Süchtig nach dem Internet?

Mai 2014 | Leben & Arbeiten

Diese 5 Alarmsignale sollten Sie nicht ignorieren
 
Mit den Möglichkeiten, sich immer und überall mit dem World Wide Web zu verbinden, wächst auch die Zahl derer, die davon abhängig sind. Wie kann man erkennen, dass man süchtig ist?
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Ein Leben „ohne“ ist für kaum jemanden mehr vorstellbar. Das Internet hat mittlerweile jeden Lebensbereich erobert; und durch den Boom bei internettauglichen Mobiletelefonen hat sich seine Verfügbarkeit nochmals drastisch erhöht – einer neuen Studie zufolge nehmen 40 Prozent der Menschen ihr Smartphone sogar mit aufs WC.
Dem Online-Dasein sind also so gut wie keine Beschränkungen mehr auferlegt und damit steigt die Anzahl jener, deren Internetgebrauch problematisch oder sogar krankhaft ist. Rund 100.000 Menschen in Österreich sind Schätzungen zufolge onlinesüchtig, Tendenz steigend. „Die Internetsucht ist jene Suchterkrankung, die derzeit am meisten zunimmt“, bestätigt Prim. Dr. Roland Mader, Psychiater und Neurologe am Wiener Anton-Proksch-Institut.
Und nicht nur das: Seit man 1995 damit begann, Internetsucht zu untersuchen, ist ihr Spektrum breiter geworden. „Anfangs waren Internetsüchtige ausschließlich im Kommunikationsbereich, etwa im klassischen Chat, und bei Onlinespielen zu finden“, sagt der Facharzt. „Nun sind das Glücksspiel und das Shoppen dazugekommen.“ Besonders stark im Zunehmen begriffen ist außerdem der Bereich von Internetpornografie und Cyber-Sex. Zwar sind Männer und Frauen punkto Onlinesucht gleichermaßen gefährdet, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten: „Onlinespiele und Internetpornografie sind die besondere Gefahr für Burschen und Männer, bei Mädchen und Frauen wiederum nehmen soziale Netzwerke einen hohen Stellenwert ein“, berichtet Roland Mader. Wie man merkt, dass dieser Stellenwert zu hoch ist? Mader über die fünf wichtigsten Alarmsignale der Internetsucht:

1. Exzessiver Gebrauch
Sie sind immer länger oder sogar die meiste Zeit im Internet? Andere Beschäftigungen lassen Sie zunehmend außer Acht?

„Der Internetgebrauch wird problematisch, wenn soviel Zeit vor dem Computer zugebracht wird, dass dadurch andere Lebensbereiche geschädigt werden“, erklärt Roland Mader. Ein Jugendlicher, der regelmäßig in der Schule fehlt; eine Berufstätige, die über das Online-Dasein am Arbeitsplatz ihre Aufgaben vernachlässigt. Mit der zunehmenden Zentrierung auf das Medium rücken obendrein reale Freunde und Interessen in den Hintergrund. Jugendliche gelten als besonders gefährdet: Vier Stunden täglich nutzen sie Umfragen zufolge ihr Smartphone und kommunizieren dabei hauptsächlich via Web. Natürlich ist exzessiver Gebrauch nicht immer krankhaft. „Meistens handelt es sich um vorübergehende Phasen“, beruhigt der Experte.

2. Verleugnung
Sie fühlen sich sozial gut integriert, weil Sie viele Online-Freunde oder -Bekanntschaften haben? Und das, obwohl reale Beziehungen immer unwichtiger werden? 

Dass die reale Welt zunehmend in den Hintergrund rückt, sei das eine Problem, betont Roland Mader. „Noch schlimmer ist, dass die Betroffenen diesbezüglich kein Problembewusstsein haben. Sie empfinden es nicht als kritisch, dass sie in ihrer realen Welt keine oder immer weniger soziale Kontakte haben.“ Mit unzähligen Freunden auf Facebook und einem regen Austausch mit verschiedenen WhatsApp-Gruppen wähnen sie sich sozial gut integriert. „Sie fühlen sich gut eingebettet und geborgen – aber eben nur, solange sie online sind“, so der Facharzt. Besonders gefährdet sind jene, „die ein Problem mit ihrem Selbstwert oder mit Sozialkontakten haben“, zählt der Experte auf. Das Internet bietet scheinbar die ideale Möglichkeit, um akkurat diese sozialen Ängste zu überwinden – mitunter ein fataler Trugschluss.

3. Kontrollverlust

Es fällt Ihnen zunehmend schwer, die Zeit, die Sie online zubringen, zu kontrollieren bzw. zu reduzieren? Sie versuchen es erst gar nicht?  

Ein weiteres Alarmsignal: Man hat die Internetnutzung immer weniger im Griff – ob man sich in Chats aufhält, Fantasy-Spiele spielt oder online einkauft. Wie oft und wie lange die Betreffenden online sind, unterliegt immer weniger ihrer eigenen Entscheidungskraft: Ein, zwei Stunden Surfen waren geplant – und daraus werden regelmäßig fünf, sechs Stunden, wie man sich selbst mit ungutem Gefühl eingestehen muss? Das Internet bietet auf komfortable und rasche Weise unzählige Anreize und Möglichkeiten, die man sich in der analogen Welt selbst erarbeiten muss – dass Aussteigen fällt zunehmend schwer.

4. Entzugserscheinungen

Schon nach kurzer Zeit offline geht Ihnen das Internet ab? Sie werden nervös, unruhig, bedrückt oder aggressiv?

Sind die Betreffenden einige Zeit lang nicht online, kommt es zu Problemen: „Wie bei anderen Süchten gibt es etliche Entzugssymptome, wenn man das Suchtmittel nicht zur Verfügung hat“, betont Mader. „Dazu zählen depressive Verstimmungen, Unruhe, Nervosität, Angst, mitunter auch Schlafstörungen.“ Wenn man sich online eine angenehme(re) Parallelwelt aufgebaut hat, werden zudem reale Anforderungen zunehmend als lästig empfunden. „Die Betreffenden werden bedrückt, missmutig oder auch gereizt, wenn sie mit der realen Welt konfrontiert werden“, erklärt der Suchtexperte. Dazu zählen etwa Vorwürfe der Eltern oder des Partners: Sitzt du immer noch vor dem Computer! Kümmere dich bitte endlich um die Hausaufgaben, die Familie, den Haushalt!

5. Sozialer Rückzug
Ereignisse der virtuellen Welt beschäftigen Sie öfter und mehr als jene aus der realen? Während des Online-Daseins vernachlässigen Sie elementare Bedürfnisse wie Essen und Schlafen?

Indem die virtuelle Welt die Betroffenen immer mehr in ihren Bann zieht, verändert sich auch das soziale Leben. Indikator für eine Abhängigkeit könnte sein, „wenn der Betroffene sich schwer tut, sich in der realen Welt zu integrieren“, so Mader. Die Folge sind Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen z. B. mit Freunden, dem Partner, den Eltern; oder man bekommt Schwierigkeiten in der Schule, am Arbeitsplatz, weil man die gestellten Aufgaben nicht mehr zufriedenstellend bewältigt. Daneben kann es auch zur körperlichen Vernachlässigung (z. B. der Körperhygiene) kommen. Im Extremfall werden selbst elementare Bedürfnisse wie Hunger oder Durst ignoriert bzw. nicht mehr registriert; in China sind aus diesem Grund bereits Menschen verstorben.
Völlige Abstinenz ist in der digitalisierten Welt von heute nicht das Therapieziel bei Internetsucht. Vielmehr geht es darum, einen begrenzten und kompetenten Umgang mit dem Suchtmittel zu erlernen. „Der Internetgebrauch wird klar strukturiert, indem man vereinbart, wann, wie lange und wie oft man online ist“, so der Suchtexperte Prim. Dr. Roland Mader vom Wiener Anton-Proksch-Institut.

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Internet oder nicht?
Kinder brauchen Alternativen

Ob nach Kommunikation, Zugehörigkeit, Spielen, Sex, Einkaufen: „Das Internet deckt jedes menschliche Bedürfnis ab, und zwar anonym und ganz besonders schnell“, sagt der Wiener Psychiater Prim. Dr. Roland Mader. Soziale Netzwerke – allen voran Facebook – prägen unser Kommunikationsverhalten entscheidend: Rund 1,2 Milliarden Facebook-User weltweit verbringen damit durchschnittlich sieben Stunden pro Monat.
Mit den unzähligen Möglichkeiten wird das Internet zur potenziellen Droge unserer (knappen) Zeit. Besonders anfällig für die Flucht in die virtuelle Welt ist die Jugend. „Für Kinder und Jugendliche, die mit dem Internet aufgewachsen sind, ist es ein ganz normaler Bestandteil des täglichen Lebens – man nennt sie deshalb auch Digital Natives“, erklärt Mader. Ihre Eltern, die den Umgang mit dem Internet erst erlernen mussten, Digital Immigrants, sollen den Kindern Unterstützung und Vorbild sein. Wie das funktionieren kann? „Wichtig ist, dass sie sich dafür interessieren, was die Kinder im Internet treiben“, betont Suchtexperte Mader. „Es geht nicht darum, Vorhaltungen zu machen, sondern darum, im Gespräch zu bleiben.“ Mitunter wird es notwendig, Dauer und Intensität des Onlinedaseins zu strukturieren. „Dadurch wird den Kindern der Umgang mit dem Internet erleichtert. Und sie lernen, dass es nicht immer und jederzeit verfügbar sein muss“, sagt Mader.
Ganz besonders wichtig: Alternativen anbieten, die nichts mit der virtuellen Welt zu tun haben: Lass uns Radfahren gehen! Wollen wir heute gemeinsam etwas Gutes kochen? Ich würde gern mit dir das neue Brettspiel ausprobieren!

Stand 04/2014

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