Gicht: Das sollten Sie wissen

September 2008 | Medizin & Trends

Gicht ist eine der ältesten Zivilisationskrankheiten, die aber auch in jüngster Zeit in erster Linie mit richtiger Ernährung bekämpft wird. Was viele nicht wissen: Radikale Fastenkuren können Gichtanfälle auslösen, und Gicht kann schwere Nierenschäden verursachen. Ein Experte erklärt, was Sie noch alles wissen sollten.
 
Von Mag. Michael Krassnitzer

Eigentlich ist Gicht eine Männerkrankheit. Drei Prozent aller Männer, aber nur drei Promille aller Frauen leiden mindestens einmal im Leben unter Gicht. Das heißt, sie werden aus heiterem Himmel von einer schmerzhaften, geröteten Gelenksschwellung heimgesucht. Die Schwellung verschwindet im Normalfall nach einigen Tagen oder Wochen wieder von selbst. Dennoch ist damit nicht zu spaßen: Der Gichtanfall kann das erste Zeichen einer chronischen Gicht sein, die zu dauerhaften Beschwerden und schweren Schäden in den Gelenken sowie in der Niere führen kann.
Gicht ist eine der ältesten Zivilisationskrankheiten. Sie zählt zu den rheumatischen Erkrankungen und ist meist eine direkte Folge falscher Ernährung. Früher nannte man sie die Krankheit der Könige und Kaiser, weil vor allem Menschen betroffen waren, die sich regelmäßig opulente Festmahle gönnten. Schon die alten Griechen kannten die Symptome. Der römische Kaiser Septimus Severus litt ebenso an Gicht wie der Habsburger Kaiser Karl V.
Gicht wird durch spitze und scharfkantige Harnsäurekristalle hervorgerufen, die sich zunächst in den Gelenken bilden und dort eine Entzündungsreaktion auslösen. Schuld daran ist ein erhöhter Harnsäurespiegel im Blut. Harnsäure ist ein Stoffwechselprodukt, das beim Abbau von Purinen entsteht. Purine sind Eiweißsstoffe und Bausteine der Zellkerne verschiedener tierischer und pflanzlicher Zellen, die über die Nahrung aufgenommen werden.

Kann jeden treffen
„Jeder Mensch, auch mit ganz normalen Blutwerten, kann einen Gichtanfall bekommen. Doch je höher der Harnsäurespiegel, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines Gichtanfalles“, erklärt Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Schirmer, Leiter der Abteilung für Innere Medizin am Krankenhaus der Elisabethinen in Klagenfurt. Wie die Wahrscheinlichkeit einer Gichterkrankung sind auch die erhöhten Harnsäurewerte zu Ungunsten der Männer verteilt: 30 Prozent aller Männer haben einen erhöhten Harnsäurespiegel – aber nur drei Prozent der Frauen. Aus diesen Zahlen lässt sich freilich auch Beruhigendes ablesen: Nur ein Zehntel all jener, die einen erhöhten Harnsäurespiegel aufweisen, bekommt auch tatsächlich die Gicht zu spüren.
Ursache eines erhöhten Harnsäurespiegels im Blut (Hyperurikämie) kann eine angeborene Stoffwechselstörung sein, die für eine erhöhte Harnsäureproduktion oder eine verminderte Ausscheidung von Harnsäure verantwortlich ist. Auch Krebserkrankungen, Nierenerkrankungen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte oder die Einnahme bestimmter Medikamente können einen erhöhten Harnsäurespiegel bewirken. Vor allem aber steht und fällt der Harnsäurespiegel mit der Ernährung. Purinreiche Nahrungsmittel wie Innereien oder fette Fleisch- und Wurstwaren treiben den Harnsäurespiegel in die Höhe. Auch alkoholische Getränke, vor allem Bier und Liköre, können einen Gichtanfall auslösen.

Akut oder chronisch
Die Mediziner unterscheiden zwischen akuter Gicht und chronischer Gicht. Der akute Gichtanfall kommt meist ohne Vorwarnung, häufig in der Nacht: Das betroffene Gelenk schwillt stark an, ist gerötet, fühlt sich heiß an und reagiert auf jede noch so kleine Berührung mit sehr starken Schmerzen. Am häufigsten ist das Großzehengrundgelenk betroffen, also das Gelenk zwischen dem Mittelfußknochen und dem ersten Glied der Großzehe. Es kann aber auch andere Gelenke wie zum Beispiel Kniegelenke, Ellbogengelenke oder das Daumengrundgelenk, das zwischen Mittelhandknochen und dem ersten Daumenglied liegt, erwischen. „Die Druckempfindlichkeit ist so groß, dass die Betroffenen nicht einmal die Bettdecke am Fuß aushalten“, beschreibt Rheumatologe Schirmer die Leiden, die Gichtkranke durchmachen. Nach einigen Tagen oder Wochen verschwinden Schwellung und Schmerzen wieder von alleine.
Eine chronische Gicht kann entstehen, wenn der Harnsäurespiegel im Blut auf Dauer erhöht ist. Dann können sich die entstandenen Harnsäurekristalle nicht mehr auflösen und wachsen immer weiter an.
In den Gelenken führen diese Ablagerungen zu dauerhaften Entzündungen und letztlich schweren Gelenksschädigungen. Manchmal sind die Ablagerungen sogar von außen sichtbar, zum Beispiel am Ohrläppchen oder an den Fingern: dann spricht man von Gichtknoten („Tophi“). Harnsäure kann sogar im Herzmuskel oder am Auge auskristallisieren – mit gravierenden Folgen.
Nach den Gelenken am häufigsten lagern sich die spitzen Kristalle in der Niere ab, wo sie zu schweren Nierenschäden führen können. (Die Kristalle der „Gicht-Niere“ sind nicht mit den vergleichsweise harmlosen Nierensteinen zu verwechseln!) „Ein Viertel der Patienten, bei denen aufgrund einer Gelenksschwellung eine Gicht diagnostiziert wird, haben bereits Nierenschädigungen“, warnt Schirmer.

Ernährung ist das Um und Auf
Eine akute Gicht bzw. eine Gelenksentzündung infolge chronischer Gicht wird mit schmerz- und entzündungshemmenden Medikamenten behandelt. Auch kann in das betroffene Gelenk Cortison gespritzt werden. Zusätzlich empfiehlt es sich, das Gelenk gekühlt zu halten.
Das Um und Auf bei der Behandlung der Gicht ist jedoch die richtige Ernährung. Zu meiden sind alle Nahrungsmittel, die in größeren Mengen Purine, also Eiweiße enthalten: Innereien (Hirn, Bries, Leber, Nieren Milz), Hülsenfrüchte (Bohnen, Erbsen, Soja), fette Fleisch- und Wurstwaren, fettreiche Fische (Sardinen, Sardellen), Rindssuppen (auch Suppenwürfel) sowie Fertigsaucen. Zu empfehlen hingegen sind Obst und Gemüse, Vollkornprodukte und magere Milchprodukte. Grundsätzlich gilt: Achten Sie auf Ihr Gewicht! Versuchen Sie im Fall des Falles ihr Körpergewicht auf Normalgewicht zu bringen! Der Verband der Diaetologen Österreichs warnt jedoch vor radikalen Fastenkuren. Durch den Abbau großer Mengen körpereigener Eiweißstoffe können nämlich Purine freigesetzt werden – und schon steigt der Harnsäurespiegel.
Auch viel Trinken gehört zu den Maßnahmen gegen Gicht – aber keinen Alkohol! Denn auch alkoholische Getränke, insbesondere Bier und Liköre, enthalten Purine. Die richtigen Durstlöscher hingegen sind Leitungswasser, Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetee, gut verdünnte Fruchtsäfte oder Soda-Zitrone.
„Nicht zu viel Eiweiß, also nicht zu viel Fleisch und Fleischprodukte essen, und Alkohol meiden“, bringt Rheumatologe Schirmer die Ernährungstipps auf den Punkt: „Also eine ganz ausgewogene, gesunde Ernährung.“

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Wo sind Purine drin?

Harnsäure entsteht, wenn Purine im menschlichen Körper abgebaut werden. Purine sind Eiweißstoffe und Bestandteil vieler Nahrungsmittel:

Besonders purinreiche Lebensmittel:

  • Innereien
  • Haut von Fisch, Geflügel
  • Kruste von Fleisch
  • Geräucherte Fisch- und Fleischwaren
  • Krusten- und Schalentiere

Purinreiche Lebensmittel:

  • Fleisch (Fisch, Geflügel, Wild)
  • Wurst
  • Fleisch- und Knochensuppen
  • Hülsenfrüchte (Erbsen, Linsen, Bohnen, Sojaprodukte)
  • Bier

Purinarme bzw. purinfreie Lebensmittel:

  • alle anderen Gemüsesorten
  • Obst
  • Milch und Milchprodukte
  • Eier
  • Getreide und Getreideprodukte
  • Fette und Zucker

           

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