Epilepsie bei Kindern

November 2008 | Medizin & Trends

Häufiger, als man glaubt
 
Epileptische Anfälle bei Kindern kommen häufiger vor, als man glaubt. Oft bleiben sie ein einmaliges Ereignis oder verschwinden mit der Pubertät. Manche Formen der Epilepsie hingegen haben eine schlechte Prognose. MEDIZIN populär informiert über die wichtigsten Arten dieser Erkrankung bei Kindern und erklärt, wie Sie sich im Fall eines Krampfanfalles richtig verhalten.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

Julius Cäsar, Napoleon, Leonardo da Vinci, Michelangelo: Sie alle litten unter epileptischen Anfällen. Doch nicht nur die Großen, sondern auch die ganz Kleinen waren und sind von diesem Leiden betroffen: Denn epileptische Anfälle treten besonders häufig im Kindesalter auf. Laut Angaben des Epilepsie Dachverbandes Österreich leidet hierzulande eines von 200 Kindern unter einer Epilepsie. Nicht weniger als etwa fünf Prozent aller Kinder erleiden irgendwann einmal einen epileptischen Anfall oder so genannte Fieberkrämpfe.
Die gute Nachricht: Sowohl häufige Formen der Epilepsie bei Kindern wie die so genannte Rolandische Epilepsie als auch die Fieberkrämpfe verschwinden in den meisten Fällen wieder und hinterlassen keinerlei Schäden.

Unkontrollierte Impulse
Ein epileptischer Anfall ist eine kurzzeitige Funktionsstörung des Gehirns, bei der viele Nervenzellen gleichzeitig unkontrolliert Impulse abfeuern. Man spricht daher auch von einem „Gewitter im Kopf“. Die Folge sind Anfälle, deren Intensität von sekundenlangen Bewusstseinstrübungen (Absencen) bis zu den für Außenstehende dramatisch und beängstigend wirkenden Grand-mal-Anfällen reicht. Anfälle dauern meist wenige Sekunden oder einige Minuten, selten länger.
Ein einmaliger Anfall gilt noch nicht als Epilepsie, auch nicht Anfälle, die direkte Folge einer Erkrankung wie Hirnhautentzündung, Gehirnentzündung oder hohem Fieber sind. Ein „Gelegenheitsanfall“ kann auch durch Schlafentzug oder Flackerlicht ausgelöst werden. So verursachte vor elf Jahren eine Kindersendung des japanischen Fernsehens durch schnelle Farbkontrastwechsel bei Hunderten von Kindern epileptische Reaktionen. „Von Epilepsie spricht man erst dann, wenn es zu mehreren epileptischen Anfällen ohne massive auslösende Faktoren kommt“, erklärt Dr. Ursula Gruber-Sedlmayr von der Klinischen Abteilung für allgemeine Pädiatrie der Medizinischen Universität Graz.

Zahllose Formen
Es gibt zahllose Formen und Arten der Epilepsie. Am bekanntesten ist wohl der Grand-mal-Anfall bzw. der generalisierte tonisch-klonische Krampfanfall, wie er auch genannt wird. Der Betroffene verliert teilweise ohne Vorwarnung plötzlich das Bewusstsein, die Atmung fällt aus, die Muskulatur spannt sich, so dass Beine und Arme zumeist gestreckt sind. Nach zehn bis 30 Sekunden beginnen die Gliedmaßen unkontrolliert und heftig zu zucken; Bisse in Zunge oder Lippe sowie Harn- oder Stuhlabgang sind keine Seltenheit. Nach ein bis zwei Minuten ist der Anfall vorbei. Der Betroffene versinkt in tiefen Schlaf und kann sich nach dem Aufwachen nicht an die Episode erinnern. Der Anfall selbst ist in den allermeisten Fällen nicht lebensbedrohlich, allerdings besteht die Gefahr von Verletzungen durch den Sturz und die Zuckungen.
Eine der häufigsten Formen der Epilepsie bei Kindern ist die Rolandische Epilepsie. Es handelt sich um Anfälle, die von einem abgegrenzten Teil der Hirnrinde ausgehen, sich dann aber ausbreiten („generalisieren“) können. Bei der Rolando-Epilepsie setzen die Anfälle überwiegend im Schlaf ein. Falls ein Anfall aus dem Wachzustand auftritt, erleben die Kinder diese Episode ohne Bewusstseinsbeeinträchtigung. Sie spüren ein Zucken der Gesichtsmuskulatur, eine Verkrampfung im Rachen, es kommt zu starkem Speichelfluss, das Kind gibt gutturale Laute von sich. Diese typische Sprechstörung kann noch einige Minuten nach dem Anfall andauern. Die Häufigkeit dieser Anfälle ist von Betroffenem zu Betroffenem verschieden: Neuropädiaterin Gruber-Sedlmayr berichtet von Kindern, die nach ein oder zwei Anfällen ohne medikamentöse Therapie anfallsfrei bleiben, aber auch von Kindern, die mehrere Anfälle pro Woche erleiden. Die Prognose bei dieser Form der Epilepsie ist gut: „Die Rolandische Epilepsie verschwindet mit der Pubertät“, betont Gruber-Sedlmayr.

Symptom „Narrenkastl“
Häufig bei Kindern und Jugendlichen sind auch Absencen. Wie beim Grand-mal-Anfall ist auch bei einer Absence die gesamte Hirnrinde betroffen, doch kommt es dabei nur zu einer kurzen Bewusstseinstrübung. Von außen sieht es so aus, als hielte der Betroffene kurz inne oder schaue ins sprichwörtliche „Narrenkastl“. Nach einigen Sekunden macht das Kind weiter, als wäre nichts gewesen. Besonders bei Kleinkindern sind Absencen nur schwer zu erkennen, aber auch bei älteren Kindern und Jugendlichen werden sie oft lange für Konzentrationsstörungen gehalten, und die Diagnose der Epilepsie wird häufig erst nach einem ersten Grand-mal-Anfall gestellt. Während der Absencen beobachtet man oft ein leichtes Verdrehen der Augen, Blinzeln mit den Lidern und Bewegungen des Kopfes. Absencen sind meist medikamentös gut behandelbar.
Zu den häufigsten und gefürchtetsten Formen der Epilepsie bei Kindern zählt die BNS-Epilepsie. BNS steht für Blitz-, Nick- und Salaam-Krampf, wobei sich „Salaam“ auf grußähnlich nickende Kopfbewegungen bezieht. Diese Form der Epilepsie beginnt zwischen dem dritten und zehnten Lebensmonat. Das Kind erleidet sehr kurze, generalisierte Anfälle in Serie, bei denen es mit beiden Armen, meist auch mit dem Kopf und beiden Beinen zuckt. Gleichzeitig verliert das Kind zunehmend das Interesse an der Umwelt, das Hirnstrombild zeigt nahezu durchgehend eine massiv veränderte Aktivität. Die Prognose ist schlecht und die BNS-Epilepsie spricht oft nur schlecht auf Medikamente an. Nur wenige Kinder, die an dieser Erkrankung leiden, machen eine normale Entwicklung durch und werden irgendwann einmal anfallsfrei.

Harmlose Fieberkrämpfe
Ganz anders hingegen die so genannten Fieberkrämpfe. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um Anfälle bei Kindern zwischen sechs Monaten und sechs Jahren, die durch Fieber ausgelöst werden. Ein Fieberkrampf äußert sich meistens durch einen plötzlichen Bewusstseinsverlust und rhythmische Zuckungen der Muskulatur. Fieberkrämpfe wirken auf Eltern naturgemäß höchst besorgniserregend, doch sie sind meist harmlos. Nur bei sehr langer Dauer besteht die Gefahr von Schäden im Sinne von Vernarbungen, die ihrerseits im Erwachsenenalter Schläfenlappenanfälle hervorrufen können. Bei etwa zwei Drittel aller Kinder bleibt der erste Fieberkrampf auch der einzige. „Freilich sind es Krampfanfälle, aber  Fieberkrämpfe werden auf Grund ihrer guten Prognose von Epilepsie abgegrenzt“, beruhigt Gruber-Sedlmayr. Fieberkrämpfe müssen nicht einmal medikamentös therapiert werden. Es genügen Zäpfchen, um die Anfälle, die auch länger als 20 Minuten dauern können, zu unterbrechen. Auch bei der Rolandischen Epilepsie ist die Gabe von Medikamenten Ermessenssache – zumal bei jenen Kindern, die bisher nur wenige Anfälle erlitten haben. „Als Arzt muss man mit den Eltern gemeinsam abwägen, ob eine Therapie Sinn hat“, sagt Gruber-Sedlmayr. Es gebe Eltern, die alles tun würden, um ihrem Kind einen weiteren Anfall zu ersparen. Es gebe aber auch Eltern, die ihrem Kind die jahrelange Einnahme von Medikamenten nicht zumuten möchten, auch auf die Gefahr hin, dass es möglicherweise weitere Anfälle erleidet. „Ein abwartendes Verhalten bei Absencen oder häufigen Grand Mal-Anfällen jedoch wären auf Grund des erheblichen Verletzungsrisikos unverantwortlich“, betont Gruber-Sedlmayr.

Wenn Sie den Verdacht haben, Ihr Kind könnte an Epilepsie leiden, dann wenden Sie sich an Ihren Kinderarzt! Sollte sich dieser Verdacht als begründet erweisen, wird Ihr Kind für die entsprechenden Untersuchungen an ein Kinderneurologisches Zentrum überwiesen.

Mein Kind hat einen Anfall
Wie soll ich mich verhalten?

Ruhe bewahren
Große epileptische Anfälle wirken für Außenstehende oft sehr dramatisch und beängs­tigend, obwohl sie selten lebensbedrohlich sind.

Keine Wiederbelebungsmaßnahmen
Da auch die Atemmuskulatur verkrampft, kann es vorübergehend zu einem Atemstillstand kommen. Es besteht jedoch keine Erstickungsgefahr, nach spätestens 30 Sekunden setzt die Atmung wieder ein.

Sicherheitszone schaffen
Entfernen Sie alle spitzen oder kantigen Gegenstände in Reichweite. Platzieren Sie den Kranken um, wenn er sich in einem Gefahrenbereich aufhält (Eisenbahnschienen, befahrene Straße, Schwimmbecken, Feuer, heißer Herd, Treppenstufen).

Sicher lagern
Lagern Sie den Patienten frei auf dem Boden und schränken Sie seine Bewegungsfreiheit nicht ein. Schützen Sie den Kopf durch eine weiche Unterlage. Bringen Sie den Betroffenen nach Ende des Anfalls in eine stabile Seiten­lage, um Atmungsprobleme zu verhindern.

Nichts in den Mund stecken
Ärzte und medizinisches Fachpersonal verwenden mitunter spezielle „Gummikeile“, um zu verhindern, dass sich der Betroffene auf die Zunge oder die Lippe beißt. Als Laie sollten Sie auf solche Maßnahmen verzichten.

Beistand gewähren
Stehen Sie dem Patienten auch nach dem Anfall bei. Sprechen Sie ihn beruhigend an, wenn er zu sich kommt. Zeigen Sie ihm, dass Sie ihm solange helfen werden, wie er Sie benötigt.

Bei Bedarf Notarzt verständigen
Rufen Sie einen Arzt, wenn der Krampf länger als vier Minuten anhält, es innerhalb einer Stunde zu mehreren Anfällen kommt oder es nach Erschlaffung der Muskulatur länger als vier Minuten dauert, bis der Kranke wieder zu sich kommt.

Quelle: Epilepsie Dachverband Österreich

INFOTIPP: www.epilepsie.at
   

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