Krisengebiet Doppelbett

Mai 2008 | Partnerschaft & Sexualität

Wie zwei in einem Bett schlafen – und warum sie es (trotzdem) tun
 
Schlafen Sie besser, wenn der Partner auf Geschäftsreise ist und Ihnen Decke und Polster nicht abspenstig machen kann? Oder finden Sie gar keine Ruhe, wenn das Bett neben Ihnen leer ist und Sie das Atmen des geliebten Menschen nicht hören? Schlafforscher sind diesen Fragen nachgegangen und haben jetzt den Paarschlaf zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse gemacht. Ihr Ergebnis bestätigt den Verdacht, den wohl viele nach einer durchwachten Nacht im Doppelbett hegen: Das Zusammenschlafen ist noch schwieriger als das Zusammenleben.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Im Rausch der Gefühle opfern frisch Verliebte viel. Auch ihren Schlaf. Dem Cocktail aus Hormonen und Nervenbotenstoffen, der in diesem Zustand gemixt wird, ist es zu verdanken, dass sie weniger Müdigkeit und Hunger verspüren, es ist, als wären sie nicht von dieser Welt.

Wird die rosa Brille nach zwei, drei Monaten abgenommen, kehren sie auf die Erde zurück. Sie sehen, was sie zuvor übersehen haben, und gerade die Kuschelinsel Doppelbett kann dann schnell zum Krisengebiet werden: Er legt sich im Bett quer, so dass ihr nur ein kleines Eck von der Matratze bleibt. Sie besteht auf ihrer Gewohnheit, im hell erleuchteten Schlafzimmer noch eine halbe Stunde in ihrem Krimi zu schmökern, bevor sie die Augen zumacht. Er ist ein unruhiger Schläfer und weckt sie jedes Mal auf, wenn er sich umdreht. Sie ergreift im Laufe der Nacht alleinigen Besitz von der Decke, so dass er entblößt zu frösteln beginnt. Er bekommt, wie er sagt, bei geschlossenem Fenster keine Luft. Sie bekommt, wie sie sagt, bei offenem Fenster kalte Füße, die sie wach halten. Und mit Schnarchen bringen sie einander gegenseitig zeitweilig um den Schlaf.

Das Zusammenschlafen entpuppt sich oft als erste Herausforderung für die Partnerschaft, denn gerade beim Grundbedürfnis Schlaf treten ureigene Gewohnheiten und Rituale ans Licht, die sich von denen des Partners oft grundlegend unterscheiden. Geht es um das nächtliche Zusammenschlafen, so sind Kompromisse oft viel schwieriger zu finden als beim täglichen Zusammenleben.

Besser mit oder ohne?
Allen ungünstigen Rahmenbedingungen zum Trotz hat sich das Schlafen zu zweit in einem Bett im Laufe der Geschichte als gängiges Schlafarrangement für verheiratete und unverheiratete Paare durchgesetzt. Die Österreichische Gesellschaft für Schlafmedizin hat es 2007 in einer Umfrage erhoben: 50 Prozent der Österreicher schlafen ständig mit einem Partner, 27 Prozent haben ständig ein Bett für sich alleine, die restlichen 23 Prozent sind so genannte Wechselschläfer, schlafen also einmal mit und einmal ohne Partner. Was Forscher ebenfalls erhoben haben: Frauen schlafen besser ohne ihn, Männer schlafen besser an ihrer Seite. Mit dieser ebenso einfachen wie überraschenden Erkenntnis wirbelten der Schlafforscher Dr. Gerhard Klösch (Medizinische Universität Wien), der Verhaltensbiologe Univ. Prof. Dr. John Dittami (Leiter des Departments für Verhaltensbiologie an der Universität Wien) und der Neurologe und Schlafmediziner Univ. Prof. Dr. Josef Zeitlhofer (Leiter des Schlaflabors an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Wien) bereits vor Monaten einigen Staub auf. Nun vertieften sie das Thema in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Ein Bett für zwei“ (siehe Tipp).

Darin wird das Phänomen „Schlafen zu zweit“ sowohl von psychologischer, verhaltensbiologischer als auch von Seiten der Schlafmedizin unter die Lupe genommen. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler begründen sich nicht nur auf subjektive Bewertungen, sondern auf objektive Messungen, die in dieser Form einzigartig sind.

Um Vergleichsdaten gewinnen zu können, untersuchten sie den Schlaf von Wechselschläfern, also von Männern und Frauen, die es gewohnt sind, einmal mit und einmal ohne Partner zu Bett zu gehen. Untersucht wurde außerdem nicht in der ungewohnten Atmosphäre eines Schlaflabors, sondern in der vertrauten Umgebung des eigenen bzw. gemeinsamen Schlafzimmers. Als Untersuchungsinstrumente dienten am Handgelenk zu tragende Bewegungsmesser und Schlaftagebücher, in denen die Teilnehmer eine Reihe von Fragen über den Schlaf und dessen Qualität zu beantworten hatten.

Die Wissenschaftler selbst staunten nicht wenig, als sich auch anhand der gemessenen, tatsächlich geschlafenen Zeit manifestierte, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Fragebögen angaben: Frauen schliefen in den alleine verbrachten Nächten wesentlich besser und ruhiger als in den Nächten mit Partner. Bei den Männern war es genau umgekehrt.

Die Mutter und das Riesenbaby
Auf der Suche nach Gründen für dieses Phänomen geben Klösch, Dittami und Zeitlhofer eine Reihe von Sachverhalten zur Auswahl: Frauen seien evolutionsbedingt auf Leichtschlaf getrimmt, um zur Erfüllung ihrer Mutterpflichten schon beim kleinsten Mucks des Babys aufzuwachen. Der Mutterinstinkt scheint auch wirksam, wenn das „Riesenbaby“ Mann (Schnarch-) Geräusche von sich gibt oder mit Händen und Füßen Zeichen der Unruhe setzt: Die Frau wacht auf – und selbst wenn sie sich am nächsten Morgen nicht mehr daran erinnern kann, die Schlafqualität leidet auch durch noch so kurze Unterbrechungen. Die Folgen eines über längere Zeit gestörten Schlafs sind hinlänglich bekannt: Sie reicht von Tagesmüdigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit bis hin zu einer Reihe körperlicher und seelischer Krankheiten.
Frauen sind besonders gefährdet, ihr Schlaf ist generell störanfälliger. Sie nehmen eher als Männer Probleme mit ins Bett, ihr Schlaf reagiert empfindlicher auf Stress, hormonelle Schwankungen, Umgebungsreize und andere Störfaktoren. Insgesamt leiden 65 Prozent der Frauen, aber „nur“ 20 Prozent der Männer an Schlafstörungen, wie mehrere Studien zeigen.

Männer sind in der Regel unempfindlicher, sie betrachten den Schlaf als eine biologische Notwendigkeit, der sie – vom Drumherum weitgehend unbeeindruckt – nachgeben. Warum sie den Schlaf an der Seite der Partnerin erholsamer und erquickender finden? Hier wirken laut John Dittami die urtümlichen Vorteile des lange Zeit in Dorfgemeinschaften üblichen Gruppenschlafs nach: Wärme und Schutz. Das bekommen sie auch beim Paarschlaf, da fühlen sie sich wohl – und schlummern besser als allein.

Lieber beschützt als ausgeschlafen?
(Körper-) Wärme und Schutz, Geborgenheit und Bettgeflüster, Intimität und Nähe sind sicher auch Gründe, warum Frauen sich freiwillig um ihren Schlaf bringen und Nacht für Nacht ins Doppelbett steigen. Immer mehr tun es allerdings nicht mehr. Die Schlafforscher orten einen Trend: Mut zum getrennten Schlafzimmer. Vorbei sind, so Klösch, Dittami und Zeitlhofer, die Zeiten, als nach Honoré de Balzac das Bett als Barometer der Ehe galt: „Getrennte Betten sind kein Indiz für eine schlechte oder gescheiterte Beziehung, sondern können ein Beweis dafür sein, dass es einem Paar gelungen ist, einen Kompromiss zu finden.“
Der Wunsch nach getrennten Betten kommt, wie Umfragen ebenfalls zeigen, meist von Frauen. Und die Männer sind darüber gar nicht glücklich. Zieht die Partnerin mit Polster und Decke ins Gästezimmer, so reagieren sie darauf häufig mit Ein- und Durchschlafstörungen.

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Es wird weiter geforscht
Schlafforscher Gerhard Klösch: „Obwohl es uns gelungen ist, einiges an Informationen und Wissenswertes zum Thema „Schlafen zu zweit“ zusammenzutragen, stehen wir erst am Anfang eines neuen – und wie wir meinen – sehr wichtigen Forschungsgebietes. Vieles bleibt nach wie vor ungeklärt und rätselhaft: Warum wollen Frauen – obwohl sie weniger gut mit ihrem Partner schlafen – nicht auf ein Schlafen zu zweit verzichten? Welche weiteren Faktoren spielen dabei eine Rolle? Etwa der Geruch des Partners oder Vorerfahrungen mit dem Schlafen zu zweit? Beieinander Schlafen ist offensichtlich ein Lernprozess, der ein Leben lang anhält. Doch wie verläuft dieser Prozess? Gibt es Zeiten oder Perioden in einer Partnerschaft, in denen körperliche Nähe wichtiger ist? Wie und unter welchen Voraussetzungen gelingt dieser Anpassungsprozess, oder gibt es auch Paare, die es nie schaffen, entspannt beieinander zu schlafen? Einigen dieser Fragen gehen wir in aktuellen Forschungsvorhaben nach“, stellt Klösch weitere spannende Ergebnisse in Aussicht.

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Schlaf gut, Schatz!
Schlafen zu zweit will gelernt sein

  • Zubettgeh- und Aufstehzeiten: Wer bestimmt den Zeitpunkt, ist er für beide optimal?
  • Wecken am Morgen: Wer steht zuerst auf? Ist das Läuten des Weckers für beide angenehm?
  • Das Bett: Entspricht es in punkto Komfort, Ausstattung und Größe den Anforderungen von beiden?
  • Die Matratze: Ist sie zu weich, zu hart? „Überträgt“ sie die Bewegungen des Partners allzu gut? Soll man die „Besucherritze“ in Kauf nehmen?
  • Bettseite: Fühlt man sich links oder rechts, auf der dem Fenster oder der Tür zugeneigten Seite wohler?
  • Kopfpolster, Bettdecke: Will man sie teilen oder bevorzugt man ein eigenes Set?
  • Lesen, Fernsehen, Musik hören im Bett: Wer will das, wer nicht?
  • Temperatur,  Fenster auf/zu:  Entspricht die Raumtemperatur den Ansprüchen beider?
  • Bettgeflüster: Wie hält man’s mit den Plaudereien oder gar dem Problemewälzen im Bett?

 

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Miteinander schlafen = miteinander schlafen:
Was Sex und Schlaf gemeinsam haben

Die sprachliche Überschneidung hat schon so manchen ins Schleudern gebracht: „Wir haben ja nur miteinander, also in einem Bett geschlafen, aber nicht miteinander …, also es war nichts…“ Die Gleichsetzung von „miteinander schlafen“ und „sexuell aktiv sein“ ist weder eine Erfindung der Neuzeit noch der deutschen Sprache. Was Sex und Schlaf gemeinsam haben?
„Schlaf und Sexualität sind fundamentale, menschliche Grundbedürfnisse und bewirken durch ihren triebhaften Charakter ähnliche Verhaltensweisen“, schreiben Klösch, Dittami und Zeitlhofer in ihrem Buch. „Sie können willentlich schwer oder überhaupt nicht unterdrückt werden und wirken nach ihrer Befriedigung euphorisierend, entspannend und vitalisierend; sie bedeuten ein Sich-Verlieren und -Wiederfinden, ein Loslassen und Hingeben. Sie fordern ein Höchstmaß an Intimität, emotionaler und körperlicher Nähe, benötigen Geborgenheit und werden entscheidend durch unsere Individualität geformt und beeinflusst. Unsere Lebensqualität und Lebenszufriedenheit wird von beidem, Schlaf und Sexualität, wesentlich beeinflusst.“

BUCHTIPP
Klösch, Dittami, Zeitlhofer:
Ein Bett für zwei. Unsere Schlafgewohnheiten neu erforscht.
EUR 18,40  ISBN 978-3-7766-2556-1
Herbig Verlag, 2008
 

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