Gesund im Job

September 2009 | Leben & Arbeiten

Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz
 
Es gibt Dinge, die wünscht man sich als arbeitender Mensch immer wieder: ein wenig Ruhe, einen Hauch mehr Anerkennung, mehr Bewegung vielleicht oder öfter einmal ein offenes Wort mit dem Chef. Es gibt Arbeitsplätze, an denen das gut gelingt.
MEDIZIN populär rückt Unternehmen ins Rampenlicht, die sich einem Thema mit sperrigem Namen verschrieben haben: der betrieblichen Gesundheitsvorsorge.
 
Von Bettina Benesch

Stellen Sie sich vor, Sie stehen morgens auf. Ein neuer Arbeitstag liegt vor Ihnen, leichte Übelkeit kommt auf. Sie steigen in den Bus, fahren zur Arbeit. Mit jedem Schritt Richtung Eingangstür wird die Übelkeit stärker, im Kopf hämmert der Pulsschlag. Sie denken an den Papierstoß auf Ihrem Schreibtisch, an den schwierigen Kunden, den Sie heute treffen werden. Ihr Kopf schmerzt.

Was würden Sie jetzt tun?

Mitarbeiter der Wiener Zentrale der Erste Bank können in diesem Fall das unternehmenseigene Gesundheitszentrum besuchen. Ein Team aus Ärzten, Psychologen, Physiotherapeuten und Ernährungsberatern kümmert sich von der Wiener Innenstadt aus um 4500 Mitarbeiter in Wien, Niederösterreich und im Burgenland. Hier wird einerseits Arbeitsmedizin gemacht samt Rückengesundheit und Vorsorgeuntersuchung – andererseits Prävention: „Uns geht es darum, die Verantwortung der Mitarbeiter für ihre eigene Gesundheit zu stärken“, sagt Dr. Eva Höltl, Allgemeinmedizinerin und Leiterin des Gesundheitszentrums.

Dabei sei es wichtig, die Gesundheitsförderung nach den Menschen zu richten, wie etwa beim Projekt „First Health“: Aufbauend auf Gesprächen mit ihren Lehrlingen setzte die Bank von 2008 bis 2009 unter anderem auf Suchtprävention, Ernährungsberatung, auf Atem-, Stimm- und Sprechtraining. Benimm-Kurs vom Experten Thomas Schäfer-Elmayer inklusive. Über 70 Prozent der Lehrlinge nahmen an dem Projekt Teil, einige der Projektmaßnahmen sind laut Höltl in die Lehrlingsausbildung geflossen.

Medizinische Daten spielten und spielen dabei freilich eine Rolle. Sensible Daten, gespeichert im Betrieb: Der schlimmste Albtraum der Datenschützer. Höltl garantiert ihren Kollegen jedoch die Sicherheit sämtlicher Daten: „Alle Mitarbeiter des Gesundheitszentrums sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Es gibt keine mit Personendaten verknüpften Diagnosen, die Krankenakten verwahren wir in einem versperrbaren Schrank, wir verwenden keine elektronischen Dateien, und das Gesundheitszentrum liegt im fünften Stock, abgeschlossen von anderen Abteilungen.“

Die Mitarbeiter vertrauen der Datensicherheit offenbar: „Die Beteiligung an unseren Vorsorgeuntersuchungen liegt bei 50 bis 60 Prozent – weit über dem Österreichdurchschnitt“, sagt Höltl. Der Grund für die hohe Beteiligung: Höltl und Kollegen kommen für diese Vorsorgeuntersuchungen in die Filialen. Für die Arbeitsmedizinerin gilt: „Der Betrieb ist der ideale Ort für Gesundheitsförderung.“

Reden, akzeptieren, offen sein

Dem stimmt auch die Arbeitsmedizinerin Dr. Christine Klien zu, Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens ameco Health Professionals GmbH und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsmedizin: „Im Betrieb erreichen Sie viele Menschen mit ähnlichen Problemen gleichzeitig. Viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in sitzenden Berufen haben Probleme mit dem Bewegungsapparat. Da kann betriebliche Gesundheitsförderung stark eingreifen.“ Die Kunst dabei ist, die Mitarbeiter stark genug zur Verhaltensänderung zu motivieren. Gelingt dies nicht, stößt die beste Gesundheitsförderung rasch an Grenzen: „Der Arbeitsplatz kann toll ausgestattet sein, mitunter hat der Mitarbeiter aber trotzdem Beschwerden. Da muss er selbst aktiv werden und sich bewegen, so oft es geht. Hier kann die betriebliche Gesundheitsförderung aufmerksam machen und  unterstützen.“
Und sie kann Strukturen schaffen, um offene Gespräche zwischen Chefs und Mitarbeitern zu fördern: „Häufig sind Mitarbeiter gestresst, weil ihnen nicht klar ist, wer wofür verantwortlich ist“, so Klien. Führungskräfte wüssten über dieses Problem nicht immer Bescheid, weil die Kommunikation nicht immer optimal funktioniert.

Es braucht den Willen zu Kommunikation, Akzeptanz und Offenheit auf beiden Seiten. Dieser Wille scheint in Österreich bislang jedoch gering ausgeprägt zu sein: „Das Thema BGF ist noch sehr ausbaufähig“, sagt Klien. „Es passiert viel in Einzelaktionen. Weniger investiert wird jedoch in langfristige Abläufe und Evaluation, die zeitaufwändig sind und natürlich auch etwas kosten.“

„Wir müssen die Menschen froh machen“

In Linz scheint besagter Wille jedenfalls zu existieren: Im Spital der Elisabethinen arbeiten 1400 Mitarbeiter nach dem Leitsatz der heiligen Elisabeth: „Wir müssen die Menschen froh machen“. Da dieser Leitsatz auch die Mitarbeiter einschließt, startete 2005 ein Team um Berta Reiter das Projekt „Beiß in die Mango“: Drei Monate lang wurde etappenweise eine Geschichte erzählt, über deren Zweck und Ausgang die Mitarbeiter im Unklaren gelassen wurden. Nachdem die Geschichte aufgelöst war, begann das eigentliche Projekt unter anderem mit „Tagen des offenen Gesprächs“, mit Qi Gong, Nordic Walking-Gruppen, Kochkursen und Stressmanagement. Zu Projektende nach zweieinhalb Jahren gaben die Mitarbeiter an, weniger unter Zeitdruck und Stress zu stehen und weniger überbelastet zu sein als vor Projektstart.
Heute ist die Gesundheitsförderung in der Personalentwicklung verankert: Einmal jährlich veranstaltet das Spital eine Gesundheitskonferenz, Mitarbeiter können ihre Probleme in Gesundheitszirkeln einbringen. In den Zielvereinbarungsgesprächen soll es künftig eine gesundheitsbezogene Frage geben à la „Was brauchen Sie für Ihre Arbeit?“.

Reiters Ziel war es, innerhalb des ersten Jahres mindestens 50 Prozent der Mitarbeiter zur Teilnahme zu bewegen. Erfüllt hat sie das Soll bereits in den ersten sechs Monaten. „Skeptisch waren zu Beginn erstaunlicherweise eher die Führungskräfte der mittleren Ebene, während die Geschäftsführung das Projekt vorbildlich unterstützte“, sagt Reiter. „Wenn man Gesundheitsförderung aber gut kommuniziert, sind auch die Führungskräfte mit dabei.“
Eva Höltl von der Erste Bank hat die Chefs mit im Boot, wie sie sagt. Vertrauen werde groß geschrieben. Im Jahr 2007 waren die Mitarbeiter im Durchschnitt acht Tage lang im Krankenstand. Der Österreichschnitt lag im betreffenden Jahr bei zwölf Tagen. „Aber nicht nur wegen der betrieblichen Gesundheitsförderung“, sagt Höltl: „Wir haben eine vertrauensvolle Kultur. Nachspionieren bei Krankenständen gibt es nicht.“
Stellen Sie sich nun vor: Ihr Kopf schmerzt nach wie vor, an die Übelkeit haben Sie sich irgendwie gewöhnt. Aber jetzt zwickt auch die Bandscheibe – und auf dem Schreibtisch wartet die Arbeit immer noch. Was tun Sie? Fragen Sie doch Ihren Vorgesetzen: Vielleicht lässt sich da was machen.

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Was ist betriebliche Gesundheitsförderung?

Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) ist mehr als der Obstkorb im Pausenraum und der Schutz vor Unfällen und Berufskrankheiten. Wer die Gesundheit seiner Mitarbeiter fördern möchte, muss Strukturen schaffen, die gesundes Arbeiten ermöglichen: Die Arbeitsplätze derart gestalten, dass die Menschen gut sitzen, stehen, sehen, sich bewegen können und darauf achten, dass die Leute mit ihren Vorgesetzen offen und sachlich reden können. Dazu kommen weitere Maßnahmen wie Gymnastik, Ernährungs-, Raucher- oder Alkoholprogramme und Stressmanagement. Wer BGF in seinem Unternehmen umsetzen möchte, kann um Förderungen ansuchen, etwa beim Fonds Gesundes Österreich oder bei der Gebietskrankenkasse des jeweiligen Bundeslands.

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Fünf Schritte zu mehr Gesundheit im Betrieb

(1) Planen und steuern
Ziele definieren, Maßnahmen festlegen. Verantwortlich dafür ist die Steuerungsgruppe aus Führungskräften, Personalisten, Betriebsräten, Betriebsärzten und externen Beratern.

(2) Ist-Analyse
Gesundheitsbefragung und Krankenstandsanalyse.

(3) Maßnahmen planen
Mitarbeiter und Führungskräfte liefern Vorschläge und defi­nieren Maßnahmen, z. B. verbesserte Arbeitsabläufe.

(4) Umsetzung
Verhältnisprävention (Ergonomie, Arbeitsstrukturen etc.) und Verhaltensprävention (Eigenverantwortung der Mitarbeiter:  z. B. Bewege ich mich auch in der Freizeit?).

(5) Erfolgskontrolle
Gesundheitsbefragung und Krankenstandsanalyse.

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