Stopp Diabetes!

November 2013 | Medizin & Trends

So schützt man sich vor der Zucker-Seuche
 
Die Zuckerkrankheit ist zur Zucker-Seuche geworden: Allein in Österreich sind schon fast 600.000 Menschen betroffen, mehr als eine Million gilt als gefährdet. Während die medizinische Forschung intensiv an der Entwicklung besserer Therapien arbeitet, ist Vorbeugung wichtiger denn je. Für MEDIZIN populär informieren Experten, warum sich Diabetes so stark ausbreitet und wie man sich davor schützen kann.
 
Von Mag. Sabine Stehrer & Mag. Karin Kirschbichler

Kein Frühstück, kein Mittagessen und kein Nachtmahl ohne vorangehenden Nadelstich in den Finger: Seit mehr als zehn Jahren misst Roswitha F. dreimal täglich ihren Blutzucker und notiert die Werte penibel in einem Heft. Nach jeder Mahlzeit spritzt sie sich Insulin. „Mit Diabetes leben heißt mit Disziplin leben“, sagt die zuckerkranke Frau. Aufpassen muss sie vor allem beim Essen. Schnitzel mit Pommes frites, Spaghetti carbonara oder Malakofftorte erlaubt sie sich höchstens an ihrem Geburtstag, und auch dann nur in kleinsten Portionen. „Heute kommt bei mir wesentlich mehr Gemüse, Salat und Fisch auf den Teller als früher“, erzählt sie. Der tägliche einstündige Spaziergang „bei jedem Wetter“ gehört nunmehr ebenso zu ihrer Routine wie die regelmäßigen Untersuchungen beim Arzt und die monatlichen Treffen mit „ihrer“ Selbsthilfegruppe.
So oder so ähnlich leben heute schon fast 600.000 Menschen mit Typ 2-Diabetes in Österreich, doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. Eine weitere Million gilt als gefährdet, ebenfalls zuckerkrank zu werden. Auch in anderen Ländern stieg die Häufigkeit von Diabetes zuletzt stark an. Und sie wird weiter zunehmen. Bis 2025 werden auf der ganzen Welt 380 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt sein, befürchtet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie bezeichnet das Leiden deswegen bereits als Pandemie, als globale Seuche. Für Österreich sagen Experten bis 2030 einen Anstieg auf rund 720.000 Erkrankte voraus.

Riskant leben

Dass die Zuckerkrankheit zur Zucker-Seuche wurde, ist in erster Linie dem modernen, riskanten Lebensstil zuzuschreiben. „Übergewicht, eine schlechte Ernährung mit Fastfood, gezuckerten Fertiggerichten und Getränken, Bewegungsmangel und Rauchen“, listet der Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft Prim. Univ. Prof. Dr. Dr. h.c. Heinz Drexel die wesentlichen Risikofaktoren für Diabetes auf. „Da immer mehr Menschen diese Risiken aufweisen, steigt auch die Zahl der Menschen mit Typ 2-Diabetes“, folgert Drexel, der die Abteilung für Innere Medizin und Kardiologie sowie das Institut VIVIT für die Erforschung von Gefäßerkrankungen am Landeskrankenhaus Feldkirch leitet.
Neuere Untersuchungen schließen weitere Lebensstilfaktoren mit ein. So zeigte erst kürzlich eine Langzeitstudie von Wissenschaftlern der Universität Göteborg, dass offenbar auch permanenter Stress über viele Jahre, gepaart mit Schlafstörungen und Ärger, über die dadurch hervorgerufenen Veränderungen im Hormonhaushalt Diabetes verursachen kann. Aus anderen Forschungen weiß man inzwischen, dass die Neigung zu Diabetes Typ-2 sogar noch mehr als die Veranlagung für Diabetes Typ 1 angeboren sein kann: Ist ein Elternteil zuckerkrank, ist das Risiko, ebenfalls zu erkranken, um 50 Prozent erhöht; sind beide Eltern Diabetiker, erhöht sich das Risiko sogar um 90 Prozent. Auch die steigende Lebenserwartung spielt eine Rolle, denn die Gefahr für Diabetes erhöht sich mit zunehmendem Alter. Zudem wurden die Grenzwerte für Diabetes herabgesetzt, was ebenfalls mit berücksichtigt werden muss, wenn es darum geht, den rasanten Anstieg zu erklären. (siehe „Ab wann hat man Diabetes? unten“)

Werte rechtzeitig korrigieren

Welche Ursachen die Erkrankung auch hat, die Entstehungsmechanismen sind immer gleich. „Unser Körper braucht Insulin, um damit Glukose beziehungsweise Zucker aus Lebensmitteln in die Körperzellen zu transportieren, wo der Zucker in Energie umgewandelt wird“, erklärt Drexel. „Wenn wir mehr Zucker aufnehmen oder unser Körperumfang durch eine Gewichtszunahme größer geworden ist, benötigen wir mehr Insulin.“ Darauf reagiert die Bauchspeicheldrüse zunächst mit einer dauerhaft leicht erhöhten Insulinproduktion.
Das Tückische daran: Diese Überproduktion, die vielfach eine Vorstufe zu Diabetes (Prädiabetes) darstellt, verursacht keine Beschwerden. Wird sie aber bei einer Blutuntersuchung erkannt, lässt sie sich durch eine bewusste Ernährung, mehr Bewegung und eine Gewichtsreduktion oft gut in Schranken halten. Das weiß man aus einer Langzeitstudie mit 577 Prädiabetikern aus China. Fast alle, die nach der Diagnose so weiterlebten wie davor, hatten sechs Jahre später Diabetes. Unter denjenigen, die abnahmen, Sport betrieben und sich besser ernährten, war nur jeder Zweite erkrankt.
Drexel: „Bleibt Prädiabetes unerkannt und wird nichts oder nicht genug dagegen unternommen, wird nach Jahren weniger Insulin produziert.“ Dies bringt mit sich, dass mit dem Blut dauerhaft zu viel Zucker durch den Körper strömt bzw. der Blutzuckerspiegel permanent bei 126 Milligramm pro Deziliter Blut oder höher liegt – man also Diabetes hat.

Infarkt, Depressionen, Demenz

Bis Diabetes diagnostiziert wird, vergeht leider oft viel wertvolle Zeit. Denn die ersten Warnzeichen werden in vielen Fällen nicht richtig gedeutet. Müdigkeit, Schwindel, großer Durst, starkes Schwitzen, schlecht heilende Wunden und häufige Infektionskrankheiten werden oft auf andere Ursachen zurückgeführt (siehe auch „Risiko im Griff – Erste Warnzeichen ernst nehmen“).
Bleibt die Krankheit unbehandelt, schädigt das Übermaß an Glukose im Blut nach und nach immer mehr die Gefäße, was eine ganze Reihe von schwerwiegenden Folgen haben kann. Die Liste reicht von Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall über Augenerkrankungen und Nierenfunktionsstörungen bis hin zum offenen Fuß. Wegen der Zuckerattacken auf die Hirngefäße geht die Krankheit darüber hinaus oft mit depressiven Verstimmungen bis hin zu Depressionen einher und kann laut neueren Forschungsergebnissen auch zu Alzheimer-Demenz führen. „Alle diese Schäden lassen sich umso besser vermeiden, je früher man Diabetes durch eine gute und konsequente Behandlung in den Griff bekommt“, so Drexel.

Neue Medikamente

In der Behandlung hat die Medizin zuletzt große Fortschritte gemacht. Noch bis vor 20 Jahren gab es außer Insulin nur Medikamente, die die Ausschüttung von Insulin verstärkten. Das Problem dabei: Die Behandlung mit diesen Mitteln kann zur Gewichtszunahme führen. Auch droht die Gefahr der Unterzuckerung und nach einiger Zeit der Behandlung der Verlust der Wirkung. „Heute gibt es für Patienten mit Typ 2-Diabetes andere Möglichkeiten der Therapie in Form von Tabletten mit verschiedenen Substanzen, die die Wirkung des körpereigenen Insulins verbessern“, gibt Univ. Prof. Dr. Thomas Stulnig, Internist sowie Stoffwechsel- und Hormonspezialist in Wien, einen Überblick. Zusätzlich stehen Tabletten zur Verfügung, die das Darmhormon GLP-1 stabilisieren und so dafür sorgen, dass die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausschüttet und zugleich die Ausschüttung von Hormonen vermindert, die der Insulinwirkung entgegenstehen. Seit kurzem auf dem Markt sind „Medikamente zur Förderung der Glukoseausscheidung über die Nieren und Nachbauten des Darmhormons GLP-1“, berichtet Stulnig.

Große Zukunftshoffnung

Große Hoffnungen auf noch bessere Therapiemöglichkeiten setzt man aktuell in eine neue Erkenntnis von Forschern der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie entdeckten, dass das Protein RANKL, das im Knochenstoffwechsel eine Rolle spielt, bei Diabetikern die Insulinwirkung in der Leber stört. „Gelingt es, in diesen Prozess gezielt mit Medikamenten einzugreifen, könnte die Entstehung von Diabetes Typ 2 verhindert beziehungsweise eine nachhaltige Normalisierung des Blutzuckerspiegels erreicht werden“, betonen die Forscher. Bis ein derartiges Medikament auf dem Markt ist, dauert es möglicherweise gar nicht mehr so lange, stellt Assoz. Prof. Dr. Susanne Kaser von der Innsbrucker Universtitätsklinik für Innere Medizin I in Aussicht: „Das könnte schon in fünf Jahren der Fall sein.“ Die Erwartungen an das neue Mittel sind jedenfalls groß: Hat es sich in der Therapie bewährt, kann es eventuell auch schon bei hohem Risiko für Diabetes zur Vorbeugung eingesetzt werden.

Heilmittel Bewegung

Ein ausgesprochen effizientes Mittel zur Vorbeugung, Therapie und bei rechtzeitiger Anwendung sogar Heilung von Diabetes Typ 2 kennt man indes schon längst: regelmäßige Bewegung. Wer auf dieses Mittel setzt, hat zumindest bei frühzeitig entdeckter Zuckerkrankheit Chancen, ohne Medikamente auskommen zu können. Bewegung wirkt nicht nur deswegen so gut, weil man dadurch Gewicht verliert, sondern auch, weil sie die Muskeln kräftigt. Und mit der wachsenden Muskelmasse wird mehr Zucker aus dem Blut verbraucht – der Blutzuckerspiegel sinkt. Was zahlreiche Studien untermauern, bestätigt Stulnigs Erfahrung: „Einige meiner Patienten haben sich durch regelmäßige Bewegung sozusagen selbst geheilt, manche sogar für einige Jahre“, erzählt der Arzt und ergänzt, wie wichtig auch hier Therapietreue ist: Setzten die Patienten das „Medikament Sport“ ab, trat der Diabetes wieder auf.    

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Werte aus dem Lot
Ab wann hat man Diabetes?


Blutzucker

Bei Gesunden liegt der Blutzuckerspiegel zwölf Stunden nach einer Nahrungsaufnahme im Bereich von 70 bis 99 mg/dl. Diabetes wird diagnostiziert, wenn der Nüchternblutzucker bei zwei Messungen an zumindest zwei verschiedenen Tagen über 126 mg/dl liegt, früher lag dieser Wert über 140 mg/dl. Der Bereich zwischen 100 bis 125 mg/dl wird heute als Diabetes-Vorstufe (Prädiabetes) angesehen.

Glukosetoleranz
Auch die Glukosetoleranz wird als Messwert herangezogen. Ermittelt wird sie durch einen sogenannten oralen Glukosetoleranztest: Dazu nimmt man 75 Gramm Glukose zu sich und misst zwei Stunden später den Blutzuckerspiegel. Liegt der Wert über 199 mg/dl besteht Diabetes.

HbA1c
Zusätzlich wird der sogenannte HbA1c-Wert ermittelt, ein Blutwert, der Aufschluss über den Mittelwert des Blutzuckerspiegels während der sechs Wochen vor der Messung gibt.

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Risiko im Griff
Was schützt vor Diabetes?

In Bewegung bleiben
Sport ist nicht nur der beste Schutz vor Diabetes, er ist auch ein hervorragendes „Medikament“, wenn man bereits Prädiabetes oder gar Typ 2-Diabetes hat. Experten empfehlen einen Mix aus Ausdauer- und Krafttraining. Durch Laufen, Radfahren, Walken oder sportliches Schwimmen kann Übergewicht abgebaut werden – ein Problem, das immerhin 85 Prozent der Diabetiker haben. Schwinden die Kilos, sinkt meist auch der Blutzuckerspiegel. Dasselbe geschieht, wenn durch Krafttraining Muskeln aufgebaut werden, denn mit der wachsenden Muskelmasse wird mehr Zucker aus dem Blut verbraucht.

Richtig essen und trinken
Selberkochen schützt vor Diabetes, denn nur dann weiß man mit Sicherheit, was alles im Essen steckt. Fertigprodukte und Fast Food enthalten nicht nur viel Fett, das zu Übergewicht führt, sondern auch so viel Zucker, dass die Blutwerte aus dem Lot geraten können. Auch mit der richtigen Wahl der Getränke kann man das Diabetes-Risiko senken: Der extrem hohe Zuckergehalt von Limonaden und Energy-Drinks wird nach wie vor von vielen unterschätzt; auch im Alkohol steckt viel von der gefährlichen Substanz.

Nicht rauchen
Gifte im Rauch wie Nikotin und Teer schädigen fast alle Organe des Körpers. So auch die Bauchspeicheldrüse, die für die Produktion von Insulin zuständig ist, also von jenem Hormon, das den Zucker im Blut abbaut. Ist die Insulin-Produktion eingeschränkt, erhöht sich der Blutzuckerspiegel – und das Diabetes-Risiko.

Für Erholung sorgen
Auch permanenter schlechter Stress, der sogenannte Disstress, kann über den Umweg von verschiedenen komplexen Veränderungen im Hormonhaushalt zur Erkrankung an Diabetes führen. Ausreichend Entspannung (z. B. beim Sport) ist also auch als Schutzfaktor vor der Zuckerkrankheit unerlässlich.

Blutzucker messen lassen
Regelmäßige Kontrollen des Blutzuckerspiegels, z. B. im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen, sind vor allem ab dem 45. Lebensjahr wichtig, um im Fall des Falles rechtzeitig gegensteuern zu können. Bei erhöhtem Diabetesrisiko (erbliche Vorbelastung, Übergewicht, metabolisches Syndrom, Schwangerschaftsdiabetes) werden die regelmäßigen Messungen schon in jüngeren Jahren empfohlen.

Erste Warnzeichen ernst nehmen

Eine frühzeitige Diagnose ist gerade bei Diabetes wichtig, um folgenschwere Gefäßschäden möglichst zu verhindern. Darum gilt es, erste Warnzeichen ernst zu nehmen und ärztlich abklären zu lassen.
Das sind:

  • großer Durst
  • häufiger Harndrang
  • starkes Schwitzen
  • Hauttrockenheit
  • Juckreiz
  • verschwommenes Sehen
  • schlecht heilende Wunden
  • Zahnfleischbluten
  • Müdigkeit
  • Reizbarkeit
  • Kribbeln und Taubheits­gefühle in Füßen und Händen
  • Verlust der Libido bzw. Erektionsstörungen.    

Buchtipp:

Fisch, Abrahamian. Leben mit Diabetes Typ 2
ISBN 978-3-901488-93-1, 152 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte

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