Vorsicht, gefährliche Abzweigung

Oktober 2022 | Medizin & Trends

Sie schlängeln sich nicht nur unattraktiv das Bein entlang, Krampfadern gehen auch mit verkürzter Lebenserwartung und erhöhtem Herzinfarktrisiko einher. Warum sie früh behandelt und mit täglichen Vorsorgemaßnahmen begleitet werden sollten.

Von Wolfgang Kreuziger

Wie kurvige Wege einer bunten Straßenkarte winden sie sich rot oder bläulich verfärbt über unsere Beine und münden nicht selten in eine Sackgasse: Krampfadern und Besenreiser. „Immer noch nehmen viele Menschen eine Venenschwäche als vorrangig kosmetisches Problem wahr“, weiß Prof. h.c. Dr. Alexander Flor, Facharzt für Allgemeinchirurgie, Spezialist für minimalinvasive Therapie von Venenleiden und Leiter der Venenpraxis an der Privatklinik Döbling in Wien. „Deshalb kommen deutlich mehr Damen zu mir, während sich Männer fast dafür entschuldigen.“ Zu Unrecht, denn die wissenschaftliche Datenlage zeigt, dass sich bei Männern fast genauso häufig Krampfadern zeigen.

Starke oder gar keine Beschwerden

„Im Laufe ihres Lebens sind 60 bis 80 Prozent der Menschen von Krampfadern betroffen“, erklärt der Arzt. „Die Zahlen sind insgesamt im Steigen begriffen, denn die Bevölkerung wird immer älter, sitzt immer mehr und wird zudem oftmals Opfer einer ungesunden Lebensweise.“ Als Krampfadern oder „venöse Insuffizienz“ bezeichnet man dabei Erkrankungen der Beinvenen, die das verbrauchte Blut zum Herzen zurücktransportieren sollten, aber durch Funktionsschwächen, etwa schlecht schließende Venenklappen, ihrer Aufgabe nicht mehr voll nachkommen können.

Dies kann mit starken Beschwerden wie Schwellungen, Hitze-, Druck- oder Spannungsgefühl in den Beinen einhergehen, oder aber völlig symptomlos verlaufen. Manchmal wird diskutiert, warum bei völliger Beschwerdefreiheit überhaupt behandelt werden soll, für Flor ein Fehler. „Wir reden bei einer Beinvenenschwäche von einem chronischen Leiden“, so der Experte. „Für mich bedeutet daher ein Verharmlosen ein Herbeirufen vieler anderer drohender Probleme. Die Folgen können von Entzündungen, Blutungen über chronische Wunden beim ,offenen Bein‘ bis hin zu Thrombosen oder sogar potenziell tödlichen Lungenembolien reichen.“

Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt

Doch selbst wenn man von Thrombosen und Embolien verschont bleibt, geht eine Venenschwäche mit einem erhöhten Risiko für arterielle Krankheiten einher, wie eine Studie der Universitätsmedizin Mainz und des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung gezeigt hat. „Wir haben dabei nachgewiesen, dass bei Patienten mit chronischer Beinvenenschwäche die Gesamtsterblichkeit über alle Todesursachen hinweg deutlich erhöht ist“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild, Mitautor der Studie. Außerdem ist auch das Risiko an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen zu erkranken, laut Studie fast doppelt so hoch wie jenes von Menschen mit gesunden Venen. Dazu kommt, dass sich Krampfadern auch auf den genitalen Bereich schlagen können. „Dort können sie bei Frauen das schmerzhafte Beckenvenensyndrom auslösen oder im männlichen Hoden die Fruchtbarkeit beeinträchtigen“, ergänzt Venenexperte Alexander Flor.

Vom Stripping bis zum Endolaser

Im menschlichen Körper fließt das verbrauchte Blut einerseits durch die Leitvenen in der Mitte des Beins und andererseits durch die oberflächlich gelegenen Stammvenen zum Herzen. „Klassische Krampfadern sind in der Regel stets ein Problem der Stammvenen“, erklärt der Experte. „Bei Funktionsstörungen versackt oder staut sich das Blut an bestimmten Stellen, Giftstoffe werden nicht mehr abtransportiert und Thrombosen können entstehen.“ Bei einer Thrombose bildet sich in einem Blutgefäß ein Blutgerinnsel. Der Pfropfen behindert den Blutfluss, es kann zu einem gefährlichen Gefäßverschluss kommen. Zur Behandlung oder Entfernung solch kranker Venen stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Beim „Stripping“ werden sie über einen Schnitt in der Leiste zur Gänze oder teilweise herausgezogen, bei der Radiowellentherapie und der Lasertherapie durch das Einführen einer heißen Sonde von innen „geschmolzen“ und abgebaut, bei der Schaumverödung und bei der Verklebung jeweils durch das Einspritzen von chemischen Wirkstoffen verschlossen. Nur wenige dieser Verfahren werden auch von den Krankenkassen bezahlt. „Ich operiere viel mit dem Endolaser“, berichtet Flor. „Mit dieser minimalinvasiven Technik erziele ich bei exakter begleitender Kontrolle durch den Ultraschall sehr gute Resultate und es gibt weniger Komplikationen im Vergleich etwa zur Schaumverödung, wo Verfärbungen oder Verhärtungen zurückbleiben können.“

Tägliche Venenvorsorge schützt

Egal ob vor oder nach einer Operation, Experten raten zu einem täglichen Trainings- und Pflegeprogramm der Venen, das in jedem Fall die Krankheit bremsen und die Lebensqualität verbessern kann. Dies schon deswegen, weil sehr viele der Betroffenen ohnehin an einer grundsätzlichen Bindegewebsschwäche leiden und auch nach einer Operation mit Rückfällen rechnen müssen. „Ich selbst trage täglich vorsorglich Stützstrümpfe, an die man sich gut gewöhnen kann“, rät Flor auch allen Menschen mit nur leichter Venenschwäche zu dieser Maßnahme. Die frei verkäuflichen Stützstrümpfe unterstützen die Waden- und Beinmuskulatur durch leichten Druck und werden als nicht so unangenehm empfunden wie therapeutische Kompressionsstrümpfe, die vom Arzt verschrieben und vom Sanitätshaus angepasst werden müssen. „Außerdem muss langes Sitzen unbedingt vermieden werden, weil dabei die Venen sowohl in der Kniekehle als auch im Beckenbereich abgeknickt werden.“ Ist dies beruflich unvermeidbar, sollte zumindest eine begleitende tägliche Gymnastik für Waden und Beine zur Routine werden. „Ergänzend dazu halten vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung und viel getrunkenes Wasser die Haut feucht und den Stuhl weich“, erklärt Flor, der Nahrungsmittel mit viel Antioxidantien wie Nüsse, Hülsenfrüchte oder Spinat empfiehlt. „Auch ein tägliches Pflegen der Beine mit Feuchtigkeitscremes ist wichtig, um die empfindlichen Stellen geschmeidig und weich zu erhalten.“

Schwimmen als idealer Sport

Die vielleicht größte Schlüsselrolle zur Stärkung und Erhaltung der Venen kommt der Bewegung zu. Vor allem die sogenannte „Muskelpumpe“ der Wadenmuskulatur hilft durch ihre Kontraktionen, das Blut aus den Venen zum Herzen „zurückzupumpen“, was je nach Sportart unterschiedlich gut unterstützt werden kann. „Bei Venenschwäche sind Schwimmen oder Wassergymnastik am geeignetsten, denn dabei wirkt zusätzlich zur Bewegung der sanfte Wasserdruck wie eine Kompressionstherapie“, so der Arzt. Auch Nordic Walken und Wandern wären gute Alternativen. Flor: „Sportarten wie Radfahren oder Laufen sind in Ordnung, wenn Stützstrümpfe dabei getragen werden.“

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