Nase im Dauerlauf

März 2018 | Medizin & Trends

Wann ein Schnupfen chronisch wird
 
Es ist zum Naserümpfen: Kaum hat man den vermeintlich letzten Schnäuzer getan, geht es wieder von vorn los.
Ein scheinbar endlos chronischer Schnupfen ist aber nicht nur lästig. Er hat mitunter ernste anatomische oder allergische Ursachen und kann unbehandelt zu Asthma führen.
 
Von Wolfgang Kreuziger

Für viele sind sie längst zum lästigen Dauerbegleiter geworden: Der über Wochen adelig-nasale Tonfall, der automatisierte Griff zu den Nasentropfen am Nachttischchen und der eingeübte Zielwurf in den vor Taschentüchern überquellenden Papierkorb. Doch trotz aller üblichen „Qualen“ der Erkältungssaison, muss das große Niesen und Husten wirklich über Monate gehen? „Nein, denn eine gewöhnliche Erkältung, etwa ein viraler Infekt, sollte schon nach einer Woche abgeklungen sein“, verrät Dr. Andreas Glowania, HNO-Arzt im Krankenhaus Wien-Hietzing. „Dauern die Beschwerden länger als vier Wochen an oder kehren sie immer wieder, lauert hier ein chronischer Schnupfen, der medizinisch sehr ernst zu nehmen ist.” Dies nicht nur, weil die zumeist als harmlose Dauerverkühlung verniedlichte „Laufnase“ einem das Leben von früh spät vermiest, sondern weil hinter der vermeintlichen Kleinigkeit ernste Auslöser stecken und Folgeschäden drohen können.

Schieflage im Riechorgan

Sieben von zehn Menschen haben eine schiefe Nasenscheidewand, die angeboren ist. „Bei manchen kann diese Verkrümmung eine dauerhafte Nasenatmungsbehinderung verursachen”, weiß der Experte. Auch eine zu große untere Nasenmuschel oder speziell bei Kindern Wucherungen im Rachenbereich, sogenannte Adenoide, sind nicht selten anatomische Auslöser für häufige Beschwerden. Glowania: „Eine schmerzlose Nasenspiegelung beim HNO-Arzt mit einer stabförmigen Kamera diagnostiziert das Problem, eine unproblematische Operation unter Narkose oder lokaler Betäubung beseitigt es.”

Allergie und chronischer Schnupfen
Häufig quälen uns Allergien mit einer lästigen „Nonstop-Laufnase“, allen voran die am weitesten verbreitete Pollenallergie vor jener gegen Hausstaubmilbe und Tierhaare. Die Zahl der Betroffenen steigt ständig, laut einer aktuellen Studie der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie sind bereits 37 Prozent aller Österreicher Allergiker. „Viele wissen aber noch nichts von ihrem Handicap”, berichtet Glowania über eine immer noch hohe Dunkelziffer unentdeckter Allergiker. Dazu gesellen sich in den letzten Jahren zunehmend diverse Unverträglichkeiten, wobei sich etwa jene gegen Weizen- oder Milchprodukte weniger auf die Nase als auf die Verdauung schlagen. Hierzulande reagieren alleine 200.000 Menschen allergisch auf das Histamin in Rotwein, Käse, scharfen Gewürzen oder anderen Nahrungsmitteln, welches klassische Schnupfensymptome mit sich bringen kann.
Hier muss vor allem möglichst rasch Klarheit her: Mit Hauttests in speziellen Ambulatorien können die Auslöser von Allergien oder Unverträglichkeiten identifiziert werden.
Kennt man die Übeltäter erst einmal, dann können die Mediziner auch wirksame Maßnahmen setzen oder Medikamente verschreiben. „Antihistaminika oder auch andere antiallergisch wirksame Medikamente bekämpfen viele Allergiesymptome sehr erfolgreich, eine mehrjährige Immuntherapie ist derzeit das einzige Mittel auch der Ursache zu Leibe zu rücken”, betont Glowania.
Kleiner Wermutstropfen: Während bis zu 80 Prozent der Pollenallergiker geheilt werden können, bietet die Immuntherapie etwa bei Empfindlichkeit gegen Tierhaare lediglich eine Erfolgsquote von nur 30 bis 40 Prozent. Wogegen man sich sowieso gar nicht immunisieren lassen kann, sind stinkende Schnupfenauslöser aus der Atemluft.

Schleimhautreizende Abgase
„Nicht nur Stickoxoide und Abgase auf der Straße, sondern auch Zigarettenrauch in geschlossenen Räumen können wie Allergene unsere empfindlichen Schleimhäute bis zum Dauerausfluss reizen”, weiß der Arzt.
Da hilft dann nur noch, schleunigst den Aufenthaltsort zu wechseln. Alle denkbaren negativen Reaktionen können übrigens durch Stress oder Burnout noch verstärkt werden, die zwar selbst keine klassischen Schnupfenauslöser sind, aber die Immunabwehr generell herabsetzen.

„Böse” Nasentropfen?

Kaum zu glauben: Gleich nach den Allergien und anatomischen Ursachen sind Medikamente die häufige Ursache für Dauerschnupfen. „Sehr oft sind dabei zu lange verwendete abschwellende Nasentropfen Grund allen Übels”, verrät der Experte. Sie lassen den Betroffenen in einen wahren Teufelskreis schlittern, der das Leiden erst chronisch macht: Erst trocknen abschwellend wirkende Tropfen die Nasenschleimhaut aus, danach schwillt diese nach Abebben der Wirkung als Gegenreaktion wieder stark an. In einer solchen Dauerschleife gefangen, muss ständig die Tropfendosis erhöht werden, es droht bei sehr häufigem Gebrauch über Wochen eine permantente Schädigung der Schleimhaut.
    
Auch Medikamente lösen Schnupfen aus
„Kortisonpräparate sind dann das letzte Mittel, um die Nase auf Dauer zu beruhigen”, sagt Glowania, manchmal muss zusätzlich noch die durch die Tropfen versteifte Schleimhaut chirurgisch korrigiert werden. Aber der Arzt kennt auch andere Medikamente, die hinter einer rinnenden Nase stecken können. „Dazu gehören Bluthochdruckmedikamente, Psychopharmaka oder Hormonpräparate wie die Antibabypille.”

Angst vorm Etagenwechsel

Im Grunde bliebe ja selbst die fieseste Triefnase ein erträgliches Übel, solange sich die Verkühlung auf die oberen Atemwege beschränkt. „Der Gang zum Spezialisten ist deshalb so wichtig, weil unbedingt der sogenannte ‚Etagenwechsel‘ verhindert werden muss, nämlich dass die entzündlichen Prozesse auf Lunge und Bronchien übergreifen”, warnt Glowania.
Unbehandelte Dauerinfekte und Allergien können sich sonst zu immer größeren Problemen auswachsen, Atemnot und Hustenanfälle sind Alarmzeichen, die nicht ignoriert werden sollten. „Ist erst die Lunge betroffen, so droht dem Patienten im schlimmsten Fall eine permanente asthmatische Erkrankung.” Besondere Vorsicht ist auch bei blutiger Sekretion oder üblem Geruch aus der Nase geboten: Hier könnte in seltenen Fällen sogar ein Tumor der Auslöser sein. Hier ist in jedem Fall die Abklärung durch den HNO-Facharzt geboten.

Die Schleimhaut wirksam entlasten
Ob nun ein Virus, eine Allergie oder sogar eine äußerst selten anzutreffende Autoimmunerkrankung der Auslöser der dauerhaften Verkühlung  ist: Halten sich die Beschwerden noch in Grenzen, so können einfache Hausmittelchen helfen. „Unsere Nasenschleimhaut ist die Klimaanlage unseres Körpers, sie befeuchtet und wärmt die Atemluft gleichzeitig an. Bei verschiedenen Erkrankungen kann diese Funktion gestört sein, deswegen ist ausreichend zu trinken oberstes Gebot”, rät der Arzt, der auch spezielle Nasenduschen zur Säuberung des Riechorgans empfiehlt. „Zudem können Inhalationen die gereizten Schleimhäute befeuchten und die Atmung erleichtern.”
Doch Vorsicht, nicht alles, was gut gemeint ist, wirkt auch gut, so der Experte. „Kamillentee etwa trocknet aus statt zu befeuchten. Ich rate auch eher zu häufigem Lüften als zu exzessiver Benutzung von Luftbefeuchtern, die Hausstaubmilben und Schimmelbildung begünstigen können.”

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Impfung gegen Gräserpollen in Sicht

Wissenschafter der Medizinischen Universität Wien forschen unter der Leitung von Univ. Prof. Dr. Rudolf Valenta intensiv an einem Impfstoff gegen ­Gräser-Pollen (Heuschnupfen), der frühestens in drei Jahren auf den Markt kommen wird. Gräserpollen lösen bei Empfindlichen Schnupfen, ­Husten, schwere Atemprobleme sowie juckende, tränende Augen aus.         In unseren Breiten verursachen die Süßgräser die meisten Beschwerden, dazu zählen auch der Glatthafer, der als (Heu-) Futter verwendet wird und das Getreide Roggen.
Untersuchungen haben gezeigt, dass der Impfstoff mit vier Injektionen im ersten Jahr und einer Auffrischung im zweiten Behandlungsjahr die Be­schwerden deutlich mildern kann. Die Forscher gehen davon aus, dass die Symptome noch weiter zurückgehen, wenn die Impfung über Jahre ­immer wieder aufgefrischt wird.

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Interview

Klimawandel beeinflusst die Pollenbelastung

Welche Auswirkungen der Klimawandel auf Allergiker haben könnte, erklärt Mag. Dr. Katharina Bastl vom Österreichischen Pollenwarndienst der MEdizinischen Universität Wien im folgenden Interview:

MEDIZIN populär
Die Durchschnittstemperaturen steigen an. Was bedeutet der Klimawandel für Pollenallergiker?


Mag. Dr. Katharina Bastl

Wenn die Sommer heißer und trockener werden, wird zum Beispiel Ragweed weniger blühen, andererseits werden Olivengewächse in südlichen Ländern Aufwind bekommen.
Das wird Allergikern etwa im Urlaub unangenehm auffallen. Werden die Winter milder, wird bei uns langfristig die Birke zurückgedrängt, für allergische Personen ist das eine gute Nachricht. Zu einer seriösen Prognose fehlt uns allerdings die kaum voraussagbare Entwicklung der Niederschläge – neben anderen Parametern, die dazu notwendig wären.

Kommen immer wieder neue Auslöser dazu?
Die Situation ist in leichter Bewegung, erst vor zwei Jahren haben wir die Purpurerle als bis dahin unbekannten Allergieauslöser im Winter entdeckt. Derzeit beobachten wir den Götterbaum, den sogenannten Ailanthus, sehr genau. Ob er künftig bei Allergikern eine Rolle spielen könnte, ist noch nicht ganz klar.

Welche Faktoren machen einen Menschen zum Allergiker?
Neben einer vererbbaren Anfälligkeit ist die Umweltsituation in der Kindheit wichtig. Laut der geltenden ‚Hygienehypothese‘ schadet zu viel Sauberkeit, eine gewisse Keimbelastung in der Jugend härtet ab. Kinder, die auf einem Bauernhof mit Tieren und verschiedenen Keimen in Berührung kommen, scheinen auch besser gegen eine Allergie gewappnet zu sein.
Im Gegensatz dazu erhöhen Faktoren wie Passivrauchen, Stress und Luftverschmutzung das Risiko. An sich schwache allergische Reaktionen, so wissen wir seit kurzem, können speziell durch mehr Ozon oder Kohlenstoffdioxid in der Luft noch weiter verstärkt werden.

Sind Pollen immer gleich belastend?
Nein, zwei gleiche Bäume können abhängig von Standort, Lichtsituation oder Blütebeginn ganz unterschiedlich belastend sprich allergen sein. Auch eine in Summe sehr hoch gemessene Allergenbelastung kann subjektiv beim Menschen wenige Beschwerden erzeugen, wenn sie kontinuierlich zustande kommt.
Erblühen jedoch durch einen Wetterumschwung viele Pflanzen quasi gleichzeitig von ‚null auf hundert‘, verzeichnen wir sehr heftige Reaktionen, warum ist nicht genau geklärt.

Stand 03/2018

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