Urlauben. Aber richtig.

Juni 2007 | Leben & Arbeiten

So wird die arbeitsfreie Zeit zur stressfreien Zeit
 
Endlich Urlaub! Für die einen heißt das hinauf auf die Berge, für die anderen ab ans Meer, und die dritten lieben nichts mehr als einfach zu Hause zu bleiben und einmal nichts zu tun, außer vielleicht öfter als sonst spazieren zu gehen. Doch welcher Urlaub sorgt für das meiste Wohlbefinden? Wie lange soll er dauern, damit man am Ende wirklich gut erholt ist? MEDIZIN populär fragte beim Urlaubs- und Freizeitmediziner Univ. Prof. Dr. Egon Humpeler für Sie nach.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Im Mittelalter hieß Urlaub „Urloup“ und bedeutete soviel wie „Erlaubnis“. Um diese Erlaubnis mussten die damaligen Ritter ihren Lehensherren bitten, wenn sie in eine Schlacht ziehen wollten. Fast wie Feldzüge kommen dem Vorarlberger Urlaubs- und Freizeitmediziner Univ. Prof. Dr. Egon Humpeler auch die meisten Urlaube der Gegenwart vor.
„Wenn es um die Gestaltung der schönsten Zeit des Jahres geht, heißt doch heute die Devise für die meisten: immer öfter, immer schneller, immer weiter weg.“ Weil die Urlaubstage beim Großteil unserer Zeitgenossen aber nicht gerade dicht gesät sind, fügt sich an das „immer öfter, immer schneller, immer weiter weg“ auch ein „immer kürzer“.
Die Drei-Tages-Trips mehrmals im Jahr, um da ein bisschen Sightseeing zu machen und dort ein bisschen zu „wellnessen“, könne er als Urlaubs- und Freizeitmediziner nicht empfehlen, sagt Prof. Humpeler. „Da hat man Stress vor dem Urlaub, Stress im Urlaub und Stress danach. Und das ist das Gegenteil dessen, was ich unter Urlaub verstehe, beziehungsweise davon, was ich mir persönlich und für die Urlaubenden von einem Urlaub erwarte.“ Nach Prof. Humpelers Definition ist Urlaub vielmehr „eine Maßnahme, die gesetzt wird, um für Wohlbefinden zu sorgen beziehungsweise um das körperliche und seelische Wohlbefinden wiederzuerlangen, Urlaub ist eine Gesundheitsstrategie“.

Urlaubsziel
Wie gesund ist ein Urlaub in den Bergen im Vergleich zu einem Urlaub in der Ebene, wenn er genauso lange dauert und man sich auch in etwa gleich viel bewegt?

Um diese Frage beantworten zu können, forschten Univ. Prof. Dr. Egon Humpeler und sein Team vom Forschungsinstitut für Urlaubs- und Freizeitmedizin in Bregenz nach dem Pilotprojekt in Lech am Arlberg in einer zweiten Phase der Austrian Moderate Altitude Study (AMAS) im salzburgischen Obertauern (1700 Meter Seehöhe) und im burgenländischen Bad Tatzmannsdorf (200 Meter Seehöhe) weiter. Die Studienteilnehmer, Frauen und Männer mit einem Durchschnittsalter von 53 Jahren, litten unter der Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts, dem metabolischen Syndrom. Sie hatten Übergewicht, Störungen im Blutzucker- und Blutfettstoffwechsel und einen erhöhten Blutdruck. Sie wurden vor, während des dreiwöchigen Wanderurlaubs und mehrere Wochen nach der Rückkehr medizinisch und sportwissenschaftlich untersucht.
Die Liste der Verbesserungen, die bei allen Urlaubern festgestellt wurden:

  • Absinken von Herzfrequenz und Blutdruck,
  • Rückgang der erhöhten Blutfette,
  • Gewichtsreduktion ohne Diät,
  • Verbesserung des Blutzucker-Stoffwechsels,
  • Rückgang des Stresslevels,
  • bessere Schlafqualität,
  • positivere Lebenseinstellung.

Der Urlaub in den Bergen brachte zusätzlich noch Benefits, die auf den bloßen Aufenthalt in der Höhe zurückzuführen sind, wie:

  • Stimulierung der Neubildung roter Blutkörperchen,
  • Anstieg des blutbildenden Hormons Erythopoietin,Verbesserung der Sauerstoffabgabe an das Gewebe,
  • ab einem Aufenthalt von einer Woche bereits eine Verstärkung der regenerativen Prozesse mit Stammzellen-Aktivierung (was einem allgemeinen Aktivierungsschub gleichkommt) und
  • verstärkter positiver Einfluss auf die Koordination und Flexibilität.

Urlaubsort
Wie sieht der Urlaub aus, mit dem wir das Beste für unsere Gesundheit tun? Wie lange soll er dauern? Was soll man während des Urlaubs machen? Und ist frei nach Stephan Remmlers legendärem Urlaubssong eher Schnaps in Sankt Kathrein angesagt oder bringt uns der Blick in die Sterne von Athen doch mehr Erholungseffekt?

Bei der Frage nach dem besten Urlaubsort braucht Prof. Humpeler nicht lange zu überlegen. Hierbei sei immer der Wunsch des Menschen maßgeblich, der auf Urlaub geht. „Wer gern zu Hause bleibt und täglich einen langen Spaziergang macht, erholt sich wahrscheinlich genauso gut wie jemand, der gern am Strand ist und daher in einen Urlaubsort am Meer fährt. Und jemand, der gern in den Bergen ist, soll in die Berge fahren.“ Ein Urlaub in mittleren Höhen zwischen 1000 und 2000 Metern Seehöhe habe dazu noch den Vorteil, dass schon der Aufenthalt in der Höhe für sich allein positive Auswirkungen auf die körperliche und seelische Gesundheit habe, sagt Prof. Humpeler. Wer dazu noch Wanderungen unternimmt oder Bergsteigen geht und sich den einen oder anderen Gipfelsieg gönnt, verstärke den Effekt.

„Urlaubssteuerung“
Was kann man sonst im Urlaub machen, um der physisch-psychischen Gesundheit möglichst viel Gutes zu tun?

Prof. Humpeler sagt, man brauche „richtige Urlaubssteuerung“. Diese beginne schon bei der Anreise und reiche über die Urlaubsgestaltung am Urlaubsort bis hin zur Heimreise. „In allen diesen Urlaubsabschnitten sollte man sich grundsätzlich vor Augen halten, dass der Urlaub die Zeit im Jahr ist, auf die man sich am meisten gefreut hat, in der man frei ist und nur tun braucht, was einem Spaß macht.“ Bei allen Aktivitäten gelte: Man sollte sich weder über- noch unterfordern. „Und im Zweifelsfall ist weniger immer mehr.“

Optimale Dauer
Wie lang soll der Urlaub dauern, damit sich Körper, Geist und Seele richtig erholen?

Den Urlaub, der für das meiste Wohlbefinden sorgt, macht schließlich noch die optimale Dauer aus – und die liegt nach übereinstimmenden Erkenntnissen sämtlicher Forscher und Mediziner inklusive Prof. Humpeler bei drei Wochen. Der Grund: Nach Urlaubsbeginn dauert es eine Zeit lang, bis man sich gedanklich von der Arbeit gelöst hat und wirklich auf Urlaub ist. Ein paar Tage vor Urlaubsende stellt man sich umgekehrt schon wieder auf die Arbeit ein und beginnt über die damit verbundenen Aufgaben nachzudenken. Wenn die freie Zeit dazwischen mehr als eine Woche dauert, wie das bei einem dreiwöchigen Urlaub der Fall ist, ist das ideal, und zwar nicht nur für den Kopf, sondern auch für den Körper.
Letzteres haben Prof. Humpeler, sein Forschungskollege Univ. Prof. Dr. Wolfgang Schobersberger und das Team vom Forschungsinstitut für Urlaubs- und Freizeitmedizin in Bregenz sowie von der Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften UMIT in Hall in Tirol im Rahmen der so genannten Austrian Moderate Altitude Study, kurz AMAS-Studie, nachgewiesen. An der Studie nahmen 100 Urlauberinnen und Urlauber teil, die drei Wochen am Stück in Lech am Arlberg verbrachten. Bei ihnen verbesserte sich durch den Urlaub, in dem sie leichte Wanderungen unternahmen, das allgemeine körperliche Wohlbefinden, der Blutdruck normalisierte sich, der Sauerstofftransport des Blutes optimierte sich, die Herzfrequenz ökonomisierte sich, das Herz-Kreislaufsystem stabilisierte sich, psychische Belastungen reduzierten sich. Und das Beste kommt noch: Die Verbesserungen erwiesen sich als nachhaltig, das heißt, sie hielten bis zu sechs Monate nach Urlaubsende immer noch an.
Wie ist es um die Wirkung eines Urlaubs auf die Gesundheit bestellt, der nicht drei Wochen, sondern vielleicht nur sechs Tage dauert? Das haben Prof. Humpeler & Co in einer weiteren Phase der AMAS-Studie im vergangenen Winter erforscht. Die Ergebnisse sind zwar noch nicht vollständig ausgewertet, doch der Experte verrät MEDIZIN populär schon jetzt, „dass auch bereits zwei Wochen, ja sogar nur sechs Tage Urlaub einige Gesundheitswerte und das seelische Wohlbefinden positiv beeinflussen“. Wie stark dieser positive Einfluss ist, hänge von den individuellen Gegebenheiten ab und davon, wie der Alltag gelebt wird.

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Seit wann macht der Mensch Urlaub?
Urlaub, beziehungsweise Freizeit im heutigen Sinn, gab es auch schon in der Antike, allerdings nicht für die Sklaven, sondern nur für die so genannten Freien, und diese nutzten die freie Zeit im Wesentlichen, um sich weiterzubilden.
Im Mittelalter gab es keine Trennung von Arbeit und Freizeit. Die freie Zeit im Gegensatz zur Arbeitszeit wurde erst vor dem Hintergrund der industriellen Entwicklung zum „Kult“ erhoben. Damals herrschte die Meinung vor, dass man nur dann einen Anspruch auf freie Zeit hat, wenn die Arbeit erledigt ist.

     

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