Genießen ist gesund

Mai 2010 | Ernährung & Genuss

Warum Genuss beim Essen so wichtig ist
 
Optimistisch, glücklich, ausgeglichen, entspannt und gesund: So fühlen sich genussvolle Esser nach den aktuellen Ergebnissen der Befragungen für den „Ersten Österreichischen Genussbarometer“. Unbeschwert Genießen – das können hierzulande aber nur rund 17 Prozent, der Rest hat seine liebe Mühe damit. Warum das so ist und wie sich das ändern lässt, erklärt Genussexperte Univ. Prof. Dr. Jürgen König vom Departement für Ernährungswissenschaften der Universität Wien im Interview mit MEDIZIN populär.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

MEDIZIN populär
Herr Prof. König, Österreich vermarktet sich touristisch unter anderem auch als Genussregion. Heißt das, dass die Österreicherinnen und Österreicher selber ihr Essen auch genießen?

Univ. Prof. Dr. Jürgen König
Leider nicht. Wirklich genussvoll essen und trinken können nur 17,4 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher. Weitaus mehr, also 67,5 Prozent, sind Genusszweifler. Und dann gibt es noch die Genussunfähigen, das sind nach den Ergebnissen der Befragungen für den Ersten Österreichischen Genussbarometer 15,1 Prozent der Österreicher.

Wie definieren Sie die drei Typen?

Die Genießer essen, worauf sie Lust haben, achten bei der Auswahl der Nahrung auf Qualität, nehmen sich Zeit für das Essen und für den Genuss des Essens – ob das nun das Wiener Schnitzel ist, der Schweinsbraten, die Gemüseplatte oder die Sachertorte. Die Genusszweifler essen das Schnitzel und die Sachertorte zwar auch, doch bei ihnen wird das Genussempfinden geschmälert: Durch die Sorge, etwas zu sich genommen zu haben, was sie eigentlich nicht essen sollten, weil es zu fett ist und zu viele Kalorien hat und sie doch abnehmen wollen. Oder sie essen das Schnitzel erst gar nicht, bestellen stattdessen eine Gemüseplatte, obwohl sie keine Lust darauf haben, und essen sie entsprechend lustlos. Die Genussunfähigen entwickeln die Lust auf das Schnitzel erst gar nicht und essen lustlos irgendetwas.

Wer isst am gesündesten?

Eindeutig die Genießer. Dass der Genuss beim Essen die Gesundheit fördert, zeigen biochemische Effekte, die auch messbar sind. Schon allein bei der Vorfreude auf eine bestimmte Speise wird ein Botenstoff im Gehirn freigesetzt, der Neurotransmitter Dopamin. Der sorgt dafür, dass man sich wohlfühlt, und bewirkt auch, dass das Immunsystem stark bleibt und man Attacken von Krankheitserregern gut abwehren kann. Außerdem haben wir festgestellt, dass fast die Hälfte der Genießer normalgewichtig ist, nämlich 47 Prozent, während nur je 38 Prozent der Genusszweifler und Genussunfähigen Normalgewicht haben.

Wenn man jeden Tag Schweinsbraten „genießt“, kann das doch nicht gesund sein …

… und ist nach meinem Dafürhalten spätestens nach dem dritten Tag nicht mehr mit Genuss verbunden, sondern deutet auf ein grundsätzlich falsches Ernährungsverhalten hin.

Der wahre Genießer übt sich also nach dem Genuss in Verzicht?

Nach dem Genuss des Schweinsbratens hat der wahre Genießer eine Zeitlang genug davon und isst etwas anderes. Auf diese Art und Weise ernähren sich die Genießer auch ausgewogen, was wiederum die Gesundheit fördert.

Warum können die Genusszweifler und die Genussunfähigen ihr Essen nicht genießen?

Dazu hat unsere Befragung ergeben, dass 43 Prozent der Betroffenen sagen, Stress und Hektik nehmen ihnen die Freude am Essen. 62 Prozent der Befragten lehnen es zum Beispiel grundsätzlich ab, im Stehen oder Gehen zu essen, und doch tun es 30 Prozent regelmäßig, weil sie aus Zeitmangel keine andere Möglichkeit sehen.

Unterscheiden sich die Genießer, Genusszweifler und Genussunfähigen auch beim Essen außer Haus?

Dazu haben wir herausgefunden, dass 60 Prozent der Genießer und 49 Prozent der Genusszweifler mindestens einmal pro Woche zu Mittag essen gehen, während das nur 35 Prozent der Genussunfähigen tun. Abends gehen 31 Prozent der Genießer, 20 Prozent der Genusszweifler und nur 16 Prozent der Genussunfähigen einmal in der Woche zum Essen aus. Wenn außer Haus gegessen wird, achten wiederum aber nur die Genießer auf Ausgewogenheit und schauen darauf, dass die Gerichte, die sie zu sich nehmen, zum Beispiel einen hohen Anteil an Gemüse haben.

Können die Genussunfähigen und Genusszweifler lernen, Genießer zu werden?

Das ist das Ziel, das wir uns aufgrund der Ergebnisse des Ersten Genussbarometers gesetzt haben.

Wie soll das gehen?

Wir müssen den Betroffenen vermitteln, dass sie sich dem Genuss hingeben sollen, und ihnen auch vermitteln, wie das geht. Wir haben dafür sieben Regeln aufgestellt. Die reichen von dem Leitsatz „Genuss braucht Zeit“ über „Weniger ist mehr“ bis hin zu „Genuss braucht Erfahrung“.

Sind Regeln nicht die natürlichen Feinde des Genießens?

Der wahre Genießer braucht in der Tat keine Regeln, aber die von uns aufgestellten Regeln sollten den Genussunfähigen und Genusszweiflern eine Hilfestellung bieten, wie sie lernen können, mit Genuss umzugehen. Idealerweise werden diese Regeln hinfällig, wenn das Ziel eines unbeschwerten Genusses erreicht ist.

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Erster Österreichischer Genussbarometer

Der Erste Österreichische Genussbarometer ist ein Projekt vom „forum ernährung“ mit wissenschaftlicher Unterstützung durch das Institut für Ernährungswissenschaften an der Fakultät für Lebenswissenschaften der Universität Wien. Für den Genussbarometer wurde 2009 und Anfang dieses Jahres in vier Wellen erhoben, welchen Stellenwert das Essen für die Österreicherinnen und Österreicher hat. Befragt wurden jeweils 500 Menschen im Alter zwischen 14 und 69 Jahren zu ihrem Verständnis von Genuss, ihren Geschmacksvorlieben, ihrem Gesundheitsinteresse und zum persönlichen Empfinden ihrer Lebensqualität. Die Auswertung ergab, dass die große Mehrheit der Österreicher sogenannte Genusszweifler sind: 67,5 Prozent genießen eigentlich gern, tun das aber immer mit schlechtem Gewissen. Auf Platz zwei landeten die Genussfähigen mit 17,4 Prozent der Österreicher, als genussunfähig entpuppten sich 15,1 Prozent der Österreicher.

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Die sieben Genussregeln

Genuss braucht Zeit
Schaffen Sie sich in Ihrem Tagesablauf „Genussinseln“!

Genuss muss erlaubt sein
Gönnen Sie sich Genusserlebnisse!

Geniessen geht nicht nebenbei
Schenken Sie dem Genuss Aufmerksamkeit!

Genuss ist individuell
Jeder sollte seine eigenen Vorlieben kennen und wissen was ihm gut tut, hören Sie auf Ihren Körper!

Weniger ist mehr
Beschränken Sie sich zeitweilig in Ihrem Genusserleben!

Genuss ist alltäglich
Warten Sie nicht auf einen besonderen Moment, genießen Sie im Jetzt!

Genuss braucht Erfahrung
Erleben Sie bewusst mit allen Sinnen und halten Sie das Genusserlebnis in Erinnerung!

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