Ob durch allmählichen Verschleiß oder entzündliche Prozesse – Gelenkschmerzen können viele Gesichter haben. Wir erklären, wie sich eine Arthrose von einer Arthritis unterscheidet, welche Therapien erfolgversprechend sind und was Sie selbst für die Gelenkgesundheit tun können.
Von Natascha Gazzari
„Ab dem 35. Lebensjahr weist jede und jeder Zweite Arthrose-Erscheinungen im
Anfangsstadium auf.“
Gelenke sind die Scharniere und Stoßdämpfer unseres Körpers und ermöglichen uns mühelose Bewegung. Welche Meisterleistung sie täglich vollbringen, wird uns meist erst dann bewusst, wenn sie plötzlich schmerzen, anschwellen oder steif werden. Dass es in den Gelenken „zwickt“, ist übrigens nicht nur ein Problem des Alters, wie der Wiener Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie, Univ.-Prof. Dr. Stefan Marlovits, MBA, berichtet: „Degenerative Prozesse in den Gelenken beginnen oft schon in jungen Jahren: Ab dem 35. Lebensjahr weist jede und jeder Zweite Arthrose-Erscheinungen im Anfangsstadium auf.“
In der Liste der Volkskrankheiten steht Arthrose ganz weit oben: Laut Angaben der MedUni Wien sind hierzulande rund 1,4 Millionen Menschen von chronischer Gelenkabnutzung betroffen – Tendenz steigend. Arthrose entsteht meist durch den natürlichen Verschleiß der Gelenke im Laufe der Jahre. Aber auch andere Faktoren, wie eine berufliche oder sportliche Überbelastung der Gelenke, Übergewicht, frühere Gelenkverletzungen sowie angeborene oder erworbene Gelenkfehlstellungen können den Prozess beschleunigen – und sogar bei jüngeren Menschen Beschwerden hervorrufen. Bei Arthrose gerät der Knorpelstoffwechsel aus dem Gleichgewicht: Es wird mehr Knorpel abgebaut als neu gebildet. Langfristig führt das zu dauerhaften Schäden am Knorpelgewebe und den damit verbundenen Beschwerden. Besonders die großen Gelenke, sprich Schulter-, Ellbogen-, Hand-, Hüft-, Knie- und Sprunggelenk, sind vom Verschleiß betroffen.
Langsamer Prozess
Meist beginnt die Krankheit schleichend. Bis erste Symptome wie Gelenkschmerzen, Steifheitsgefühl, eine eingeschränkte Beweglichkeit sowie Belastungs- und Anlaufschmerzen auftreten, vergehen oft Jahre, so der Orthopäde: „Besonders der Belastungsschmerz, der beispielsweise nach dem Tennis- oder Fußballspielen auftritt, kann als erstes Anzeichen einer Arthrose verstanden werden.“ Ist die Erkrankung weiter fortgeschritten, weicht der gelegentliche Belastungsschmerz einem dauerhaften Bewegungsschmerz, der den Alltag der Betroffenen massiv beeinträchtigen kann. Obwohl es sich – im Gegensatz zur Arthritis – bei der Arthrose um keine primär entzündliche Erkrankung handelt, kann es zu Entzündungen und Schwellungen im Bereich der Gelenke kommen, besonders dann, wenn die bereits geschädigten Gelenke weiterhin überlastet werden. „Sind die Fingergelenke betroffen, können sich durch die Entzündung harte Verdickungen oder Knoten bilden“, erläutert Marlovits.
Beschwerden rasch abklären lassen
Bei anhaltenden Gelenkbeschwerden ist aktives Handeln gefragt. Die Hoffnung, dass Schmerzen von selbst verschwinden, führt laut Stefan Marlovits oft dazu, dass wertvolle Zeit verloren geht. „Eine frühzeitige Abklärung ist entscheidend, denn bereits kleine Knorpelschäden können so behandelt werden, dass die Entstehung einer Arthrose verhindert oder deutlich verzögert wird.“
Die Diagnose folgt einem bewährten Stufenplan, an dessen Anfang ein ausführliches Gespräch über den Beginn und den Verlauf der Beschwerden steht. Bei der klinischen Untersuchung wird das Gelenk auf Schwellungen, Überwärmung und Beweglichkeit geprüft. Klinische Funktionstests wie eine Ganganalyse helfen dabei, die Frage zu klären, was das Gelenk kann und wo es Störungen in den Bewegungsabläufen gibt. Die Bildgebung bringt Gewissheit: Während das Röntgen typische Verschleißzeichen und Achsfehler zeigt, lassen sich in der Magnetresonanztomographie (MRT) Knorpelschäden, Knochenödeme und Entzündungsherde detailliert darstellen. Bei Verdacht auf eine rheumatoide Arthritis sind Blutuntersuchungen auf Entzündungsparameter und spezifische Autoantikörper unverzichtbar.
Therapieziel: Mobilität und Schmerzfreiheit
„Das eigene Gelenk ist das beste Gelenk“, bringt es Orthopäde Marlovits auf den Punkt. Oberstes Ziel der Arthrosebehandlung ist es, die Mobilität und Schmerzfreiheit mit dem eigenen Gelenk wiederherzustellen. Meist bildet die konservative Therapie den wesentlichen Anfang der Behandlung. Diese umfasst ein individuell abgestimmtes physiotherapeutisches Übungsprogramm, gelenkschonende Trainingseinheiten, eine genau abgestimmte Medikation sowie Substanzen, die den Knorpelstoffwechsel günstig beeinflussen. Doch auch Eigeninitiative ist gefragt, wenn es um die erfolgreiche Behandlung von Gelenkschmerzen geht: „Betroffene können viel selbst bewirken: Ein moderates Körpergewicht, regelmäßige Bewegung und eine ausgewogene Ernährung sind fundierte Bausteine für gesunde Gelenke“, ergänzt der Mediziner.
Die körpereigenen Kräfte stehen bei orthobiologischen Therapien im Mittelpunkt, wie Marlovits erklärt: „Die Orthobiologie nutzt natürliche, physiologisch vorhandene Fähigkeiten des Körpers zur Regeneration eines Gewebeschadens. So kann etwa Hyaluronsäure, die natürlich in der Gelenksflüssigkeit vorkommt, die Gelenkbeweglichkeit bei Knorpelschäden verbessern, wenn sie von außen injiziert wird.“ Ein weiteres orthobiologisches Verfahren ist die Eigenbluttherapie, bei der die Regenerationsprozesse im Körper durch körpereigenes plättchenreiches Plasma (PRP) angeregt werden.
Ist ein Knorpelschaden so stark ausgeprägt (Schweregrad 3 oder 4), dass konservative Behandlungsmethoden an ihre Grenzen stoßen, kommt eine Operation infrage. Vor allem minimal-invasive Eingriffe wie die Arthroskopie kommen zum Einsatz, um die Gelenke möglichst schonend zu behandeln. Wann ein operativer Eingriff notwendig ist, muss individuell entschieden werden. Ein wichtiger Faktor ist laut Marlovits das Alter: „Je jünger die betroffene Person ist, desto eher wird eine Operation empfohlen, um die Gelenkfunktion möglichst lange zu bewahren.“ Erst wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind, ist ein künstlicher Gelenkersatz (Endoprothese) nötig.
Angriff des Immunsystems
Im Gegensatz zur verschleißbedingten Arthrose ist die Arthritis eine entzündliche Gelenkerkrankung. Die Ursache liegt meist im Immunsystem selbst, das fälschlicherweise das eigene Körpergewebe angreift – es handelt sich also um eine rheumatisch-autoimmune Erkrankung. Sie betrifft häufig mehrere Gelenke gleichzeitig und verläuft oft in entzündlichen Schüben. Typische Symptome der Arthritis sind eine deutliche Schwellung sowie eine Überwärmung und Rötung des Gelenks. „Charakteristisch sind zudem ein deutlicher Ruheschmerz und eine morgendliche Steifigkeit, die länger als 30 Minuten anhält. Der Funktionsverlust tritt bei der Arthritis auch ohne Belastung auf“, führt Marlovits aus.
Frauen erkranken deutlich häufiger an Arthritis als Männer. Obwohl die Krankheit in jedem Alter auftreten kann, beginnt sie meist zwischen dem 30. und dem 60. Lebensjahr. „Personen mit anderen Autoimmunerkrankungen oder mit familiärer Vorbelastung sind besonders häufig von Arthritis betroffen“, so der Orthopäde.
Entzündung an Wurzel stoppen
Die Therapie der Arthritis erfordert immer eine spezialisierte rheumatologische Behandlung: „Im Mittelpunkt steht eine antientzündliche Basistherapie mit Medikamenten, die das überaktive Immunsystem dämpfen. Ziel ist es, die fortschreitende Gelenkzerstörung zu
stoppen.“ Begleitend sind Physiotherapie, Ergotherapie und Gelenkschutz – etwa durch entlastende Orthesen – wichtig. Während es bei Arthrose primär um Reparatur und Erhalt der Gelenke geht, zielt die Arthritistherapie darauf ab, die fehlgeleitete Immunreaktion zu kontrollieren und so die Entzündung an der Wurzel zu behandeln.
Das schmeckt den Gelenken
Ob Arthrose oder Arthritis: Eine pflanzenbetonte, entzündungshemmende Ernährung kann dabei helfen, die Knorpelgesundheit zu fördern. Folgende Nahrungsmittel sollten den Gelenken zuliebe regelmäßig auf dem Speiseplan stehen:
- zwei- bis dreimal pro Woche frischer Seefisch, z. B. Lachs, Makrele, Thunfisch und Hering
- drei Portionen Gemüse und zwei Portionen Obst täglich
- Vollkornbrot, Vollkornprodukte
- Vollkornnudeln, eierfreie Teigwaren, Naturreis
- Eiklar
- fettarme Milch und Milchprodukte, Buttermilch
- Käse mit weniger als 45 % Fett
- pflanzliche Öle, z. B. Leinöl, Rapsöl oder Sojaöl, Margarine und Linolensäure
- Mineralwasser, Tees und ungesüßte Säfte
Wichtige Mikronährstoffe:
- Vitamin C, Vitamin E
- Kupfer, Mangan, Zink, Selen
- Kalzium, Vitamin D, Vitamin K
- Glucosamin, Chondroitinsulfat, Hyaluronsäure, Kollagen
Lieber vermeiden:
- fettreiche Produkte (enthalten entzündungsfördernde Stoffe)
- rotes Fleisch
- Eier und sehr fettreiche bzw. gezuckerte Milchprodukte
- zu viel Kaffee: fördert die Säurebildung im Körper und wirkt entzündungsfördernd
Gelenk-gesundheit fördern
Tipps, die Sie dabei unterstützen können, die Gelenke fit zu halten:
- regelmäßige gelenkschonende Bewegung (z. B. Radfahren, Schwimmen) sowie Kräftigungsprogramme
- beim Sport Fehlbelastungen vermeiden, gelenkstabilisierende Muskeln stärken
- Übergewicht vermeiden
- bereits erste Anzeichen von Schmerzen orthopädisch abklären lassen
- Gelenkverletzungen frühzeitig behandeln lassen
FOTOS: zvg, istockphoto/SiberianArt