Der Traum von Zukunft

Januar 2011 | Gesellschaft & Familie

Was Kinder und Jugendliche an Castingshows finden
Castingshows sind der aktuelle TV-Trend. Wenn auf der großen Fernsehbühne Supertalente, Superstars, Supermodels oder – wie derzeit im ORF – „Helden von morgen“ auserwählt oder hinausgewählt werden, dann schauen Millionen vor allem junge Menschen zu. MEDIZIN populär fragte beim Kinder- und Jugendpsychiater Univ. Prof. Dr. Max Friedrich nach, was Kinder und Jugendliche an diesen Shows finden.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Die Zeit der Bühne ist vorbei“, sagt Univ. Prof. Dr. Max Friedrich, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, „wir leben in der Zeit des Bildschirms.“ Dass so viele Menschen danach streben, sich via Bildschirm Öffentlichkeit zu verschaffen, ist die eine Seite. Dass sich so viele Menschen vor den Bildschirm setzen, um diese Selbstinszenierungen zu sehen, ist die andere. „Es ist das Wechselspiel aus Exhibitionismus und Voyeurismus“, das Castingshows bedienen, sagt Friedrich. Und sie bedienen es im großen Stil. Castingshows boomen: Ob Supertalente, Superstars, Supermodels oder „Helden von morgen“, kaum ein TV-Sender, der diesen Trend nicht aufgreift.

Zuckerlrosa Perspektiven

Auch Erwachsene schauen zu, wenn am Samstagabend „ganz normale“ Menschen in aller Öffentlichkeit ihren Traum von Zukunft träumen. Man freut sich mit, wenn – selten, aber doch – der Traum in Erfüllung geht. Man suhlt sich in Schadenfreude, wenn – wie in den allermeisten Fällen – der Traum zerplatzt. Warum vor allem Kinder und Jugendliche mitfiebern? „Weil sie sich mit den vorwiegend jungen Kandidatinnen und Kandidaten identifizieren können: ,Das kann ich auch, das möchte ich auch, und jetzt spicke ich mir ab, was ich tun kann, um auch in die Öffentlichkeit zu kommen und ein Star zu werden!‘“
Sich den Traum von Zukunft auszuborgen, ist für Kinder und Jugendliche ein starkes Motiv, um Castingshows anzuschauen. Zumal die eigenen Perspektiven oftmals nicht so rosig sind „wie das zuckerlrosa Kleid des Kindes, das auf der großen Fernsehbühne ein Lied trällert“, sagt Friedrich.

Dem grauen Alltag entfliehen

Der Wirklichkeit entfliehen, aus dem grauen Alltag heraus und in eine Phantasiewelt eintreten, das ist der Stoff, aus dem die Castingshows sind. „Diese Shows sind nichts anderes als moderne Märchen auf der massenmedialen Ebene, wie wir sie heute kennen“, stellt Friedrich fest. „Und Menschen, vor allem Kinder, brauchen Märchen. Von etwas träumen, sich eine schönere Welt zaubern, als sie tatsächlich ist, das brauchen wir, um den Frustrationen des Alltags zeitweise zu entfliehen.“
Castingshow-Kandidaten als moderne Märchenhelden, die Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen, Jurymitglieder als gute Feen oder böse Hexen, die den Märchenhelden unterstützen oder zerstören – das ist noch nicht alles: In vielen dieser Märchen-Shows dürfen auch die Zuschauer mitspielen und per Publikumsvotings über das Schicksal der Kandidatinnen und Kandidaten bestimmen. „Das ist ein starker Anreiz, sich diese Sendungen anzuschauen“, so Friedrich. „Jemanden auszuwählen oder hinauszuwählen, das gibt Macht. Eine Macht, die man im wirklichen Leben vielleicht nicht hat, und so schlüpft man in eine magische Rolle.“

Intimität schützen

Sollen sich Eltern Sorgen machen, wenn ihre Kinder in magische Rollen und moderne Märchenwelten hineinkippen? Friedrich: „Sie sollten auf jeden Fall aufgerüttelt werden und nachschauen, was dem Kind fehlt. Hat das Kind nämlich einen Mangel an Liebe, Wärme, Zuneigung, so wendet es sich anderswohin in der Hoffnung, diese Zuwendung zu bekommen.“
Dass diese Suche nach Zuwendung in der heutigen „Zeit des Bildschirms“ oft mit dem öffentlichen Preisgeben ganz normaler Lebenswelten einhergeht, hält Friedrich für „sehr problematisch, weil damit die Intimität des Menschen verlorengeht“. Ob Selbstentblößungen via Castingshows, Facebook, Twitter, Youtube oder andere Foren: „Es ist der unserer Gesellschaft innewohnende Exhibitionismus, menschliche Geheimnisse einer beinahe weltweiten Öffentlichkeit kundzutun. Es ist aber ganz wichtig, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie sich ihre Intimität und damit ihre Identität bewahren sollen, weil im Denken, Fühlen, Handeln, Wollen die Individualität verborgen ist.“
Wie man ihnen das vermittelt? Friedrich: „Erstens, indem man es ihnen vorlebt. Eltern, die sich selber via Bildschirm entblößen und alles Mögliche von sich preisgeben, dürfen sich nicht wundern, wenn ihre Kinder das auch tun wollen. Und zweitens, indem die Eltern das Wichtigste, nämlich den Dialog mit den Kindern, auch über solche Dinge wie Castingshows, Facebook & Co immer pflegen.“    

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