Stich mit Folgen

März 2012 | Medizin & Trends

Achtung: Bei Plusgraden werden Zecken aktiv!
 
Zecken lauern nicht erst in der warmen Jahreszeit, sondern weit früher, als man denkt: Schon bei sieben Plusgraden Bodentemperatur werden sie aktiv – also mitunter schon ab Ende Februar. Weil ein Stich der kleinen Blutsauger schwere Folgen haben kann, sollte man sich also ab jetzt schützen. Gegen FSME wappnet eine Impfung, aber was bewahrt vor Borreliose?
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Im Gras, unter Büschen und an Waldrändern lauern sie ihren Opfern auf. Von dort aus befallen sie reflexartig alles, was sich an ihnen vorbei bewegt, egal ob es sich dabei um ein Tier oder einen Menschen handelt. Hängen die kleinen Milbentiere einmal an unserer Haut fest, stechen sie hinein und saugen Blut. Dabei sondern sie Speichel ab, der mit 25-prozentiger Wahrscheinlichkeit Folgen für unsere Gesundheit hat. Anders ausgedrückt, führt jeder vierte Zeckenstich zu einer von zwei gefährlichen Infektionskrankheiten: der Lyme-Borreliose und der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).
Zur Gefahr werden Zecken nicht erst bei (früh-)sommerlichen Temperaturen, sondern weit früher, als man denkt: Schon wenn die Bodentemperatur nur sieben Plusgrade erreicht hat, werden die heimischen Zecken aktiv. Je nach Wetterlage kann das bereits ab Ende Februar der Fall sein. Deshalb ist Zeckenschutz ab jetzt angesagt: Gegen FSME wappnet eine Impfung, darum ist die Zahl der Betroffenen in Österreich – trotz des neuerlichen Anstiegs im Vorjahr – vergleichsweise gering (siehe „Wieder mehr FSME-Fälle“ unten). Zur Vorbeugung der Lyme-Borreliose ist trotz intensiver Forschungen kein vergleichbares Mittel in Griffweite, 50.000 Österreicher erwischt es jedes Jahr. Kann man sich denn gar nicht vor Borreliose schützen?

Haut auf Zecken untersuchen

„Am besten schützt man sich, indem man nach Wanderungen durchs Grüne, nach Picknicks im Freien, Querfeldein-Läufen und so fort die Haut auf Zecken untersucht und anhaftende Zecken entfernt“, sagt Univ. Prof. Dr. Gerold Stanek vom Institut für Hygiene und Angewandte Immunologie an der Medizinischen Universität Wien. „Zur Entfernung eignet sich am besten eine Pinzette, mit der man die Zecke so nah wie möglich an der Haut fasst und herauszieht.“ Ob man dabei eine Drehbewegung nach rechts oder links macht oder die Zecke einfach nur gerade herauszieht, ist entgegen der landläufigen Meinung egal. Denn bricht dabei das ab, was der Laie für den Kopf des Tieres hält, in Wahrheit aber dessen Mundwerkzeug zum Aufstechen der Haut ist, und bleiben diese Teile in der Haut hängen, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Stanek: „Bezüglich der Infektion spielt das keine Rolle. Nach der Entfernung der Zecke sollte man die Haut an der Einstichstelle aber jedenfalls desinfizieren.“

Bei rotem Fleck ab zum Arzt!

Andere Mittel zur Vorbeugung vor Borreliose gibt es derzeit nicht. Eine Impfung, an der seit längerem geforscht wird, ist noch nicht in Griffweite. Umso wichtiger ist, dass die Krankheit früh erkannt wird, denn dann kann sie mit Hilfe bestimmter Antibiotika völlig ausgeheilt werden. Stanek über typische erste Anzeichen der Lyme-Borreliose: „Wenn man auf seiner Haut einen roten Fleck bemerkt, der größer wird, kann es sich dabei um jene von Borrelien verursachte Hautinfektion handeln, nämlich um das sogenannte Erythem migrans.“ Ist man zudem an den Tagen davor von einer Zecke gestochen worden oder war man auch nur in der Natur unterwegs, ohne einen Stich bemerkt zu haben, geht man, so Stanek weiter, „am besten gleich zum Arzt“. Manchmal tritt der rote Fleck nicht nur rund um die Stichstelle, sondern darüber hinaus noch an anderen Körperstellen auf. „Und manchmal verschwinden die Flecken nach einigen Wochen von selbst“, sagt Stanek. „Dann bleibt aber das Risiko bestehen, dass nach weiteren Wochen oder auch erst nach Monaten andere Krankheitssymptome der Lyme-Borreliose auftreten.“

Risiko für Lähmungen und Schmerzen

Zu diesen zählen eine chronische Hautinfektion, Gelenksentzündungen, Schäden am Herzen und anderen Organen und Schädigungen des Nervensystems. Stanek: „Der Befall des Nervensystems zeigt sich bei Kindern hauptsächlich in Form einer Gesichtslähmung und einer milden Gehirnhautentzündung.“ Bei Erwachsenen kommt es bei einer Borrelien-Infektion des Nervensystems zu ausgeprägten Schmerzen, die klassischerweise in der Nacht am stärksten sind. Einige Wochen und Monate danach kann es zudem zu Lähmungen kommen, die meistens im Gesicht, aber auch an anderen Körperstellen auftreten. Monate nach der Infektion sind Gelenksentzündungen möglich, die vorzugsweise große Gelenke befallen, oft die Knie, gelegentlich die Sprunggelenke, Ellenbogen und Schultergelenke.
„Auch wenn die Borreliose erst erkannt wird, wenn bereits solche Schäden aufgetreten sind, kann die Krankheit mitsamt ihren Erscheinungen mit Medikamenten zum Abklingen gebracht werden“, sagt Stanek. Nur in sehr seltenen Fällen bleiben Schäden dauerhaft bestehen. Egal wie rasch nach dem folgenreichen Stich die Behandlung begonnen wurde, eines ist leider fix: Gegen weitere Borrelien-Infektionen ist man nicht immun, denn es gibt in Europa viele verschiedene Erreger der Lyme-Borreliose – mit denen man immer wieder neu über einen Zeckenstich infiziert werden kann.

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Wissen

Wann ist die Gefahr groß?
Univ. Prof. Dr. Gerold Stanek: „Sobald die Bodentemperatur über sieben Plusgrade Celsius angestiegen ist, werden die heimischen Zecken aktiv.“ Sie klettern auf Grashalme und in Höhen bis zu 50 Zentimeter auch auf Büsche und ins Unterholz, um ein vorbeiziehendes Tier oder einen Menschen als Blutwirt zu nutzen. Je nach Wetterlage ist man daher schon ab Ende Februar und Anfang März gefährdet, infiziert zu werden. Besonders gefährlich wird es im Mai. „Seit Jahren ist das der Monat im Jahr, in dem sich die meisten Zeckenstiche und die meisten Infektionen ereignen“, sagt Stanek. Ist es im Hochsommer sehr heiß und regnet es wenig, nimmt diese Gefahr ab, denn bei Trockenheit legen die Zecken eine Ruhephase ein. Mit einem weiteren Gipfel im Spätsommer bleibt die Ansteckungsgefahr jedoch bis in den Herbst bestehen.

Wo ist die Gefahr groß?
Stanek: „Infizierte Zecken leben in allen gemäßigten Klimagebieten der Nordhalbkugel und in allen Bundesländern Österreichs vom Tal bis in eine Seehöhe von 1300 Metern.“ Besonders gut vermehren sie sich, so Stanek, „wo ihnen die Vegetation ausreichend Feuchte bietet“. Sehr häufig kommen sie im Laubwald, Mischwald und am Waldrand auf Waldlichtungen vor, wo viele mögliche Blutwirte wie Rehe und andere Wildtiere Futter suchen. Auch auf feuchtem Brachland mit Gräsern, Stauden, Büschen und jungen Bäumen, in Parks und Gärten und auf Friedhöfen findet man viele Zecken.

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Wieder mehr FSME-Fälle

So wie Bakterien, die zu Borreliose führen, können Zecken beim Stich auch Viren übertragen, die die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) auslösen. Diese gefährliche Infektionskrankheit verläuft in zwei Phasen: Die erste beginnt binnen zwei Wochen nach dem Stich, dauert zwei bis sechs Tage und ist an Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen erkennbar. Gerät das Virus bis zu den Gehirnhäuten und in das Gehirn, beginnt nach einer zwei- bis viertägigen Beschwerdefreiheit die zweite Phase der FSME: Erkrankte bekommen akut hohes Fieber, heftige Kopfschmerzen und Brechreiz. Parallel treten manchmal Lähmungen auf. Für 0,5 bis ein Prozent endet die Erkrankung tödlich.
Anders als bei Borreliose mindert die rasche Entfernung der Zecke aus der Haut die Gefahr einer Infektion mit dem FSME-Virus kaum, doch gibt es gegen FSME ein wesentlich probateres Hilfsmittel: die Schutzimpfung, die vor mehr als drei Jahrzehnten am Institut für Virologie in Wien von Univ. Prof. Dr. Christian Kunz entwickelt wurde. Vor Einführung der Impfung erkrankten hierzulande rund 700 Menschen im Jahr an FSME. Seither ist die Zahl deutlich zurückgegangen – bis 2011: Mit 113 Fällen verzeichnet die jüngste Statistik der Medizinischen Universität Wien wieder einen massiven Anstieg. Vier Menschen starben im Vorjahr an FSME. Sie hatten entweder keinen oder einen unvollständigen Impfschutz.
Wichtig: Nach der Grundimmunisierung und einer Auffrischung nach drei Jahren sollte man sich bis zum 60. Lebensjahr alle fünf Jahre und danach alle drei Jahre impfen lassen.

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