Katzenschnurren gegen Schmerzen

Dezember 2011 | Medizin & Trends

Grazer Ärzte erfinden tierisch einfache Therapie
 
Ein Grazer Ärzteteam erzielt beachtliche Erfolge mit einer tierisch einfachen Therapie: Katzenschnurren soll Schmerzen unterschiedlichster Herkunft lindern, darüber hinaus die Durchblutung verbessern und bei vielen weiteren Leiden helfen. Einen wichtigen Anstoß für die Erfindung dieser Therapie gab übrigens
ein Artikel in MEDIZIN populär.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Im November 2008 berichtete MEDIZIN populär über die heilende Wirkung von Katzenschnurren: Die vierbeinigen Hausgefährten schnurren nicht nur, wenn sie zufrieden sind, sondern auch, wenn sie an einer Verletzung oder Schmerzen leiden, hieß es in dem Beitrag. Die US-Forscherin Elisabeth von Muggenthaler hatte zudem herausgefunden, dass tierische Vibrationen auch der Selbstheilung bei Knochenbrüchen dienen. Daraufhin konnten belgische Wissenschafter in einer sechsmonatigen Pilotstudie durch den Einsatz einer Vibrationsplattform die Knochendichte von Osteoporose-Patienten erhöhen.
Es war unser Bericht über die heilsamen Effekte der wohligen Schnurrlaute, der in Österreich den Stein ins Rollen brachte: „Der Artikel hat ein wichtiges Tor aufgestoßen, er ermöglichte mir den Kontakt zu Muggenthaler und ihrem Team in North Carolina“, sagt der Grazer Allgemein- und Ganzheitsmediziner Dr. Kurt Pinter. Die US-Forschungsergebnisse waren eine gute Grundlage für Pinters eigene Forschungen, die er gemeinsam mit dem Grazer Radiologen Dr. Fritz Florian betrieb. Florian, der sich als Akustik-Experte bereits eingehend dem Phänomen der Gelenksgeräusche gewidmet hatte, analysierte nun das Katzenschnurren und machte dabei eine entscheidende Entdeckung.

Therapeutisch wirksamer Körperschall

„In älteren biomedizinischen Studien wurde fälschlicherweise nur das hörbare Katzenschnurren, der sogenannte Luftschall, mit Mikrofonen aufgezeichnet. Eine Katze erzeugt beim Schnurren jedoch auch Infraschall-Wellen, die wir Menschen nicht hören können, aber als wohltuende und beruhigende Vibrationen wahrnehmen“, erläutert der Radiologe. Florian nahm diesen therapeutisch wesentlich wirksameren Infraschall-Anteil (Schwingungen unter 16 Hertz) mit einem Körperschall-Sensor direkt am Kehlkopf der Katze auf, verstärkte ihn elektronisch und übertrug ihn mit einem Körperschall-Wandler – in der Therapiepraxis: ein Vibrationskissen – auf das schmerzende Gelenk eines Menschen. Das Katzenschnurr-Gerät KST-2010 war geboren.    
Binnen kurzer Zeit behandelte Allgemeinmediziner Pinter die ersten Probanden und erwarb sich wertvolle eigene Erkenntnisse. „Mittlerweile sind es bereits über 200 Patienten, denen unsere Niederfrequente Biologische Simulationstherapie, kurz NBS, helfen konnte“, erzählt der Arzt. Wurden zunächst vorwiegend Schmerzzustände an Gelenken, der Wirbelsäule und der Muskulatur behandelt, folgten bald auch Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wobei vor allem bei gestörter Durchblutung – etwa im Rahmen von Diabetes, Raucherschäden oder Bluthochdruck – beachtliche Erfolge erzielt werden konnten. Doch auch die entspannende Wirkung der Katzenschnurr-Therapie sei nicht zu unterschätzen, viele Patienten kämen immer wieder, um „aufzutanken“, so Pinter. Er schließt nicht aus, dass sich noch weitere Heilanzeigen für das KST-2010 finden werden.

Erfolge, aber keine Wunder

Besonders freut es den Ganzheitsmediziner, wenn er von Schmerzpatienten hört, dass die Schnurrtherapie ihnen nach einer langen Leidenszeit endlich Erleichterung gebracht hat. Pinter: „Das Abklingen massiver Überlastungssymptome nach einer Schulteroperation ist genauso ermutigend wie die deutlich längere Gehstrecke, die ein COPD-Betroffener nach nur wenigen Sitzungen zurücklegen kann oder die vor Amputation geretteten Zehen eines Zuckerkranken.“
Nichtsdestotrotz reagieren viele Patienten zunächst misstrauisch bis ablehnend, wenn der Arzt ihnen die Katzenschnurr-Therapie vorschlägt. „Ich kann es ihnen nicht verübeln, schließlich erinnert man sich noch an den durch exzessive, unseriöse Werbung verursachten Niedergang der Magnetfeldtherapie“, sagt Pinter. Deshalb warnt er auch davor, die Vorteile des Katzenschnurrens – nebenwirkungsfrei, medikamentensparend, tatsächlich heilend – auf die einfache Formel „Kauf dir ein KST-Gerät, und du wirst gesund“ umzumünzen: „Wie bei allen Therapieformen sind gewisse Richtlinien zu beachten. Die wichtigste: Jeder Schmerz bedarf einer genauen Abklärung durch eine ärztliche Untersuchung.“
Speziell bei Schmerzen im Bereich des Bewegungs- und Stützapparates kann eine dauerhafte Besserung nur eintreten, wenn gleichzeitig versucht wird, die Ursachen wie etwa Übergewicht, Bewegungsmangel, Fehlbelastung oder übertriebenen Sport zu beseitigen. Gegen den falschen Lebensstil kann kein Therapiegerät Wunder wirken. Nicht zuletzt sollte der Anwender mit der Handhabung des Gerätes vertraut sein, denn neben der behandelten Körperregion spielen auch verschiedene Einstellungen, z. B. der Vibrationsintensität, eine große Rolle für den Therapieerfolg.

Zukunftsmusik

Fritz Florian schließlich sieht Chancen für seine Erfindung insbesondere  in Bereichen, in denen Menschen rasch gesunden müs­sen. „Profi-Sportler, aber auch Fernfahrer und Landwirte nehmen sich oft keine Zeit für Physiotherapien und arbeiten trotz erheblicher Gelenks- und Rückenschmerzen weiter“, gibt der Radiologe zu bedenken. Zur Steigerung der Lebensqualität gerade dieser Berufsgruppen könnte die Katzenschnurr-Therapie einen Beitrag leisten – etwa mit KST-Equipment, das in Pkw- und Lkw-Sitze eingebaut wird. Aber das sei noch Zukunftsmusik.    

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Daten und Fakten

Seit November vorigen Jahres ist das Katzenschnurr-Therapiegerät KST-2010 auf dem Markt. Es wurde sowohl für die Anwendung in Arztpraxen als auch für den Privatgebrauch durch Patienten konzipiert, wobei jedem Einsatz unbedingt eine die Schmerzursache klärende ärztliche Diagnose vorausgehen sollte. Vertreiber des Gerätes ist die Modern Media & Technologies Galler GmbH in Wien, die das KST-2010 zum aktuellen Preis von 950 Euro verkauft. Eine ärztlich angeleitete Behandlung mit dem Katzenschnurr-Gerät bieten derzeit nur die Grazer Mediziner Dr. Kurt Pinter und Dr. Günter Stefan an. In der Regel stellen sich erste Behandlungserfolge nach fünf bis zehn Sitzungen ein. Eine Sitzung kostet zehn Euro, ihre Dauer und Intensität richten sich nach der Art der Erkrankung.

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Katzenschnurren für die Lunge

Testergebnisse des Grazer Mediziners  Dr. Günter Stefan zeigen, dass die Katzenschnurr-Therapie sogar die Lungenfunktion verbessert.

Der Internist, Kardiologe, Sportarzt sowie ärztliche Leiter des Physiotherapiezentrums Laßnitzhöhe bei Graz Dr. Günter Stefan begegnet in seiner täglichen Praxis immer wieder Patienten mit Asthma bronchiale, COPD und anderen von verengten Atemwegen verursachten Lungenerkrankungen. Die Betroffenen, darunter viele Sportler, leiden aufgrund der Bildung zähen Bronchialschleims unter Kurzatmigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit. Damit der Schleim besser abgehustet werden kann, werden diesen Patienten im Rahmen einer Physiotherapie üblicherweise Klopfmassagen verordnet.
Dem Arzt kam nun die Idee, anstatt der Klopfmassagen die Katzenschnurr-Therapie anzuwenden, die er schon zuvor erfolgreich in der Behandlung von Wirbelsäulen- und Gelenkserkrankungen eingesetzt hatte. In einem Zeitraum von zwei Wochen legte er zwölf Lungenkranken täglich 20 Minuten lang je ein Katzenschnurr-Kissen auf den linken und den rechten Lungenflügel. Während der beiden Wochen erhielten die Patienten weder eine Physiotherapie noch bronchienerweiternde Medikamente. Stefan testete vor und nach der KS-Therapie eine umfassende Zahl von Lungenfunktionsparametern.
Der objektive Vergleich zeigte nach der Behandlung bei allen Probanden deutlich günstigere Werte. Auch subjektiv berichtete jede der zwölf Personen von einem verbesserten Allgemeinbefinden, da sie Schleim leichter abhusten und freier atmen konnte.
„Es liegt nahe, dass die Vibrationstherapie Bronchialspasmen gelöst, Schleim verflüssigt, die Durchblutung der Lungenkapillaren gesteigert und dadurch das gute Ergebnis erzielt hat“, resümiert Günter Stefan.

Buchtipp:
Hahsler, Katzen. Seelenfreunde und therapeutische Helfer
168 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, ISBN 978-3-99052-001-7, € 17,90  
Verlagshaus der Ärzte 2011

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