Partnerschaft auf dem Prüfstand

Januar 2008 | Partnerschaft & Sexualität

Soll man bleiben oder gehen?
 
Was tun, wenn die Liebe nicht mehr spürbar ist, das Miteinander nur noch als langweilig oder mühsam empfunden wird und der Sex keinen Spaß mehr macht? Soll man sich trennen oder doch noch einmal versuchen, die Beziehung zu verbessern? MEDIZIN populär sagt, wie man in dieser oft verzwickten Lage zu einer Entscheidung finden kann.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Hallo, ich bin ziemlich verzweifelt und stecke in einer großen Zwickmühle“, schreibt Caro, 39 Jahre alt, in einem Internetforum für Ratsuchende in Liebesdingen, und fährt fort: „Ich habe schon seit einiger Zeit mit meinem Mann Probleme, das heißt, wir streiten uns ständig wegen Kleinigkeiten, unternehmen nichts mehr miteinander, leben nur noch wie Bruder und Schwester zusammen, und ich komme mir zunehmend vor wie eine Zweck-Frau, die kocht, putzt, wäscht und sonstige Dinge erledigt, die im Haushalt anfallen. Wir kennen uns seit sieben Jahren, nun ist bei mir die Liebe weg. Mein Bauchgefühl sagt mir, ich soll mich trennen, mein Verstand ist fürs Bleiben, weil wir auch eine Tochter haben, die erst zwei Jahre alt ist. Was soll ich tun?“

In Österreich wird derzeit die Hälfte aller Ehen geschieden, in Wien gehen sogar zwei Drittel der Bünde, die ursprünglich fürs Leben geschlossen wurden, über kurz oder lang in die Brüche. Trennungen sind kein Tabu mehr. Sie sind vielmehr zu einer Option geworden, die grundsätzlich jedem jederzeit offen steht, der in einer Beziehung lebt. Dennoch ist die Frage „Soll ich gehen oder bleiben?“ so wie für Caro wohl für alle, die Probleme mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin haben, schwierig zu beantworten.
Experten wie die Salzburger Psychotherapeutin und Allgemeinmedizinerin Dr. Elisabeth Oedl-Kletter werden von ihren Patientinnen und Patienten auch dementsprechend häufig um Entscheidungshilfe gebeten.

Eine Frage, zwei Gegenfragen
Wie sie den Ratsuchenden hilft? Jenen, die fragen, ob sie gehen oder bleiben sollen, stelle sie zunächst zwei Fragen, sagt Dr. Oedl-Kletter. „Was brauchen Sie, um gehen zu können?“ lautet die eine, „Was brauchen Sie, um bleiben zu können?“ die andere. Gemeinsam werde dann nach Antworten gesucht. Häufig sind die Antworten auf die Fragen nahezu identisch. Diese Erkenntnis sei meistens eine große Überraschung für die Betroffenen, sagt Dr. Oedl-Kletter. Denn sie zeige deutlich, „dass nicht die Partnerschaft das Problem ist, bzw. nicht der Partner oder die Partnerin die Schuld an der Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben tragen, sondern dass eigene Entwicklungsschritte anstehen.“                                                                                                     

Wenn jemand, der sich zum Beispiel wünscht, öfter ins Kino oder Spazieren zu gehen, damit beginnt, allein ins Kino zu gehen und Spaziergänge zu machen, und merkt, dass ihm das Spaß macht und dass die gewünschten Aktivitäten auch in der bestehenden Partnerschaft möglich sind, dann, so Dr. Oedl-Kletter, „stellt sich für die- oder denjenigen die Frage nach dem Gehen oder Bleiben oft gar nicht mehr“. Es gehe dann darum, die Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse selbst zu übernehmen.

Ein Wunsch, eine Mitteilung
Anders verhält es sich freilich, wenn auf die Frage „Was brauche ich, um bleiben zu können?“ Bedürfnisse zutage treten, die nur gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin erfüllt werden können. Dazu zählen zum Beispiel der Wunsch nach mehr Zeit für Gespräche, nach mehr Zärtlichkeit, nach mehr Respekt und Wertschätzung, nach einem erfüllteren Sexualleben oder auch nach mehr Mithilfe im Haushalt und bei der Kindererziehung.

Dr. Oedl-Kletterer dazu: „Wenn er mich wirklich liebt, muss er doch merken, was ich brauche! Das ist eine weit verbreitete Illusion. Doch: Die Wünsche müssen dem Partner schon mitgeteilt werden, damit er sie auch erfüllen kann.“ Wenn die Wünsche sachlich und ohne Vorwürfe geäußert werden können nach dem Muster: „Ich wünsche mir, dass du heute Einkaufen gehst/mich jetzt in den Arm nimmst“, sei schon viel gewonnen, sagt die Medizinerin und Therapeutin. Der oder die Angesprochene weiß dann Bescheid. Wenn er oder sie tut, worum man gebeten hat, hat man oft schon, was man braucht, um bleiben zu können und weiter an der Beziehung zu arbeiten. Und dafür, sagt Dr. Oedl-Kletter, genüge weniger, als man denkt: „Wenn man sich über Wünsche und Träume ernsthaft unterhält, tut das der Partnerschaft schon sehr, sehr gut.“ Die tatsächliche Erfüllung dieser Wünsche und Träume sei dann oft gar nicht mehr so wichtig.

Neue Bleibe, neuer Anfang
So einfach ist es freilich nicht immer. Schließlich gibt es auch folgende Situationen: Man hat bei der Suche nach Antworten auf die beiden genannten Schlüsselfragen Bedürfnisse erkannt, die nur gemeinsam mit dem Partner zu erfüllen sind, ihm diese mitgeteilt, der ignoriert sie aber weiterhin. Oder aber der Partner ist dagegen, dass man der Erfüllung eigener Bedürfnisse selber nachgeht. Was dann? Dann, so die Expertin, sollte man im Sinn der eigenen psychischen und physischen Gesundheit sowie auch im Sinn der psychophysischen Gesundheit etwaiger vorhandener Kinder eine Trennung in Erwägung ziehen. Man bekommt nicht, was man braucht, um bleiben zu können, und die Antwort auf die Frage: „Was brauche ich, um gehen zu können?“ kann daher nur noch heißen: „Mut und eine neue Bleibe für einen neuen Anfang.“

Was, wenn einem auf die Frage „Was brauche ich, um bleiben zu können?“ keine Antwort einfällt? Etwa, weil man sich in jemand anderen verliebt hat, mit dem man eine neue Lebenspartnerschaft eingehen will, oder weil einem jeden Tag nach der Arbeit der Gedanke zuwider ist, in eine Wohnung zurückkehren zu müssen, wo der Partner oder die Partnerin schon ist? „Dann ist man eigentlich schon weg“, sagt Dr. Oedl-Kletter. Wer trotz einer so eindeutigen Erkenntnis noch Zweifel hat, ob das Gehen das Richtige ist, dem gibt sie eine Aufgabe auf. Man soll sich bis ins kleinste, praktische Detail vorstellen, wie sein zukünftiges eigenständiges Leben oder das Leben an der Seite eines neuen Partners aussieht. Fühlt man sich bei der Vorstellung schlecht, zeigt das: Offensichtlich ist die Zeit für eine Trennung noch nicht reif. Fühlt sich die Vorstellung vom neuen Leben hingegen überraschend gut an, dann ist der Abschied fällig. Man sollte gehen, und zwar ohne auf den „richtigen Moment“ zu warten.

Gehen ohne Schaden. So funktioniert’s
Wie fügt man bei Trennungen sich und allen übrigen Beteiligten möglichst wenig Schaden zu? Dr. Oedl-Kletter empfiehlt eine möglichst ehrliche Aussprache sowie eine klare Distanzierung im Sinne von spürbaren Schritten in Richtung Neuanfang.
So können beide Ex-Partner ungestört voneinander die notwendigen Emotionen wie Kummer, Trauer und Wut, aber auch Erleichterung und Lust auf Neues erleben und sich von der beendeten Beziehung verabschieden. Finden die Ex-Partner nach einiger Zeit nicht nur in Freundschaft, sondern auch wieder in Liebe zusammen, könne durchaus noch eine gute Beziehung daraus werden, sagt Dr. Oedl-Kletter. „Manche müssen erst einmal richtig loslassen, um zu erkennen, was ihre Beziehung für sie bedeutet, und um einander reifer wieder zu finden.“
Wenig hält die Expertin allerdings von On-Off-Beziehungen, in denen sich Partner immer wieder trennen und dann auch immer wieder zusammenkommen. Dr. Oedl-Kletter: „Das bringt nichts, weil die Trennung in diesen Fällen innerlich nicht wirklich vollzogen ist und daher auch nichts wirklich Neues, Eigenständiges entstehen kann. Es bleibt alles beim Alten, außer dass der psychische und auch physische Gesundheitszustand aller Beteiligten von Trennung zu Trennung schlechter wird.“

Bleiben ohne Reue. So gelingt’s
Wenn es darum geht, eine Beziehung zu verbessern, gilt grundsätzlich der Spruch: „Durchs Reden kommen die Leut’ zusammen.“ Dr. Oedl-Kletter: „Wichtig ist nicht nur das Reden an sich, sondern auch, wie und worüber geredet wird.“ Man sollte sich Zeit dafür nehmen, dem Partner zuzuhören und dabei mit Respekt und Wertschätzung auf ihn eingehen, sowie sich und die eigenen Bedürfnisse dem Partner zumuten, ohne die augenblickliche und vollständige Erfüllung zu erwarten.
Man führt, ob man will oder nicht, im Kopf und in jeder Körperfaser ein Beziehungskonto. Darüber sollte offen gesprochen werden: Das heißt, beide Partner sollten offen legen, was der Partner auf das Konto „eingezahlt“ hat, also was einem gut getan hat und umgekehrt, was der Partner „abgehoben“ hat, also durch welches Verhalten er einen gekränkt hat. Diese „Liste“ wird in regelmäßigen Abständen gemeinsam durchgegangen. Wird dabei festgestellt, dass das Konto deutlich „überzogen“ ist, muss verhandelt werden.
Kommt es zu Verletzungen, kann man zum Beispiel vereinbaren, dass man für eine Verletzung drei Wiedergutmachungen (drei kleine Geschenke, dreimal Hilfe beim Wohnungsputz) bekommt. Wichtig ist auch bei diesen Verhandlungen, sich nicht mit faulen Kompromissen zufrieden zu geben.

Gefährliche Phasen. Wann es kriselt
In Beziehungen gibt es Phasen, in denen Trennungen besonders häufig vorkommen. Die erste gefährliche Phase fängt eineinhalb bis zwei Jahre nach dem Beginn der Beziehung an. Dann ist die Verliebtheit vorbei, die berühmte „rosarote Brille“ hat sich in Nichts aufgelöst. Wer sich trotz des nun klaren Blicks auf den Partner oder die Partnerin nicht von ihm oder ihr trennt, hat nach den Statistiken einige Jahre Zeit, ehe nach sieben bis zehn Jahren ab Beziehungsbeginn die nächste Krise droht. Dann hat man sich in und auswendig kennen gelernt, und wenn so viele Streits hinter einem liegen, dass auch alle Möglichkeiten der Versöhnung ausgeschöpft sind, stehen die Zeichen auf Trennung.
Gibt es noch Versöhnungsvarianten, und wollen die Partner noch etwas miteinander machen, dann geht es weiter bis zur nächsten gefährlichen Phase: Sind nach 18 bis 20 Jahren die Kinder erwachsen und aus dem Haus oder läuft die gemeinsam aufgebaute Firma von allein, könnte es sein, dass die Partner nun auch nichts mehr verbindet.
       

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