Ganz Ohr im Flugzeug

Mai 2018 | Medizin & Trends

„Ohren zu und durch“ muss nicht zur Devise werden, wenn die Lauscher ihre „Schotten“ über den Wolken dicht machen. Erfahren Sie, wie Sie das Sensibelchen unter den Sinnesorganen im Flugzeug bei Laune halten.
 
– Von Mag. Sylvia Neubauer

Wer des Öfteren mit dem Flieger reist, kennt das Bild: Beim Start- und Landeanflug greifen sich manche Passagiere unwillkürlich an die Ohren und verziehen dabei das Gesicht. Auslöser für diese Reflexhandlung ist weniger der dauerplaudernde Sitznachbar nebenan. Vielmehr quält ein unangenehmes Druckgefühl im Ohr, das mit einer verminderten Hörleistung einhergeht. Die Beschwerden entstehen durch eine Veränderung des Luftdrucks in der Flugzeugkabine.

Eingebaute Druckregulierung
Zehn Tonnen lasten im Alltag auf jedem Quadratmeter unserer Körperoberfläche. Dass wir nicht längst platt gedrückt sind, verdanken wir der Tatsache, dass im Körperinneren ein ebenso hoher Druck herrscht, der diesem Gewicht standhält. Der Organismus kann sich veränderten Druckbedingungen, wie sie auch beim Fliegen auftreten, demnach gut anpassen.
„In den meisten Reiseflugzeugen herrscht ein Umgebungsdruck wie auf 2200 bis 2400 Meter Seehöhe“, weiß  Dr. Angel Lopez, Facharzt für HNO, Kopf- und Halschirurgie „unser Mittelohr muss sich erst an diese Gegebenheiten anpassen.“ Eine Herausforderung für die Lauscher, zumal ihnen für diese Aufgabe lediglich eine dünne Röhre, die sogenannte Ohrentrompete, zur Verfügung steht. Über diese körpereigene Belüftungszentrale wird das Mittelohr – ein an sich vollkommen abgeschlossener Luftraum – regelmäßig mit einer frischen Brise versorgt.
Ähnlich wie ein Ventil öffnen kleine Muskeln den Knorpel, der die sogenannte Eustachische Röhre normalerweise geschlossen hält. Das „Durchlüften“ der Ohren hat zudem den Vorteil, dass sich der Druck stets an die Außenverhältnisse anpasst.
Wenn nun der Flieger rasant seine Höhe ändert und in Regionen mit schwächerem oder stärkerem Luftdruck vorstößt, wird das Druck-Gleichgewicht abrupt bedroht. „Besonders im Steig- und Sinkflug ändert sich der Umgebungsdruck sehr rasch, daher sind das die ‚kritischen‘  Phasen während des Reisefluges“, so der flugmedizinisch zertifizierte Mediziner.

Gähnen, Kauen, Schlucken
Spannend: Die Landung verlangt dem Ohr mehr „Einsatz“ ab als der Start. Sprich: Das Ohr muss sich beim Sinkflug stärker plagen, um den notwendigen Druckausgleich hinzukriegen. Ausschlaggebend dafür ist die Anatomie unserer Gehörgänge. In luftigen Höhen dehnen sich Gase aus. Wir merken das beispielsweise am Gürtel, der im Flugzeug plötzlich um den Bauch herum zu spannen beginnt. Im Mittelohr passiert im Grunde genommen dasselbe. Wenn der Flieger abhebt, entsteht ein Überdruck. Dadurch wölbt sich das Trommelfell nach außen und kann nicht mehr frei schwingen. Die Ohren reagieren mit einem irritierten „Ploppen“ oder „Knacksen“. In der Regel währt ihr Unmut jedoch nicht lange. Durch intensive Kieferbewegungen öffnet sich die Ohrentrompete, wodurch überschüssige Luft entweicht und sich die Druckverhältnisse wieder normalisieren. Der Druckausgleich kann aktiv durch verschiedene Maßnahmen wie „Gähnen, Kauen oder Schlucken herbeigeführt werden“, empfiehlt Lopez. Sinnvoll ist es auch „Kaugummi zu kauen oder etwas zu trinken.“ Anders sieht es hingegen beim Landevorgang aus. Beim Abstieg reagieren die Gase und der Luftdruck nämlich genau umgekehrt – das Volumen der Gase verringert sich. Heißt also: es muss zusätzlich Luft vom Nasenrachenraum ins Mit­telohr kommen. Dieser Weg gestaltet sich naturgemäß schwieriger. Um die Ohren zur Kooperationsbereitschaft zu bewegen, ermutigt der Arzt zur Anwendung des Vasalva-Manövers: Dabei soll man sich die „Nase zuhalten und versuchen die Luft durch die geschlossene Nase wieder auszublasen.“


„Verschnupfte” Ohren fliegen schlechter

Bei einer Erkältung kann es passieren, dass die genannten Maßnahmen zur Druckregulierung nicht ausreichen. Die natürliche Durchlüftungsanlage der Ohren arbeitet dann quasi im „Notstrommodus“. Doch warum ist das so? Bei Atemwegsinfektionen schwellen die Schleimhäute an. Das betrifft auch den kleinen Verbindungsgang zwischen dem Mittelohr und dem Nasenrachenraum, der ähnlich wie ein verkalktes Rohr „verstopft“. 
„Abschwellende Nasentropfen oder Nasensprays wirken dem entgegen“, rät der Experte zur Verwendung von Präparaten mit gefäßverengenden Eigenschaften. Sie sollten jeweils eine halbe Stunde vor Abflug und Landung benutzt werden und gegebenenfalls während des Fluges, falls es zu einem Druckabfall kommt. Ein leichter Schnupfen ohne Fieber lässt die Ohren demnach keine Bruchlandung hinlegen.
In welchen Krankheitsfällen sollten Sie jedoch besser am Boden bleiben? „Auf den HNO-Bereich bezogen sind es Erkrankungen, die mit dem Mittelohr bzw. den Nasennebenhöhlen zu tun haben. Bei ‚frischem‘  Hörsturz und akuten Infekten im Hals-Nasen-Ohrenbereich besteht Fluguntauglichkeit“,  sagt Lopez und verweist auf eine schwerwiegende Komplikation: „Gelingt der Druckausgleich nicht, besteht die große Gefahr ein sogenanntes Barotrauma  zu erleiden.“ Starke Ohrenschmerzen in Kombination mit Schwindelgefühlen und Übelkeit können symptomatisch auf ein vergrämtes Trommelfell hindeuten.
Kinder sind davon häufiger betroffen. Deren Organismus ist auf Druckdifferenzen noch nicht so gut eingespielt.

Kleine Passagiere an Bord
Besonderheiten in der kindlichen Anatomie wirken sich nachteilig auf die Druckregulierung aus. So kann die Ohrentrompete bei kleinen Passagieren bereits bei leichten Entzündungen anschwellen. Und die kommen relativ häufig vor. Da das Immunsystem erst die Schulbank drücken und ausreifen muss, leiden Mini-Entdecker durchschnittlich sechs bis zehn Mal im Jahr an einem Schnupfen.
Idealerweise sollte daher immer der Kinderarzt über die Flugtauglichkeit entscheiden. Speziell dann, wenn der kleine Flugpassagier unter sechs Monaten alt ist.
Gibt der Arzt sein Okay, können Sie den kindlichen Lauschern auf verschiedenste Weise Start- und Landehilfe gewähren. Generell sollten sich die Kleinen in den letzten Momenten vor Start oder Landung nicht im Träumeland befinden. Der Grund dafür: Im Wachzustand öffnet sich die Eustachische Röhre mehrmals pro Minute spontan, sodass der Ohrendruck besser abflaut. Größere Kinder können Zuckerl lutschen oder Kaugummi kauen. Bei Babys empfiehlt sich „die Verwendung eines Schnullers“, so Experte Lopez. Auch Stillen oder das Nuckeln an der Flasche erleichtern den Druckausgleich. Da Babys in den ersten Lebensmonaten nur durch die Nase atmen, sollten Sie auch für die Kleinsten bedarfsweise abschwellende Nasentropfen bereithalten. „Generell und besonders bei Langstreckenflügen empfehlenswert sind Nasentropfen auf Meersalzbasis“, meint Lopez. Sie verhindern, dass die Schleimhäute in der trockenen Kabinenluft austrocknen.

Mit dem Hörapparat über den Wolken

Nicht nur die trockene Luft, auch der dröhnende Motorenlärm kann rasch zum Stressfaktor werden. „Die Lärmbelastung im Flugzeug ist in vielen Fällen nicht unerheblich“ weiß der Mediziner. Vereinfacht erklärt, schallt der von den Triebwerken produzierte Lärm nach hinten. Die Reihen vor den Flügeln und Triebwerken sind daher am ruhigsten. Hinter der Tragflächenmitte ist der Lärmpegel hingegen deutlich höher.
Diese stete Geräuschkulisse birgt vor allem für Menschen mit Hörgeräten Schwierigkeiten. Sie erleben häufig eine „sehr unangenehme Verstärkung der Umgebungsgeräusche“, weiß der Arzt und rät: „Wenn vom Gerät her möglich, sollten die Funktion ‚noise reduction‘ bzw. geeignete Hörprogramme eingestellt werden.“
Diese Störgeräuschunterdrückung sorgt dafür, dass der Fluglärm nur noch leise wahrgenommen und das Gehör deutlich weniger belastet wird. Ein weiteres Manko besteht im „Risiko Durchsagen zu überhören und das Bordpersonal nicht zu verstehen“, erklärt der HNO-Arzt. Doch auch dafür gibt es Abhilfe: „Um die Kommunikation mit dem Bordpersonal zu optimieren, sollte die Funktion zur Sprachanhebung verwendet werden.“ Moderne Technologien ermöglichen dabei sowohl die Erkennung als auch die direkte Hervorhebung der Sprache. Richtmikrofone lenken den Fokus außerdem auf bestimmte Geräuschquellen, etwa auf die Stimme der Stewardess.
Und noch einen zweiten Haken gibt es. Menschen, die ein Hörgerät tragen, stehen beim Fliegen ganz besonders unter Druck. Warum das so ist? „Je nach Hörgerätetyp wird der Gehörgang teilweise oder ganz verschlossen“, erklärt Lopez. „bei Geräten, die den Gehörgang vollständig abdichten, entsteht eine luftgefüllte Kammer zwischen dem Hörgerät und dem Trommelfell. Diese kann, besonders im Landeanflug zu Schmerzen führen, da in diesem Bereich dann kein Druckausgleich stattfindet.“ Der Experte rät daher „das Hörgerät in diesem Fall unbedingt zu entfernen.“

Ohrenschmalz entfernen
Sein abschließender Tipp, der uns im wahrsten Sinne des Wortes Ohren spitzen lässt: „Besonders vor Flugreisen ist es sinnvoll den Gehörgang von einem HNO-Arzt von überschüssigem Ohrenschmalz reinigen zu lassen“, rät der flugmedizinisch geschulte Arzt „ein durch Ohrenschmalz verlegter Gehörgang kann zu Schmerzen führen.“    

Stand 05/2018

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