Aggressionen fahren mit

Juli 2007 | Leben & Arbeiten

Wenn das Gaspedal zur Waffe wird
 
Drängeln, schneiden, riskant überholen – dazu noch hupen, schimpfen und provozieren. Ein rücksichtsvoller Fahrstil ist auf Österreichs Straßen immer seltener anzutreffen. Experten schätzen, dass bis zu 85 Prozent der Verkehrsunfälle auf aggressives Verhalten zurückzuführen sind. Was macht aus anständigen Mitbürgern angriffslustige Autofahrer? Und wie kann der einsetzende Urlaubsreiseverkehr ohne aufgeladene Stimmung über die Bühne gehen?
 
Von Mag. Wolfgang Bauer

„Schlägerei unter Autofahrern in Linz“ – so betitelte eine österreichische Tageszeitung ein Ereignis, das vor wenigen Wochen landesweit für Aufsehen sorgte. Sieben Personen waren an einer Prügelei beteiligt. Unmittelbarer Auslöser: ein zu enges Straßenstück. Was war geschehen? Zwei Autos trafen an einer engen Straße aufeinander und konnten nicht mehr weiter. Doch keiner der Lenker wollte zurückfahren und dem anderen Platz machen. Da stieg der Lenker des einen Autos aus und begann die Lenkerin des anderen Wagens zu beschimpfen. Das wiederum ließ sich deren Beifahrer nicht gefallen und konterte. Die Auseinandersetzung der Männer ging schnell in eine Rauferei über, an der sich auch die Frauen beteiligten. Dann mischten sich auch noch die Insassen eines dritten Autos, das in der Zwischenzeit stehen geblieben war, in die Schlägerei ein, so dass am Ende insgesamt sieben Personen beteiligt waren. Die Rauferei endete mit drei Verletzten. Ein bedauerlicher Einzelfall auf den ansonsten konfliktfreien Straßen Österreichs? Keineswegs! Um die Verkehrskultur ist es hierzulande nicht zum Besten bestellt. Einer Studie des ÖAMTC zufolge stellt Autofahren nur noch für zehn Prozent aller österreichischen Lenker ein Vergnügen dar. Für die übrigen 90 Prozent bedeutet es Stress, ausgelöst durch Staus, Fahren unter Zeitdruck, ständig steigendes Verkehrsaufkommen, aber auch durch rücksichtslose Drängler und andere unfaire Verhaltensweisen von Verkehrsteilnehmern. Alles in allem ein nahezu „idealer“ Nährboden für negative Emotionen.

Aggressionen durch Anonymität
Ein Beispiel, das sich täglich wohl Tausende Male auf Österreichs Straßen abspielt: „Man kommt im Stau nur schrittweise voran, zu einem wichtigen Termin droht man trotz eingeplanter Zeitreserve zu spät zu kommen, weshalb das Handy ununterbrochen läutet. Anderen Autofahrern in der Kolonne ergeht es genauso, es wird geblinkt, gehupt, manche scheren ohne Rücksicht auf andere plötzlich aus – dieses Szenario erzeugt Stress“, so Univ. Prof. Dr. Herwig Scholz, ärztlicher Leiter des Krankenhauses de La Tour in Treffen in Kärnten. Der Neurologe und Psychiater ist auch geschäftsführender Obmann der Ärztlichen Kraftfahrvereinigung Österreichs (ÄKVÖ), die sich unter anderem mit den psychischen Phänomenen im Straßenverkehr beschäftigt. „Man hat in der kleinen Kabine nur wenige Möglichkeiten, den Stress, diese geladene Stimmung, ausagieren zu können. Zu diesen Möglichkeiten zählen Gesten und Ausdrucksweisen, die außerhalb des Straßen- verkehrs nur in den seltensten Fällen angewendet werden: Man tippt auf den Kopf, schimpft, betätigt die Hupe oder provoziert“, so Scholz.Nach Ansicht der Verkehrspsychologin Dr. Elisabeth Panosch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) vermittelt gerade die Isoliertheit im Fahrzeug dem Lenker ein Gefühl der Sicherheit und Anonymität, was viele dazu verleitet, ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen. „Viele glauben, dass man im Auto nicht sofort mit Gegenaggression bestraft werden kann. Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass Cabriofahrer mit geschlossenem Verdeck die Hupe öfter und länger betätigen, wenn im Straßenverkehr nichts weiter geht, als diejenigen mit geöffnetem Verdeck. Letztere sind nämlich gut sichtbar und fühlen sich daher nicht so geschützt.“

Aggressiv sind immer die anderen
Aus psychologischer Sicht bemerkenswert ist die Selbsteinschätzung der Fahrer: Als aggressiv und bedrohlich werden nämlich immer nur die anderen eingestuft. Nur etwa jeder 30. Autofahrer gibt zu, dass er sich nicht immer fair verhält. Zwei Drittel der österreichischen Autofahrer halten sich selbst für weniger gefährlich als die anderen – wie eine europaweite Studie ergeben hat. „Diese Studie zeigt auch, dass die Einschätzung der Geschwindigkeit, mit der die Autofahrer durch ein Ortsgebiet fahren, völlig unrealistisch ist. Nur sechs Prozent der Befragten gaben an, im Ortsgebiet schneller als erlaubt unterwegs zu sein. Wir wissen jedoch von Geschwindigkeitsmessungen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit, dass jeder Zweite wesentlich schneller als 50 km/h fährt. An eine 30er-Beschränkung hält sich überhaupt nur jeder Fünfte“, sagt Frau Dr. Panosch. Um Aggressionen und andere psychische Phänomene im Straßenverkehr besser in den Griff zu bekommen, bedarf es noch intensiver wissenschaftlicher Forschung. Daher plädiert Prof. Scholz für die Errichtung eines Instituts für Verkehrsmedizin, in dem die Forschungen über die vielen Gesundheitsrisiken im Straßenverkehr zusammenlaufen. „So wie es zahlreiche Forschungsarbeiten zur Verringerung der Autoabgase oder zur Verbesserung der Sicherheitstechnik gibt, so sollten auch an einem unabhängigen verkehrsmedizinischen Institut die Ursachen und Auswirkungen psychischer Phänomene im Straßenverkehr intensiv untersucht werden“, so der Obmann der Ärztlichen Kraftfahrvereinigung Österreichs.

Raserei und Alkohol
Für Univ. Prof. Dr. Herwig Scholz ein absolut gefährliches Duo: „Alkohol reduziert nicht nur die Fähigkeit rasch zu reagieren, Entfernungen richtig einzuschätzen oder sich koordiniert zu bewegen, sondern er steigert auch die Aggressionstendenz und die Risikobereitschaft.“ Der Neurologe und Psychiater macht jedoch auch auf die verminderte Fahrtüchtigkeit durch die Wirkung von Psychopharmaka aufmerksam. „Menschen, die am Abend Schlaf- oder Beruhigungsmittel zu sich nehmen, sollten wissen, dass diese Medikamente auch noch am Morgen oder Vormittag danach wirken können und somit die Verkehrstauglichkeit beeinträchtigen. Wir wissen, dass Verkehrsteilnehmer unter Einfluss von Benzodiazepinen, das sind Substanzen mit angstlösender und beruhigender Wirkung, ein mindestens doppelt so hohes Unfallrisiko haben wie jene, die keine Medikamente zu sich nehmen. Denn auf der einen Seite haben diese Mittel eine beruhigende Wirkung, auf der anderen Seite können sie die Risikobereitschaft erhöhen – im Straßenverkehr sind solche Nebenwirkungen fatal!“

 

 

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Keine Chance für Aggressionen

Expertentipps für einen entspannten und sicheren Urlaubsreiseverkehr

  • Planen Sie die Reise sorgfältig, Staurouten und Stauzeiten möglichst mit berücksichtigen.
  • Wählen Sie den Reisebeginn flexibel, vermeiden Sie möglichst die Tage des Urlauberschichtwechsels.
  • Wählen Sie eine angepasste Geschwindigkeit – das beruhigt nachweislich den Verkehr und schont die Nerven.
  • Halten Sie genügend Abstand – das trägt maßgeblich zur Homogenität des Verkehrs bei, dadurch kommen alle Verkehrsteilnehmer besser und sicherer voran.
  • Machen Sie in Pausen Dehnungsübungen oder gehen Sie ein paar Schritte, um zu entspannen.
  • Machen Sie sich bewusst, dass andere Fahrer auch Fehler machen können und dass nicht immer Absicht hinter einer als aggressiv erlebten Handlung steckt.
  • Bedenken Sie, dass aggressives Fahren anstrengender ist als gelassenes Fahren.

 

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