Medikamente im Alter

März 2008 | Medizin & Trends

So vermeiden Sie unerwünschte Wirkungen
 
Mit den Lebensjahren steigt oft auch die Anzahl der Medikamente, die regelmäßig eingenommen werden müssen. Aufgrund der Vielzahl der Arzneien und aufgrund körperlicher Veränderungen im Alter kann es jedoch zu unvorhergesehenen bzw. unerwünschten Wirkungen kommen. Für MEDIZIN populär erklärt der Arzt und Geriatrieexperte Dr. Markus Gosch, wie man diese Probleme in den Griff bekommen kann.
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

Schon ein Blick auf die körperlichen Veränderungen im Alter macht deutlich, dass man es bei den Senioren mit einer besonderen Klientel zu tun hat, die eine spezielle Vorgehensweise in der Verschreibung von Medikamenten verlangt. So arbeitet zum Beispiel die Leber – also das chemische Labor im Körper, in dem alles, was man dem Organismus zuführt, umgewandelt, abgebaut und entgiftet wird – nicht mehr so effektiv wie in jungen Jahren. Im Laufe der Zeit verringert sich nämlich das Volumen des Entgiftungsorgans und somit die Anzahl der funktionsfähigen Leberzellen deutlich. Ebenso verhält es sich mit den Nieren, die für die Ausscheidung zuständig sind. Auch ihre Leistungsfähigkeit ist im Alter vermindert, in manchen Fällen sogar um bis zu 50 Prozent.
Aufgrund dieser Veränderungsprozesse im Organismus werden Arzneimittel langsamer abgebaut und ausgeschieden. Anders ausgedrückt: Sie verweilen länger im Körper und wirken daher auch längere Zeit. „Wenn man sich diesen Umstand vor Augen führt, ist es nicht verwunderlich, dass Schlaf- oder Beruhigungsmittel, die am Abend eingenommen werden, auch noch am Vormittag des darauf folgenden Tages wirken können. Viele Senioren sind daher häufig am Vormittag noch benommen, antriebslos, schwindlig, reagieren zu langsam. Das ist besonders gefährlich, denn in diesem Zustand können sie leicht stürzen oder sich andere Verletzungen zuziehen“, so Dr. Markus Gosch, Facharzt für Innere Medizin am Landeskrankenhaus Hochzirl in Tirol und Leiter des Arbeitskreises für Polypharmazie und Pharmakologie innerhalb der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie.

Entweder zu viel …
Aufgrund der in vielen Fällen verminderten Arbeitsleistung der Organe kommt man bei älteren Menschen häufig mit einer geringeren Arzneimitteldosis aus als bei Jüngeren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. „Bei älteren Menschen kann man durchaus mit einer niedrigen Dosis beginnen und erst einmal beobachten, wie das Medikament wirkt. Wenn nötig, kann man die Dosis langsam erhöhen, bis die erwünschte Wirkung erzielt wird“, sagt Dr. Gosch. Eine niedrigere Dosierung ist auch deshalb angebracht, weil sehr viele Medikamente von den Herstellern an Männern im Alter zwischen 20 und 50 Jahren wissenschaftlich erprobt werden. Und deren Organismus ist von den genannten Veränderungen noch kaum betroffen.

… oder zu wenig
Die verringerte Leistungsfähigkeit des Organismus kann aber auch zum gegenteiligen Effekt führen: Arzneimittel entfalten zu wenig bis gar keine Wirkung. Dieser Umstand kann eintreten, weil der Verdauungstrakt älterer Menschen schlechter durchblutet ist und daher Arzneistoffe, aber auch Nahrungsergänzungsmittel unvollständig vom Darm in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Das ist mitunter ein Grund, dass Senioren häufig mit Vitaminen und Mineralstoffen unterversorgt sind, obwohl sie entsprechende Präparate schlucken. „Daher ist es ganz wichtig, dass das Einnahmeschema genauestens befolgt wird, dass man also darauf achtet, ob eine Arznei vor, während oder nach einer Mahlzeit eingenommen wird. So ist am ehesten gewährleistet, dass sie der Körper entsprechend aufnimmt“, empfiehlt der Experte.

Vorsicht Wechselwirkungen!
Das Alter bringt es mit sich, dass man häufiger krank ist, viele ältere Menschen leiden sogar an mehreren Erkrankungen gleichzeitig, was in der Fachsprache Multimorbidität genannt wird. Bluthochdruck, Osteoporose, Diabetes, Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt oder den Gelenken machen es erforderlich, dass mehrere Medikamente eingenommen werden müssen. „Es ist keine Seltenheit, dass Menschen mit 80 Jahren sieben, acht Medikamente pro Tag einnehmen, die rezeptfreien Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel nicht eingerechnet. Weil aber alles, was wirkt, auch Nebenwirkungen haben kann, ist es nicht weiter erstaunlich, dass zwei Drittel aller berichteten Wechsel- und Nebenwirkungen Personen betreffen, die älter als 60 Jahre sind“, sagt Dr. Gosch. Die häufigsten Nebenwirkungen sind:

  • Kreislaufprobleme
  • Verwirrtheit
  • Koordinations- und Bewegungsstörungen
  • Verstopfung
  • Sturzgefahr

Markus Gosch: „Viele ältere Menschen suchen mehrere Ärzte verschiedener Disziplinen auf, zum Beispiel Internisten, Augenärzte, HNO-Ärzte, Rheumaspezialisten, von denen sie jeweils Medikamente verordnet bekommen. Daher ist es ganz wichtig, dass ihr Hausarzt weiß, was sie von jedem dieser Mediziner verschrieben bekommen. Der Hausärztin oder dem Hausarzt sollten sie auch bekannt geben, was sie sonst noch an rezeptfreien Arzneien oder Stärkungsmitteln einnehmen. Auf diese Weise kann man die Neben- und Wechselwirkungen der Medikamente in den Griff bekommen.“

Keine Eigenmächtigkeiten
Eine gute Arzt-Patient-Beziehung ist auch nötig, damit ältere Patienten an der Therapie optimal mitarbeiten, was in der Fachsprache Compliance genannt wird. Auf die Einnahme von Medikamenten bezogen bedeutet dies: Die Mittel müssen in der verordneten Dosis sowie zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden. „Wir beobachten, dass mit der Anzahl der einzunehmenden Medikamente auch die Zahl der Therapieverweigerer steigt. Meistens nehmen Senioren weniger Medikamente ein als verordnet, eher selten kommt es vor, dass sie zu viel schlucken. Sie führen zum Beispiel ihre Müdigkeit oder andere Probleme auf ein bestimmtes Medikament zurück und setzen es ohne Absprache mit dem Arzt ab“, sagt Dr. Gosch. Das aber kann gefährlich werden, besonders, wenn es sich um ein lebenswichtiges Medikament handelt. Denn dann kann es vorkommen, dass etwa der Blutdruck in gefährliche Höhen steigt oder ein zu hoher Choles­terinspiegel bestehen bleibt, womit das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, enorm ansteigt. „Daher ist es so wichtig, mit den Ärztinnen und Ärzten Rücksprache zu halten, wenn man der Meinung ist, unter Nebenwirkungen von Arzneimitteln zu leiden. Man sollte auf keinen Fall eigenmächtig die Einnahmevorschriften ändern“, empfiehlt Dr. Gosch.

Medikamentendosierer macht’s leichter
In vielen Fällen liegt es an der Vergesslichkeit älterer Menschen, dass Medikamente nicht eingenommen werden. Dr. Gosch: „Besonders wenn Senioren mehrere Medikamente einnehmen müssen, kann es vorkommen, dass sie die Übersicht verlieren. Mit einem Medikamentendosierer kann man sich da gut helfen.“
In diesen praktischen Behelf können Medikamente für sieben Tage eingeordnet werden, genauestens aufgeteilt in jene Gaben, die morgens, mittags, abends oder nachts einzunehmen sind – eine Tätigkeit, die in wenigen Minuten erledigt ist und die ganz nebenbei die Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten stärkt. Ebenfalls hilfreich: ein Zerteiler, der das Halbieren von besonders kleinen Tabletten erleichtert.

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Vorsicht Nebenwirkungen:
Was heißt das, was im Beipacktext steht?

Viele Senioren verringern die verordnete Dosierung oder verzichten gar auf die Einnahme, weil sie den Beipacktext ihrer Medikamente durchlesen und von der langen Liste der möglichen Nebenwirkungen abgeschreckt werden. Die oft große Anzahl von möglichen Nebenwirkungen rührt daher, dass der Arzneimittelhersteller verpflichtet ist, alle Wirkungen, die durch wissenschaftliche Studien bekannt sind und die während der Anwendung eines Medikamentes auftreten können, im Beipacktext anzuführen. Werden dort Formulierungen wie „häufig“ oder „gelegentlich“ verwendet, so heißt das:

  • „häufig“:  
    bedeutet, dass die beschriebene Nebenwirkung – etwa Müdigkeit – in mehr als 10 Prozent der Fälle auftreten kann
  • „gelegentlich“:   die Nebenwirkung betrifft 1 bis 10 Personen von 100
  • „selten“:   die Nebenwirkung betrifft 1 bis 10 Personen von 1000
  • „sehr selten“:   die Nebenwirkung betrifft 1 bis 10 Personen von 10.000
  • „in Einzelfällen“:   die Nebenwirkung tritt bei 1 bis 10 Personen von 100.000 auf

           

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