Brücke zum Unterbewussten

Juli 2018 | Medizin & Trends

Mit der jahrtausendealten Technik der Hypnose lassen sich Ängste abbauen und auch Schmerzen bewältigen.
 
– Von Mag. Wolfgang Bauer

Es gibt Menschen, die bei einer Zahnbehandlung eine lokale Betäubung (Anästhesie) ablehnen. Sei es, weil sie eine immense Angst vor einer Spritze haben. Oder sei es, weil sie auf das durch die Injektion verabreichte Medikament eventuell allergisch reagieren. Und es gibt Patienten, die aus Prinzip keine Anästhesie möchten. Mit einem Vertreter dieser seltenen Spezies war eines Tages der Wiener Zahnarzt Dr. Allan Krupka konfrontiert. Der 23-jährige Patient wollte seinen Weisheitszahn links oben loswerden, aber ohne Spritze. Dieser Zahn war nach außen und nach hinten verlagert und wies massive Karies auf. In dem sonst makellosen Gebiss konnte er praktisch keine Funktion einnehmen. Also raus damit!
Für Allan Krupka war klar: Wenn ein Zahn in dieser speziellen Position und ohne Anästhesie für den Patienten erträglich entfernt werden soll, dann geht das nur mit Hilfe der Hypnose. Also fragte er den Patienten, ob er irgendeine Tätigkeit kenne, in der es körperlich „ans Eingemachte“ ginge. Der Patient sagte, dass er Triathlon mache, und dass er an Wettkämpfen von der extremen Sorte wie dem „Iron Man“ teilnehme (dabei muss man 3,8 km schwimmen, 180 km Radfahren und abschließend einen 42 km langen Marathon laufen). Und da sei er beim vergangenen Wörthersee-Triathlon wahrlich an seine Grenzen gestoßen, es war bei Kilometer 27 des Marathons. Er habe sich jedoch trotz aller Schmerzen und Qualen überwinden und das Ziel erreichen können. Darauf Krupka: „Gut, dann machen Sie die Augen zu und laufen Sie jetzt. Es ist Kilometer 27. Sie nehmen Ihre Beine wahr, Ihre Füße, wie sie laufen, es tut weh und es braucht Ihre volle Konzentration und Ihren unbedingten Willen durchzuhalten …..“ Der sportliche Patient war sogleich bei der Sache, durchlebte nochmals die übermenschlichen Qualen, diesmal im Zahnbehandlungsstuhl. Während er weiter über die Anstrengungen in dieser Phase des Wettkampfes sprach, griff Krupka zum bereits vorbereiteten Extraktionsbesteck und hebelte den Zahn heraus. Dann redete er über die letzten schmerzhaften, aber erlösenden Meter des Wettkampfes und „brachte“ so den Sportler, der während der Prozedur regungslos im Stuhl saß, „ins Ziel“. Danach holte er den Patienten wieder ins Hier und Jetzt zurück. Der kranke Zahn war weg, der Patient hat davon absolut nichts mitbekommen, war vielmehr mit seinem Wettkampf beschäftigt.

Teamarbeit statt Hokuspokus
Diese reale Szene aus einer Zahnarztpraxis zeigt sehr anschaulich, wie eine Hypnosebehandlung ablaufen kann: Arzt und Patient bilden dabei ein Team. „Wir Ärzte fungieren als Begleiter. Wir kennen den Weg mit allen Kurven und Hindernissen, aber gehen muss diesen Weg der Patient selbst“, sagt Allan Krupka, der seit rund 20 Jahren Präsident der Österreichischen Gesellschaft für ärztliche und zahnärztliche Hypnose ist.
Der Patient muss also bereit sein für eine Hypnosebehandlung und entsprechend mitarbeiten. Sonst funktioniert sie nicht.

Heilsames Ins-Narrenkastl-schauen
In der Hypnose nimmt man die Umgebung wie in Trance wahr. Trance ist ein völlig natürlicher Zustand, in dem die Aufmerksamkeit auf nur eine Sache gerichtet wird, während man im normalen Bewusstseinszustand immer mehrere unterschiedliche Reize gleichzeitig wahrnimmt. Etwa die Durchsagen auf dem Bahnsteig, während man mit dem Handy telefoniert, gleichzeitig weicht man den Menschen aus, grüßt einen Bekannten, sucht nach einem Zeitungskiosk usw.
In Trance ist das anders, da schaut man zum Beispiel aus dem Zugfenster, durch das monotone Rattern der Räder auf Schienen richtet sich die Aufmerksamkeit von außen nach innen, sie verengt sich auf eine bestimmte Sache, so dass alles andere in den Hintergrund tritt. Oder man durchlebt – wie der Triathlet – während der Zahnbehandlung eine sportliche Herausforderung. Allan Krupka: „Trance ist, wie wenn man ‚ins Narrenkastl schaut‘. Und diesen Zustand kann man ganz gezielt herbeiführen und therapeutisch auch nutzen.“

Suggestive Sprache
Dabei lenkt der Hypnotiseur (Arzt, Zahnarzt oder Psychotherapeut) mit ruhiger Stimme und mit positiven Formulierungen die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche. Manchmal werden Patienten in der Hypnose auch berührt, etwa an der Schulter, nicht selten geht der Behandler beim Sprechen mit dem Atemrhythmus des Patienten mit. Auf alle Fälle handelt es sich beim Hypnotiseur um eine sehr versierte Person. Sowohl Ärzte als auch Zahnärzte oder Psychotherapeuten müssen eine umfangreiche Ausbildung absolvieren, bis sie die Hypnose anwenden können.

Kein Zustand der Willenlosigkeit

Hypnose-Patienten sind keinesfalls dem Behandler willenlos ausgeliefert. Die Klienten übernehmen zwar dessen Suggestionen (also die Beeinflussungen des Denkens, Fühlens und Handelns), aber nur jene, die zu ihrer Erlebniswelt passen. Hätte Zahnarzt Krupka dem sportlichen Patienten während der Suggestion bei Kilometer 27 das Rennen vorzeitig beenden lassen, dann wäre der Triathlet wohl auch aus der Hypnose-Behandlung „ausgestiegen“ und hätte die Schmerzen der Zahnextraktion verspürt. Die Patienten haben also sehr wohl die Kontrolle darüber, was in der Hypnose geschieht.

Zugang zum Unbewussten
Die Wiener Psychotherapeutin und Schlafforscherin Dr. Brigitte Holzinger vergleicht Hypnose mit der Entspannungsmethode des Autogenen Trainings. „Hypnose ist wie eine Tiefenentspannung bei hoher Konzentration, wobei das Denken zweitrangigwird. Auch beim Autogenen Training konzentriert man sich intensiv auf das Wärme- oder Schweregefühl im Arm“, so Holzinger. Der Zustand der Hypnose schaffe ihrer Meinung nach einen besseren Zugang zum Unbewussten, denn die vom Bewusstsein ausgeübte Kontrolle des Denkens werde herabgesetzt. Das könne man nutzen, um das Verhalten zu beeinflussen oder zu verändern.
So zum Beispiel bei Patienten mit Ängsten oder Phobien. Wenn jemand z. B. große Angst vor Menschenmengen hat und aus diesem Grund einen belebten Platz nicht überqueren kann, so kann diese Person zunächst einmal im entspannten Zustand der Hypnose diesen Platz gedanklich begehen, zumindest ein Stück weit. Wenn dies problemlos funktioniert, kann man im geschützten Bereich einer Trance einen größeren Abschnitt des Platzes überqueren, um ihn dann eines Tages in der Realität zu begehen – trotz der vielen Menschen, die sich dort befinden. Auf ähnliche Art und Weise kann man auch die Flugangst loswerden.

Bewusst herbei geführte Trancezustände werden aber auch in anderen therapeutischen Bereichen eingesetzt:

  • zur angenehmeren Durchführung von Untersuchungen wie einer Darmspiegelung oder – wie eingangs erwähnt – von zahnärztlichen Behandlungen 
  • zur Behandlung des Reizdarmsyndroms (die sogenannte Bauchhypnose bewirkt Ruhe und Entspannung in dem durch zu viel Stress irritierten Darm)
  • zur Reduktion von chronischen Schmerzen
  • zur Bewältigung von Schlafstörungen
  • zur Raucherentwöhnung
  • zur Gewichtskontrolle
  • zur Bewältigung von Tinnitus u.v.a.

Bei Patienten mit Epilepsie oder schweren psychotischen Erkrankungen wird Hypnose nicht angewandt. Studien zeigen außerdem, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung nicht hypnotisierbar sind, weil sie sich nicht auf die Trance einlassen können oder wollen.

Wichtige Vorbereitung
Einer Hypnosebehandlung geht zumeist eine Vorbesprechung voraus. Der Arzt/Zahnarzt/Psychotherapeut geht mit dem Patienten seine Krankengeschichte durch. Dann macht er in vielen Fällen mit dem Patienten eine „Leerhypnose“, eine Art Trockentraining, in dem der Patient die Hypnose kennenlernt und bei der darauf geachtet wird, ob die Chemie  zwischen Hypnotiseur und Patient stimmt. Wenn das zur Zufriedenheit beider verläuft, der Patient das nötige Vertrauen in den Behandler hat, dann kann beim nächsten Termin die eigentliche Hypnose durchgeführt werden. Hypnosebehandlungen sind zumeist Kurztherapien, vor allem beim Zahnarzt. „Ich will trotz Würgereiz des Patienten möglichst schnell einen Abdruck für das Zahnlabor machen und führe den Patienten zu diesem Zweck in eine Trance“, sagt Allan Krupka. Die Ursache des Würgereizes, die in der Kindheit liegen kann, bleibt dabei sekundär. Auch die psychotherapeutisch angewandte Hypnose will bald an das gewünschte Ziel kommen. „Bei einer Raucherentwöhnung zum Beispiel bekämpfen wir in fünf bis sechs Sitzungen die Nikotinabhängigkeit“, so Brigitte Holzinger.Immer wieder taucht die Frage auf, ob es passieren kann, dass Patienten nicht mehr aus der Hypnose aufwachen. Das kann nicht geschehen. Selbst wenn der Behandler den Patienten nicht wieder ins Hier und Jetzt zurückholt, erreicht er nach einigen Minuten von selbst wieder den Wachzustand.

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Hypnose – eine jahrtausendealte Methode der Heilkunde

Bereits im alten Ägypten wurde das bewusste Herbeiführen von Trancezuständen in Schriften erwähnt. Im 18. Jahrhundert wurde die Hypnose vom Wiener Arzt Franz Anton Mesmer wiederentdeckt und erlebte danach einen Aufschwung, unter anderem durch den Arzt Jean-Martin Charcot in Paris und durch Sigmund Freud in Wien. Durch die Erfolge der naturwissenschaftlich orientierten Medizin geriet die Hypnose im 20. Jahrhundert zunächst in den Hintergrund. Seit einigen Jahrzehnten wird sie zusammen mit dem Autogenen Training – das als eine Art Selbsthypnose bezeichnet werden kann – vor allem von Ärzten, Zahnärzten und Psychotherapeuten nach einer umfangreichen Ausbildung angewandt, wie zum Beispiel im Rahmen des Curriculums „Hypnose und Kommunikation“ der ÖGZH.

Buchtipp:

Keil,
Ärztliche Hypnoseverfahren und Induktionstechniken
Medizinische Hypnose – Leitfaden für die Praxis
ISBN 978-3-99052-020-8,
128 Seiten
Verlagshaus der Ärzte, € 14,90

Webtipps:
Mehr zum Thema Hypnose und tiefe Entspannung finden Sie unter
www.oegzh.at
www.traum.ac.at
www.schlafcoaching.org

Stand 07-08/2018

 

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