Rückenschmerzen entstehen häufig abrupt und können große Verunsicherung auslösen. Ein Neurochirurg erklärt, was die häufigsten Auslöser akuter Rückenschmerzen sind, auf welche Warnzeichen man achten sollte und warum Bewegung die beste Medizin ist.
Von Natascha Gazzari
„Für ein Leben ohne Rückenschmerzen ist (fast) tägliche Rückengymnastik absolut notwendig.“
Rückenschmerzen zählen zu den am meisten verbreiteten Volkskrankheiten und treten quer durch alle Altersgruppen auf. Laut einer repräsentativen Gesundheitsbefragung der Statistik Austria waren 26 Prozent der Befragten ab 15 Jahren von chronischen Kreuzschmerzen oder anderen chronischen Rückenleiden betroffen: Das entspricht umgerechnet 1,9 Millionen Österreicherinnen und Österreichern. Doch wie entsteht „das Kreuz mit dem Kreuz“? „Die häufigste Ursache für akute Rückenschmerzen ist eine plötzliche Überlastung der Rückenmuskulatur, die zu einer Muskelverspannung führt“, erläutert Dr. Martin Dostál, Facharzt für Neurochirurgie mit Schwerpunkt Wirbelsäulenchirurgie in Innsbruck und Schwaz. Meist ist es eine Kombination aus zu hohem Gewicht und zu schwacher Muskulatur, die bei Überlastung einen Krampf und in weiterer Folge starke Schmerzen auslöst. Dieser Muskelkrampf ist schmerzhaft, jedoch in der Regel harmlos. Er kann allerdings so stark ausgeprägt sein, dass Betroffene sich kaum noch bewegen können. Doch nicht jeder plötzlich auftretende Rückenschmerz ist ein bloßer Muskelkrampf. „Natürlich gibt es auch ernsthafte Ursachen wie einen Bandscheibenvorfall oder sogar einen Wirbelbruch – auch ohne Unfall“, so der Experte. Entscheidend ist daher, die Symptome richtig einzuordnen.
Erste Hilfe zu Hause
Bleiben die Schmerzen auf den Rücken begrenzt und strahlen nicht in die Beine aus, rät Dostál Betroffenen zunächst selbst aktiv zu werden: „Man kann daheim Schmerzmittel einnehmen, sich hinlegen und ein bis zwei Tage abwarten.“ Schmerzmittel der Wahl sind nicht-steroidale Antirheumatika wie Diclofenac oder Ibuprofen, die nicht nur schmerzlindernd, sondern auch entzündungshemmend wirken. Dabei ist eine ausreichende Dosierung wichtig – allerdings immer unter Beachtung der Packungsbeilage und möglicher Vorerkrankungen. Zusätzlich können eine warme Badewanne oder schonende Massagen mit Schmerzsalbe die Muskelentspannung fördern.
Rasch raus aus dem Bett!
Lange Zeit galt bei Rückenschmerzen: „Schonung ist das A und O!“ Heute weiß man, dass eine kurzfristige Entlastung sinnvoll ist, tagelange Bettruhe gilt jedoch als überholt. „Bei einem funktionellen, also ‚normalen‘ Rückenschmerz ist körperliche Schonung kontraproduktiv, da dadurch die Ursache – der verkrampfte Muskel – nicht behandelt wird“, weiß der Wirbelsäulenspezialist. Sobald die akuten Schmerzen etwas nachlassen, sind leichte Dehnübungen oder isometrische Aktivierungsübungen für die Rücken- und Bauchmuskulatur sinnvoll. „Meist bessern sich die Rückenschmerzen nach dieser sanften Aktivierung.“
Alarmzeichen erkennen
Nicht immer sind Rückenschmerzen harmlos und lassen sich mit den oben beschriebenen Maßnahmen innerhalb weniger Tage in den Griff bekommen. Der Mediziner erklärt, auf welche Alarmzeichen Betroffene achten sollten: „Strahlen die Schmerzen bis in die Zehen aus oder treten Taubheit und Kribbeln in den Beinen auf, sollte man das unbedingt ärztlich abklären lassen.“ Solche Beschwerden können auf eine Reizung oder Kompression der Nervenwurzel hindeuten – etwa durch einen Bandscheibenvorfall. Ein medizinischer Notfall liegt vor, wenn zusätzlich Blasen- oder Stuhlentleerungsstörungen auftreten. Auch Fieber, Schüttelfrost, unerklärlicher Gewichtsverlust oder ein allgemeines Krankheitsgefühl in Kombination mit Rückenschmerzen sind Warnzeichen, die zeitnah abgeklärt werden sollten.
Diagnose: Wann zum MRT?
Viele Schmerzgeplagte wünschen sich rasch eine Abklärung ihrer Beschwerden mittels Magnetresonanztomographie (MRT). Doch nicht immer ist diese Untersuchung sofort sinnvoll und notwendig, wie der Neurochirurg berichtet: „Man muss unterscheiden, ob es sich um reine Rückenschmerzen handelt oder ob zusätzlich Beinschmerzen – sogenannte radikuläre Schmerzen – bestehen. Bei isolierten Rückenschmerzen reicht zunächst meist ein klassisches Röntgenbild aus. Ein MRT wird dann relativ rasch eingesetzt, wenn die Beschwerden in die Beine ausstrahlen oder neurologische Ausfälle wie Taubheit oder Muskelschwäche hinzukommen.“
Schmerz in der Dauerschleife
Eine der größten Sorgen von Menschen, die wiederholt an Rückenschmerzen leiden, ist, dass sich die Schmerzen chronifizieren. Gefährlich sind laut Dostál chronische Schmerzen dann, wenn sie vom Rücken ausgehend in die Beine ausstrahlen. „Diese Form von Dauerschmerz tritt meist nach einer nicht erfolgreichen oder zu spät durchgeführten Wirbelsäulenoperation auf.“ Bei reinem Rückenschmerz, der andauernd vorhanden ist, könnten eine Verkrümmung oder eine schwere Abnutzung der Wirbelsäule die Auslöser sein. Auch hier sollte ein operativer Eingriff in Erwägung gezogen werden. Bestehen dauerhafte Rückenschmerzen ohne klaren Befund im MRT, können auch psychische Faktoren für den Schmerz verantwortlich sein. „Bei Menschen mit Depressionen treten Rückenschmerzen nicht nur deutlich häufiger auf, sie sind oft auch sehr schwer zu therapieren“, erläutert der Neurochirurg den Zusammenhang von Stimmung und Schmerzverarbeitung.
Den Rücken langfristig stärken
Vorbeugung beginnt im Alltag und erfordert ein gewisses Maß an Konsequenz: „Mindestens dreimal pro Woche sollten gezielte Übungen zur Stärkung der Rücken-, Bauch- und Gesäßmuskulatur durchgeführt werden, ergänzt durch Dehnübungen der Beinmuskulatur.“ Wichtig ist außerdem, den Rücken warm und trocken zu halten und Überlastungen nicht mit Training zu verwechseln. „Holzhacken oder Gartenarbeit ersetzen keine strukturierte Kräftigung“, so der Experte. Für ein Leben ohne Rückenschmerzen führt kein Weg an regelmäßiger Bewegung vorbei, denn, so Dostál abschließend: „Rückengymnastik ist wie Zähneputzen – man muss (fast) täglich etwas für seinen Rücken tun.“
Drei Säulen gegen den Schmerz
Die Behandlung von Rückenschmerzen basiert meist auf drei Bausteinen: Physiotherapie, Schmerzmedikation und gezielte Infiltrationen. Diese werden parallel eingesetzt, vor allem bei unauffälligem MRT-Befund. Bei nachweisbaren Veränderungen können weitere Therapien notwendig sein.
Positionen zur Entlastung des Rückens
Stufenlagerung: Sie liegen am Rücken, die Unterschenkel liegen auf einem Sessel bzw. einer Erhöhung. Optimal ist ein rechter Winkel in Hüft- und Kniegelenk. In dieser Position können sich die Bandscheiben optimal mit Gelenksflüssigkeit auffüllen und so besser die Stoßbewegungen auf die Wirbelkörper abfedern.
Vierfüßlerstand: Gehen Sie auf Hände und Knie. Die Hände stehen direkt unter den Schultern, die Knie unter den Hüftgelenken. Der Rücken ist zunächst gerade, der Blick geht zum Boden. Von hier aus können Sie den Rücken langsam bewegen: Beim Ausatmen machen Sie ihn rund (Katzenbuckel), beim Einatmen gehen Sie leicht ins Hohlkreuz.
Ein starker Rücken beginnt im Alltag
Schon kleine Veränderungen im täglichen Verhalten können dabei helfen, den Rücken gezielt zu entlasten und Beschwerden aktiv vorzubeugen. Die Wiener Sportwissenschafterin Mag. Silke Bertram, www.gesundbewegt.at, gibt einfache Tipps mit großer Wirkung.
- Umgebung anpassen: Gestalten Sie Arbeitsplatz, Zuhause und Auto so, dass sie zu Ihrem Körper passen. Achten Sie auf die richtige Höhe von Tisch, Sessel und Bildschirm sowie auf eine individuell eingestellte Sitz- und Lenkradposition im Auto. Hilfsmittel wie Fußhocker, Keil-, Lordose- oder Sitzkissen können zusätzlich entlasten. Auch im Schlaf ist die richtige Unterstützung wichtig: Matratze und Polster sollten so gewählt sein, dass die Wirbelsäule gerade liegt und gut gestützt wird.
- Verhalten bewusst ändern: Achten Sie im Alltag immer wieder auf Ihre Haltung und richten Sie sich zwischendurch aktiv auf. Noch wichtiger als eine „perfekte“ Sitzhaltung ist das regelmäßige Wechseln der Position. Vermeiden Sie einseitige Belastungen und wechseln Sie beim Tragen, Telefonieren oder bei Hausarbeiten öfter die Seite. Beim Bücken und Heben gilt: Rücken gerade lassen, in die Knie gehen, nah am Körper arbeiten und ruckartige oder verdrehte Bewegungen vermeiden. Planen Sie bewusst aktive Pausen ein und nutzen Sie jede Gelegenheit, sich zu bewegen.
- Bewegung integrieren: Bewegung ist der Schlüssel für einen gesunden Rücken: Strecken, mobilisieren, anspannen und entspannen – am besten regelmäßig über den Tag verteilt. Gleichgewichtsübungen aktivieren die tiefe Rumpfmuskulatur und stabilisieren die Wirbelsäule nachhaltig. Entlastende Positionen wie die Stufenlagerung oder der Vierfüßlerstand helfen, den Rücken zu regenerieren und die Bandscheiben zu entlasten. Ergänzend wirken gezieltes Dehnen – etwa bei verkürzten Hüft- und Brustmuskeln – sowie Kräftigungsübungen für die Rumpfmuskulatur vorbeugend gegen Beschwerden.
Fotos: Dostál, Arman Rastegar, istockphoto/Microv One