Kneippen

Februar 2012 | Medizin & Trends

Wechselbäder für die Gesundheit
 
Warum wir durch den „Kälteschock“ beim morgendlichen Duschen die Kälte draußen besser verkraften und Warm-Kalt-Reize einen Neustart im Körper bewirken.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Bacherlwarm muss es bei mir in der Wohnung sein, bevor ich auch nur eine Zehe aus dem Bett stecke“, erklärt die Pensionistin Tamara D. Ganz anders Landwirtin Sonja Z.: Sie hüpft nach dem Aufstehen direkt unter die Dusche und schließt das morgendliche Waschritual mit kalten Wadengüssen ab. Und obwohl die kälteempfindliche Seniorin Tamara skeptisch bleibt („Warum sich bei der Kälte draußen auch drinnen damit quälen?“), steht es 1:0 für „Kaltduscherin“ Sonja: Die Wassergüsse machen sie nicht nur unempfindlicher gegen die winterlichen Temperaturen, sie aktivieren außerdem den Kreislauf und stärken das Immunsystem. Ob Güsse, Wechselduschen, Wickel oder Wassertreten – die verschiedenen Wasseranwendungen, die im 19. Jahrhundert durch den Pfarrer und „Wassertherapeuten“ Sebastian Kneipp bekannt wurden, wirken umfassend auf den Organismus.

Neustart im Körper

„Im Grunde ist ein kalter Guss, ein kaltes Bad, das Wasser- oder Tautreten immer ein Versuch, die gesamten Steuerungsmechanismen im Organismus auf Null zu stellen, quasi einen Reset-Knopf zu betätigen. Dieser Mechanismus gilt für alle physiologischen Steuerungen, etwa das Hormonsystem, das Durchblutungs- und Herzkreislaufsystem“, erklärt Dr. Gebhard Breuss, Allgemeinmediziner und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kneipp-Medizin. „Alles wird kurzfristig so geschockt, dass der Organismus sagt: Jetzt muss ich die Prioritäten neu setzen, aus meiner alten Erstarrung herauskommen und die inneren Steuerungen – so komplex sie auch sind – neu starten.“ Die Konsequenz eines Neustarts ist auch den meisten Computeranwendern bekannt: „Das gesamte (Immun)System funktioniert dann wieder besser“, so Breuss.
Einen besonders günstigen Einfluss hat das ­Kneippen auf unser äußerstes Schutzorgan, die Haut: Die Warm-Kalt-Reize verändern direkt spürbar ihre Durchblutung und verbessern die Wärmeregulation des Kontaktorgans. Dieser Umstand macht sich insbesondere im Winter positiv bemerkbar, weil wir weniger kälteempfindlich sind. Gut durchblutet werden auch die Schleimhautoberflächen, beispielsweise von Nase, Mund, Augen, was wiederum die Schutz- und Abwehrfunktion der Schleimhäute stärkt. „Sind sie gut mit antikörperhältiger Flüssigkeit benetzt, haben wir bereits an der Oberfläche die erste wirkungsvolle Barriere für Krankheitserreger“, verdeutlicht der Mediziner.
Die gute Durchblutung ist nicht nur spür-, sondern auch sichtbar: Die Haut wird straffer und schöner – selbst einer Cellulitis lässt sich durch das Kneippen entgegenwirken.

Am besten zweimal täglich

Am besten werden die Anwendungen zweimal täglich – morgens und nachmittags bzw. abends – durchgeführt. Nach dem Aufstehen geht das buchstäblich „in einem Aufwasch“, indem man das morgendliche Duschen – wie Landwirtin Sonja – mit einem kalten Guss über Arme oder Beine beendet. Die wichtigste Voraussetzung dabei: Nicht nur das Badezimmer, auch der Körper bzw. die jeweilige Körperregion müssen warm sein, bevor man den Kältereiz setzt. „Dabei ist es egal, ob man sich mit warmem Wasser vorwärmt oder noch warm vom Bett ist“, erklärt der Mediziner. Die Wassertemperatur beim kalten Guss sollte zwischen zwölf und 16 Grad betragen. Die optimale Dauer? „Empfehlenswert sind zwischen 20 bis 30 Sekunden“, sagt der Arzt. „Bei ganz Empfindlichen genügen zehn Sekunden, für robuste Naturen sind zwei Minuten die Obergrenze.“ Ob Güsse oder Wechselduschen – für Kneippanwendungen gilt generell: Auf einen längeren Wärmereiz folgt ein kurzer Kältereiz. „Wenn man die Warm- und Kaltphasen abwechselt und Wechselfußbäder oder Wechselgüsse durchführt, sollten die warmen Phasen ein bis fünf Minuten, die kalten 20 bis 30 Sekunden dauern“, erläutert der Mediziner.
Die Abwehr lässt sich auch mit Kneippschen Waschungen stärken: Dazu taucht man einen saugfähigen Waschlappen in kaltes Wasser und reibt damit einzelne Körperregionen oder den ganzen Körper ab. Danach sollte man sich – wie auch nach einem kalten Guss – nicht abtrocknen, sondern die Haut mit den Händen abstreifen, in einen Bademantel schlüpfen und ein wenig ruhen.

Heimeigenes Kurzentrum

Zu beachten ist weiters: Auch Wasserdruck und Intensität des Wasserstrahls spielen beim Kneippen eine Rolle. „Ein kompakter Strahl wirkt besser, weil die Information beim Körper viel einheitlicher ankommt, als wenn 100 Strahlen mit Luft dazwischen auftreffen“, betont Breuss. „Dickere Schläuche mit einem gebundenen Wasserstrahl sind deshalb für die Anwendungen besser geeignet.“ Die optimale Intensität des Wasserstrahls erreicht man beispielsweise, indem man auf den Brausekopf ein Gießrohr befestigt – fertig ist das heimeigene Kurzentrum, in dem sich viele der Wasseranwendungen einfach durchführen lassen.
 
Fingerhut voll Wasser

Welche Körperregionen man dem stimulierenden Kältereiz aussetzt – das sollte individuell auf die Konstitution bzw. den Trainingszustand des einzelnen abgestimmt werden. „Bei einem sehr robusten Menschen, der viel trainiert und eher unempfindlich gegenüber Temperaturreizen ist, braucht es wahrscheinlich einen Guss für den ganzen Körper, damit der Organismus anständig reagiert“, veranschaulicht der Mediziner. „Bei einem zart gebauten, kälteempfindlichen Anwender genügt es, wenn man nur einen Arm oder auch beide Arme oder Beine abgießt.“ Selbst Kinder dürfen – wohldosiert – kneippen. „Bei Kleinkindern nimmt man einen Fingerhut voll kaltem Wasser, ältere Kinder begießt man mit einem Zahnputzbecher Wasser.“ Diese „Minigüsse“ stärken – aufgrund derselben körperlichen Reizreaktionen – die Abwehr der Kleinsten. Und wer sollte auf die Warm-Kalt-Reize besser verzichten? „Verboten sind Güsse nur für Schwerstkranke mit einer Herz- und Lungenerkrankung“, sagt der Mediziner. „Ansonsten gibt es praktisch keine Einschränkungen.“

Die tägliche Überwindung

Bestmöglich von den Wasseranwendungen profitiert, wer sie regelmäßig, also täglich, anwendet: „Bis man sich richtig daran gewöhnt hat und der Körper automatisch besser funktioniert, braucht es einige Übung“, betont Gebhard Breuss. „Am sinnvollsten und effektivsten ist es, die Wasseranwendungen das ganze Jahr über durchzuführen und gleichsam als Lebenshaltung einzubauen.“ Was damit gemeint ist? „Das bedeutet, dass man nicht nur Schonung und die Vermeidung von Belastungen suchen, sondern auch eine Portion Herausforderung ins Leben einbauen sollte“, verdeutlicht Breuss. „Mit dem Kneippen hat man zugleich ein Training für die Muskulatur sowie für die anderen physiologischen Mechanismen.“
Die kleine, tägliche Selbstüberwindung habe auch einen positiven Einfluss auf die Psyche: „Meinen Beobachtungen zufolge wirken die Anwendungen im Endeffekt antidepressiv“, berichtet Breuss. Nicht zuletzt stärkt das Kneippen auch das Selbstbewusstsein: Schließlich hat man schon in aller Früh einen Sieg gegen den inneren Schweinehund eingefahren!

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Ableitende Wirkung:
Kalte Wickel bei Fieber

Die Kneippschen Wasseranwendungen wirken nicht nur vorbeugend, sondern auch heilsam, etwa im Fall von hohem Fieber. Und so macht man’s richtig: „Wenn man gerade anfiebert, wenn also das Fieber steigt und man Schüttelfrost hat, ist keine Kälte erlaubt, sondern nur Wärmezufuhr“, betont der Allgemeinmediziner und Kurarzt Dr. Gebhard Breuss. „Man muss den Körper bei der Temperaturregelung unterstützen, sei es mit einem warmen Wickel, einer Wärmflasche oder einem Heusack.“ Bei gleichbleibend hohem Fieber verabreicht man kalte Umschläge, die ableitend wirken. Breuss: „Um die Wärme aus dem Kopf, wo sie sich besonders staut, zu leiten, macht man kalte Wadenwickel, die man regelmäßig wechselt und so lange anwendet, bis das Fieber gesunken ist.“

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