Sex, nein danke!

September 2011 | Partnerschaft & Sexualität

Warum immer mehr Frauen die Lust vergeht
 
Waren es bis vor wenigen Jahren eher Orgasmusprobleme oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, die Frauen die Freude am Sex vergällt haben, so fehlt es vielen heute an anderer, zentraler Stelle: dem Verlangen. Warum immer mehr – und auch immer jüngeren – Frauen die Lust vergeht.
 
Von Mag. Helga Schimmer

Er: rülpsender Ruderleiberl-Träger, sie: lästernde Lockenwickler-Benutzerin – das althergebrachte Klischee vom erotischen Desaster hilft nur mäßig, um die sexuelle Flaute in modernen Beziehungen zu erklären. Wer denkt, das Problem sei in Zeiten beseitigter Prüderie ohnehin zu vernachlässigen, der irrt gründlich: In der US-amerikanischen PRESIDE-Studie von 2008 klagt jede dritte Probandin über eine verringerte Libido, die mit persönlichem Leidensdruck einhergeht. Aber auch hierzulande nimmt die Zahl der betroffenen Frauen rapide zu. Warum das so ist? Hier die wichtigsten Lustfeinde für Frauen:

Überzogene Anforderungen
„Ich denke, der Kern des Problems ist in den momentanen gesellschaftlichen Bedingungen zu suchen“, sagt DDr. Karin Haas, Fachärztin für Psychiatrie und Sexualtherapeutin an der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz. „Die Mehrfachbelastung als Berufstätige, Mutter und Partnerin und der übertriebene Anspruch, in jeder Rolle Optimales zu leisten, lässt Frauen die Lust auf Sex abhanden kommen.“ Ins selbe Horn stößt Dr. Elia Bragagna, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik sowie Sexual- und Psychotherapeutin in Wien: „Eine Frau, die sich tagsüber fühlt wie der sprichwörtliche Hamster im Laufrad, wird sich abends wohl kaum ins Negligé werfen, um den Liebsten zu verführen. Schließlich wehrt sich ein unter Dauerstress stehender Körper dagegen, noch mehr Energie beim Sex zu verbrauchen.“

Das können Sie dagegen tun
Reservieren Sie fixe Stunden, die Sie ausschließlich mit Ihrem Partner verbringen. Und vor allen Dingen: Verabschieden Sie sich von Ihrem Perfektionismus!

Verschämtes Schweigen
Die Unfähigkeit vieler Paare, miteinander adäquat zu kommunizieren sorgt oft für erotische Ebbe in heimischen Schlafzimmern. Unterschwellige, womöglich verdrängte Konflikte belasten das häusliche Klima und damit gleichermaßen das Sexualleben. „Werden Meinungsverschiedenheiten nicht mehr offen ausgetragen, nimmt das gegenseitige Begehren zwangsläufig ab“, sagt Bragagna. Zum Bedauern der Expertin trauen sich überdies viele Frauen nicht, ihrem Mann die eigenen sexuellen Bedürfnisse mitzuteilen – selbst in der heutigen aufgeklärten Zeit.

Das können Sie dagegen tun
Thematisieren partnerschaftliche Konflikte entweder alleine als Paar oder in Gegenwart eines Therapeuten. Artikulieren Sie gegenüber Ihrem Partner, was Ihnen beim Sex gefällt und was nicht – am besten von Beginn der Beziehung an, damit Ihr Mann es nicht als Angriff gegen sich missversteht.

Abgehobene Normen
Boulevardblätter, die Statistiken über die angebliche Kopulationsfrequenz verlautbaren, und ein Sexmarkt, der Oral- und Analverkehr zu regelmäßigen Praktiken von Durchschnittsbürgern hochstilisiert: Gerade junge Paare lassen sich in puncto Sexualität leicht einen Bären aufbinden. „Derlei Angaben sind meistens maßlos übertrieben“, ist Bragagna überzeugt. Leider jedoch unterwerfen sich viele jüngere Frauen diesen übertriebenen Normen, statt ihre individuellen Wünsche zu leben. „Wenn eine Frau immer über ihre Grenzen geht und Dinge macht, die sie eigentlich nicht will, ist es unvermeidlich, dass sie eine Aversion gegen Sex entwickelt“, ergänzt Haas.

Das können Sie dagegen tun
Horchen Sie in sich hinein und fragen Sie sich, wann, wie oft und auf welche Weise Sie Ihre Sexualität ausleben möchten. Lassen Sie sich nicht von anderen suggerieren, wie Ihr Geschlechtsleben zu sein hat.

Falsche Erwartungen
Frisch Verliebte befinden sich im Hormonhype: Die vermehrte Ausschüttung von Dopamin, Noradrenalin und einigen anderen Botenstoffen versetzt sie in einen wahren Glücksrausch, der sich jedoch auf Dauer nicht aufrechterhalten lässt. Schon gar nicht sind die Erwartungen vom ständig prickelnden Sex erfüllbar, wenn eine Beziehung bereits in die Jahre gekommen ist. „Lust besteht nicht kontinuierlich, sondern schwankt in verschiedenen Lebensphasen“, verdeutlicht Haas. Und Bragagna berichtet aus ihrer Praxis, dass diese Realität oft nicht registriert wird: „Dabei ist es völlig normal, dass das Verlangen einer Frau, die beispielsweise gerade ein Baby versorgen muss oder ein Familienmitglied verloren hat, sich auf Null reduziert.“

Das können Sie dagegen tun
Seien Sie ehrlich zu sich selbst und akzeptieren Sie den Lebensabschnitt, in dem Sie sich gerade befinden. Prinzipiell können Sie sich Ihre sexuelle Lust bis ins hohe Alter erhalten, wenn Sie Ihre Bedürfnisse anerkennen.

Hyperschnelle Männer
„Rund 150.000 österreichische Männer haben nach nur eineinhalb-minütigem Geschlechtsverkehr eine Ejakulation, etwa 30.000 kommen schon, bevor ihr Penis in die Scheide der Partnerin eingedrungen ist“, sagt Bragagna. Dass das Problem des vorzeitigen Samenergusses auch für Frauen höchst frustrierend ist, versteht sich von selbst. Ihr Körper reagiert darauf häufig mit Lustlosigkeit, weil er wie die Seele weiß, wie sich konstante Enttäuschung vermeiden lässt. Auch ein Mann mit Erektionsschwierigkeiten bringt weibliche Begierde allmählich zum Erliegen, weil die Frau sich ständig um den Partner bemühen muss, anstatt ihre eigene Lust genießen zu können.

Das können Sie dagegen tun
Bestärken Sie Ihren Partner darin, einen Arzt aufzusuchen. Medikamentöse Behandlung und die Entwicklung von Strategien im Umgang mit versetzten Orgasmen sind mögliche Lösungsansätze.

Chronischer Trübsinn
Jede vierte Frau erkrankt einmal im Leben an einer Depression. Bei vielen ist die psychische Niedergeschlagenheit sogar ein Dauerzustand. „Einerseits kann eine verminderte oder erloschene Libido ein Symptom der Depression sein, andererseits können gerade die gängigsten Medikamente gegen die Krankheit sexuelle Lustlosigkeit erzeugen“, sagt Haas. So wirksam die neue Generation der Antidepressiva, die SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), in der Behandlung der langfristig niedergedrückten Stimmung auch ist, fast alle Präparate können als unerwünschte Nebenwirkungen zu sexuellen Störungen führen.

Das können Sie dagegen tun
Hier ist der Psychiater der richtige Ansprechpartner. Er kann gegebenenfalls die Medikation ändern. Wenden Sie sich unbedingt an den Arzt, anstatt Ihr Antidepressivum eigenmächtig abzusetzen.

 
Die Pille & Co
Alle hormonellen Methoden der Empfängnisverhütung – die Pille, die Dreimonatsspritze, die Hormonspirale – können als unerwünschte Nebenwirkung zu sexuellen Störungen führen. „Diese Mittel können das Gleichgewicht der Sexualhormone verändern“, erläutert Bragagna. „Dieses Gleichgewicht fördert die Durchblutung der Genitalien und ist somit Voraussetzung dafür, dass Erregung gespürt werden kann.“ Dementsprechend bremst ein veränderter Sexualhormon-Spiegel das Lustempfinden.

Das können Sie dagegen tun
Sprechen Sie das Thema Ihrem Gynäkologen gegenüber an. Er hilft Ihnen, eine für Sie taugliche Verhütungsmethode zu finden. Mitunter hilft es bereits, das Pillenpräparat zu wechseln.

Sünden der Zivilisation
Fettes zuckerreiches Essen, Bewegungsmangel, der Griff zum Weinglas und der Zug an der Zigarette – die Gewohnheiten eines hedonistischen Lebensstils begünstigen Übergewicht und ruinieren die Blutgefäße. Eine der Folgen ist das Erlahmen der Lust. „Besonders durch das vermehrte Ansetzen von viszeralem Fett wird eine Teufelsspirale in Gang gesetzt, aus der es nur schwer ein Entkommen gibt“, so Bragagna. Zu viel Bauchfett und in der Folge verengte Blutgefäße – das sind zwei Faktoren, die das Fühlen von sexueller Erregung deutlich behindern. Darüber hinaus beschleunigt Rauchen diesen Prozess der Gefäßzerstörung, was sich in den kleinen Blut­gefäßen der Genitalien zuerst bemerkbar macht.

Das können Sie dagegen tun
Machen Sie Schluss mit der Bequemlichkeit, ernähren Sie sich gesund, vermeiden Sie übermäßigen Alkoholgenuss und verzichten Sie aufs Rauchen!

WEBTIPP: www.sexmedpedia.at

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