Seele im Gleichgewicht

September 2009 | Medizin & Trends

So bleibt die Psyche in gesunder Balance
 
Anstrengung und Erholung, Geben und Nehmen, Bewegung und Ruhe, Nähe und Distanz, Festhalten und Loslassen – das sind nur einige Scheitelpunkte, zwischen welchen das Pendel des Lebens ausschlägt. Dass es immer schwieriger wird, das Gleichgewicht zu halten, zeigt die rasante Zunahme an Menschen mit psychischen Problemen. In MEDIZIN populär erläutert eine Expertin anhand von zehn Gegensatzpaaren, wie die Seele in gesunder Balance bleiben kann.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Um es gleich vorwegzunehmen: Gesunde Balance bedeutet nicht Erstarrung, sondern Veränderung im Sinn von ständiger Ergänzung und Ausgleich. „Viele Menschen unterliegen der irrigen Vorstellung, das seelische Gleichgewicht sei ein Zustand, den man einmal erreicht hat und dann starr bewahren muss. In Wahrheit aber gefährdet gerade ein solches Verhalten die seelische Balance“, schickt Dr. Elisabeth Oedl-Kletter, Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin in Salzburg sowie Vorstandsmitglied des Kuratoriums für psychische Gesundheit voraus. Denn zu viel Ordnung ist ein Gefahrensignal im System Mensch. Das gilt auch für die körperliche Ebene: Zeigt sich beispielsweise im EKG eine sehr regelmä­ßige Herzfrequenz, kann dies ein Anzeichen ernster Erkrankung sein. Die Variabilität ist ein Maß für die Fitness des Organismus. Sie zeigt, dass das Sys­tem reaktions- und anpassungsfähig ist. Für die psychische Gesundheit bedeutet das: „Unser Leben bewegt sich stetig zwischen Gegenpolen, zwischen welchen wir ein jeweils neues, für den Moment passendes Gleichgewicht zulassen sollten. Um seelische Ausgeglichenheit zu erreichen, schwingen wir ständig zwischen Extremen.

Dabei ist gegen diese Extreme selbst nichts einzuwenden, nur darin stecken zu bleiben wäre ungünstig. Wir können aber einen starken Pendelausschlag als Beginn einer schwungvollen Gegenbewegung in die andere Richtung nützen“, sagt Oedl-Kletter. Im Folgenden die zehn wichtigsten Gegensatzpaare, die die Expertin definiert hat, um diese Schwingungen zu veranschaulichen:

Bekanntes & Neues

Bei einer Urlaubsreise suchen wir die Abwechslung vom Alltag. Gleichzeitig freuen wir uns in der Fremde über Dinge, die uns an zu Hause erinnern. Jeder darf die für ihn richtige, individuelle Mischung zwischen überraschenden und vertrauten Elementen selbst herausfinden, wobei die Bedürfnisse sich meist im Laufe des Lebens verändern: Jugendlichen wird Bekanntes schnell langweilig, während Ältere durch allzu viel Neues verunsichert werden.

Geben & Nehmen

Wer nur gibt und nichts nimmt, der brennt mit der Zeit aus. Umgekehrt macht eine Situation unglücklich, in der man gänzlich auf die Unterstützung anderer angewiesen ist. So geraten z. B. Schwerkranke oft in ein für sie bedrückendes Abhängigkeitsverhältnis und wünschen sich sehnlich, selbst etwas geben zu
können.

Bewegung & Ruhe

Unser Alltag ist mit zu wenig körperlicher Betätigung verbunden, heißt es. Höchst ungesund leben aber auch jene, die nur umherhetzen und gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Da beide Lebensstile auf Dauer ungesund sind, gilt es, den jeweiligen Gegenpol hereinzuholen und zu integrieren.

Anstrengung & Erholung

Wer sich keine Pausen gönnt und auch an den Wochenenden arbeitet, fühlt sich rasch ausgepowert. Demgegenüber ist tiefe Entspannung nach heftiger Aktivität besonders spürbar. Nur ein gesunder Wechsel zwischen Anstrengung und Muße kann die Leistungsfähigkeit auf Dauer erhalten.

Gemeinsamkeit & Alleinseinwollen

Ein Mensch fühlt sich einsam, wenn er merkt, dass er zu wenige Kontakte pflegt. Oder er vermisst das Alleinsein, weil er ständig die ganze Familie um sich und keine Zeit für sich selbst hat. Glücklicherweise macht sich zumeist der fehlende Aspekt in Form von Sehnsüchten bemerkbar. Eine durch ihre Kinder stark beanspruchte Mutter etwa kann den dringenden Wunsch verspüren, eine Stunde allein durch die Gegend zu radeln. Hat sie den Pol „Zeit für mich alleine“ zurück in ihr Leben geholt, ist sie wieder versöhnlich gestimmt und wird die Zeit mit den Kindern genießen können.

Freiheit & Geborgenheit

Auch bei diesem Gegensatzpaar sind die Bedürfnisse individuell und situationsbedingt verschieden. Was für den einen bedrohlich viel Selbstbestimmung darstellt, kann für den anderen schon Eingeengtheit bedeuten.

Nähe & Distanz

Hier eröffnet sich gerade in Paarbeziehungen ein Feld für Konflikte. Wichtig ist es, die gegenwärtige Bedürfnislage zu artikulieren, damit der Partner sich darauf einstellen kann. Nur so ergibt sich die Möglichkeit, bei unterschiedlichen Sehnsüchten lebbare Kompromisse zu finden.

Risiko & Planung

Spielsüchtige geraten ins Wanken, indem sie ihr Geld in Unternehmungen investieren, die keine realistischen Gewinnchancen bieten. Draufgänger stürzen sich in halsbrecherische Abenteuer, ohne die Folgen zu bedenken. Die Kehrseite der Medaille ist ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis. Es verhindert ein genussvolles Leben, denn wer immer dieselben ausgetretenen Pfade geht, wird wenig Wanderlust empfinden.

Einsatz & Belohnung

Wirtschaftlich schwierige Zeiten zwingen viele Menschen, Arbeiten anzunehmen, die anstrengend oder sogar gefährlich sind, jedoch schlecht bezahlt werden. Das ständige Gefühl, zu wenig Geld oder Anerkennung für seinen Einsatz zu bekommen, macht krank. Im Grunde kennen die meisten Hausfrauen dieses Problem. Sie versuchen, sich trotz des Ungleichgewichts stabil zu halten. Oft verhindern allerdings nicht äußere Einflüsse die Gegenbewegung, sondern die eigene Vorstellung: Weil es andere in meiner Umgebung tun, muss ich es auch ertragen, denken die Betroffenen zu Unrecht.

Festhalten & Loslassen

Eltern dürfen ihre Kinder weder im eigentlichen noch im übertragenen Sinn fallen lassen. Sie sollen zur Verfügung stehen, wenn der Nachwuchs sie braucht. Wichtig und mindestens ebenso schwierig ist es, die Heranwachsenden später in ihr eigenständiges Leben zu entlassen. Auch bei Freundschaften oder Hobbys spielt die Ausgewogenheit zwischen Festhalten und Loslassen eine große Rolle. Erstrebenswert wäre, bereits beim Erlernen einer Fähigkeit zu berücksichtigen, dass Interessen sich im Laufe der Zeit verlagern: Widmen Sie sich einer Sache mit voller Energie, denn was man nicht richtig festgehalten hat, kann man später nur schwer wieder loslassen.

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Mit vier Strategien zur Balance

Was ist zu unternehmen, damit das Leben in Fluss bleibt und sich immer wieder ein neues, gutes Gleichgewicht einstellt? Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin
Dr. Elisabeth Oedl-Kletter legt uns vier Strategien ans Herz:

  1. Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber.
    Versuchen Sie, sich Ihre Bedürfnisse einzugestehen bzw. sie gegenüber anderen auszusprechen. Auf diese Weise erleichtern Sie sich das Finden Ihres seelischen Gleichgewichts.

  2. Die eigenen Wünsche ernst nehmen.
    Begrüßen Sie einen aufkeimenden Wunsch wie einen innigen Freund, denn Wünsche bereichern Ihr Leben. Sie sind Wegweiser in der Fülle der Angebote und machen selbst dann Ihr Leben bunter, wenn sie sich noch nicht erfüllen.

  3. Sich klar gegen Normen abgrenzen.
    Lassen Sie sich nicht von den Erwartungen anderer einnehmen, sondern stehen Sie zu Ihren eigenen Vorstellungen. Haben Sie den Mut, gesellschaftliche Normen in Frage zu stellen und sich allenfalls dagegen aufzu­lehnen.

  4. Gestaltungsmöglichkeiten wahrnehmen und nützen.
    Irgendetwas an der Situation können Sie bestimmt verändern! Beobachten Sie, was andere Menschen in ähnlichen Situationen tun. Besonders hilfreich sind jene Zeitgenossen, über die Sie sich ärgern. Für gewöhnlich wenden diese Leute eine andere Lösungsstrategie an. Davon wiederum können Sie sich unter Umständen ein Scheibchen abschneiden. Oder es bringt Sie vielleicht auf die Idee, eine andere Taktik zu versuchen.

 

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Wie geht es mir?
Testen Sie Ihren psychischen Status quo

Nehmen Sie sich etwas Zeit, ziehen Sie sich an einen ruhigen Ort zurück und betrachten Sie Ihren „Seelengarten“:

  • Haben Sie noch Beete zur Gestaltung frei?
  • Was blüht gerade?
  • Wo wächst Unkraut, das Sie besser jäten?
  • Welche Pflanzen brauchen Wasser?
  • Bietet der Zaun ausreichend Schutz vor Zerstörung?
  • Bekommen alle Bedürfnisse genügend Licht?
  • Wo rankt sich das kleine Glück?
  • Wo keimt ein Wunsch und wie können Sie ihn hegen?

Wandern Sie in regelmäßigen Abständen, zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten durch Ihren Seelengarten. So entdecken Sie allmählich Ihren ganz individuellen Weg zu Ihrem persönlichen seelischen Gleichgewicht und erfreuen sich an den Veränderungen.

WEBTIPP:
https://www.kuratorium-psychische-gesundheit.at/

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