Überaktive Blase: Neue Behandlung setzt sich durch

März 2010 | Medizin & Trends

Rund 800.000 Österreicherinnen und Österreicher leiden an einer überaktiven Blase, deren Symptome auf „falsche“ Nervenreize zurückgehen. Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter deutlich zu, Frauen sind etwa doppelt so oft davon betroffen wie Männer. In MEDIZIN populär verrät ein Urologe, was man dagegen tun kann.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Während des Stadtbummels müssen Sie plötzlich ganz dringend auf die Toilette und suchen verzweifelt nach der nächsten Gelegenheit? Häufiger Harndrang treibt Sie bei der Arbeit jede halbe Stunde aufs WC?
Mit diesen Problemen sind Sie nicht allein: Eine überaktive Blase (Reizblase) macht rund zwölf Prozent aller Über-40-Jährigen zu schaffen und äußert sich auf unterschiedliche Weise: Plötzlicher, schwer beherrschbarer Harndrang, häufiges Wasserlassen oder nächtliches Urinieren zählen zu den Hauptsymptomen. Experten unterscheiden außerdem zwischen einer „trockenen“ und einer „nassen“ überaktiven Blase. Das bedeutet: Es kann, muss dabei nicht zum unfreiwilligen Harnverlust kommen.

Mögliche Ursachen

Die Ursachen für die unangenehmen Harndrangsymptome können in der Blase selbst liegen. „Harnwegsinfektionen, chronische Blasenentzündungen, Harnsteine oder Tumoren können dazu führen“, berichtet Dr. Karl Dorfinger, Facharzt für Urologie und Präsident des Berufsverbandes der Österreichischen Urologen. Die Beschwerden können aber auch durch Probleme, die außerhalb der Blase liegen, verursacht werden. „Neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder hormonelle Probleme – etwa ein Östrogenmangel – und sogar psychische Faktoren können dabei eine Rolle spielen“, so der Facharzt. „Bei Männern kann auch eine Abflussstörung – wenn etwa die Prostata die Harnröhre einengt – zu einer Reizblase führen.“ Womöglich hat man sich die Beschwerden aber auch einfach durch ein schlecht eingelerntes Verhalten beim Wasserlassen „antrainiert“. „Man sollte sich angewöhnen, regelmäßig aufs WC zu gehen, dem Harndrang nicht zu früh nachgeben, den Toilettengang aber auch nicht unnötig hinauszögern“, so der Arzt. Wie häufig man die Blase im Idealfall entleert, ist individuell verschieden. „Zwischen drei und acht Mal pro Tag gilt als normal“, sagt Dorfinger.
Erst wenn die oben genannten Ursachen ausgeschlossen werden können, spricht man übrigens von der eigentlichen „überaktiven Blase“, der degenerative Erkrankungen der Blasenwand oder der übergeordneten Steuerungszentren im Gehirn zugrunde liegen können.  

Mehr Ältere betroffen

Dass ältere Menschen häufiger von dem Problem betroffen sind (nach der EPIC-Studie aus dem Jahr 2006 sind es bei den 50- bis 70-Jährigen 30 bis 40 Prozent), liege vor allem daran, dass mit zunehmendem Alter das Risiko für Erkrankungen, die Auswirkungen auf die Blase haben, steige. „Das Risiko für verschiedene Stoffwechselerkrankungen wie etwa Diabetes und hormonelle Veränderungen, die sich auch auf die Blasenfunktion auswirken können, steigt mit zunehmendem Alter“, erklärt der Facharzt. „Frauen in der Menopause haben ein erhöhtes Risiko einer plötzlichen hormonellen Veränderung, bei Männern sind es in erster Linie Prostataprobleme, die das Risiko für eine überaktive Blase steigern.“

Defekte Schutzschicht

Neuere Studien zeigen, dass bei der Entstehung der Beschwerden die sogenannte GAG-Schicht (=Glykosaminoglykan-Schicht) eine wichtige Rolle spielt: Diese innerste Schutzschicht der Blase ist bei der überaktiven Blase häufig defekt. Sie liegt wie ein dünner Film innen auf der Blasenschleimhaut und verhindert im Normalfall, dass reizende Substanzen aus dem Harn bis in die Blaseninnenwand vordringen können. „Wenn diese Schleimschicht – z. B. aufgrund einer chronischen Blasenentzündung – angegriffen und deshalb nicht mehr intakt ist, können bestimmte Harninhaltsstoffe in die Zwischenräume der Blasenzellen gelangen und dort die Nervenendigungen reizen“, so der Arzt. Durch diese Nervenreizung erhält das Gehirn den Befehl zur Blasenentleerung: Die Blasenwandmuskulatur zieht sich zusammen, selbst wenn die Blase noch nicht gefüllt ist. In der Folge treten die bereits genannten Beschwerden auf.
Die defekte Schutzschicht wieder herzustellen, ist das Ziel der sogenannten Instillationstherapie. „Indem man über die Harnröhre einen Katheter in die Blase einführt, werden Glykosaminoproteine in die Blase eingebracht, die eine Stunde oder länger dort verbleiben, bevor man sie wieder ausuriniert“, erläutert Dorfinger. „Inzwischen sollten sich die innere und die äußere Schicht der Blase erneuern.“ Diese relativ einfache, sehr wirksame Behandlung wird meist als Kur für sechs Wochen wöchentlich durchgeführt und dann einmal im Monat wiederholt.

Neues Verhalten und Medikamente

Die Behandlung kann auch in einem Verhaltenstraining bestehen: „Dabei lernen die Patienten neben dem richtigen Trinkverhalten die Blase richtig zu entleeren und nicht zu pressen, um den Blasenmuskel nicht zu schädigen. Oder sie üben, die Blase in der richtigen Frequenz zu entleeren, indem sie nach der Uhr – etwa alle drei Stunden – aufs WC gehen“, erklärt der Facharzt.
Auch verschiedene Medikamente, beispielsweise die Blasenaktivität dämpfende Mittel (Anticholinergika) oder Abfluss erleichternde Medikamente kommen zum Einsatz. „Hat ein Patient aufgrund einer Prostatavergrößerung ein Abflussproblem, so lässt sich dieses mit Alphablockern reduzieren“, ergänzt der Urologe.

Operation als letzter Ausweg

Operative Eingriffe werden erst dann vorgenommen, wenn medikamentöse Maßnahmen nicht greifen. „Wenn beim Mann eine Prostataoperation durchgeführt wird, kann man unter Umständen das Problem der überaktiven Blase gleich mit beheben“, nennt der Arzt eine mögliche Vorgehensweise.
Ansonsten können – je nach Schweregrad – drei verschiedene Methoden angewendet werden: Die erste ist die sogenannte Botox-Injektion. „Indem man Botulinumtoxin A in verschiedene Stellen der Blase spritzt, wird der Blasenmuskel gelähmt und damit die Überaktivität gedämpft.“ In besonders schwerwiegenden Fällen kann eine sogenannte sakrale Neuromodulation nötig werden: Indem man einen kleinen Schrittmacher implantiert, der Einfluss auf die die Blase kontrollierenden Nerven nimmt, sollen die Patienten die Kontrolle über die Blasenfunktion wieder gewinnen. „Dieser schwierige Eingriff sollte nur in spezialisierten Zentren durchgeführt werden“, betont Karl Dorfinger. Auch die Blasenaugmentation – die künstliche Vergrößerung einer durch chronische Entzündungen geschrumpften Blase – ist ein „Großeingriff“, den man nur in Ausnahmesituationen durchführt. Einen allerletzten Ausweg stellen Harnableitungen mit Hilfe eines Katheters dar.

Vorbeugung

Wie bei so vielen gesundheitlichen Problemen lässt sich auch einer überaktiven Blase am besten mit einem ausgewogenen Lebensstil vorbeugen. Die gesunde Ernährung sollte auch ein bewusstes Trinkverhalten mit angemessenen Trinkmengen einschließen. „Dadurch wird das Risiko für Erkrankungen, die sich negativ auf die Blase auswirken – etwa für Gefäßveränderungen wie Arteriosklerose oder Diabetes – reduziert“, erläutert Dorfinger.

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Wichtige Selbstkontrolle:

Trink- und Harnverhalten protokollieren

Für die exakte Diagnose der Blasenstörung unverzichtbar ist ein Miktionsprotokoll (Miktion ist die vollständige Entleerung der Harnblase), bei dem für zwei bis vier Tage Buch über die Trink- und Harnmengen geführt wird. „Der Patient schreibt genau auf, wann, wie oft und wie viel er trinkt, wann und wie viel er uriniert, wann der Harndrang sehr stark ist oder er gar gegen seinen Willen Harn verliert“, erklärt der Urologe Dr. Karl Dorfinger. Das Miktionsprotokoll sollte dann mit dem urologischen Facharzt besprochen werden.

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