Asthma bei Kindern

Juni 2015 | Medizin & Trends

Immer mehr Junge ohne Luft
 
Lungen- und Kinderärzte warnen: Immer mehr Kindern bleibt die Luft weg, Asthma tritt heute deutlich öfter schon in jungen Jahren auf. Welche Ursachen dafür vermutet werden, und wie Eltern ihrem Sprössling viel Leid ersparen können.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Halsweh, Husten, Schnupfen: Erkältungen plagen kleine Kinder besonders oft, denn ihr Immunsystem ist noch nicht ausgereift und kann daher Krankheitserreger noch nicht so gut bekämpfen. Dass sie zehn- bis zwölfmal im Jahr verkühlt sind und dabei vor sich hin schniefen, hüsteln, husten und schlecht Luft bekommen, ist völlig normal. Anders verhält es sich, wenn das Husten über Wochen anhält, die Kleinen nachts immer wieder aufwachen, husten und nach Luft schnappen, manchmal beim Atmen ein pfeifendes Geräusch von sich geben, oder wenn sie beim Herumtollen mit ihren Altersgenossen öfter einmal vergleichsweise rasch erschöpft sind: „All das können Hinweise auf eine Verengung der Atemwege beziehungsweise den Beginn einer chronischen Erkrankung an Asthma sein“, warnt Priv. Doz. Dr. Angela Zacharasiewicz, Oberärztin an der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Wiener Wilhelminenspital.
Eltern, die diese Symptome an ihren Kindern bemerken, rät die Spezialistin für kindliche Lungenheilkunde dringend, ärztliche Hilfe zu suchen. So können sie ihrem Sprössling unter Umständen viel Leid ersparen. Zwar sind die Beschwerden in vielen Fällen auf bald vorübergehende andere Erkrankungen der Atemwege zurückzuführen wie z. B. eine Bronchitis. Doch nach einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern und einer eingehenden Untersuchung, gegebenenfalls auch einem Lungenfunktionstest, wird bereits bei sechs bis acht Prozent der Kinder eine Erkrankung an Asthma bronchiale diagnostiziert.

Hygiene und Rauchen

Warum damit heute mehr Junge von dem Leiden betroffen sind als noch vor einigen Jahrzehnten – darüber gibt es einige Vermutungen. Zacharasiewicz: „Da kindliches Asthma in westlichen Industrienationen wie Österreich besonders häufig auftritt, in Entwicklungsländern aber kaum, spielen wohl die westlichen Lebensumstände und der Lebensstil eine Rolle.“ So könnte ein Zuviel an Hygiene eine Ursache für die Zunahme an Asthmaerkrankungen bei den Kleinen und Kleinsten sein. Beobachtungen zeigen zumindest, dass Kinder, die in besonders hygienischen Verhältnissen aufwachsen, häufiger an Asthma erkranken als z. B. Bauernkinder von einem Hof mit Tierhaltung, wo sie schon früh mit vielen Erregern in Kontakt kommen. Das könnte ihre Abwehrkräfte besser schulen und sie umfangreicher vor Erkrankungen unter anderem der Atemwege schützen.
Eine weitere Begründung für die Zunahme an kindlichem Asthma beruht auf der Tatsache, dass immer mehr Frauen rauchen. Rauchen werdende Mütter in der Schwangerschaft und/ oder setzen sie das Neugeborene Passivrauch aus, stört das die Entwicklung der Lunge des Ungeborenen und reizt die Abwehrkräfte und die Atemwege der Babys. Durch diese Reizung steigt das Risiko für Asthma. Rauchen in der Schwangerschaft führt darüber hinaus häufiger zu Frühgeburten: Da die Atemwege von Frühchen noch nicht ausgereift sind, sind sie angreifbarer und anfälliger für Schäden und Asthma.

Übergewicht, Allergien, Gene

Zudem sind immer mehr Kinder zu dick – und Übergewicht erhöht ebenfalls das Risiko für das Leiden: „Das könnte zum einen daran liegen, dass die überschüssigen Kilos auf die Atemwege drücken, diese belasten und empfindlicher machen. Zum anderen könnte die erhöhte Anfälligkeit auch daher kommen, dass es bei Übergewicht zu krankmachenden Entzündungsreaktionen und hormonellen Einflüssen kommt, die wir aber noch nicht genau kennen“, so Zacharasiewicz.    ‘
Des Weiteren nimmt man an, dass die Zunahme an Allergien eine Rolle spielt. Diese wird ebenfalls mit einem Übermaß an Hygiene begründet sowie damit, dass durch die um sich greifende Umweltverschmutzung verschiedene Allergene, vor allem Pollen, immer aggressiver werden und die Atemwege stärker reizen. Denn so wie Erkältungen und entzündete Bronchien kindlichem Asthma bronchiale oft den Weg bereiten, tun das auch allergische Reaktionen auf Pollen, aber auch auf Hausstaub, Tierhaare oder Nahrungsmittel.
Schließlich könnte noch das generelle Ansteigen der Zahl an Asthmatikern selbst ein Grund dafür sein, dass immer mehr Junge betroffen sind. Denn schon wenn ein Elternteil Asthmatiker ist, erhöht sich das Risiko für den Nachwuchs, ebenfalls an Asthma zu erkranken. „Leiden beide Eltern an Asthma, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch ihr Kind erkrankt, sogar bei mindestens 50 Prozent“, verdeutlicht Zacharasiewicz.

Moderne Therapie

An dem Leiden, dem die alten Griechen den Namen Asthma für Atemnot gaben, müssen heute anders als früher kaum noch Kinder und Jugendliche sterben. Hierzulande waren in den vergangenen Jahren bei den unter 15-Jährigen gar keine Todesfälle mehr durch Asthma und Asthmaanfälle zu beklagen, weiß Zacharasiewicz. Etwa zehn Prozent der Kinder sind zwar schwer asthmatisch, „doch dank der modernen Therapie können auch sie relativ beschwerdearm leben“, beruhigt die Expertin: „Die große Mehrheit der erkrankten Kinder, 85 Prozent, erreicht bei einer konsequenten medikamentösen Therapie Beschwerdefreiheit und kann ein nahezu uneingeschränktes Kinderleben führen.“ Behandelt wird Asthma bronchiale mit verschiedenen entzündungshemmenden und atemwegserweiternden Mitteln, die vorwiegend inhaliert werden.

Heilung möglich

Hat eine Allergie das Leiden (mit-)ausgelöst, kann zusätzlich die sogenannte spezifische Immuntherapie versucht werden. Dabei wird das Abwehrsystem des Körpers schrittweise so weit an das Allergen gewöhnt, bis es nicht mehr darauf reagiert, die allergischen Beschwerden verschwinden – und mit ihnen das Asthma. Je früher Asthma bei Kindern erkannt und entsprechend behandelt wird, desto besser stehen für sie die Chancen, bald wieder ganz ohne Medikamente auskommen zu können, also geheilt zu sein. Bei etwa der Hälfte der betroffenen Kleinen ist dies der Fall, bei anderen dauert es länger, bis das Leiden der Vergangenheit angehört. Manche Jüngere werden das Asthma, an dem sie im Kindesalter erkrankten, allerdings nicht mehr los, oder sie entwickeln die Krankheit erst als Teenager – dann nicht selten in Folge des Rauchens (siehe „Asthma-Risiko: Rauchen in der Pubertät“ unten).

Verzögerte Entwicklung

Wird die Erkrankung länger nicht erkannt und daher auch nicht entsprechend behandelt, führen die wiederholte Atemnot und das Husten in der Nacht oft zu Schlafstörungen. Das wiederum hat zur Folge, dass die Kleinen – und ihre Eltern gleich mit – in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt, tagsüber oft müde und wenig leistungsfähig sind. „Halten die Schlafstörungen an, kann dadurch darüber hinaus die Entwicklung des Kindes verzögert werden“, warnt Zacharasiewicz. Das heißt, es wächst langsamer als seine Altersgenossen und lernt weniger schnell all das dazu, was es für das Leben braucht.
Damit nicht genug: „Strengt sich das Kind beim Atmen auch tagsüber an, beginnt es irgendwann, sich zu schonen, tollt nicht mehr mit anderen herum, spielt nicht mehr mit seinen Altersgenossen“, weiß Angela Zacharasiewicz über eine weitere mögliche Folge unbehandelten Asthmas zu berichten. So drohen den kleinen Asthmatikern Ausgrenzungen, die der kindlichen Seele gehörig schaden können und ein unbeschwertes Aufwachsen unmöglich machen.
Wie kann man sein Kind vor all dem bewahren? Um das Risiko für kindliches Asthma zu reduzieren, gibt es derzeit nur eine wirkungsvolle Maßnahme: „In der Schwangerschaft nicht rauchen, wenn möglich auch nicht passiv, und später die Umgebung des Kindes rauchfrei halten“, streicht die Ärztin hervor.    

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Asthma-Risiko:
Rauchen in der Pubertät

Jeder vierte 15-jährige Jugendliche in Österreich raucht, von den Mädchen greift sogar fast jede Dritte regelmäßig zum Glimmstängel, wie aus einer OECD-Studie aus dem Jahr 2013 hervorgeht. Wie sehr das Rauchen im jugendlichen Alter die Atemwege schädigt, verdeutlichen immer mehr Studien. So haben etwa deutsche Wissenschafter anhand von Untersuchungen von 3800 Zehn- bis 17-Jährigen aufgezeigt, dass sich eine Erkrankung an Asthma schon zwei bis drei Jahre nach dem ersten Zug an der Zigarette entwickeln kann.

Stand 05/2015

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