Jahrzehntelang galt es als gängige Praxis, Tabletten bei Patientinnen und Patienten mit Schluckstörungen zu zerkleinern, um das Risiko des Verschluckens zu reduzieren.
Eine aktuelle Studie aus dem Universitätsklinikum Tulln, durchgeführt in Kooperation mit der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, stellt diese Routine nun infrage: Das Zerkleinern von Tabletten könnte in bestimmten Fällen mehr Nachteile als Vorteile mit sich bringen.
Überraschende Ergebnisse
Die Untersuchung entstand im Rahmen der Dissertation von PhDr. Michaela Trapl-Grundschober, Ph.D., Logopädin am Universitätsklinikum Tulln und Entwicklerin des international etablierten Gugging Swallowing Screenings (GUSS). Im Zuge ihres Ph.D.-Studiums widmete sie sich der Frage, wie Medikamente bei Patientinnen und Patienten mit schlaganfallbedingten Schluckstörungen sicher verabreicht werden können. Das zentrale Ergebnis der Studie: Ganze Tabletten, die gemeinsam mit weichen Speisen wie Apfelmus verabreicht werden, können häufig sicher geschluckt werden, ohne in die Atemwege zu gelangen. Zerkleinerte Tabletten hingegen neigen dazu, Rückstände im Rachenraum zu hinterlassen, was sowohl die Arzneimittelaufnahme als auch die Sicherheit beeinträchtigen kann.
„Zerkleinern ist nicht immer die sicherste Option“
„In der klinischen Praxis wird das Zerkleinern von Tabletten oft als Vorsichtsmaßnahme eingesetzt“, erklärt Trapl-Grundschober. „Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass diese Vorgehensweise nicht in jedem Fall die sicherste Option darstellt – insbesondere bei leichten bis mittelgradigen Schluckstörungen.“ Im Rahmen der Studie erhielten 60 Schlaganfallpatientinnen und -patienten Medikamente in unterschiedlichen Darreichungsformen – sowohl als ganze als auch als zerkleinerte Tabletten. Die Schluckvorgänge wurden mittels flexibler endoskopischer Schluckdiagnostik (FEES) analysiert. Dabei zeigte sich, dass ganze Tabletten in der Regel zuverlässig in den Magen transportiert wurden, während zerkleinerte Tabletten häufiger Rückstände hinterließen. Diese können potenziell zu Fehl- oder Unterdosierungen sowie zu Schleimhautirritationen führen.
Routinen hinterfragen, Sicherheit erhöhen
Die Ergebnisse widersprechen einer weit verbreiteten Praxis auf Schlaganfallstationen. Eine vorausgehende Befragung des Forschungsteams hatte bereits gezeigt, dass Tabletten in der Pflege häufig routinemäßig zerkleinert werden – teilweise noch bevor eine individuelle Beurteilung der Schluckfähigkeit erfolgt. Die aktuelle Studie liefert nun erstmals klinische Evidenz dafür, dass dieses Vorgehen kritisch hinterfragt werden sollte.
„Unsere Daten sprechen für eine individuell angepasste Medikamentengabe auf Basis objektiver diagnostischer Verfahren wie der endoskopischen Schluckuntersuchung“, betont Trapl-Grundschober. „Wird die Schluckfähigkeit sorgfältig abgeklärt, können ganze Tabletten in vielen Fällen sicher verabreicht werden. Das erleichtert die Therapie und erhöht die Arzneimittelsicherheit.“
Fotos: istockphoto/Seahorse Vector