Kinder, bewegt euch!

Oktober 2008 | Fitness & Entspannung

Wie man Kinder zu Bewegung und Sport motiviert
 
Die Zahlen sprechen für sich: Jedes zehnte Volksschulkind ist übergewichtig, jedes 20. gilt als adipös, also fettleibig. In direktem Zusammenhang mit diesen gewichtigen Fakten steht die Neigung der Sprösslinge, es sich nach der Schule vor dem Fernseher oder PC gemütlich zu machen, anstatt sich im Freien beim Spielen, Kicken oder Rad fahren auszutoben. Und das, nachdem sie durchschnittlich sieben Schulstunden vorwiegend sitzend zugebracht haben. Lesen Sie in MEDIZIN populär, wie man Kinder nachhaltig zu Bewegung und Sport motivieren kann.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Dass die Kinder immer unbeweglicher werden, beobachtet Dr. Holger Förster, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Arzt für Allgemein- und Sportmedizin, tagtäglich in seiner Salzburger Praxis. Seit rund 15 Jahren führt er hier sportmedizinische Untersuchungen an Kindern durch. „Die durchschnittliche Leistungsfähigkeit wird immer schlechter“, bedauert er. „Früher verfügten die Kinder über wesentlich bessere koordinative Fähigkeiten. Und auch mit einfachen Kraftübungen wie Sit-ups oder Liegestützen tun sich viele heute sehr schwer. Es ist längst nicht mehr selbstverständlich, dass ein siebenjähriges Kind abwechselnd links und rechts, also mit Wedelsprüngen, über einen Strich springen kann.“

Die Gründe für die schlechte Koordination? „Die Kinder haben – besonders im urbanen Raum – weniger Bewegungsmöglichkeiten und zugleich mehr attraktive Möglichkeiten, sich nicht zu bewegen“, erklärt Förster. „Video- oder Handyspiele schulen die Feinmotorik, indem die Kinder lernen, mit ihren Fingern schnell herumzutippen. Ansonsten fehlt es aber an Beweglichkeit.“ Dabei braucht es nicht unbedingt eine Sportart, um gesund, fit und schlank zu bleiben. Es genügt, wenn die Kinder sich im Alltag ausreichend und regelmäßig bewegen. „Was zählt, ist die Bewegung an sich“, betont der Kinderfacharzt. „Sport ist eine Draufgabe.“

Kindlicher Bewegungsdrang
Ein bewegter Alltag – angefangen beim täglichen Schulweg, den die Kinder zu Fuß zurücklegen, bis hin zum Abendspaziergang mit den Eltern – hält den Nachwuchs fit und gesund. „Kinder bewegen sich von Natur aus sehr gern“, betont Förster. „Ein Kleinkind lernt laufen, es fällt hin, steht wieder auf und erfreut sich an seiner Beweglichkeit.“ Diese natürliche Bewegungsfreude gilt es von klein auf zu fördern – zuallererst, indem man sie nicht mit ständigen Verboten und besorgten Ermahnungen einschränkt. „Man sollte nicht dauernd Angst haben, dass den Kindern etwas passiert. Von sich aus machen sie meist nur, was sie auch können, oder was an der Grenze zu dem liegt, was sie können“, erläutert Holger Förster. Es sei für den Nachwuchs wichtig und spannend, die eigenen Fähigkeiten auszureizen. „Kleinkinder bewegen sich aus reiner Freude und um neue Fertigkeiten kennen zu lernen. Schulkinder brauchen zusätzlich den Wettkampf: Sie wollen sich messen und vergleichen, wer schneller laufen oder den Ball weiter werfen kann“, so der Mediziner.

Aktivität fördern
Mit kleinen Maßnahmen können Eltern die Kinder zusätzlich zu mehr Aktivität anspornen. „Indem sie beispielsweise zu Hause kleine Bewegungsparcours über Tisch und Bänke bauen“, veranschaulicht der Kinderfacharzt. Wer sich bewusst macht, damit in den aktiven Lebensstil der Sprösslinge zu investieren, nimmt auch die vorübergehende Verwüstung der Wohnung leichter in Kauf. Andere Möglichkeiten: beim Ausflug ins Grüne einen Fußball zum Kicken einpacken, durch den Wald laufen, auf Entdeckungsreise gehen, Höhlen erforschen, gemeinsam auf kleinere Felsen oder Bäume klettern. „Kinder sind von Natur aus aktiv, man muss nur das Umfeld für Bewegung schaffen, sich dafür Zeit nehmen – und selbst Bewegung vorleben“, appelliert Förster an die Eltern. Spielerische Herausforderungen wie „Kannst du über den Baumstamm balancieren?“ oder „Springen wir über den Bach dort!“ klingen nach Abenteuer und machen Spaß.

Verletzungen vorbeugen
Während sich die Kinder austoben, trainieren sie beiläufig ihre Beweglichkeit, Ausdauer und Koordination – und beugen damit Unfällen vor. „Durch die Bewegung verbessern sich die koordinativen Fähigkeiten“, betont Förster. Gibt es bestimmte Sportarten, welche die Gelenkigkeit und Beweglichkeit besonders fördern? „Zur Verletzungsvorbeugung eignen sich besonders Sportarten, bei denen man von Kopf bis Fuß alle Muskelgruppen und die Stammmuskulatur trainiert, zum Beispiel Klettern, Gymnastik oder Judo“, zählt der Kinderfacharzt auf. „Beim Judo lernen die Kinder auch, wie sie richtig fallen.“

Und ab welchem Alter wird idealerweise mit der Ausübung einer Sportart begonnen? „Das beste Alter sind die Jahre vor der Pubertät, also von zehn bis zwölf Jahren, weil die Kinder da die besten koordinativen Fähigkeiten haben“, weiß Holger Förster. In der Zeit davor sollte man den Nachwuchs möglichst vielseitig fördern. „Die Grundlagen, die im frühen Kindesalter entwickelt werden, sind später für jede Sportart von Nutzen“, so Förster, der es für verfrüht hält, wenn bereits Dreijährige in der Ballettschule, Fünfjährige im Schwimmverein trainieren. „Es kann sein, dass die Kinder von gut meinenden Trainern zu sehr in eine Richtung gedrängt werden und den Spaß am Sport verlieren“, warnt der Facharzt. Sein Rat: „Man sollte Talente fördern und fordern, aber nicht überfordern.“

Die richtige Sportart
Und wie lässt sich schließlich die passende Sportart finden? „Die Fähigkeiten und Vorlieben kristallisieren sich im Laufe der Zeit heraus“, erklärt Förster. „Der Sport kann dann zum Beispiel beim Schnuppertraining in einem Verein ausprobiert werden.“ Hat das Kind sich für eine Sportart entschieden, sollte es dabei bleiben. „Die Kinder üben sich durch das Training in Selbstdisziplin“, berichtet der Arzt. „Außerdem lernen sie, effektiver mit ihrer Zeit umzugehen, und zwar auf spielerische, positiv motivierte Art – und nicht, weil es die Eltern einfordern.“ Um rechtzeitig zum Training zu kommen, werden dann die Hausaufgaben – anstatt herumzutrödeln – prompt erledigt.

Bewegtes Leben
Aufgrund seiner Nachhaltigkeit sei der Vereinssport besonders empfehlenswert, betont der Kinderfacharzt. Förster: „Mit der Schule endet automatisch auch der Schulsport, der Vereinssport hingegen überdauert die Schullaufbahn. Ob man nun Judo, Gymnastik, Tennis oder Fußball ausübt – man trainiert auch als Jugendlicher und Erwachsener weiter.“ Die beste Voraussetzung, dass aus bewegten, aktiven Kindern bewegte, gesunde Erwachsene werden.

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Spaß bewegt!
Vorbildliches Schulprojekt wird fortgesetzt
„Gelegenheit macht Turner“ – unter diesem Motto wird bereits zum dritten Mal die vom „forum. ernährung heute“ initiierte Bewegungsinitiative „Schule bewegt. Bewegte Schule“ durchgeführt. Das erklärte Ziel: Schulkinder im Alter von zehn bis 14 Jahren mit Gratisturnstunden für Bewegung und Sport zu gewinnen. Nicht bestimmte Sportarten sollen trainiert werden, stattdessen will man mit einem „polysportiven Angebot“ auf vielfältige Weise zur Bewegung motivieren.
Im Rahmen des Projekts bestätigt sich immer wieder das Phänomen des „Pubertätsknicks“. D. h. bei Kindern ab dem elften Lebensjahr nimmt die Motivation, sich zu bewegen, gegenüber anderen Altersstufen deutlich ab. Diesem Motivationseinbruch will die Initiative aktiv entgegenwirken. „Unsere Erfahrungen zeigen eindeutig, dass sich Jugendliche sehr wohl ‚bewegen lassen‘“, betont Mag. Marlies Gruber, die wissenschaftliche Leiterin von „forum. ernährung heute“. „Entscheidend sind das Engagement der Betreuerinnen und Betreuer und der wichtigsten Bezugspersonen der Kinder sowie die Schaffung von genügend Gelegenheiten zur körperlichen Aktivität – und zwar zeitlich wie auch räumlich.“ FAZIT: Der Spaß an der Bewegung, Gesundheit und Fitness motivieren die Kinder, wie sie in Umfragen selbst angeben, am meisten, körperlich aktiv zu werden.

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Warum Kinder „sitzen bleiben“:
Fakten zum Bewegungsmangel
Wie aus der 7. österreichischen WHO-HBSC („Health Behaviour in School aged Children“)-Studie aus dem Schuljahr 2005/06 hervorgeht, verbringen die Elf- bis 15-Jährigen nach der Schule im Durchschnitt 3,7 Stunden täglich vor Fernseher und PC, an schulfreien Tagen sind es sogar 5,6 Stunden. In ihrer Freizeit gehen rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler täglich einer körperlichen Aktivität nach, mehr als die Hälfte (58,8 Prozent) ist an maximal drei Tagen pro Woche aktiv, knapp ein Drittel bewegt sich höchstens einmal wöchentlich.
   

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