Bei Zahnerkrankungen nehmen nicht nur die ZÀhne Schaden. Kranke ZÀhne können viele weitere Krankheiten verursachen: welche und wie das erklÀrbar ist.
von Mag. Sabine Stehrer
Der Mensch hat fĂŒr gewöhnlich 32 ZĂ€hne, je 16 im Ober- und Unterkiefer. Jeder davon kann Schaden nehmen und krank werden. Und nicht immer bleiben Zahnerkrankungen auf die ZĂ€hne beschrĂ€nkt: Mit den knochenĂ€hnlichen Hartgebilden können weitere Bestandteile unseres Kausystems erkranken, das Zahnfleisch etwa oder Kieferknochen. Dem nicht genug: Verbreiten sich die Krankheitserreger, Bakterien oder andere Keime, ĂŒber den Zahnhalteapparat und die Blut- und LymphgefĂ€Ăe im Körper, oder kommt es beispielsweise bedingt durch einen Zahnverlust zu Funktionsstörungen des Kausystems, kann das zudem zu einer Vielzahl weiterer Erkrankungen fĂŒhren.
Zahnmediziner erklĂ€ren, welche Folgen die hĂ€ufigen Zahnerkrankungen Karies, Parodontitis und Funktionsstörungen, craniomandibulĂ€re Dysfunktionen, CMD, haben können und was davor schĂŒtzt.
ZÀhne durchlöchert?
= Karies
= Zahnschmerzen, NasennebenÂhöhlenentzĂŒndung, Kniegelenksschmerzen?
Sie beginnt mit Flecken auf den ZĂ€hnen, die oft erst auffallend weiĂ sind, dann immer dunkler werden: Die Zahnerkrankung Karies â von der fast alle Menschen irgendwann einmal im Leben betroffen sind, und die durch Bakterien in Zahnbelag verursacht wird, die den Zahnschmelz angreifen.
âBei ersten Anzeichen von Karies ist es höchste Zeit fĂŒr einen Zahnarztbesuchâ, sagt der PrĂ€sident der Wiener ZahnĂ€rztekammer DDr. Claudius Ratschew. Denn allein die Zahnschmerzen, die aufÂtreten, wenn aus dem Fleck am Zahn ein Loch geworden ist, beeintrĂ€chtigen die Gesundheit: Indem sie beÂlasÂten, Erholung behindern und den Schlaf rauben.
Bleibt die hĂ€ufige Zahnerkrankung lĂ€nger unbehandelt, geht die KrankÂheit vom Zahn und dem Zahnnerv auf die Zahnwurzel ĂŒber. Oder auf den sonstigen Zahnhalteapparat aus Zahnfleisch und Kieferknochen â was zu einer WurzelspitzenentzĂŒndung, der apikalen Parodontitis, und Funktionsstörungen des Kausystems, den CMD, fĂŒhren kann.
DarĂŒber hinaus bleibt es bei Karies nicht immer bei MissstĂ€nden im Mund. Gelangen Kariesbakterien ĂŒber die Blut- und LymphgefĂ€Ăe in andere Bereiche des Körpers, erhöht sich laut Ratschew das Risiko fĂŒr eine ganze Reihe an weiteren Infektionen. Wie beispielsweise fĂŒr EntzĂŒndungen der Nasennebenhöhlen.
Aber nicht nur in der NĂ€he des Krankheitsherds, sondern auch in weiter davon entfernten Arealen wie etwa im Nacken, RĂŒcken oder in den Knien können Kariesbakterien EntzĂŒndungen entfachen und Nacken-, RĂŒcken- oder Kniegelenksschmerzen auslösen.
Zahnhalteapparat entzĂŒndet?
= Parodontitis
= Zuckerkrankheit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fehlgeburt?
Sie Ă€uĂert sich anfangs oft durch eine ZahnÂfleischentzĂŒndung, die Gingivitis, bestehend in Rötungen, Schwellungen oder Blutungen beim ZĂ€hneputzen: die Zahnerkrankung Parodontitis â eine EntzĂŒndung des Zahnhalteapparats, an der mehr als die HĂ€lfte aller Menschen vorwiegend in der zweiten LebenshĂ€lfte leiden, und die wie Karies durch bestimmte Bakterien im Mund verursacht wird.
âZeigt sich, dass der Zahnhalteapparat entzĂŒndet ist, sollte so bald als möglich eine entsprechende Behandlung erfolgenâ, so die PrĂ€sidentin der Ăsterreichischen Gesellschaft fĂŒr Parodontologie, Dr. Corinna Bruckmann von der UniversitĂ€tszahnklinik Wien. Denn bleibt die Behandlung lĂ€nger aus, geht bedingt durch die entzĂŒndlichen Prozesse, die der Körper in Gang setzt, um die Keime loszuwerden, das Zahnfleisch zurĂŒck. Auch Bindegewebe und Knochen werden abgebaut, die ZĂ€hne werden locker.
Obendrein bilden sich Zahnfleischtaschen, aus denen Eiter austritt, wodurch Mundgeruch entsteht. Gehen ZĂ€hne verloren, kann es zu FunkÂtionsstörungen des Kausystems kommen.
Bei einer Begrenzung auf SchĂ€den im Mund bleibt es bei einer Parodontitis auĂerdem nicht immer. Gelangen die krankheitsauslösenden Bakterien und EntzĂŒndungsstoffe ĂŒber den Blutkreislauf in andere Organe, können sie laut Bruckmann auch dort entzĂŒndliche Erkrankungen verursachen. Oder die Substanzen verschlimmern bestehende Krankheiten. Wie zum Beispiel die Zuckerkrankheit Diabetes, was unter anderem daran liegt, dass bei EntzĂŒndungsvorgĂ€ngen im Körper die Blutzuckerregulation gestört ist.
Auch der krankhafte Knochenschwund Osteoporose wird durch Parodontitis beschleunigt, da wegen der damit einhergehenden entzĂŒndlichen Prozesse die Knochenstruktur schneller ausdĂŒnnt. Bei EntzĂŒndungsstoffen im Blut verhĂ€rten auĂerdem die BlutgefĂ€Ăe, was wiederum die Gefahr fĂŒr Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt erhöht.
ZusammenhĂ€nge zwischen der hĂ€ufigen Zahnerkrankung und Problemen in der Schwangerschaft bis hin zu FrĂŒhgeburten und Fehlgeburten sind ebenfalls erwiesen. FĂŒr möglich gehalten werden des Weiteren Wechselwirkungen zwischen Parodontitis und GedĂ€chtnisstörungen, Atemwegsinfektionen, LungenentzĂŒndungen, rheumatoide Arthritis, Alzheimer-Demenz und Krebs.
Kausystem gestört?
= CraniomandibulÀre Dysfunktionen (CMD)
= Kopfschmerzen, Tinnitus, Depression?
Sie zeigen sich durch Schmerzen im Kieferbereich, ein Knacken im Kiefer oder einem HĂ€ngenbleiben beim Versuch, den Mund zu öffnen: die craniomandibulĂ€ren Dysfunktionen CMD â eine Erkrankung, bei der Funktionen des KauÂsysÂtems, bestehend aus Kaumuskulatur, Kiefergelenk und ZĂ€hnen gestört sind, und die mehr als zwanzig Prozent der Menschen betrifft, Kinder und Jugendliche genauso wie Erwachsene jeden Alters. Eine AnfĂ€lligkeit dafĂŒr kann angeboren sein. Mitverursacht wird CMD unter anderem durch Zahnfehlstellungen oder Zahnverlust, etwa in Folge von Karies oder Parodontitis.
âTreten Symptome einer CMD auf, sollte so bald als möglich Ă€rztliche Hilfe gesucht werdenâ, sagt die Leiterin der Spezialambulanz fĂŒr Funktionsstörungen an der UniversitĂ€tszahnklinik in Wien, a.o. Univ. Prof. DDr. Martina Schmid-Schwap. Denn wird nichts gegen eine CMD unternommen, kann es dazu kommen, dass wegen falscher Belastung der ZĂ€hne Zahnschmelz absplittert oder eine Erkrankung an Parodontitis verschlimmert wird, wodurch wiederum ZĂ€hne verloren gehen können.
Auf eine BeeintrĂ€chtigung der Mundgesundheit bleiben die Folgen einer CMD zudem nicht immer beschrĂ€nkt. Ăber die Fehlbelastung der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke kann es laut Schmid-Schwap zu Schmerzen kommen, die in die ZĂ€hne, in die Ohren, in den Kopf, Nacken und bis in die Schultern und den RĂŒÂcken ausstrahlen, manchmal auch in andere Bereiche des StĂŒtz- und Bewegungsapparats wie die HĂŒft-, Knie- und FuĂgelenke. Die Probleme beim Kauen werden auĂerdem manchmal so groĂ, dass sie die Vorverdauung im Mund erschweren, was zu Verdauungsstörungen und zu NĂ€hrstoffmangel fĂŒhren kann.
Mitunter bringt diese hĂ€ufige Zahnerkrankung auch mit sich, dass mit den ZĂ€hnen geknirscht wird, was diese abnĂŒtzt, Löcher in den ZĂ€hnen entstehen lĂ€sst und mitunter Tinnitus, OhrgerĂ€usche, verursacht. So kann CMD die Gesundheit beeintrĂ€chtigen, die LebensqualitĂ€t mindern, zum RĂŒckzug aus dem Sozialleben fĂŒhren und sogar psychische Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen nach sich ziehen.
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Wissenschaftlich nicht erwiesen:
Zahn steht fĂŒr Organ, Organ steht fĂŒr Zahn
Aus der Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) können ZĂ€hne ĂŒber die Meridiane des Körpers, laut TCM KanĂ€le, in denen die Lebensenergie flieĂt, Organe beeinflussen. Zahnerkrankungen, wurzelbehandelte ZĂ€hne oder Narben, die gezogene ZĂ€hne hinterlassen, sollen dem folgend neben der Gesundheit des Kausystems auch die Gesundheit von Organen beeintrĂ€chtigen, die in anderen Bereichen des Körpers an den jeweiligen KanĂ€len oder im Nahbereich der Meridiane liegen.
So sollen zum Beispiel SchneidezĂ€hne einen Einfluss auf die Gesundheit von Blase und Niere haben, EckzĂ€hne mit der Gallenblase und der Leber in Verbindung stehen, BackenzĂ€hne mit dem Magen und Darm. Wissenschaftlich erwiesen ist diese Annahme samt ihrem UmÂkehrschluss laut DDr. Claudius Ratschew aber nicht.
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Wenn es andersherum lÀuft
So wie Karies, Parodontitis und Funktionsstörungen des Kausystems, craniomandibulĂ€re Dys-funktionen, CMD, ihrerseits Erkrankungen an Diabetes, die Gesundheit des StĂŒtz- und Bewegungsapparats sowie eine Schwangerschaft beeinflussen können, kann es laut DDr. Claudius Ratschew, Dr. Corinna Bruckmann und ao. Univ. Prof. DDr. Martina Schmid-Schwap auch andersherum laufen.
Eine Schwangerschaft etwa kann die Zahngesundheit beeintrÀchtigen, weil durch die Schwangerschaftshormone das Gewebe des gesamten Körpers locker wird, auch das Gewebe um den Zahn. Dadurch können Bakterien und andere krankheitserregende Keime leichter in das Zahnfleisch und den Zahnhalteapparat eindringen und Zahnerkrankungen verursachen.
Schmerzen durch Verspannungen vorwiegend der Nacken- und Schultermuskulatur können in die Kaumuskulatur ausstrahlen und diese in ihrer Funktion beeintrĂ€chtigen. Diabetes kann den ZĂ€hnen schaden, weil die Zuckerkrankheit oft zu GefĂ€ĂschĂ€den, einer schlechteren Durchblutung des Mundraums und zu MundÂtrockenheit fĂŒhrt, wodurch der Zahnhaltapparat anfĂ€lliger fĂŒr Infektionen wird und Âbestehende EntzĂŒndungen schlechter abheilen.
Manche Allergien und Hauterkrankungen wie Neurodermitis können ĂŒber eine Ausbreitung auf die Mundschleimhaut und das Zahnfleisch dort ebenfalls EntzĂŒndungen entÂfachen und den ZĂ€hnen und dem Zahnhalteapparat schaden.
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Foto: iStock, ZeynepKaya
