Krisenzeit Pubertät

März 2016 | Gesellschaft & Familie

Was Kindern und Eltern jetzt hilft
 
Selfies, Shoppen, Saufen, Sex: Haben Teenager denn nichts anderes im Kopf? Das fragen sich verzweifelte Eltern, die ihr Kind plötzlich nicht mehr wiedererkennen. Feststeht: Die Pubertät zählt zu den besonders herausfordernden Lebensphasen. Einige Experten sind sogar überzeugt, dass es der Nachwuchs noch nie schwerer hatte als heute. Doch nicht nur die Jugendlichen, auch deren Eltern kommen jetzt oft an ihre Grenzen. Lesen Sie, was Heranwachsende jetzt wirklich brauchen. Und wie Eltern ihre Kids durch die stürmischen Zeiten begleiten, ohne selbst die Nerven zu verlieren.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Das Matheheft ist aufgeschlagen, daneben ein gespitzter Bleistift und Radiergummi, davor sitzt eine geschminkte, gestylte 16-Jährige. Jana ist nicht nur mit Trigonometrie beschäftigt, sondern auch damit, sich selbst regelmäßig mit dem Smartphone einzufangen und die Bilder in einer WhatsApp-Gruppe zu posten. Im Laufe des Tages werden ihre virtuellen Freunde noch Bilder von den Marillenknödeln auf dem Mittagstisch, dem abendlichen Kinobesuch und der Haarwäsche danach erhalten. Ihren Eltern geht die permanente Selbstdarstellung gehörig auf die Nerven: „Das ist doch Wahnsinn!“, schimpfen sie. „Janas Gedanken kreisen nur um sich selbst!“

Wer bin ich?
Neue Medien als Druckmittel

Was Janas Eltern nicht bedenken: Sich selbst zu inszenieren, ist für Heranwachsende essenziell und hilft ihnen, etwas Wichtiges herauszufinden: Wer bin ich? Die Frage nach der eigenen Identität war für die Entwicklungsphase immer schon zentral, betont der Psychiater und Psychotherapeut Prim. Dr. Paulus Hochgatterer. Mit den neuen Medien haben die Jugendlichen lediglich neue Mittel zur Selbstinszenierung in der Hand. „Aus den Reaktionen auf Selfies gewinnen die Jugendlichen einen Teil der Antwort“, erklärt Hochgatterer.
Nichtsdestotrotz zählt der richtige Umgang mit Internet, Handy & Co zu den großen Herausforderungen (nicht nur) von Teenagern. „Manchmal hat man den Eindruck, dass die Jugendlichen sich durch den Umgang mit ihren Smartphones gefährden“, sagt Hochgatterer, der die Klinische Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Landesklinikum Tulln leitet. Mobbing im Internet zählt zu den besonderen Gefahren: Laut OECD-Studie ist davon jeder zweite Schüler in Österreich betroffen. Durch die sozialen Netzwerke entstehe zudem ein hoher „Erfüllungsdruck“, ergänzt die Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger. „Die Jugendlichen haben das Gefühl etwas zu versäumen, wenn sie nicht überall präsent sind.“ Transparente Messlatten würden diesen Druck zusätzlich verstärken: Jeder kann sehen, wie viele Freunde man auf Facebook hat, wie viele Follower auf Instagram.  
Wie den Nachwuchs unterstützen? Anstatt die Jugendlichen über die Maßen zu kontrollieren, sollte man sie für mögliche Gefahren sensibilisieren, rät Hochgatterer. „Man sollte ihnen das Wissen und die Informationen, die man hat, zur Verfügung stellen.“ ‘Ich habe gelesen, dass es auch gefährlich sein kann, Selfies ins Netz zu stellen. Du hast nicht mehr in der Hand, was damit gemacht wird.‘ „Die Begleitung, der kritische Dialog, das ‘Online-Sein’ mit den Kindern war noch nie so wichtig wie in dieser Generation“, ergänzt Leibovici-Mühlberger.

Ich muss dazugehören!
Gefahr durch Suchtmittel

Meist kommt der Nachwuchs jetzt mit allen möglichen Substanzen und Verhaltensweisen in Kontakt, die süchtig machen können. Alkohol, Cannabis, Nikotin, Onlinespiele, Shoppen: Teenager sind besonders gefährdet, ein Suchtverhalten zu entwickeln. „Sie befreien sich zwar zunehmend aus der Abhängigkeit der Eltern, sind aber noch nicht reif genug, um wirklich unabhängig zu sein“, erklärt Prim. Dr. Kurosch Yazdi, Psychiater und Suchtspezialist am Wagner-Jauregg-Spital in Linz. Die Gefahr sei groß, dass Pubertierende die Abhängigkeit von den Eltern durch eine andere ersetzen. Das belegen Zahlen einer OECD-Studie aus dem Jahr 2013: Demnach raucht in Österreich fast ein Drittel der 15-Jährigen regelmäßig, gut ein Drittel war schon wenigstens zwei Mal betrunken, ein Fünftel kämpft mit Übergewicht bzw. einer Essstörung. Wovon man letztlich abhängig wird, hänge stark von der Peergroup ab, sagt Yazdi, also der Gruppe von Gleichaltrigen, welcher der Teenager angehört.
Was davor schützen kann, dass man um jeden Preis dazugehören muss? Ein guter Selbstwert, sagen die Experten unisono. Dieser basiert vor allem auf sicheren Bindungen in der Kindheit. Darauf, dass die Kinder sich willkommen fühlen, so wie sie sind.

Ich brauche den Kick!
Belohnung versus Vernunft

Auch die unvollendete Entwicklung des Gehirns macht Teenagern das Leben schwer: Während das vernünftige Denken und die Affektkontrolle noch zu wünschen übrig lassen, ist das Belohnungssystem „extrem aktiv“, erklärt Yazdi. Entsprechend gern greifen die Kids zu Süßem oder Junkfood. Speziell Burschen suchen zudem den Kick durch Risikoverhalten (z. B. Raufereien mit Stärkeren, riskantes Skateboard-Fahren), welches ebenfalls das Belohnungssystem stimuliert.
Im Zweifelsfall steigt dieses jetzt besonders oft als Sieger aus. „Man entscheidet sich für das, was kurzfristig belohnend ist und nicht für das, was langfristig Sinn macht“, erklärt Yazdi.
Ein Beispiel: Toms Kumpel wollen am Abend vor der Lateinschularbeit um die Häuser ziehen. „Komm doch mit!“, sagen sie – und Toms Belohnungssystem ist der gleichen Meinung. „Bleib zuhause, lern und geh früh schlafen“, sagt die leise Vernunftstimme – und wird überstimmt.
Wie dem Problem vorbeugen? Der Grundstein für vernünftiges Handeln wird bereits in den ersten Lebensjahren gelegt, betont Psychiater Yazdi. „Schon mit vier Jahren zeigt sich, ob Kinder dazu neigen, langfristig gute Entscheidungen zu treffen. Zu 80 Prozent bleibt die Fähigkeit bis ins Erwachsenenalter erhalten.“ Zu 20 Prozent lasse sich durch gezielte Förderung quasi eine Nachreifung bewirken.

Das geht euch nichts an!
Tabuthema Sex?

Das hochaktive Belohnungssystem der Kids stimuliert auch die Neugierde und das Experimentieren punkto Körperlichkeit und Sexualität. Diese Experimente laufen ebenfalls nicht reibungslos ab. Schließlich sind die massiven körperlichen Veränderungen in der Pubertät – Wachstumsschübe und sexuelle Reifung – nicht einfach zu verkraften für das ohnehin fragile Selbstbewusstsein.
Wann und wie viel Unterstützung man den Sprösslingen anbieten sollte? Dies sei „ein Seiltanz“, meint Hochgatterer. Sexualität sei ein besonders sensibles Thema. „Obwohl Aufklärung wichtig ist, muss nicht über alles geredet werden“, betont der Experte. „Oft wird das, was Erwachsene als Angebot sehen, von Jugendlichen als peinlich empfunden.“

Ihr versteht mich nicht!
Schwierige Eltern-Kind-Beziehung

 
Eltern sind für die Kinder jetzt ohnehin oft weniger Vertrauenspersonen als Ursache für ständigen Stress: Die 14-jährige Maria beispielsweise leidet darunter, dass ihre Eltern ihre Freunde nicht akzeptieren. Die Eltern des 16-jährigen Stefans wiederum wollen nicht begreifen, dass er am liebsten vor dem Computer sitzt. „Jetzt dreh das blöde Ding endlich ab“, schimpfen sie. Dass Stefan sich immer mehr zurückzieht, sei nicht verwunderlich, sagt Yazdi. „Die Jugendlichen fühlen sich abgewertet, wenn man über ihre Interessen schimpft“, erklärt der Psychiater, der solche Situationen aus seiner Tätigkeit an der Spielsuchtambulanz kennt. „In ihrem Bemühen werten die Eltern die Jugendlichen dann derart ab, dass diese aus der Beziehung aussteigen.“
Was hilft? Auch, wenn man vielleicht nicht versteht oder gutheißt, was der Jugendliche tut bzw. mit wem er befreundet ist, sollte man Interesse zeigen. ‚Das muss ja ein sehr spannendes Spiel sein, wenn du das so gern spielst!‘ ‚Lade deine Freunde doch einmal ein, ich möchte sie gern kennenlernen.‘ Indem man interessiert ist, ist man miteinander in Beziehung. „Und gute Beziehungen legen den Grundstein dafür, dass der Jugendliche mit sich selbst gut in Beziehung sein kann“, ergänzt Yazdi.

Wohin entwickle ich mich?
Ungewisse Zukunftsperspektiven

 
Nicht zuletzt sind die Jugendlichen durch ungewisse Zukunftsperspektiven, z. B. aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage und hohen (Jugend-) Arbeitslosigkeit belastet, ergänzt Leibovici-Mühlberger. „Die Möglichkeiten, sich materiell etwas aufzubauen, sind im Vergleich zu früheren Generationen eingeschränkt.“ Das führt zu Verunsicherung: Werde ich mein Auskommen finden? Werde ich den Beruf, für den ich mich entscheide, langfristig ausüben können? „Die Verunsicherung hat Auswirkungen auf die Psyche – auf den Selbstwert und die Identität der jungen Menschen“, warnt die Expertin. Ohne Erfolgserlebnisse erscheint das Leben sinnlos, das kann in ein Burn-out, eine Depression münden. Was die Jugendlichen brauchen? Das Vertrauen und den Zuspruch der Eltern, dass sie dennoch ihren Weg finden und gehen werden. „Die Generation wird das Thema „Erfolg“ neu definieren müssen“, ergänzt die Ärztin.    ‘

*******************************
Höchst verletzlich
Risiko für psychische Störungen steigt

Aufgrund der sozialen, körperlichen, psychischen Umbrüche sind Pubertierende psychisch sehr verletzlich. Damit erhöht sich das Risiko für psychische Krankheiten und Störungen, die in der Pubertät häufiger bzw. oft erstmals auftreten: Essstörungen, Depressionen, Suizidgefahr. Mögliche Alarmsignale? „Problematisch wird es, wenn Eltern den Eindruck haben, sie kommen gar nicht mehr an den Jugendlichen heran, sie können keinen Kontakt mehr herstellen“, warnt der Psychiater Prim. Dr. Paulus Hochgatter. „Dann sollte man unbedingt professionelle Unterstützung suchen.“

***********************
Ein unmoglicher Job?
5 Tipps für Teenager-Eltern

Konflikte, Krisen, Kämpfe: Keine Frage – Teenager-Eltern haben kein leichtes Los. Zumal ihnen die Krisenzeit einen schwierigen Spagat abverlangt. Was durch die Krisenzeit hilft.

„Einerseits sollte man den Jugendlichen weiterhin ein Nest zur Verfügung stellen, andererseits sollte man ihnen das notwendige Ausmaß an Konflikten ermöglichen“, beschreibt der Psychiater und Psychotherapeut Prim. Dr. Paulus Hochgatterer den Spagat. Eltern sollten die Sparringspartner ihrer Kinder sein, fordert der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul. „Sie sollten maximalen Widerstand bieten und dabei minimalen Schaden anrichten“, präzisiert die Wiener Familienberaterin Christine Bischof, die nach den pädagogischen Ansätzen von Jesper Juul arbeitet. Welche Maßnahmen dabei helfen?

Grenzen aufzeigen  

Eltern sollten sich um Klarheit bemühen, rät Bischof. „Im Idealfall kennen und vertreten Erwachsene die eigenen Grenzen und respektieren jene der Kinder.“ Die Eltern sollten also herausfinden und kundtun, was sie wollen – und was nicht: Ein Tattoo auf dem Bauch der Teenagertochter etwa oder dass der 15-jährige Spross raucht. Handelt das Kind dem zuwider, darf man seinen Ärger oder die Enttäuschung ruhig zeigen. Man sollte das Verhalten aber nicht persönlich nehmen. Tatsächlich handeln die Jugendlichen nicht gegen die Eltern, sondern vor allem für sich selbst.

Werte vertreten

Zuweilen haben Eltern das Gefühl, dass sie mit ihrem Kind nur noch streiten. Alles, was früher selbstverständlich war, wird hinterfragt: Die gemeinsamen Mahlzeiten etwa ‚nerven unglaublich‘. Doch wehe, das Abendessen fällt aus. Dann heißt es: ‚Was sind wir überhaupt für eine Familie?‘
Obwohl sie heftig dagegen rebellieren, brauchen Jugendliche Eltern, die ihren Werten treu sind, betont Bischof. „Die Eltern müssen quasi Leuchttürme sein und immer wieder Signale aussenden: ‚Da stehe ich. So denke ich. Das sind meine Werte. Das sind meine Ansichten.‘ An diesen Werten können die Jugendlichen sich orientieren und überprüfen: Was will ich? Was sind meine Werte?

Vertrauen üben

Als besorgte Mutter, als sich kümmernder Vater haben Sie alle möglichen Gefahren im Kopf? Am liebsten möchten Sie immer noch jeden Schritt des Teenagers lenken oder gar noch eine Art „Turboerziehung“ starten? Besser nicht, sagt Bischof. „In der Pubertät ist Erziehung eigentlich vorbei. Dann brauchen die Jugendlichen vor allem drei Dinge von ihren Eltern: Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen.“ Selbst wenn die Kinder nicht genauso handeln, wie man es sich wünschen würde – man darf vertrauen, dass sie „so gut sie können, handeln“, sagt Bischof.
Das betrifft etwa auch den Umgang mit Alkohol, Nikotin etc.: ‚Alkohol soll also gefährlich sein? Wie kann ich das wissen, bevor ich es nicht ausprobiert habe?‘ Sitzt dann ein unglücklicher, verkaterter Teenager beim Frühstück, sollten die Eltern sich besserwisserische Kommentare verkneifen. Der Jugendliche hat seine Lektion schon erteilt bekommen und wird daraus seine Schlüsse ziehen.

Gefühle zeigen
Teenager-Eltern dürfen und müssen ihre Gefühle ausdrücken. Wenn der 16-jährige Sohn just im Zimmer raucht, sollte der Vater kundtun, dass ihn das ärgert. „Pubertät kann nur gelingen, wenn die Jugendlichen auch wahrnehmen, dass die Eltern sich ärgern, wütend, ratlos und hin und wieder verzweifelt sind“, betont Hochgatterer. Nach einem ordentlichen Krach glätten sich die Wogen wieder. Ein Trost, wenn immer wieder die Fetzen fliegen: So lange Ihr Teenager mit Ihnen streitet, sind Sie in Kontakt miteinander.

Hilfe holen
Wer von dem täglichen Hick-Hack erschöpft ist, sich frustriert, genervt und hilflos fühlt, sollte sich Unterstützung holen. „Oft genügt es, sich etwa bei einer Kinderpsychologin oder einem auf Jugendliche spezialisierten Psychotherapeuten zwei Stunden Beratung zu gönnen“, erklärt Hochgatterer.
In Anbetracht der Turbulenzen sollte man nicht aus den Augen verlieren, wohin die „Krisenzeit“ Pubertät im Optimalfall führt: Die Jugendlichen entwickeln sich zu stabilen, eigenständigen und verantwortungsvollen Menschen.

******************************
Unterstützung für Ihr Kind:
So kann Pubertät gelingen

  • Bleiben Sie in Beziehung mit Ihrem Kind!
  • Stellen Sie sich den Konflikten!
  • Vertreten Sie klar Ihre Werte – und leben Sie danach!
  • Zeigen Sie ihre Gefühle!
  • Achten Sie die Grenzen – Ihre eigenen und die Ihres Kindes!
  • Holen Sie sich professionelle Unterstützung!

Buchtipp:
Yazdi
Junkies wie wir. Spielen, Shoppen, Internet.
Was uns und unsere Kinder süchtig macht.
ISBN 978-3990010525, 208 Seiten
Verlag edition a, € 19,95

Stand 02/2016

Folgende Artikel könnten Sie auch interessieren:

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo bestellen

E-Magazin

Abo Service

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

aktuelle Ausgabe

MP Cover 2023-01

Sie wollen mehr?

Das freut uns!

WÄHLEN SIE EINFACH AUS:
» ABO «
» E-MAGAZIN «
» MEDIZIN-populär-APP «

Abo Service

E-Magazin

Gewinnspiel

Kontakt

Newsletter

Abo Service

Gewinnspiel

E-Magazin

Newsletter