbarkeit sind wichtige Hebel für unsere mentale Stärke.

Stand 09/2021

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