Mittelohrentzündung

November 2009 | Medizin & Trends

Vorsicht vor bleibenden Folgeschäden!
 
Frühzeitig entdeckt, kann eine Mittelohrentzündung mit der richtigen Therapie vollständig geheilt werden.
Sie trifft besonders Kleinkinder, beginnt zumeist mit einer Erkältung oder Grippe, führt zu stechenden Ohrenschmerzen und kann in einem dauerhaften Hörschaden enden: die Mittelohrentzündung. Lesen Sie, wie man die Krankheit rechtzeitig erkennt und richtig behandelt.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Rasch einsetzende Ohrenschmerzen, nachlassendes Hörvermögen und ein allgemeines Krankheitsgefühl, das mit Fieber, Schwindel und Ohrgeräuschen einhergehen kann – das sind die Anzeichen einer akuten Mittelohrentzündung. „Otitis media acuta“ nennen Mediziner die Infektionskrankheit, die meist durch Bakterien, manchmal aber auch durch Viren ausgelöst wird. Am häufigsten betroffen sind Kleinkinder in den beiden ersten Lebensjahren, bei welchen andere Infekte wie eine Erkältung, eine Bronchitis oder auch eine Kinderkrankheit (Masern, Röteln, Scharlach) die Otitis begleiten.
„80 Prozent aller Kinder haben bis zum dritten Lebensjahr mindestens eine Mittelohrentzündung durchgestanden“, sagt Dr. Christoph Arnoldner, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten an der Medizinischen Universität Wien. Arnoldner nennt die bei Kindern anderen anatomischen Verhältnisse als Hauptgrund für das häufige Auftreten der Erkrankung: „Der Verbindungsgang zwischen Ohr und Rachen, die Tube, auch Ohrtrompete oder Eustachische Röhre genannt, ist bei Kleinkindern noch weiter und kürzer und verläuft außerdem flacher. Dadurch können sich die Erreger eines grippalen Infektes leichter ausbreiten.“ Vergrößerte Rachenmandeln, eine Gaumenspalte (Hasenscharte) und das regelmäßige Einatmen von Zigarettenrauch sind weitere Risikofaktoren.

So entsteht die Entzündung

Gesunde Tuben sorgen für einen Luftdruckausgleich zwischen Mittelohr und Nasen-Rachen-Raum. Sie sind mit feinen Härchen ausgekleidet, die verhindern, dass Krankheitskeime vom Rachen aufwärts wandern. Kommt es jedoch – typischerweise in der kalten Jahreszeit – zu einem Infekt der oberen Atemwege, wird die Funktion der Härchen beeinträchtigt. Die Erreger können nicht mehr aus der Röhre hinausbefördert werden und gelangen in das normalerweise keimfreie Mittelohr. Dort, genauer gesagt in der Paukenhöhle, rufen sie einen entzündlichen Prozess hervor: Die Schleimhaut schwillt an und sondert Sekret ab, das wegen der gestörten Tubenfunktion nun nicht mehr abtransportiert werden kann.
Die eitrige Flüssigkeit staut sich im Ohr und ruft das charakteristische Druck- und Schmerzgefühl hervor. Bei Kleinkindern kann eine Mittelohrentzündung mitunter beschwerdefrei verlaufen, öfters äußert sie sich allerdings durch Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Fieber. Säuglinge weinen aufgrund der Schmerzen und sind nur schwer abzulenken. „Darüber hinaus entwickeln viele Kinder einen so genannten Ohrzwang“, weiß HNO-Arzt Arnoldner. „Das heißt, sie legen die Hand auf das kranke Ohr oder zeigen immer wieder darauf.“
Dem Mediziner wiederum zeigt sich eine Mittelohrentzündung als gerötetes, vorgewölbtes Trommelfell, wenn er durch das Otoskop oder Mikroskop ins Ohr schaut. „Manchmal ist sogar schon das Trommelfell perforiert und Sekret fließt in den äußeren Gehörgang ab. Dadurch bessern sich die Beschwerden zwar vorerst, eine Hörminderung bleibt aber oft noch einige Wochen nach dem Abklingen der Schmerzen bestehen. In einigen Fällen ist ein gezielter, kleiner Schnitt ins Trommelfell nötig, um das gestaute Sekret abzusaugen und so die Paukenhöhle zu entlasten.“

Rechtzeitige Therapie wichtig

Die Behandlung einer akuten Mittelohrentzündung zielt unter anderem auf das Freimachen der verstopften Ohrtrompete ab. Das kann mit der Gabe von Nasentropfen gelingen, die eine abschwellende Wirkung auf die Schleimhaut haben. Wird die Entzündung durch Bakterien hervorgerufen, ist die Einnahme von Antibiotika meist unumgänglich. Dr. Christoph Arnoldner: „Einerseits verkürzt die frühzeitige Verabreichung von Antibiotika in den meisten Fällen den Krankheitsverlauf und reduziert die Komplikationsrate. Andererseits kann es bei Patienten, die älter als zwei Jahre sind und nur unter milden Symptomen mit Fieber unter 39 Grad Celsius leiden, durchaus zu einer Spontanheilung kommen. Deshalb empfiehlt sich als goldener Mittelweg oft die Strategie des kontrollierten Zuwartens: Der Arzt verordnet zunächst abschwellende Nasentropfen, Schmerzmittel und gegebenenfalls fiebersenkende Präparate. Erst wenn nach drei Tagen keine Besserung eintritt, verschreibt er Antibiotika.“
Bei drohenden Komplikationen muss eine Punktion des Trommelfells vorgenommen werden, um die Flüssigkeit aus dem Mittelohr abzusaugen. Diese Maßnahme lindert die Schmerzen und verbessert das Hörvermögen. Bei wiederholten Entzündungen wird zur Belüftung des Mittelohres ein kleines Röhrchen (Paukenröhrchen) in das Trommelfell eingesetzt.
Zwar können Betroffene durch das Einhalten von Bettruhe sowie das Auflegen einer Wärmflasche oder eines Dunstumschlages zur Genesung beitragen, einen Arzt sollten sie aber bereits im Anfangsstadium der Erkrankung aufsuchen. Denn eine unbehandelte oder zu spät behandelte Mittelohrentzündung kann schwerwiegende Folgen haben (siehe unten). „Trotz aller möglichen massiven Komplikationen hat man bei Mittelohrentzündungen mit der richtigen Therapie gute Chancen auf vollständige Heilung“, betont HNO-Arzt Christoph Arnoldner. „Spätfolgen wie ein bleibender Trommelfelldefekt oder der Übergang in eine chronische Verlaufsform stellen glücklicherweise die Ausnahme dar.“

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Die möglichen Folgen einer Mittelohrentzündung

Entzündung des Warzenfortsatzes

Staut sich der Eiter in der Paukenhöhle (Mittelohr), breitet sich die Entzündung auf den umgebenden Knochen aus. Hohlräume schmelzen ein, es zeigt sich eine Rötung und Schwellung hinter der nun weiter abstehenden Ohrmuschel. Zur Behandlung werden Antibiotika gespritzt. Manchmal ist eine Operation notwendig, bei der die infizierten Knochenteile entfernt werden.

Lähmung der Gesichtsmuskeln

Weil der Gesichtsnerv in einem dünnen, knöchernen Kanal durch das Mittelohr verläuft, kann seine Funktion durch eine Otitis beeinträchtigt sein. Als Folge wird die mimische Muskulatur gelähmt. Auch hier sind eine intravenöse Gabe von Antibiotika und Cortison sowie auch chirurgische Maßnahmen erforderlich.

Beteiligung des Innenohrs

Gelangen die von den Erregern erzeugten Giftstoffe in das Innenohr, kommt es zu einer Hörverschlechterung. Auch die Entzündung selbst kann sich auf das Innenohr ausdehnen und Schwerhörigkeit, Ohrgeräusche und heftigen Drehschwindel hervorrufen. Die Therapie setzt sich aus der Ableitung des giftigen Sekrets und der Gabe von entzündungshemmenden Arzneien zusammen.

Beteiligung des Gehirns

Besonders schwerwiegende, wenn auch seltene Komplikationen einer Mittelohrentzündung betreffen das Gehirn. Sie reichen von Hirnhautentzündung über Hirnabszess bis hin zur Bildung von Blutgerinnseln in den Hirnvenen.

Bleibende Hörschäden

Treten Mittelohrentzündungen häufiger auf, entstehen am betroffenen Gewebe mitunter Vernarbungen, die das Hörvermögen dauerhaft verschlechtern. Bei Kindern kann sich dadurch die sprachliche Entwicklung verlangsamen.

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So helfen Sie Ihrem Kind

          Vorbeugung

  • Wenn Ihr Kind häufiger an Mittelohrentzündungen erkrankt, lassen Sie ärztlich abklären, ob etwa die Rachenmandeln sich vergrößert haben. Eine Entfernung dieser „Polypen“ ist vor allem dann sinnvoll, wenn Ihr Kind schlecht Luft durch die Nase bekommt, sich hinter dem Trommelfell Flüssigkeit gesammelt hat und Entzündungen des Mittelohres mehrmals pro Jahr auftreten.
  • Stillen Sie Ihr Baby, denn Muttermilch stärkt das Immunsystem und schützt vor bakteriellen Erkrankungen.
  • Setzen Sie Ihr Kind möglichst keinem Zigarettenrauch aus. Speziell im eigenen Heim sollten Sie für eine nikotinfreie Atemluft sorgen.    

                  
    Behandlung

  • Wenden Sie sich bereits bei beginnenden Beschwerden an einen Arzt. Bei kleineren Kindern kann sich eine Mittelohrentzündung anfangs auch durch unspezifische Anzeichen wie Müdigkeit, Unruhe oder Trinkunlust bemerkbar machen.
  • Um Komplikationen und bleibende Schäden zu verhindern, ist oft die Einnahme von Antibiotika und cortisonhaltigen Arzneimitteln unvermeidlich. Verabreichen Sie Ihrem Kind die Medikamente genau nach ärztlicher Verordnung.
  • Mit einem Dunstumschlag können Sie die Schmerzen lindern. Dazu legen Sie ein feuchtes Tuch auf das Ohr, decken es mit einer Plastikfolie ab und befestigen alles mit einem warmen Wolltuch.
  • Wird der Druck im Mittelohr zu groß, ist ein kleiner Schnitt ins Trommelfell nötig, damit das Sekret abfließen kann. Dieser Eingriff wird bei Kindern generell im Krankenhaus unter Narkose durchgeführt. Das verletzte Trommelfell heilt in ein bis zwei Wochen von selbst.

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