Lustlos im Job?

April 2012 | Leben & Arbeiten

So wird die Arbeit (wieder) zur Kraftquelle
 
Druck, Stress, der Vorgesetzte, das Betriebsklima, Überforderung – Belastungen im Job gibt es genug. Und so schleppen sich viele lustlos durch die Arbeitswoche, riskieren immer mehr Erschöpfung, Burn-out und Depression.
Für MEDIZIN populär zeigen Experten Strategien auf, wie die Arbeit vom Krafträuber (wieder) zur Kraftquelle wird.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Was möchtest du später einmal werden? – Eine Frage, die von Kindern meist prompt beantwortet wird: In schillernden Farben malen sie sich aus, wie sie sich später als Feuerwehrmann, Modedesignerin, Tierärztin oder Pilot behaupten wollen. Und während die Fragesteller vielleicht schmunzelnd lauschen, wird vielen zugleich bewusst: Von der kindlichen Begeisterung ist man im eigenen Job meist meilenweit entfernt. Was trennt uns von dieser Freude? Was hält uns davon ab, unsere Arbeit als Bereicherung zu empfinden, den Job vielmehr als Kraftquelle denn als Krafträuber zu erleben?

Eigenen Fähigkeiten entsprechen

Die Gründe dafür sind weit verbreitet: Überforderung und Stress. Das, was uns stresst, sei individuell sehr verschieden, daneben gebe es aber einige allgemein gültige Stressfaktoren, berichtet der Arbeits- und Organisationspsychologe Dr. Paul Jiménez vom Institut für Psychologie an der Karl-Franzens Universität Graz: „Dazu zählen Zeitdruck und Überforderung durch zu schwierige Aufgaben.“ Vielfach komme noch eine „besondere Art von Stress“ hinzu, weil „viele sich selbst nicht gerne eingestehen, dass ihnen eine Aufgabe zu schwierig oder zuviel ist“, erläutert Jiménez, der auch die Fachsektion Arbeitspsychologie des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP) leitet.
Mitunter kann es sogar sein, dass die Tätigkeit an sich belastet, man also quasi im „falschen Job“ sitzt; das ist der Fall, wenn z. B. jemand den ganzen Tag über Bilanzen brütet und dabei viel lieber Kunden betreuen möchte – oder umgekehrt. „Dann sollte man sich fragen, ob man das wirklich weiterhin machen möchte oder sich etwas anderes suchen kann und möchte“, empfiehlt der Psychologe. Eine besser geeignete Position lässt sich mitunter sogar firmenintern finden: „In der Personalentwicklung mittlerer und größerer Firmen wird zunehmend darauf geachtet, Menschen ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen“, weiß Jiménez, der als Organisationspsychologe beide Seiten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – unterstützt. Anderen wiederum gefällt die Arbeit an sich, doch fehlen bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten – auch das belastet.

Stressfallen identifizieren

Die renommierten Burn-out-Forscher Michael Leiter und Christina Maslach konnten weitere Stressfaktoren identifizieren: Ungerechtigkeit, fehlender Teamgeist, mangelnde Wertschätzung. Wenn der kürzer gediente Kollege früher als man selbst befördert wird oder die vor Monaten zugesagte Gehaltserhöhung ausbleibt, regt das auf. „Wenn das Gerechtigkeitserleben in einem Unternehmen zurückgeht, ist das kritisch“, warnt Jiménez. Darunter leidet schließlich auch das Gemeinschaftsgefühl. „Und ein Unternehmen, in dem man nicht gut zusammenarbeitet, ist kein Ort, wo man gerne hingeht.“ Auch mangelnde Wertschätzung setzt auf Dauer zu.
Was genau nun die eigene Arbeitsfreude trübt, muss aber jeder für sich selbst herausfinden. „Schließlich bedeutet Stress für jeden etwas anderes“ so der Psychologe.

Stimmungsbarometer ablesen

Ein Indikator dafür, ob der Job eher belastet oder bereichert, ist die Stimmung, in der wir frühmorgens gen Büro aufbrechen: Sind wir nervös? Angespannt? Grantig? Oder sind wir entspannt und empfinden sogar eine gewisse Vorfreude? Ein mulmiges Gefühl könnte durch ein schlechtes Betriebsklima verursacht sein, das in der Folge Unsicherheit auslöst, weiß der Stressforscher Univ. Prof. Dr. Sepp Porta. „Wir haben in großen Betrieben gemessen, dass die Mitarbeiter vielfach erregter zur Arbeit kommen als sie später von dort weggehen.“  

Richtig ans Werk gehen

Eine andere Stressfalle ist hausgemacht: Man ist ungenügend vorbereitet, nur mit der vagen Erinnerung an Aktenstapel und unerledigte Aufgaben. „Ich empfehle, sich morgens mental auf die Arbeit einzustellen, sich zu fragen: ,Was steht heute an?‘ Dadurch ist die Erregung bedeutend geringer“, erklärt Porta. „Es verursacht nämlich großen Stress, wenn man am falschen Fuß erwischt wird.“ Dies gilt speziell für besonders fordernde Situationen, z. B. wenn man zum Chef zitiert wird: Anstatt dem Gespräch ängstlich entgegenzuzittern, sollte man sich geistig darauf einstellen und eine (Gesprächs)­Strategie zurechtlegen.
Und wie arbeitet man am besten den täglichen Aufgabenberg ab? „Wenn möglich sollte man mit den leichteren Aufgaben anfangen“, rät der Stressforscher. „Dadurch ist man eingearbeitet, hat ein Erfolgserlebnis und die schwierigen Aufgaben fallen leichter.“

Druck abbauen

Ist ein kniffliger Auftrag bewältigt, die belastende Situation ausgestanden, braucht es zum Ausgleich vor allem eins: Bewegung. „Das ist ein sehr gutes Heilmittel für alle arbeitsbedingten und druckbedingten Erregungen“, sagt Porta. Wer sich ärgert oder unter Druck steht, könnte in der Mittagspause etwas schneller spazieren oder nach der Arbeit joggen gehen. Schließlich führt die Aufregung zu starken Veränderungen im Stoffwechsel (siehe unten: So ungesund ist Druck im Job): Der Blutzucker steigt und es kommt zu Elektrolytverlusten (z. B. von Magnesium, Kalzium). Schon eine Viertelstunde Sport lässt den Blutzucker stark sinken, Elektrolytverluste werden über die Ernährung (z. B. Nüsse) oder falls nötig Nahrungsergänzung ausgeglichen.

Kontrolle bewahren

Und wie bleibt man gelassen, wenn die nervöse Kollegin ständig Hektik verbreitet oder der Chef regelmäßig lautstark Druck macht? Steckt Stress am Arbeitsplatz an? „Man ist dem nicht wirklich ausgeliefert, solange es möglich ist, dass man genügend Kontrolle hat und darauf achtet, Gehör zu finden“, beruhigt Paul Jiménez. Selbst wenn im Betrieb ein Burnout-Fall bekannt wird und viele Mitarbeiter an sich selbst plötzlich Warnzeichen bemerken, handle es sich dabei nicht um Ansteckung, sondern um eine durchaus positive Bewusstwerdung, so der Psychologe. „So lange aber eine ineffektive Strategie unbewusst bleibt, erkennt man beispielsweise nicht, dass man damit seine Energien auszehrt. Macht man damit weiter, sinken Selbstbewusstsein und Lebensfreude.“ Anstatt sich immer weiter auszupowern und zunehmend schlechtere Ergebnisse zu erzielen, sind dann produktivere Strategien gefragt.

Sich Gehör verschaffen

Dazu könnte – selbst wenn viele es scheuen – ein Gespräch mit dem Arbeitgeber zählen. Bevor man den Dialog sucht, sollte man für sich klären: Was genau belastet mich? In welchen Bereichen braucht es Veränderungen? Dann kann man z. B. kundtun, dass einem eine bestimmte Aufgabe zuviel wird oder man für einen Auftrag weitere Informationen benötigt. „Das Gespräch stärkt den eigenen Selbstwert“, sagt Jiménez. Auch sei dabei „von beiden Seiten eine gewisse Größe gefordert“: vom Arbeitnehmer, der seinen Vorgesetzten mit einem Anliegen konfrontiert, vom Arbeitgeber, der die Rückmeldung des Mitarbeiters anerkennt. Der Weg zum Chef könnte sich also lohnen – nicht zuletzt, weil keine Rückmeldung auch eine Rückmeldung ist.

Persönliche Note einbringen

Kraft und Freude lassen sich aus Handlungsspielräumen, und seien sie noch so klein, schöpfen: „Anstatt nur stumpfer Erfüllungsgehilfe zu sein, könnte man versuchen, jedem Auftrag seinen persönlichen Touch zu verleihen“, regt Sepp Porta an. Die Friseurin, die ihre Kundinnen mit dem ihr eigenen Schmäh betreut, der Consultant, der seine Präsentation mit spielerischen Elementen ausschmückt – es gibt immer Möglichkeiten, sich kreativ einzubringen. „Selbst, wenn manche Arbeitgeber die persönliche Note vielleicht kritisieren, in vielen Fällen ist die Reaktion auf Unternehmungslust und Eigeninitiative eine positive“, weiß Porta. „Und je öfter man ein wenig eigeninitiativ ist, desto befriedigender wird die Arbeit und desto besser ist auch das Ansehen bei Kollegen und Chefs.“ Sinn stiftet schließlich auch das fertige Werk, das man – allein oder im Team – geschaffen hat. Ob es sich dabei um eine Hausfassade, eine Dauerwelle oder eine Präsentationsmappe handelt – was zählt, ist die Erkenntnis: „Das ist (auch) mein Werk!“ Paul Jiménez: „Wenn ich sehe, dass mir etwas gut gelungen ist, kann dies auch Glück bedeuten.“

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Studie in steirischem Gemeinderat:
So ungesund ist Druck im Job

Seit einigen Jahren untersucht der Stressforscher Univ. Prof. Dr. Sepp Porta die Auswirkungen von hohen körperlichen und mentalen Belastungen an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Nun hat er derartige Untersuchungen auch „im zivilen Berufsleben“ durchgeführt und den Stress von Gemeinderatsmitgliedern in der südsteirischen Gemeinde Mellach gemessen. „Vor und nach der rund dreistündigen Gemeinderatssitzung wurden einige Tropfen Blut zur Bestimmung von Stressmarkern wie Blutzucker, Magnesium, Laktat und Blutgasen gemessen“, erklärt Sepp Porta. „Dabei zeigte sich, dass fast alle Gemeinderäte ausgesprochen niedrige Magnesiumwerte und meist zu hohen Blutzucker hatten. Bei denjenigen, die schon vor der Sitzung besonders aufgeregt atmeten, trat danach die stärkste, stressbedingte Stoffwechselveränderung auf.“ Das heißt? „Aufgrund der Messungen lässt sich vorhersagen, wer sich während der Sitzung am meisten aufregen wird und wessen Blutzucker und Atemfrequenz daher am höchsten steigen werden.“ Hoher Druck belastet demnach – nicht nur in der Politik – nachweislich den Organismus.

Buchtipp:
Porta, Hlatky, Stress verstehen – Burnout besiegen. ISBN 978-3-902552-43-3
160 Seiten, € 14,90 Verlagshaus der Ärzte

Webtipp:
Mit einem Test der Universität Graz können Sie Ihr Burn-out-Risiko feststellen:   www.burnout-check.com

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