Abgelenkt, krank, übermüdet

August 2013 | Medizin & Trends

Die unterschätzten Gefahren am Steuer
 
Nur kurz aufs Handy geschaut – und schon ist es passiert: Bereits ein Drittel aller Verkehrsunfälle wird durch Ablenkung verursacht, warnen Experten. Doch auch andere Gefahren am Steuer werden grob unterschätzt.
 
Von Mag. Sabine Stehrer & Mag. Karin Kirschbichler

Mehr Kontrollen, höhere Strafen, die Gurten- und Helmpflicht, die Herabsetzung der Promillegrenze, der Airbag, schnellere Rettungen durch Hubschraubereinsätze bei Unfällen, der medizinische und technische Fortschritt: All das hat laut Experten dazu geführt, dass auf Österreichs Straßen immer weniger Menschen sterben. „Seit 1961 hat sich die Zahl der Verkehrstoten fast halbiert“, zitiert Prof. MR Dr. Raimund Saam von der Ärztlichen Kraftfahrvereinigung Österreichs (AKVÖ) aus der Statistik. Und dennoch kommen in Österreich mehr Verkehrsteilnehmer ums Leben als im EU-Schnitt. Woran das liegt? „In vielen EU-Ländern wird der Großteil der Fahrten auf Autobahnen zurückgelegt, und die sind vergleichsweise sicher“, so Saam. „In Österreich ist man eher auf Straßen mit Gegenverkehr unterwegs, was weit gefährlicher ist.“ Umso mehr, als die vielfach unterschätzten Gefahren am Steuer verstärkt zu tragen kommen, wenn erhöhte Aufmerksamkeit gefragt ist:

Ablenkung
„Nur kurz aufs Handy geschaut“

Bereits ein Drittel aller Verkehrsunfälle und zwölf Prozent aller tödlichen Unfälle gingen laut Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) im Vorjahr auf Ablenkung und die daraus resultierende Unachtsamkeit der Lenker zurück. Gemäß einer aktuellen Umfrage des ÖAMTC ist fast die Hälfte der Autofahrer durch Ablenkung schon einmal in eine brenzlige Situation geraten, die für jeden Vierten sogar in einen Auffahrunfall mündete. „Unter Gesprächen mit dem Beifahrer, streitenden Kindern am Rücksitz, einem Biss in die Wurstsemmel, Trinken und Rauchen hat die Aufmerksamkeit der Autofahrer zwar schon immer gelitten“, so Saam. Doch hat die unterschätzte Gefahr Ablenkung mit Handy, Smartphone & Co heute andere Dimensionen angenommen. Das Telefonieren stört selbst mit Headset die Konzentration auf das Verkehrsgeschehen, und beim Lesen oder gar Verfassen von SMS wird darüber hinaus sogar der Blick von der Straße abgewendet: „Man muss sich vor Augen halten, dass man schon bei 50 Stundenkilometern 28 Meter weit blind fährt, wenn man nur zwei Sekunden den Blick von der Straße nimmt“, nennt Saam die gefährlichen Fakten.

Alkohol
„Zwei Achterln machen doch nichts“

28 Menschen starben laut KFV 2012 im Straßenverkehr, weil sie alkoholisiert waren, und rund 40.000 Lenker werden jedes Jahr bei Verkehrskontrollen mit mehr als den aktuell erlaubten 0,5 Promille Alkohol im Blut erwischt. Und auf 0,5 Promille kommt man schnell. Wie schnell, das hängt von der Körpergröße, dem Gewicht und Geschlecht ab. Ein 180 Zentimeter großer und 80 Kilo schwerer Mann erreicht diese Grenze schon, wenn er innerhalb von eineinhalb Stunden zwei Achterln Wein oder zwei kleine Bier konsumiert. Trinkt eine 165 Zentimeter große und 60 Kilo schwere Frau im selben Zeitraum dieselbe Menge Alkohol, liegt sie bereits darüber.
Was viele nicht wissen: „Schon bei 0,5 Promille sind die Reaktionsfähigkeit vermindert und das Gesichtsfeld eingeschränkt“, warnt Saam. So kann das Kind, das gerade über den Zebrastreifen gehen möchte, leichter übersehen werden und der Tritt auf das Bremspedal um einen Sekundenbruchteil zu spät erfolgen. Außerdem neigen Alkoholisierte zur Selbstüberschätzung, so der Experte. „Da lässt man sich dann zum Beispiel eher zu riskanten Überholmanövern verleiten oder zum Durchstarten auf einer Kreuzung, auch wenn die Ampel schon blinkt.“
Entgegen der landläufigen Meinung baut der Körper Alkohol durch das Schwitzen in der Sommerhitze übrigens nicht schneller ab, sondern Bier, Wein & Co wirken sogar noch stärker. Und selbst Medikamente auf Alkoholbasis (z. B. Hustensäfte) und Nahrungsmittel wie Rumkugeln können bei Empfindlichen bereits genügen, um das Fahrvermögen zu beeinträchtigen.

Übermüdung
„Wegen der paar Kilometer“

Völlig übermüdete Lenker, die höchstwahrscheinlich in den sogenannten Sekundenschlaf fielen, verursachten 2012 laut KFV 4,9 Prozent der tödlichen Verkehrsunfälle. Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher sein, meinen Experten. Sie gehen davon aus, dass ein Drittel aller tödlichen Verkehrsunfälle auf Übermüdung zurückzuführen ist. Wie verbreitet das Problem ist, zeigt das Ergebnis der ÖAMTC-Befragung: Jeder dritte Lenker gab an, schon einmal fast hinter dem Steuer eingenickt zu sein, 14 Prozent sind sogar schon einmal eingeschlafen.
„Übermüdung am Steuer wird häufig von Berufskraftfahrern als Gefahr unterschätzt, aber auch von Lenkern, die nur noch einen vermeintlich kurzen Heimweg haben“, sagt Saam. Dabei kann schon eine Nacht, in der man kürzer als gewöhnlich oder schlechter als sonst geschlafen hat, genauso stark beeinträchtigen wie 0,8 Promille Alkohol im Blut. Saam: „Ähnlich wie Alkoholisierte reagieren Übermüdete oft zu langsam und schaffen es zum Beispiel nicht, das Lenkrad rechtzeitig so einzuschlagen, dass sie gut um die Kurve kommen.“ Zudem ist das Gesichtsfeld von Übermüdeten eingeschränkt – sie übersehen z. B. leicht eine Stopptafel am Straßenrand.

Selbstüberschätzung
„Gefährlich sind höchstens die anderen“

Wie viele Verkehrsunfälle auf die Selbstüberschätzung von Lenkern und ihre daraus folgenden risikoreichen Verhaltensweisen zurückgehen, ist statistisch zwar nicht erhoben. „Man weiß aber, dass diejenigen, die sich am Steuer für Superman halten, oft zum Rasen und riskanten Überholen neigen“, sagt Saam. Auf überhöhte Geschwindigkeit gingen 2012 33 Prozent aller tödlichen Unfälle zurück, auf Fehler beim Überholen 8,7 Prozent.
Da sie alle anderen meist für schlechtere Fahrer halten, neigt diese Spezies von Lenkern oft auch zu weiteren aggressiven Aktionen auf der Straße. Ob Schneiden beim Spurenwechsel, Drängeln, Blenden, Hupen oder obszöne Gesten: „Auch diese Verhaltensweisen können zu Unfällen führen. Schließlich lenken sie den, der sie ausübt, ab und versetzen den, der sie erdulden muss, in Stress“, nennt Saam die Auswirkungen von Selbstüberschätzung, einer Gefahr, die übrigens nicht nur von jüngeren Autofahrern unterschätzt wird. Auch viele Ältere halten sich für die Könige der Straße: Sie pochen auf ihre jahrzehntelange Erfahrung am Steuer, wollen nicht wahrhaben, dass sie aus verschiedenen Gründen nicht mehr so fahrtüchtig wie in jungen Jahren sind, und werden so zum Risiko für sich und andere.

Krankheit
„Das bisschen Schnupfen

4,9 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle gingen 2012 nachweislich auf Herz- und Kreislaufversagen sowie andere akute Erkrankungen zurück, besagt die KFV-Statistik. Wie viele Unfälle insgesamt darauf zurückzuführen sind, dass sich jemand ans Steuer setzte, obwohl er sich krank fühlte, weiß man nicht. „Tatsache ist aber, dass auch Schwindel, starkes Kopfweh oder Fieber das Fahrvermögen verringern“, so Saam. Sogar „das bisschen Schnupfen“ kann zum Verhängnis werden. Und natürlich Medikamente gegen verschiedene Beeinträchtigungen: „Viele dieser Mittel haben eine dämpfende Wirkung“, so Saam. Dazu zählen z. B. manche Grippemittel und Anti-Allergika sowie Schlafmittel, auch wenn diese bereits am Vorabend genommen wurden. Autolenker mit chronischen Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Epilepsie sollten, so der Experte, besonders darauf achten, gut auf die Medikamente eingestellt zu sein.


Sicher in die Sommerferien

  • Auch Hitze beeinträchtigt das Reaktionsvermögen! Darum die ersten Kilometer langsam und besonders vorsichtig fahren, bis die Klimaanlage Wirkung zeigt.
  • Alle zwei Stunden pausieren, herumgehen und Übungen machen, die den Kreislauf auf Trab bringen, die Muskeln dehnen und geschwollene Beine zum Abschwellen bringen.
  • Bei großer Hitze viel trinken (mindestens zwei Liter am Tag), aber besser nicht hinter dem Steuer, sondern während einer Fahrpause.

Stand 7/2013

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