Wechseljahre

August 2016 | Medizin & Trends

Mythen & Wahrheiten
 
Kommen alle Frauen um die 50 in den Wechsel? Muss jede mit Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen, Scheidentrockenheit oder Schlafstörungen rechnen? Helfen pflanzliche Mittel? Stimmt es, dass eine Hormontherapie am besten wirkt, aber das Risiko für Brustkrebs erhöht? Oder tut es auch eine Ernährungsumstellung, kombiniert mit viel Bewegung? Für MEDIZIN populär räumt Univ. Prof. Dr. Hans Christian Egarter von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am AKH in Wien mit häufigen Mythen rund um die Wechseljahre auf und sagt, was wirklich stimmt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Alle Frauen kommen um das 50. Lebensjahr herum in die Wechseljahre.

„Das stimmt in etwa“, sagt Univ. Prof. Dr. Hans Christian Egarter und ergänzt: „Als Parameter für den Beginn der Wechseljahre nimmt man die letzte Monatsblutung her, und die letzte Monatsblutung haben Frauen im Durchschnitt im Alter zwischen 51 und 52 Jahren.“ Die Menstruationsblutung hört auf, wenn die Eierstöcke damit beginnen, die Produktion der weiblichen Sexualhormone Östrogen und Progesteron herunterzufahren. Dadurch reift keine Eizelle mehr heran, die Gebärmutterschleimhaut wird nicht mehr für die mögliche Einnistung einer befruchteten Eizelle aufgebaut – und braucht daher auch nicht mehr durch die Blutung abgebaut werden. Bei manchen Frauen endet die fruchtbare Zeit ihres Lebens bereits mit 48 oder 49 Jahren, bei anderen erst einige Jahre nach dem 52. Lebensjahr. Tritt der Wechsel früh ein, also vor dem 48. Lebensjahr, deutet dies laut Egarter meist auf eine krankhafte Funktionsstörung der Eierstöcke hin, der mit einer Hormonersatztherapie entgegengesteuert werden sollte. Ein später Beginn der Wechseljahre mit über 52 Jahren hat hingegen keinen Krankheitswert.

Jede Frau muss mit Wechseljahresbeschwerden rechnen.

„Dabei handelt es sich um einen Mythos“, weiß Egarter und sagt: „In Wahrheit bemerkt ein Drittel aller Frauen gar nichts von der Hormonumstellung, ein weiteres Drittel hat zwar hin und wieder die typischen Beschwerden, kann damit aber auch ohne Behandlung gut leben, und nur ein Drittel leidet so stark, dass eine Therapie nötig ist.“ Die häufigsten Wechseljahresbeschwerden sind Hitzewallungen, Scheidentrockenheit und Schlafstörungen. Manche leiden auch unter einem Libido-Verlust, Muskel- und Gelenkschmerzen, Konzentrationsstörungen, depressiven Verstimmungen bis hin zu Depressionen. Die verschiedenen Ausprägungen der Wechseljahresbeschwerden erklären sich damit, dass der schleichende Schwund der Sexualhormone kompensiert wird – und zwar von Frau zu Frau unterschiedlich stark. Egarter: „Östrogene und Progesteron werden nicht nur im Eierstock produziert, sondern können aus Hormonen, die in der Nebennierenrinde gebildet werden, zum Beispiel im Brust- oder Knochengewebe synthetisiert werden.“ Die Herstellung funktioniert über einen Umbau von Androgenen, männlichen Sexualhormonen, die auch Frauen im Blut haben.

Nach ein bis zwei Jahren ist es mit den Wechseljahresbeschwerden vorbei.

„Das stimmt nicht“, so Egarter. „Bei der großen Mehrheit der Frauen, die zwischen dem 51. und 52. Lebensjahr in die Wechseljahre kommen, dauern diese fünf bis sieben Jahre an.“ Je früher eine Frau ihre letzte Menstruationsblutung hat, desto mehr Jahre vergehen, bis die Hormonumstellung abgeschlossen ist. Beginnt der Wechsel bereits mit 48 oder 49 Jahren, ist er laut dem Mediziner oft erst nach zehn bis 15 Jahren abgeschlossen. Nur wenn die Umstellung nach dem 52. Lebensjahr erfolgt, endet sie meist schon nach ein bis zwei Jahren.

Pflanzliche Mittel nützen nicht wirklich gegen Wechseljahresbeschwerden.

Diese Aussage, basierend auf den kürzlich veröffentlichten Ergebnissen eines Tests der Zeitschrift Konsument, verweist Egarter in das Reich der Mythen und erklärt: „Erfahrungsgemäß ist sogar vielen Frauen, die an Wechseljahresbeschwerden leiden, mit pflanzlichen Mitteln geholfen.“ Auch etliche wissenschaftliche Studien belegen die Wirkung, vor allem von Johanniskraut, Rotklee und Traubensilberkerze sowie von Isofavlonen. Die Erklärung für die Wirksamkeit: In diesen pflanzlichen Mitteln stecken bestimmte sekundäre Pflanzenstoffe, Phytoöstrogene, die ähnliche Strukturen aufweisen wie Östrogene und daher den Schwund der weiblichen Sexualhormone bis zu einem gewissen Grad auffangen – und bei vielen Frauen die Beschwerden so weit lindern, dass sie zufrieden sind.

Gut hilft nur eine Hormontherapie, aber sie erhöht das Risiko für Brustkrebs.

„Richtig ist, dass die menopausale Hormonersatztherapie die wirksamste Methode zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden ist“, sagt Egarter. „Sie wird daher empfohlen, wenn Betroffenen pflanzliche Mittel nicht ausreichen.“ Erklärbar ist die gute Wirkung der Hormone damit, dass sie körpereigene Sexualhormone ersetzen. Egarter: „Nicht richtig ist aber die Aussage, dass eine Hormonersatztherapie das Risiko für Brustkrebs erhöht.“ Diese Aussage geht auf die Ergebnisse der Women’s Health Initiative (WHI)-Studie aus den USA zurück, die 2002 veröffentlicht wurde. 2013 wurde die Studie neu bewertet – mit dem Ergebnis, dass sich das Brustkrebsrisiko bei den Studienteilnehmerinnen nur dann und nur sehr leicht erhöhte, wenn künstlich synthetisierte Hormone verwendet wurden. Heute kommen bei der Hormontherapie längst nur noch natürliche Hormone zum Einsatz: Allein deswegen braucht laut dem Mediziner keine Frau mehr Angst vor einer Hormonersatztherapie haben. Anders als damals werden die Hormone außerdem in einer individuell angepassten, Vor- und Begleiterkrankungen besser berücksichtigenden sowie möglichst niedrigen Dosierung gegeben. Die Risikofreiheit der neueren Therapien bewies beispielsweise eine dänische Studie mit mehr als 220.000 Teilnehmerinnen, die über elf Jahre lief.

Die Hormonersatztherapie macht anfällig für Herzinfarkt und Schlaganfall.

„Das stimmt nicht“, sagt Egarter und informiert darüber, wie dieser Mythos zustande kam: „Die Information geht ebenfalls auf die WHI-Studie aus 2002 zurück.“ Damals bzw. in den Jahren davor wurden Frauen mit Wechseljahresbeschwerden erst viel zu lang nach dem Anhalten der Beschwerden behandelt, ihr Durchschnittsalter lag bei 63 Jahren. Egarter: „Viele der Studienteilnehmerinnen litten bereits an für dieses Alter typischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck und an Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes.“ Durch solche Erkrankungen bilden sich verstärkt Ablagerungen in den Gefäßen, Arteriosklerose entsteht. Nehmen Frauen mit Arteriosklerose Östrogen ein, kann dies die Ablagerungen destabilisieren und zu Gefäßverschlüssen führen. Wird viel früher mit der Hormonersatztherapie begonnen, etwa, wenn sich nach einigen Monaten herausstellt, dass pflanzliche Mittel nicht ausreichend wirken, wie das heute gängige Praxis ist, verhindert der natürliche Östrogenersatz, dass sich Ablagerungen in den Gefäßen bilden und schützt daher laut Egarter sogar vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall.  

Die Hormonersatztherapie schützt vor Osteoporose, dem Knochenschwund.

„Das ist wahr“, so Egarter. „Schwinden die Östrogene, dann kommt es zu einem Verlust der Knochendichte von drei bis vier Prozent pro Jahr.“ Das bedeutet, dass die Knochen nach etlichen Jahren leicht brechen können. Egarter: „Werden die körpereigenen Hormone durch natürliche, zugeführte Östrogene ersetzt, ist das Risiko für einen Knochenbruch geringer.“

Die Hormonersatztherapie ist ein wahrer Jungbrunnen, ein Anti-Aging-Mittel.

„Diese Aussage ist ein Mythos, wenn es darum geht, dass durch die menopausale Hormonersatztherapie die Entwicklung von Falten, grauen Haaren, und so weiter verzögert werden kann“, sagt Egarter. „Alterserscheinungen wie diese lassen sich durch die Hormonsubstitution nicht wirklich hinausschieben, aber die Haut, vor allem die Schleimhaut, profitiert schon von einer Östrogengabe.“

In den Wechseljahren verliert jede Frau die Lust auf Sex.

„Das stimmt nur teils“, informiert Egarter. Mit der Drosselung der Produktion der weiblichen Sexualhormone schwindet die Lust zwar bis zu einem gewissen Grad. Aber ob eine Frau Lust auf Sex hat, hängt laut dem Mediziner nicht ausschließlich mit der Ausschüttung von Sexualhormonen zusammen, sondern ist auf viele andere Faktoren zurückzuführen, wie beispielsweise die Tatsache, ob sie ihren Partner noch attraktiv findet.

Man braucht nur die Ernährung umstellen und regelmäßig Sport betreiben, um von Wechseljahresbeschwerden verschont zu bleiben.

„Dies entspricht bis zu einem gewissen Grad der Wahrheit“, erklärt Egarter und ergänzt, warum das so ist: „Wer regelmäßig Sport betreibt, sorgt für eine bessere Durchblutung des gesamten Körpers, optimiert so die Funktion der Organe und erhöht damit das körperliche und seelische Wohlbefinden.“ Dies gelingt auch durch eine Ernährungsumstellung in Richtung gesunde, ausgewogene, mediterrane Kost. Und noch weitere Lebensstilfaktoren lindern nachweislich Wechseljahresbeschwerden: Alkohol nur in Maßen konsumieren, nicht rauchen.

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Zu welchen Beschwerden kann es in den Wechseljahren kommen?

  • Hitzewallungen
  • Scheidentrockenheit
  • Schlafstörungen
  • Libidoverlust
  • Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Konzentrationsstörungen
  • Depressive Verstimmungen bis hin zu Depressionen


Buchtipp:

Foisner (Hg.)
Wechseljahre. Natürlich durchs Klimakterium
ISBN 978-3-99052-013-0
188 Seiten, € 19,90
Verlagshaus der Ärzte November 2012

Stand 07-08/2016

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