Imagination

März 2015 | Leben & Arbeiten

Entspannt kraft der eigenen Vorstellungen: Bei der Imagination verhelfen innere Bilder Körper, Seele und Geist in einen Zustand wohliger Entspannung, aber auch zu mehr Energie und geistiger Wachheit. Fantasiebegabte Menschen sind bei dieser Entspannungsmethode etwas im Vorteil.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Tosende Meereswellen, eine alte knorrige Eiche am Wegrand, die leuchtende Abendsonne, welche die Bergwelt ringsum in orangefarbenes Licht taucht: Imagination  (lat. imago bedeutet Bild, Traumbild, Vorstellung) ist die psychische Fähigkeit, sich Situationen, Orte oder Personen, die nicht gegenwärtig sind, im Geist vorzustellen. „Die Vorstellungen sollten idealerweise alle Sinne – das Sehen, Hören, Spüren, Riechen und Schmecken – ansprechen. Es wird dabei quasi ein Rundum-Erlebnis in Gedanken erzeugt, auf das Körper und Psyche reagieren“, betont der St. Pöltner Psychologe Dr. Norman Schmid. „Je präziser und intensiver man sich etwas vorstellt, desto intensiver die Reaktionen und desto besser kann man sich die Kraft der Sinneseindrücke zunutze machen.“  

Kraft der Vorstellungen

Auf diese Weise erschafft man eine subjektive Wirklichkeit. „Wir empfinden nicht nur den wirklich erlebten Frühlingstag angenehm, sondern auch die Vorstellung davon“, erklärt Schmid. „In der Vorstellung haben wir jedoch die Freiheit, es perfekt zu machen – und beispielsweise statt einem kleinen Brunnen einen romantischen Bachlauf neben der Terrasse vorbeizuführen.“
Imagination ist prinzipiell für jeden geeignet, Fantasiebegabte sind allerdings etwas im Vorteil. „Wie ausgeprägt die Fantasie ist, ist von Mensch zu Mensch verschieden“, so Norman Schmid, der aber betont, dass sich die Vorstellungskraft trainieren lasse: „Man könnte dazu ein Foto hernehmen und es sich in allen Details anschauen. Dann schließt man die Augen und vergegenwärtigt sich das Bild so genau wie möglich.“

Anregend oder beruhigend

Ein besonderer Vorteil dieser Entspannungstechnik liegt in ihrer Flexibilität: „Imagination lässt sich, je nach Bedürfnis, in verschiedene Richtungen steuern – je nachdem, ob man sich nur körperlich entspannt fühlen möchte oder zugleich auch erfrischt und geistig rege“, betont Schmid. Andere Entspannungstechniken gehen vor allem in Richtung Deaktivierung – man fühlt sich entspannt, aber auch müde und geistig träge. Imagination wirkt vielseitig: „Wenn man abschalten oder einschlafen möchte, verwendet man Bilder, die deaktivierend wirken“, so der Experte. In der Folge fährt der „Stressnerv“, der Sympathikus, herunter, der Parasympathikus, der „Ruhenerv“, wird aktiver. „Magen und Darm schalten auf Erholung und Verdauung. Der Puls sinkt, und die Blutgefäße weiten sich“, zählt Schmid einige Reaktionen auf.  Ist zusätzlich zur körperlichen Entspannung eine geistige Aktivierung erwünscht, lässt sich dies kraft aktivierender Bilder ebenfalls bewerkstelligen. „Dann erhöht sich die Pulsschlagfrequenz vielleicht um ein paar Schläge, und der Pulsschlag ist etwas kräftiger“, so Schmid.
Diese Kombination aus körperlicher Entspannung und geistiger Wachheit sei für viele Menschen ein besonders erstrebenswerter Zustand, beobachtet der Psychologe: „Viele wollen einerseits die innere Ruhe und zugleich Kraft, Energie und Wachheit.“

Bilder der Natur

Die Bilder, derer man sich bei der Imagination bedient, entspringen meist der Natur. Typisch ist z. B. die Vorstellung einer bunten Blumenwiese. „Man stellt sich vor, man liegt da, den Kopf vielleicht im Schatten eines Baumes, und nimmt die Wärme der Sonnenstrahlen wahr“, beschreibt es Schmid. „Man spürt die Erfrischung einer Windbrise auf der Haut, nimmt die Düfte wahr, das Summen der Bienen und das Rauschen des Windes in den Blättern.“
Nicht immer ist es möglich, alle Sinne gleichermaßen anzusprechen: Die Vorstellung der Sonne, die langsam am Horizont aufgeht, spricht vor allem die visuelle und taktile Wahrnehmung an, nicht jedoch das Hören oder Riechen. „Gerade das Riechen und das Schmecken ist schwieriger zu imaginieren“, räumt Schmid ein.

Geführt oder selbst geführt

Wie bei allen anderen Entspannungsmethoden gilt auch für die Imagination: „Je öfter geübt wird, umso rascher kommt man hinein und desto besser wirkt sie auch“, betont Norman Schmid. Geübt wird optimalerweise einmal täglich, „und zwar für mindestens zehn bis 15 Minuten.“ Wie viele Bilder man dabei imaginiert, hängt auch „vom erwünschten Effekt ab“, so der Experte. „Je beruhigender sie wirken sollen, umso weniger Bilder“, so der Experte. „Es ist aber generell nicht sinnvoll, sich nacheinander viele verschiedene Bilder – einen Baum, den Meeresstrand, einen Berg und einen Wasserfall – vorzustellen, weil Geist und Körper Zeit brauchen, um darauf zu reagieren.“
Auf dem Weg in die heilsame Welt der inneren Bilder wird Einsteigern die geführte Imagination empfohlen: „Hier gibt ein Sprecher – live oder auf CD – die Anleitungen vor“, sagt Norman Schmid. „Bei der selbst geführten Imagination ist man hingegen selbst der Reiseführer.“

Wie alles begann

„Heilende Rituale mit Imaginationen gehen auf die Frühzeit der Menschheit zurück“, weiß Norman Schmid. Im vergangenen Jahrhundert hat der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung die inneren Bilder als Verbindung zwischen Bewusstem und Unbewusstem in die Psychotherapie eingeführt. Und der deutsche Psychiater und Psychotherapeut Hanscarl Leuner begann ab etwa 1950, Imagination auch für die Medizin nutzbar zu machen. Imaginationstechniken werden beispielsweise bei der Oberstufe des Autogenen Trainings, in der Hypnose, in der Meditation oder beim Klartraum angewendet.

Wie sie wirkt

Die wichtigsten Einsatzgebiete von Imagination: Stressbeschwerden, Unruhe, Burn-out. Auch wer zu Grübeln und Kreisdenken neigt, kann sich kraft der inneren Bilder helfen. Weiters wird die Technik erfolgreich bei Depressionen und Ängsten eingesetzt. „Bestimmte Bilder können Sicherheit und Geborgenheit vermitteln“, erläutert der Psychologe. Imagination kann außerdem bei Einschlafproblemen das Hinübergleiten in den Schlaf fördern.  
Generell stärkt das regelmäßige Eintauchen in wohltuende Bilder das Immunsystem – nicht nur aufgrund der einsetzenden Entspannung, sondern dank ganz konkreter Vorstellungen: „Man könnte imaginieren, wie fremde Erreger, zum Beispiel Erkältungsviren, durch den Körper aufgenommen und wirksam neutralisiert werden“, gibt Schmid ein Beispiel. Die Methode bewährt sich aber auch bei Kindern in der Krebstherapie: „Sie stellen sich vor, wie die Krebszellen vom eigenen Abwehrsystem aufgefressen werden.“

Wie sie funktioniert

Bei der selbstgeführten Imagination setzt oder legt man sich entspannt hin, schließt die Augen und überlässt sich dem inneren Reiseführer: Die inneren Bilder kann man wie ein Regisseur einer Natur-Filmdokumentation intensiv gestalten – und ganz darin eintauchen. Norman Schmid gibt einige Beispiele für wohltuende und heilsame Vorstellungen:­

1. Für eine ruhige Atmung

Für eine entspannte Atmung passen etwa die Wellenbewegungen von Wasser: Man stellt sich vor, wie die Wellen heranrollen und sich wieder zurückziehen, wie sie lauter und dann wieder leiser werden.

2. Zur Muskelentspannung

Bei Verkrampfungen oder muskulären Verspannungen wirkt z. B. das Bild eines Baumes mit ausladenden Ästen, der fest verankert in der Erde und zugleich kräftig, stark und in sich ruhend ist.

3. Gegen Ängste

Man könnte sich vorstellen, wie man in einem angenehmen Raum in der Wohnung oder im Haus sitzt: Man macht es sich auf einer Couch gemütlich, hat einen schönen Blick nach draußen in die Landschaft und ist zugleich geschützt und geborgen.

4. Zur emotionalen Beruhigung

Beruhigend wirken monotone Abläufe oder statische Bilder, da sie Ruhe und Gelassenheit vermitteln. Man könnte sich eine Blumenwiese vorstellen: die Farbenpracht, das Summen der Insekten, die Gerüche und Düfte.

5. Gegen Negativität und schlechte Laune

Psychisch  aufhellend wirkt z. B. die Vorstellung eines Sonnenaufgangs, der die gesamte umgebende Landschaft allmählich in ein angenehm warmes Licht taucht, während die Schatten sich zunehmend auflösen.

6. Gegen Stress und Schlappheit

Wer sich gestresst und obendrein geistig schlapp fühlt, könnte ein Bild wählen, das Frische symbolisiert, z. B ein Bächlein, das munter dahingurgelt. Oder man imaginiert sich selbst in Bewegung, wie man z. B. über eine Blumenwiese wandert und die Vielfalt von Eindrücken aufnimmt.

7. Für geistige Klarheit

Wer sich geistig nicht auf der Höhe fühlt, könnte als Ausgangszustand z. B. dichten Nebel imaginieren, der sich nach und nach lichtet, bis die Sonne durchbricht. Oder das trübe Wasser eines Sees, das allmählich klarer wird, bis man schließlich alle Einzelheiten des Seegrunds sieht: Steine, Fische, Pflanzen.

Buchtipp:

Schmid
Mein Weg in die Entspannung
Mit Audio-CD & Selbsttest
ISBN 978-3-85175-978-5, 192 Seiten, € 22,–
Verlag Maudrich 2013

Stand 03/2015

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