Gesund im Schlaf: So wichtig ist die Nachtruhe

Oktober 2013 | Medizin & Trends

Während Schlafstörungen weiter auf dem Vormarsch sind, weiß die Wissenschaft immer mehr darüber, wie wichtig die Nachtruhe für die Gesundheit ist. Denn während wir schlafen, sind Körper und Geist ausgesprochen aktiv.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Für den Neandertaler war Schlafen lebensgefährlich. Schließlich wurde er im Schlummerzustand zur leichten Beute für Raubtiere. Dennoch legten sich unsere Vorfahren Nacht für Nacht in ihren Höhlen nieder – und statt auszusterben, entwickelten sie sich weiter.
Der Blick zurück in die Anfänge der menschlichen Entwicklungsgeschichte allein beantwortet die Frage, wie wichtig Schlaf für uns ist. Mittlerweile aber bestätigen auch immer mehr Erkenntnisse aus der schlafmedizinischen Forschung die Notwendigkeit der Nachtruhe. Mithilfe der sogenannten Polysomnografie, Aufzeichnungen der Körper- und Hirnaktivitäten von Schlafenden im Schlaflabor, sowie durch verschiedene Untersuchungen zeigt sich immer deutlicher: Schlaf ist alles andere als ein Bruder des Todes, wie er in der griechischen Göttersage betrachtet wird. Zwar wird beim Einschlafen durch die Freisetzung von chemischen Substanzen im Gehirn das Bewusstsein ausgeschaltet. Doch sobald wir in den Schlafmodus gewechselt sind, starten verschiedene Ereignisse, die den Körper und den Geist unbewusst beschäftigen.
„Schlaf ist ein ausgesprochen aktiver Vorgang, während dem die Körperfunktionen und die Gehirnarbeit weiterlaufen, nur eben anders als im Wachzustand“, erklärt Dr. Christoph Röper, Neurologe und Leiter des Schlaflabors am AKH in Linz. Das ist der Grund, warum der Wunsch „Schlaf dich gesund!“ äußerst zutreffend ist. Denn, so Röper: „Der Sinn der Aktivitäten in den einzelnen Phasen des Schlafs ist, uns körperlich sowie geistig gesund zu erhalten beziehungs­weise wieder gesund werden zu lassen.“ (siehe „Die 5 häufigsten Schlafräuber“ unten)

Immunsystem arbeitet auf Hochtouren

„In den Tiefschlafphasen arbeitet das Immunsystem auf Hochtouren“, verdeutlicht Röper die Bedeutung nächtlicher Regeneration. „Es bildet vermehrt bestimmte weiße Blutkörperchen, die sogenannten Killer- oder Fresszellen.“ Diese Zellen vernichten Bakterien, Viren, Pilze und andere Krankheitserreger, indem sie  sie umhüllen und auflösen. Darüber hinaus machen sie freie Radikale sowie körpereigene entartete Zellen unschädlich.

Knochen und Muskeln wachsen & regenerieren sich

Vorwiegend in den REM-Schlafphasen schüttet die Hirnanhangdrüse bzw. Hypophyse das Hormon Somatotropin aus. Röper: „Das ist ein Wachstumshormon, das bei Kindern und Jugendlichen bewirkt, dass die Knochen und Muskeln wachsen.“ Bei Erwachsenen dient die Ausschüttung des Wachstumshormons dazu, dass sich Knochen und Muskeln nach Beanspruchungen oder einer Verletzung regenerieren.

Fett wird abgebaut

Das Wachstumshormon Somatropin hat noch eine weitere Wirkung: Einmal in den Blutkreislauf gelangt, begünstigt es zusammen mit dem Hormon Leptin, das schon in der Einschlafphase ausgeschüttet wird, den Fettabbau. Das erklärt, warum Menschen mit chronischem Schlafmangel ihr Gewicht oft nicht halten können und übergewichtig werden.

Haut verjüngt sich

So wie die Zellen von Muskeln und Knochen über Nacht wachsen bzw. sich regenerieren, tun das auch die Zellen der Haut. „Man könnte sagen, dass der Schlaf auch eine Anti-Aging-Maßnahme für die Haut ist“, so Röper. Zudem heilen Hautverletzungen im Schlaf schneller ab.

Körper wird entgiftet

Bereits während der Einschlafphase werden große Mengen des Hormons Renin ausgeschüttet, und das kurbelt die Nierenfunktion an. Die Niere sorgt für unsere Entgiftung, indem sie noch einmal alles durchfiltert, was bis zu ihr gelangte, und Schädliches über die Blase bzw. den Harn ausscheidet. Etwa im letzten Drittel des Schlafs kommt die Leber zum Zug. Sie wandelt nun stärker als zu jeder anderen Zeit schädliche Substanzen, die wir aufgenommen haben, in unschädliche um. Gegen Ende des Schlafs tritt der Darm seinen Dienst an.

Herz-Kreislaufsystem erholt sich

Zu Beginn des Schlafs hingegen setzt das sogenannte Glückshormon Serotonin das Schlafhormon Melatonin frei. „Dieses wirkt schlafanstoßend und sorgt dafür, dass die Herzfrequenz reduziert wird sowie der Blutdruck sinkt“, nennt Röper einen weiteren wichtigen Grund fürs Schlafen. So erholt sich das Herz-Kreislaufsystem. Auch Atemfrequenz und Körpertemperatur nehmen ab, wodurch wir im Schlaf ein bisschen weniger Energie verbrauchen als im Wachzustand.

Zuckerstoffwechsel wird positiv beeinflusst

Während des Schlafs baut das Hormon Insulin Zucker im Blut ab, indem es Kohlenhydrate in die Zellen transportiert. Fehlt es an Schlaf, bleibt der Blutzuckerspiegel hoch, was vor allem für Diabetiker folgenschwer sein kann.

Sexualorgane werden trainiert

Während der REM-Schlafphase bekommen Männer eine Erektion, bei Frauen wird die Vagina stärker durchblutet. Kurz vor der Aufwachphase, die das Stresshormon Cortisol in Gang setzt, wird bei Männern verstärkt das Sexualhormon Testosteron ausgeschüttet, wodurch sie wieder eine Erektion bekommen. Man vermutet, dass diese Vorgänge dazu dienen, die Sexualorgane zu trainieren.

Gehirn sortiert sich um

Während der sogenannten Non-Rem-Schlafphasen sortiert sich das Gehirn um. Erinnerungen an Erlebnisse, die als wertvoll empfunden und behalten werden sollen, werden vom Zwischenspeicher Hippocampus in den Langzeitspeicher Großhirn überspielt. „Das funktioniert über Gehirnwellen, sogenannte Deltawellen“, erläutert Schlafexperte Röper. Da die Tiefschlafphasen mit den Jahren abnehmen, können sich Ältere neu Erlebtes schlechter merken als z. B. Kinder, die viel Zeit im Tiefschlaf verbringen. Im Wachzustand würde die Sortierarbeit des Gehirns nicht funktionieren. „Da würde das Umspeichern die Verarbeitung von Reizen aus der Außenwelt stören“, so Röper.

Gehirn lernt dazu

„In den sogenannten REM-Schlafphasen, die auf die Tiefschlafphasen folgen, speichert das Gehirn ab, was wir tagsüber neu erlernt haben – ob das nun Vokabel sind oder Tanzschritte. Um das zu ermöglichen, werden im Gehirn neue Nervenverbindungen gebildet“, zeigt Röper auf, was unser Geist in der Nacht alles treibt. Zudem träumen wir in den REM-Phasen, vermutlich deshalb, um Erlebnisse seelisch zu verarbeiten. Warum während der REM-Phasen hinter geschlossenen Lidern die Augen schnell hin und her rollen, ist der Wissenschaft allerdings nach wie vor ein Rätsel.

Die 5 häufigsten Schlafräuber
:

  • Stress (beruflich oder privat)
  • Schnarchen
  • Krankheiten
  • Umwelteinflüsse (z. B. Lärm, Licht)
  • Ungünstige Schlafumgebung (z. B. Matratze, Raumtemperatur)

Die 4 Schlafphasen:

  • Non-Rem-Schlafphase 1 (No Rapid Eye Movement)
    Der Schlaf beginnt mit dem Übergang zwischen Wachen und Schlafen: unter 5 %
  • Non-Rem-Schlafphase 2
    Stabiler Schlaf: 45-55 %
  • Non-Rem-Schlafphase 3
    Tiefschlaf: 15-25 %
  • Rem-Schlaf (Rapid Eye Movement)
    Schlafphase, in der die Augen schnell hin und her rollen und wir träumen: 20-25 %

Die Tiefschlafphasen finden während der ersten Schlafhälfte statt, auf sie folgen REM-Schlafphasen. Kurz nach dem Einschlafen und während der zweiten Schlafhälfte dominiert der stabile Schlaf.
(Quelle: American Academy of Sleep Medicine, 2007)

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