Es liegt an ihm

Juni 2014 | Partnerschaft & Sexualität

Unerfüllter Kinderwunsch ist meist Männersache
 
Bei jedem sechsten Paar führen selbst intensivste Bemühungen im Bett nicht zum erhofften Kindersegen. Worüber kaum gesprochen wird: Viel öfter liegt es an ihm als an ihr, wenn der Klapperstorch ausbleibt. Was dahintersteckt, wenn der Mann unfruchtbar ist, und wie die Medizin heute helfen kann.
 
Von Wolfgang Kreuziger

Es sind zwar nur 15 Zentimeter, doch für den männlichen Samen ist das eine wahre Marathondistanz: jene Strecke, die er nach dem Sex im Eileiter der Frau auf dem Weg zum Ei bewältigen muss und für die er rund eine Stunde braucht. Von 100 Millionen Spermien schaffen es im Schnitt nur die beweglichsten 300 bis dorthin. Doch nur dann, wenn diese auch zum fruchtbaren Zeitpunkt der Frau im Ziel einlaufen, wird der Klapperstorch aktiv.
Auf einem derart beinharten Hindernis-Parcours bedarf es für die „genetischen Boten“ oft vieler Anläufe, um Erfolg zu haben. Umfragen zufolge haben Österreicher durchschnittlich zwei Mal pro Woche Sex, pro Sekunde sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit rund 34.000 Menschen beim Geschlechtsverkehr zugange. Will ein junges, gesundes Paar von 25 Jahren ein Kind zeugen, dann kann es bei regelmäßigem ungeschütztem Verkehr auf eine monatliche statistische Chance von rund 25 Prozent hoffen. In zwölf Monaten erhöht sich die Erfolgsaussicht auf 98 Prozent. „Nur wenn es innerhalb dieses Jahres immer noch zu keiner Schwangerschaft gekommen ist, liegt ein unerfüllter Kinderwunsch nach medizinischer Definition vor“, erklärt Prim. Univ. Doz. Dr. Eugen Plas, Leiter der Urologischen Abteilung im Wiener Hanusch-Krankenhaus. Die WHO vermutet, dass weltweit 50 bis 80 Millionen Paare unfruchtbar sind, in Österreich schätzt man die Zahl auf 150.000.

Fitness-Test für die Spermien

Die Wissenschaft weiß es längst – und doch ist es in der öffentlichen Meinung noch nicht angekommen: Meistens liegt es an ihm, wenn der Klapperstorch ausbleibt. „Von den statistisch erfassten Paaren, die aufgrund anerkannter Fruchtbarkeitsprobleme vom IVF-Fond finanziell bei künstlicher Befruchtung unterstützt werden, liegt mit etwa 50 Prozent die Ursache doppelt so oft beim Mann wie bei der Frau, die nur zu 25 Prozent allein verantwortlich ist“, legt Plas die Fakten auf den Tisch. In den verbleibenden 25 Prozent gibt es Probleme auf beiden Seiten.
Ob der unerfüllte Kinderwunsch tatsächlich Männersache ist, zeigt sich bei einer Art „Fitness-Test“ für die Spermien, dem sogenannten Spermiogramm. Ein frisch abgegebenes Ejakulat sollte laut den wesentlichen Normwerten über 1,5 Milliliter an Volumen und über 15 Millionen Spermien verfügen, von denen zumindest 32 Prozent vorwärtsbeweglich und über vier Prozent normal geformt sein müssen. Fällt das Ejakulat im Test durch, dann startet die große Suche nach dem Fruchtbarkeitsproblem dahinter.

Zeugungsbremsen Nikotin und Übergewicht

Dabei lässt sich so manches Problem schon allein durch eine Kurskorrektur der Lebensweise in den Griff bekommen. „Die regelmäßige Einnahme von Medikamenten, insbesondere von Steroiden bei Bodybuildern oder Alphablockern bei Menschen mit erhöhtem Blutdruck, können sich negativ auf die Zeugungsfähigkeit auswirken“, erläutert der Facharzt für Urologie und Andrologie. „Auch Rauchen, Drogen- und erhöhter Alkoholkonsum sind eindeutige Risikofaktoren für die Fortpflanzung.“ Nikotin etwa kann nicht nur das Erbgut schädigen, sondern überdies die Durchblutung derart verschlechtern, dass es bis hin zur Impotenz kommt.
Der Experte weiß aber auch, dass Übergewicht dem Kinderwunsch messbar abträglich ist: „Fettgewebe speichert das weibliche Hormon Östrogen, welches die Produktion der Spermien beeinträchtigt. Die zunehmende Fettleibigkeit der Menschen und der steigende Östrogenspiegel in Wasser und Fleisch können ein Problem bei der Fruchtbarkeit sein“, warnt der Arzt.
Wer als Mann generell seine Zeugungsfähigkeit optimieren will, sollte beachten, dass die Samenqualität beim Sex im Zwei-Tages-Abstand am höchsten ist; manche Untersuchungen fanden auch im Winter hochwertigere Spermien vor als im Sommer. Ist der Mann bereits jenseits der 50, lässt die Zeugungskraft nach. „Mit fortschreitendem Alter erhöht sich die Anzahl der genetisch defekten Spermien und das Volumen des Ejakulats sinkt“, bringt es Plas auf den Punkt. Grundsätzlich kann der Mann aber bis ins hohe Alter erfolgreich ein Kind zeugen, wie einige prominente Beispiele zeigen.

Zu heiß für coole Nächte

Doch egal ob Jungspund oder Methusalem: Auch wenn die mangelnde Fruchtbarkeit des Mannes rein medizinische Gründe hat, kann ihm in vielen Fällen zur natürlichen Zeugung verholfen werden. Bei den meisten, nämlich bei einem Drittel der Betroffenen, kann eine Krampfader am Hoden dafür verantwortlich sein, dass der Kindersegen ausbleibt: „Diese sogenannte Varikozele kann durch eine Operation beseitigt werden, wobei man leider nicht vorhersagen kann, ob sich die Samenqualität durch den Eingriff sicher verbessern wird. Die Varikozele kann jedoch den Hormonhaushalt stören oder die Kerntemperatur im Hoden erhöhen“, erklärt Plas. Die Spermien mögen’s nämlich gern kühl: Statt der sonst bei Menschen normalen Temperatur von 37 Grad sind 34 für sie ideal, deshalb reifen sie im Hodensack außerhalb des Körpers. „Aus demselben Grund muss auch ein Hodenhochstand frühzeitig beim Kleinkind medikamentös oder operativ beseitigt werden“, ergänzt der Urologe. „Wenn ein Hoden in der Entwicklung des Neugeborenen nicht vollständig aus der Bauchhöhle herabgewandert ist, beeinträchtigt dies die Spermienbildung.“

Infekte als Fruchtbarkeitsproblem

Wurde der Hodenhochstand bis ins Erwachsenenalter nicht behoben, kann das freilich fatal enden, weil damit auch das Risiko für einen Hodentumor steigt. Bei jungen Männern unter 30 ist dieser Tumor die häufigste Krebsform überhaupt, einer der bekanntesten Betroffenen war US-Radstar Lance Armstrong. Plas: „Zum Glück ist Hodenkrebs in absoluten Zahlen immer noch selten. Und zum Glück sind die Chancen auf völlige Heilung durch operative Entfernung mit oder ohne anschließender Therapie sehr groß.“ Demgegenüber sind alltägliche Infekte viel häufiger anzutreffende „Fruchtbarkeitskiller“, die laut dem Wiener Arzt sogar von entlegenen Körperstellen auf das Fortpflanzungssystem übergreifen können: „Mitunter sind es Entzündungen im Zahn- oder Nebenhöhlenbereich, die sich auf die Prostata schlagen.“ Eine Langzeitbehandlung mit Antibiotika über Wochen, manchmal auch Monate kann hier Abhilfe schaffen.
Andere, allerdings selten auftretende Fruchtbarkeitsprobleme sind verstopfte Samenleiter, eine Hodenverdrehung oder eine hormonelle Störung etwa der Hypophyse. Vor allem in höherem Alter kann es nach Prostataoperationen oder durch eine Anomalie des inneren Blasenschließmuskels zu einer retrograden Ejakulation kommen, was bedeutet, dass der Samen rückwärts in die Harnblase ausgestoßen wird. Alle diese Probleme sind abhängig von Ursache und Schweregrad in vielen Fällen medizinisch behandelbar.

Kein Grund für übertriebene Vorsicht

Hingegen warnt Plas verzweifelte Männer vor „Wundermitteln“ aller Art, die bessere Zeugungskraft versprechen. Als sinnvoll für Männer mit Kinderwunsch erachtet es der Experte vielmehr, eine gesunde, vorsichtige Lebensweise anzusteuern: „Ich muss ja nicht gerade in dieser Situation exzessiv rauchen oder auf Kosten des hitzeempfindlichen Hodens fünf Saunaaufgüsse pro Tag machen.“ Aus übertriebener Vorsicht selbst dem kleinsten Tropfen Alkohol abzuschwören und die Sitzheizung aus dem Auto auszubauen, geht für ihn zu weit: „Wenn solche Kleinigkeiten entscheidend sein würden, wäre die Menschheit längst ausgestorben.“   

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Warum Spermien schlau sind

Jede Minute des Tages produziert der Mann im Hoden rund 1200 Spermien, von denen beim Geschlechtsverkehr in einem normalen Ejakulat von eineinhalb bis sechs Milliliter im Schnitt 15 bis 150 Millionen in einer Geschwindigkeit von etwa 17 Stundenkilometern in die weibliche Scheide katapultiert werden. Doch von dieser kleinen Armee erreicht oft nur einer sein Ziel, das weibliche Ei.
Wie Wissenschafter vor wenigen Jahren herausgefunden haben, verlassen sich Spermien dabei sozusagen auf ihre Nase: Sie können „riechen“ und werden vom maiglöckchenartigen Duft der Eizellen angelockt. Außerdem haben Forscher festgestellt, dass Spermien schlau sind: Auf dem Weg zum Ei rotten sie sich in Gruppen zusammen, um etwaige vorhandene Samenzellen eines Rivalen zu töten.
In einem einzigen etwa 0,6 Millimeter kleinen Spermium, das sich durch Schwanzschläge fortbewegt, befinden sich im Kopfteil die wichtigen Erbinformationen, das Mittelstück hält es mit Nährstoffen mehrere Tage lebensfähig. Die Spermien machen insgesamt nur fünf Prozent des Ejakulates aus. Der Rest besteht unter anderem aus gleitmittelähnlichen Substanzen, weitere darin enthaltene glücksbringende Endorphine und antidepressiv wirkende Stoffe wie Serotonin machen den Sex für die Frau doppelt attraktiv.

Stand 06/2014

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