Alle unter Druck!

Oktober 2015 | Leben & Arbeiten

Wie gestresste Chefs krank machen
 
Der große Druck am Arbeitsplatz zählt heute zu den gefährlichsten Krankmachern für Arbeitnehmer. Aktuellen Umfragen zufolge spielen die Vorgesetzten, selbst stark unter Druck, dabei eine Schlüsselrolle. Experten erklären, wie gestresste Führungskräfte krank machen.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Mehr Zeit- und Konkurrenzdruck, mehr Tempo, mehr Information: Die Zahl jener, die sich am Arbeitsplatz ständig gestresst und überfordert fühlen, ist beträchtlich gestiegen. „Beinahe jede zweite Frühpensionierung geht mittlerweile auf psychische Beeinträchtigungen zurück, die wiederum Folge von Belastungen am Arbeitsplatz sind“, berichtet der Psychologe und Management-Coach Dr. Michael Schmitz.

Chefs als Krankmacher

Eine Schlüsselrolle spielen die Führungskräfte: Laut aktuellem Arbeitsklima-Index zählen Chefs und Chefinnen zu den wichtigsten Stressfaktoren im Job. Indem sie auf verschiedene Arten Druck ausüben, werden sie letztlich zu Krankmachern: Sie bremsen die Motivation, töten das Engagement und fördern Erkrankungen – von der Depression bis zum Herzinfarkt.
Das „Verhaltensrepertoire“ schwieriger Chefs reicht von vagen oder überzogenen Anforderungen über mangelnde Wertschätzung bis hin zu ausschließlich negativen Rückmeldungen. Das verursacht neben Stress auch Verstimmung, Unzufriedenheit und Frust.
Statt sich auf günstige Weise herausgefordert zu fühlen, sind immer mehr Beschäftigte chronisch überfordert – und leiden unter psychischen bzw. psychosomatischen Störungen: Müdigkeit, Schlafstörungen, Verspannungen, Rücken- oder Kopfschmerzen haben zuletzt stark zugenommen. „Jene, die viel Stress empfinden, sind um 37 Prozent öfter von Rückenproblemen betroffen“, berichtet Schmitz. „Sie haben außerdem um 40 Prozent mehr Erkältungen, 65 Prozent mehr Kopfschmerzen und leiden drei- bis viermal so häufig an Schlafstörungen oder einer gedrückten Stimmung.“ Die Dauerbelastung kann zu Depressionen, dem Burn-out-Syndrom oder zu Herzkreislauferkrankungen führen.

Innere Kündigung

Selbst denjenigen, die nicht erkranken, geht es oft nicht gut: Um vom Stress nicht aufgefressen zu werden, distanzieren sich immer mehr Menschen innerlich von der Arbeit. „Mit dieser inneren Kündigung können die Betreffenden den schweren Folgen konstanter Überbelastung – Depression und Burn-out-Syndrom – entgegensteuern“, erklärt der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologe Dr. Paulino Jimenez von der Universität Graz. Einer Online-Umfrage von Jimenez und seinem Team zufolge spielen fast dreiviertel der Angestellten mit dem Gedanken an einen Jobwechsel. Das hat Folgen, auch für die Unternehmen: Hat man sich innerlich abgemeldet, leistet man deutlich weniger, als wenn man voll engagiert bei der Sache ist.  

Vorgesetzte unter Druck

Schuld an der Misere der Arbeitnehmer sind (auch) deren Vorgesetzte: Viele wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass das Führungsverhalten die Gesundheit der Mitarbeiter beeinflusst. Grund für die folgenschweren Führungsdefizite: Die Führungskräfte stehen selbst oft unter hohem Druck: „Wenn mit dem Arbeitsquantum der Druck wächst, trifft das ganz besonders diejenigen, die Verantwortung gegenüber allen zu tragen haben“, betont Jimenez. Insbesondere die Mehrzahl der Führungskräfte in mittleren Positionen ist betroffen. Sie befinden sich in einer Art Sandwichposition, mit Druck von beiden Seiten: von „oben“, weil bestimmte Unternehmensziele zu erreichen sind; von „unten“, weil man auf die Kollegialität der Mitarbeiter, von denen man Leistung einfordert, angewiesen ist. Viele Chefs sind auf diesen Zwiespalt nicht ausreichend vorbereitet, etwa, weil sie sehr jung oder rasch in die Chef-Position gekommen sind. „Führungspositionen werden oft vergeben, weil jemand gerade verfügbar ist“, sagt Schmitz. Neben der Vorbereitung mangelt es den (frischgebackenen) Chefs oft auch an Wertschätzung – das frustriert und verunsichert. „Wer verunsichert ist, fällt schnell in althergebrachte Rollen und Verhaltensweisen – und wird zu einem Stressfaktor für andere“, berichtet Jimenez.

Knackpunkt Kommunikation

Wie den Teufelskreis durchbrechen? Auch wenn es vielen nicht leicht fällt: Das Wichtigste sei die Kommunikation, dass Mitarbeiter und Vorgesetzte miteinander reden, betont Arbeitspsychologe Jimenez. „Das direkte Gespräch führt deutlich schneller zum Erfolg, als wenn man hinten herum schimpft.“ Wem es an Mut fehlt, könnte sich etwa an den Betriebsrat wenden. „Mitarbeiter sollten dabei unterstützt werden, ihre Position zu vertreten und etwa klar mitzuteilen, wo ihre Leistungsgrenzen liegen“, fordert Schmitz. Auch der Austausch der Kollegen untereinander sei ein sinnvolles Werkzeug – vorausgesetzt, dieser Austausch ist konstruktiv: Wie gehen wir am besten mit der Situation um? Was ist jetzt zu tun?   

Mehr Führungskompetenz

Um Druck aus einer belastenden Arbeitssituation zu nehmen, brauchen auch die Vorgesetzten Rückhalt und Unterstützung. Nur so können sie die notwendige Kommunikations- und Führungskompetenz entwickeln – das Wort „Führungskraft“ kommt schließlich nicht von ungefähr. „Viele Unternehmen, die Personalentwicklung betreiben, sehen die Führungskräfteentwicklung als zentralen Erfolgsfaktor. Denn gute Führungskräfte sind sich sicher und sind auch Vorbilder“, nennt Jimenez eine wichtige Maßnahme.
Während schlechte, unsichere Chefs ein beachtlicher Stressfaktor sind, werden gute, souveräne Chefs im Idealfall zur Kraftquelle. „Sie sind klar in ihren Aufgabenbeschreibungen, haben keine überzogenen Erwartungen und bringen den Mitarbeitern Respekt und Wertschätzung entgegen“, nennt Schmitz die wichtigsten Kriterien. Stimmen die Rahmenbedingungen, wachsen das Wohlbefinden, die Motivation sowie die Leistungsfähigkeit. Dies bestätigen verschiedene Untersuchungen: Wenn im Unternehmen Werte wie Kollegialität, Vertrauen, Respekt und Loyalität hoch gehalten werden, sind die Leistungen der Mitarbeiter überdurchschnittlich hoch. „Die Mitarbeiter fühlen sich außerdem wohl und sind bei besserer psychischer und physischer  Gesundheit“, ergänzt Jimenez.

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Anerkennung, Gerechtigkeit, Handlungsspielräume:
So wird Gesundheit zur Chefsache

Um die psychische Belastung am Arbeitsplatz in den Griff zu bekommen, muss Gesundheit buchstäblich zur Chefsache werden. Aus arbeitspsychologischer Sicht braucht es bestimmte Rahmenbedingungen, die Untersuchungen zufolge auch präventiv gegen Burn-out wirken. Dazu zählen neben einem guten Betriebsklima und sozialem Zusammenhalt Anerkennung und Wertschätzung. „Die Anstrengungen der Mitarbeiter müssen bemerkt und gewürdigt werden“, betont der Arbeitspsychologe Dr. Paulino Jimenez. Die Arbeitsbelastung unter den Mitarbeitern sollte außerdem gerecht verteilt sein und es braucht Handlungsspielräume, zum Beispiel die Möglichkeit, sich Aufgaben selbstbestimmt einzuteilen.
Nicht zuletzt kann jeder einzelne das Wohlergehen am Arbeitsplatz stärken, etwa durch den konstruktiven Austausch mit Kollegen und Vorgesetzten. Daneben fördern eine ausgewogene, nährstoffreiche Ernährung, regelmäßige Bewegung und das Praktizieren von Entspannungstechniken das Wohlbefinden.

Buchtipp:
Eller-Berndl, Roth
Good by(e), Stress.
Ein Streifzug durch Präventivmedizin und Kulturen
ISBN 978-3-99052-088-8
160 Seiten, € 14,90
Verlagshaus der Ärzte September 2014

Stand 09/2015

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