Gesunder Darm

Juli 2016 | Medizin & Trends

Wie uns die Leibesmitte gesund und bei Laune hält
 
Er ist die geheime Kommandozentrale im Reich der Mitte: Unser Darm gilt als wichtiger Schlüssel zu einer intakten Immunabwehr und psychischem Wohlbefinden. Leider ist die Kommandozentrale oft gestört – bei immer mehr Menschen rebelliert die Verdauung. MEDIZIN populär über verschiedene Leiden des gefühlvollsten aller Organe.
 
Von Wolfgang Kreuziger

Wenn’s darauf ankommt, verputzt er 337 Stück gegrillte Hühnerflügel in nur 30 Minuten: Der Japaner Takeru Kobayashi bewies vor vier Jahren, 2012, für das Guinness Buch der Rekorde auf die harte Tour, wieviel Essen der Mensch verarbeiten kann. Der Darm steht dabei als „Masseverwalter“ am Ende des Verdauungszyklus: Rund 30.000 Kilogramm Speisen und 50.000 Liter Flüssigkeit verarbeitet er im Laufe eines Menschenlebens. Im Dünndarm zerlegen seine Enzyme das Verspeiste, im Dickdarm machen sich eine Vielzahl von Bakterien und Keimen über schwer Verdauliches her. „Diese Billionen von Keimen, die in Summe stolze eineinhalb Kilo wiegen, sind im Normalfall unsere Freunde“, erklärt Univ. Prof. Dr. Herbert Tilg, Gastroenterologe und Leiter der Universitätsklinik für Innere Medizin in Innsbruck. „Doch wie viele Freundschaften hält auch diese nicht immer ewig. Kippt die Keimeswelt, kippt auch die Gesundheit.“

Gefahr durch Krankheitskeime

Um in der bunten „Bakterien-Wohngemeinschaft“ des Darms Zwietracht zu säen, bedarf es gar nicht viel. Am öftesten torpedieren Krankheitskeime das sensible Gleichgewicht. Jeder von uns ist hin und wieder einer Infektion, etwa einer Darmgrippe, ausgesetzt. Diese – in der Medizin Gastroenteritis genannt – ist eine Infektion mit Viren oder Bakterien, die Erbrechen oder Durchfall zur Folge hat. Im Normalfall wird sie nicht medikamentös behandelt und klingt nach rund einer Woche ab. Antibiotika werden nur in schweren Fällen verschrieben, da sie „gute“ Keime vernichten und die Darmflora ins Wanken bringen können. „Auch Lebensmittelvergiftungen sind häufige Erkrankungen, oft ausgelöst durch Bakterien der Gattung Campylobacter“, ergänzt Tilg.

Störfeuer der Lebensmittelindustrie
Es muss nicht einmal pures Gift sein, das uns sauer aufstößt. Industrielle Konservierungsmittel oder Aromastoffe stellen eine große Belastung für empfindliche Menschen dar. Die US-Wissenschaftler Benoit Chassaing und Andrew Gewirtz zeigten 2015 in einer Studie auf, dass Emulgatoren, die etwa Speiseeis oder Margarine ihre Konsistenz verleihen, Darmentzündungen begünstigen können. Besser, man greift zu Bioprodukten und zu Lebensmitteln, die keine Zusatzstoffe enthalten.
„Überdies sind rund 20 Prozent der Bevölkerung von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit betroffen“, verrät Tilg. Am häufigsten verbreitet ist die Laktoseintoleranz – die Unverträglichkeit gegenüber Milchzucker. Daneben können Gluten und Fruktose, Fruchtzucker, in empfindlichen Därmen Bauchschmerzen hervorrufen. Eine immer breitere Palette an alternativen Produkten (z. B. laktosefreie Lebensmittel) bietet einen Ausweg aus diesem Dilemma.         

Guter Brennstoff für den „Ofen“

Allergien hin und Unverträglichkeiten her – unterm Strich ist es unser tägliches Essverhalten, dass uns in die Bredouille bringt. Das Schweinsbraterl, die fette Pizzaschnitte und die Schokoladentorte mit Schlagobers bedeuten Schwerstarbeit für die Verdauung. Tilg: „Falsche und einseitige Ernährung macht die Keimeswelt im Darm instabil und rollt Krankheiten den Teppich aus.“ Zucker begünstigt parasitäre Pilze im rund sieben Meter langen Darm, das Fett macht ihn träge. Umso wichtiger ist es, unseren „Hochofen“ mit hochwertigem Brennstoff zu befüllen. „Wie bei der herzgesunden Ernährung sind auch für den Darm eine mediterrane Kost mit viel Gemüse, Vollkorn, Ballaststoffen und Nüssen sowie ein geringer Anteil an rotem Fleisch, gesättigten Fettsäuren und Zucker die Eckpfeiler einer gesunden Ernährung“, betont der Mediziner.

Sensibles Wohlfühl-Organ

Unsere Leibesmitte hat außerdem einen guten Draht zur Psyche – der Darm gilt nicht umsonst als „Wohlfühl-Organ“: Er merkt schnell, ob wir himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt sind, in ihm spüren Verliebte die berühmten „Schmetterlinge“ und treffen die nüchternsten Beamten Bauchentscheidungen. Entsprechend wird er als „Bauchhirn“ bezeichnet, auch weil in dem Nervengeflecht Botenstoffe des Gehirns, etwa Dopamin, anzutreffen sind. Diese schlagen Alarm, wenn der Chef im Büro uns wieder zur Schnecke gemacht hat oder daheim die Fetzen fliegen. „Stress wirkt sich auf unseren Darm aus, Erkrankungen sind häufig psychosomatisch“, weiß Tilg.
Der Bauch profitiert nicht nur, wenn es uns emotional gut geht, es gibt auch eine Wirkung in die Gegenrichtung: Studien zeigen, dass eine gestörte Darmflora dies über Hormone und Nerven ins Gehirn kommuniziert und so Angst oder Depression auslösen kann.

Reizdarm als Volksleiden

Auch beim Reizdarm-Syndrom, von dem besonders viele Menschen betroffen sind, hat die Psyche ein Wörtchen mitzureden. „Rund ein Viertel der Bevölkerung leidet darunter, wobei sich Bauchschmerzen und Blähungen als Hauptsymptome zeigen“, führt Tilg aus. Der Reizdarm kann in verschiedenen Varianten auftreten: In manchen Fällen stehen Durchfälle, in anderen eine Verstopfung und in wieder anderen Schmerzen im Vordergrund. Bei akuten Beschwerden können schmerzstillende und krampflösende Medikamente helfen.              

Schreckgespenst Morbus Crohn

Die gefürchteten chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kommen meist aus dem Nichts. Die zwei häufigsten sind Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa, deren Entstehung vermutlich genetisch bedingt ist. „In Österreich gibt es etwa 60.000 Betroffene, die oft lebenslange medikamentöse Behandlung brauchen“, klärt Tilg auf. „Während sich Morbus Crohn in der Regel durch Fieber, Durchfall und Gewichtsverlust bemerkbar macht, ist bei Colitis Ulcerosa blutiger Durchfall bei Tag und Nacht das Kennzeichen.“ Medikamente können beschwerdefreie Phasen bringen. Bei Krankheitsschüben dieser Leiden, die sogar zu Darmkrebs (siehe „Darmkrebs – Früherkennung ist Um und Auf“, unten) führen können, sind die Betroffenen jedoch tagelang bettlägerig.     

Achtsam mit der Mitte
Familiäre Konflikte, Medikamente oder genetische Veranlagung – sie alle können unser Verdauungssystem nachhaltig torpedieren. „Doch in den meisten Fällen liegt ein gesunder Darm immer noch in unser eigenen Hand“, betont Tilg, wieviel man selbst beitragen kann, um das „Reich der Mitte“ gesund zu erhalten. „Man ist, was man isst“, mahnt er in erster Linie zu einem bewussten Umgang mit den Essgewohnheiten. „Wir wissen ohnehin alle, was auf den Tisch kommen soll, nur ignorieren wir es.“ Die Ernährung gezielt in die Hand zu nehmen, wäre für den Mediziner der wichtigste Schritt im Kampf gegen Darmkrankheiten.

**********************
Darmkrebs:
Früherkennung ist Um und Auf!

Zu den möglichen Ursachen für die Entstehung von Darmkrebs zählen falsche Ernährung, chronisch entzündliche Erkrankungen sowie das Rauchen. „Rund 3000 Menschen sterben in Österreich jährlich daran“, weiß der Innsbrucker Gastroenterologe Univ. Prof. Dr. Herbert Tilg. Diese bei Männern und Frauen zweithäufigste Krebsart wird meist erst über 55 Jahre diagnostiziert und bleibt oft lange unbemerkt. Früh erkannt, kann sie sehr gut behandelt werden: Einzelne Darmpolypen lassen sich operativ entfernen – im Gegensatz zu großflächigen Metastasen, wenn der Krebs fortgeschritten.
Was kann man vorsorglich tun? „Ab 50 sollte jeder regelmäßig eine Darmspiegelung, die Koloskopie, machen lassen“, empfiehlt Tilg, der auch in der Krebsforschung sehr aktiv ist und dem erst vor kurzem ein womöglich zukunftsweisender Schritt geglückt ist. „Wir konnten in einer Studie einen Keim namens Alistipes, der Darmkrebs begünstigt, isolieren“, berichtet Tilg. Über die Erforschung und Steuerung der Keimeswelt erhofft der Mediziner sich „künftig große Fortschritte in der Krebsbekämpfung.“

***********************************
Sechs Tipps für die Darmgesundheit

1. Reichlich Gemüse essen

Ballaststoffe wie sie etwa in Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen oder Vollkorngetreide vorkommen, sind gut für den Darm. Ihre Abbauprodukte im Dickdarm fördern die Verdauung.
Damit sie ihre Wirkung entfalten können, muss reichlich dazu getrunken werden.

2. Viel Wasser trinken
Die Flüssigkeitszufuhr ist ohnehin wichtig für den Darm: „Trinken Sie viel Wasser ohne Kohlensäure oder ungezuckerten Tee“, empfiehlt der Gastroenterologe Univ. Prof. Dr. Herbert Tilg. Acht Gläser oder zwei Liter pro Tag kurbeln die Verdauung an.

3. Sorgfältig kauen
Hektisches Hinunterschlingen der Mahlzeiten ist ein Symptom unserer hektischen Zeit. Kauen Sie beim Essen jeden Bissen 40 Mal. Damit vergrößern sich die Oberfläche des Speisebreis und die Angriffsfläche für die Verdauungsenzyme.  

4. Sport und Bewegung
Je stärker die Muskulatur in seinem Umfeld, desto stärker der Darm. Gehen Sie spazieren und treiben Sie Sport, um die Verdauung in Schwung zu bringen. Tilg: „Studien zeigen, dass Bewegung sich positiv auf die Verdauung auswirkt.“

5. Bauchmassagen

Sowohl bei bestehenden Darmproblemen als auch vorbeugend hat sich Bauchmassage als wirkungsvoll erwiesen. Massieren Sie sich selbst auf dem Rücken liegend, ohne großen Druck, kreisförmig im Uhrzeigersinn.

6. Gute Bakterien
Probiotika sind Produkte mit lebenden Bakterien und Hefepilzen, welche die Darmflora stärken sollen.
„Sie können helfen, den Darm etwa nach Durchfall wieder aufzubauen“, verrät Tilg.

Buchtipp:

Reckel, Bauer
Darm krank – alles krank

Hilfe mit ganzheitlicher Therapie
ISBN 978-3-99052-133-5
160 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte April 2016

Stand 07-08/2016

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter