Das große Niesen: Pollen werden immer aggressiver

März 2012 | Medizin & Trends

In Österreich beginnt jetzt wieder das große Niesen: Bereits 1,3 bis 1,7 Millionen Menschen in unserem Land reagieren allergisch auf Pollen. Auch wenn die Zahl der Betroffenen seit etwa fünf Jahren nicht weiter ansteigt, sind Experten dennoch in höchstem Maße alarmiert: Denn in jüngster Zeit zeigt sich, dass die Pollen immer aggressiver und Allergien deshalb immer gefährlicher werden. MEDIZIN populär informiert, woran das liegt und was jetzt wichtiger ist denn je.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Rinnende Nasen, juckende, tränende Augen, Husten, Atemnot, asthmaartige Anfälle und ein Gefühl von Schlappheit, als ob man stark erkältet wäre: All das gehört zum großen Niesen – oder wie es Prim. Dr. Waltraud Emminger, Leiterin des Allergieambulatoriums Rennweg in Wien, ausdrückt: „Das ist das klassische Krankheitsbild einer Pollenallergie.“ Seit etwa 100 Jahren werden Pollenallergien diagnostiziert, seither sind die Beschwerden grundsätzlich die gleichen geblieben. Gleich geblieben ist seit rund fünf Jahren auch die Zahl der Betroffenen, seither ist in Österreich von 1,3 bis 1,7 Millionen Pollenallergikern die Rede. Doch Experten wie Emminger haben zuletzt Veränderungen beobachtet, die eine frühzeitige und ausreichende Behandlung immer wichtiger machen: Denn die Pollen werden immer aggressiver, die Allergien immer gefährlicher.
„Die Allergiker reagieren zunehmend sensibler auf die Pollen“, sagt Emminger. „Das bringt mit sich, dass der Schnupfen, die Augenbeschwerden und der Husten bzw. das allergische Asthma immer ärger werden.“ Auch verläuft die Krankheit nicht mehr wie früher häufig so, dass zunächst noch ein leichter sogenannter Heuschnupfen auftritt und die Symptome erst über die Jahre immer belastender werden, bis auch die tieferen Atemwege betroffen sind und ein Husten und Asthmaanfälle hinzukommen. „Der sogenannte allergische Marsch hat sich verändert“, sagt Emminger. Das heißt: „Die Allergie bricht nun häufig schon mit allergischem Asthma, Augenproblemen und Schnupfen zugleich aus.“

Allergie weitet sich immer rascher aus

Verändert hat sich auch die Dauer des Leidens: Immer mehr Betroffene werden nicht nur zu Beginn der warmen Jahreszeit, sondern bis in den Spätsommer hinein von ihrer Allergie geplagt. Emminger über den Grund dafür: „Es kommt zunehmend rascher zu einer Ausweitung des Allergenspektrums.“ Das heißt, wer zunächst und wie die große Mehrheit der Betroffenen nur auf Gräser allergisch reagiert, reagiert eine oder zwei Pollensaisonen später etwa auch auf Birken und Beifuß. Immer mehr Menschen entwickeln auch Kreuzallergien und sind dann zusätzlich auf bestimmte Nahrungsmittel allergisch, häufig auf Obst und Nüsse. Schließlich registrierte man noch, dass die Allergie früher übliche Altersgrenzen überwindet: Noch nie erkrankten so viele Babys im Alter von nur wenigen Monaten und so viele Menschen über 70 Jahren daran wie heute.

Hauptursache Luftverschmutzung

Warum es zu diesen Veränderungen gekommen ist – mit dieser Frage haben sich Wissenschafter verschiedener Fachrichtungen bereits intensiv beschäftigt. Sie fanden heraus, dass die Allergien vor allem deswegen gefährlicher für die Gesundheit sind als früher, weil die Pollen durch die zunehmende Luftverschmutzung und die hohe Ozonbelastung immer aggressiver werden. Ozon bewirkt, dass sich in Birken-, Gräser- und Getreidepollen der Gehalt an sogenannten Reparaturproteinen verändert. Das sind jene Substanzen, die das Immunsystem allergischer Menschen als Feind bekämpft. Auch wurde festgestellt, dass sich die Allergene von Pollen lösen und an Feinstaubpartikel in der Luft binden können. Als Anhängsel der Feinstaubpartikel, die viel kleiner als Pollen sind, gelangen die Allergene leichter und schneller in die Bronchien, was zu Husten- und Asthmaanfällen führt. Darüber hinaus macht der Klimawandel Allergien zu einer immer größeren Gesundheitsgefahr: „Durch die zunehmende Klimaerwärmung haben sich die Blütezeiten der Pflanzen um zehn bis 14 Tage verlängert, und wenn Allergiker den Allergenen länger ausgesetzt sind, schaukeln sich die Symptome auf und verstärken sich“, so Emminger.

Hausgemachte Belastungen

Andere Ursachen sind sozusagen hausgemacht. So hängt auch die Bauweise der vergangenen Jahrzehnte mit dem wachsenden Allergieproblem zusammen: Die Häuser wurden immer stärker isoliert, die Fenster immer dichter, die Luft in den Innenräumen dadurch immer wärmer und feuchter. Das fördert die Schimmelbildung und die Vermehrung von Hausstaubmilben. Emminger: „Hausstaubmilben und Schimmelpilzsporen belasten die Atemwege der Allergiker das ganze Jahr über. Das macht sie besonders anfällig für heftige Reaktionen.“
Zugleich wurden die Haushalte in der jüngsten Vergangenheit immer hygienischer, und auch zu viel Reinlichkeit fördert Allergien, vor allem bei Kindern. „Wenn das junge Immunsystem zu wenig mit Bakterien und anderen Keimen konfrontiert wird, lernt es nicht gut genug, diese zu bekämpfen. Dann stürzt es sich, vereinfacht gesagt, auf die falschen Feinde – wie eben harmlose Pollen“, sagt Emminger. Dieser Zusammenhang wurde lange Zeit nur beobachtet und Hygienehypothese genannt, ist nun aber in einer Bauernhofstudie nachgewiesen worden.
Neben der zunehmenden Hygiene spielt auch der zunehmende Stress eine Rolle: „Stress kann das Immunsystem so belasten, dass es aus der Balance gerät und überreagiert“, erklärt Emminger. Nicht zufällig treten Allergien wie die Pollenallergie häufig erstmals auf, wenn der Körper gerade geschwächt ist – sei es durch eine Krankheit oder durch psychische Belastungen.

Bei ersten Anzeichen zum Arzt!

Gerade weil Allergien immer gefährlicher werden, ist frühzeitige Behandlung das Um und Auf: „Sobald man erste Symptome an sich bemerkt, sollte man ärztliche Hilfe suchen. Denn je früher eine Therapie erfolgt, desto hilfreicher ist sie und umso besser ist auch der Erfolg.“ Diagnostiziert wird die Pollenallergie durch eine Befragung, einen Haut- sowie einen Bluttest. Das Ergebnis zeigt genau, welche Pollen und anderen Substanzen gefährlich für einen sind. Die Therapien basieren darauf, die Symptome rasch zu lindern und dem Immunsystem beizubringen, Pollen wieder als harmlose Bestandteile der Luft zu tolerieren. Ein Prozess, der auch von selbst vor sich gehen kann, weiß Emminger. „Bei fünf Prozent der Pollenallergiker kommt es zu einer Spontanheilung, das heißt, die Allergie verschwindet so plötzlich, wie sie gekommen ist.“ Welcher Mechanismus dahintersteckt, weiß man nicht. Vermutet wird, dass das Immunsystem, das mit den Jahren durch den Kampf an vielen verschiedenen Fronten schwächer wird, die allergische Reaktion irgendwann als übertriebenen Luxus betrachtet und das große Niesen deswegen ganz einfach bleiben lässt.    

Impfung in Entwicklung

Allein in Österreich arbeiten derzeit mehrere Forscherteams an einer vorbeugenden Impfung gegen Pollenallergien. Der Impfstoff soll Kleinkindern verabreicht werden, die erblich vorbelastet sind. Schließlich entwickeln bis zu 60 Prozent der Kinder von Eltern mit Pollenallergie später ebenfalls eine Pollenallergie. Bis der Impfstoff vorliegt, werden allerdings noch mindestens fünf Jahre vergehen.

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Wichtiger denn je

Warnungen beachten
Der Österreichische Pollenwarndienst (siehe auch „Jedem seine Warnung“) sagt genau vorher, wann und wo welche Pollen wie lange fliegen. Wer die Warnungen beachtet und den Pollenkontakt zu Spitzenzeiten meidet bzw. sich entsprechend mit Medikamenten schützt, hat schon viel für sich getan.

Urlaube gut planen
Mit Hilfe des Pollenwarndienstes kann man auch Urlaube so planen, dass man in der Zeit der Erholung von Allergenen verschont bleibt. Generell gilt: In Höhen über 1500 Metern ist die Luft weitgehend frei von Pollen. Auch die Luft am Meer ist oft unbelastet.

Beschwerden lindern
Spezielle Nasensprays, Augentropfen und Asthmamittel helfen, die Beschwerden während der Pollensaison erträglicher zu machen. Tabletten zur Vorbeugung und Akupunktur-Serien bremsen die Reaktionen ab.

Therapien nützen
Heilbar ist die Pollenallergie bei etwa drei Viertel aller Betroffenen durch die sogenannte spezifische Immuntherapie. Dabei werden über drei Jahre in Abständen und unter ärztlicher Aufsicht anfangs immer höhere Dosen der allergieauslösenden Substanz injiziert, bis das Immunsystem letztlich so viel davon toleriert, dass es gar nicht mehr auf die Substanz reagiert. Eine noch neuere Variante der Immuntherapie ist die sublinguale, bei der das Allergen unter die Zunge geträufelt wird. Beide Behandlungsformen wirken gegen die Akutsymptome und verhindern, dass man auf immer mehr Substanzen allergisch reagiert. Ganz nebenwirkungsfrei sind sie nicht – die Behandlung kann z. B. mit Müdigkeit und Kopfschmerzen einhergehen.

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Weltneuheit aus Österreich hilft Allergikern noch besser
INTERVIEW
„Jedem seine Warnung“

1976 wurde der Österreichische Pollenwarndienst an der HNO-Klinik des Wiener AKH für heimische Allergiker gegründet. Inzwischen wird der Service in 35 Ländern Europas genützt. Der Gründer Ass. Prof. Dr. Siegfried Jäger erklärt im Interview mit MEDIZIN populär, wie das Team aus ehrenamtlichen Mitarbeitern Allergikern bald noch besser helfen wird.

MEDIZIN populär
Herr Prof. Jäger, schon jetzt ist der Pollenwarndienst eine große Hilfe für Allergiker. Was soll denn noch besser werden?

Ass. Prof. Dr. Siegfried Jäger
Unsere Informationen werden unter dem Motto „Jedem seine Warnung“ personalisiert. Das könnte zum Beispiel so aussehen, dass sich Betroffene im Internet auf unserer Website mit einem Passwort in eine Rubrik einloggen und dort Informationen vorfinden, die auf sie zugeschnitten sind. Oder wir informieren sie via E-Mail oder SMS. Diese Weltneuheit wird es bald, vielleicht schon Ende dieses Jahres geben.

Wie kommen diese personalisierten Informationen zustande?
Im Wesentlichen, indem wir Daten vom Allergiker analysieren, der unsere personenbezogenen Informationen haben möchte. Er muss eine Pollensaison lang in einen Kalender wie in ein Tagebuch eintragen, wann genau er sich wo aufhält und wie groß seine Beschwerden sind. Daraus können wir ermitteln, wo seine Reizschwelle liegt, also ob er zum Beispiel Birkenpollentyp 1, 2, 3 oder 4 ist und kaum bis extrem empfindlich auf Birkenpollen reagiert. Auf der Grundlage dieser Klassifizierung und anderen Daten, auf denen schon das jetzige Warnsystem basiert, entsteht dann die persönliche Warnung. 

Worauf beruhen die Warnungen, die man jetzt schon bekommt?
Im Lauf der vergangenen vier Jahrzehnte haben wir über 800 Pollenfallen in Europa und 25 in Österreich den Pollenflug so weit analysiert, dass wir wissen, wann und wo welche Pflanze üblicherweise zu blühen beginnt und wie lange sie normalerweise blüht. Anhand der Informationen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersagen können wir darüber hinaus für fünf Tage im Voraus sagen, an welchem Tag um wie viel Uhr zum Beispiel die Birkenpollen-Belastung in Eisenstadt oder auch in Hamburg groß ist.

Der österreichische oder deutsche Wetterbericht reicht dafür nicht aus?
Nein, denn Pollen fliegen mitunter sehr weit. Bei bestimmten Wetterlagen können etwa Birkenpollen, die im Frühling in Weißrussland oder der Ukraine in die Luft aufsteigen, bis Österreich, Deutschland, Finnland und sogar bis Island gelangen. Und im Herbst steigen oft Luftpakete voller Ragweedpollen morgens in Ungarn auf und landen abends im Burgenland oder am nächsten Tag in Nordskandinavien. Die Wettervorhersage gibt uns auch Auskunft über die Luftmassenbewegung und daher über die Luftverschmutzung. Und die hat wiederum Einfluss auf die Pollenbelastung. Denn wie wir heute wissen, können sich die Allergene in den Pollen von den Pollen lösen und an Feinstaubpartikel anhängen. Die sind viel kleiner als Pollen, bleiben länger in der Luft und verlängern so die Belastung für Allergiker.

Wie viele Menschen nützen den Österreichischen Pollenwarndienst?
Jedes Jahr nützen etwa 2,75 Millionen Menschen die Internetseiten des Pollenwarndienstes, etwa vier Millionen Zugriffe gibt es jährlich auf die Facebook-Seite. Während der Pollensaison tragen außerdem mehr als 16.000 Menschen aus ganz Europa täglich in einen Kalender auf unserer Website ein, wo sie sich aufgehalten haben und wie stark sie belastet waren. Die machen das, um uns bei unseren Forschungen zu unterstützen, die wir großteils durchführen, ohne dafür bezahlt zu werden. Aber auch andere machen sich unseren Service zunutze, wie die ESA und die NASA, die Land- und Forstwirtschaft, und einen Mörder hat man auch schon mit unserer Hilfe überführt.

Wie das?
Man konnte ihn dazu bewegen, die Stelle herzuzeigen, wo er die Leiche vergraben hatte, weil man ihm auf den Kopf zusagte, wo er gewesen ist. An seinen Schuhsohlen hatte man nämlich Pollen gefunden, die es in dieser Kombination nur am Fundort der Leiche in einem eingegrenzten Bereich am Donauufer gab.

Buchtipp:
Schimmer, Allergien. Erkennen – behandeln – damit leben
ISBN 978-3-902552-39-6, 126 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte

Webtipp:
www.pollenwarndienst.at

Stand 03/2012

 

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