Neurologie & Psyche

Schatten auf der Seele

Psychische Erkrankungen sind komplex, weit verbreitet, doch gut behandelbar. In Österreich zeigen Daten, dass Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen zunehmen. 

Von Doris Simhofer

Univ.-Prof. Dr. 
Katharina Hüfner
„Psychische Erkrankungen haben klar beschreibbare Symptome.“ 

Der Wecker läutet, doch Eva hört ihn nicht. Sie erwacht, doch im selben Augenblick kommt eine Traurigkeit in ihr auf: Wie schaffe ich den Job heute? Reicht das Geld, die Kraft? Viele von uns stellen fest: Die Welt ist krisengeschüttelt, wo ist die Kraft geblieben, um abends zufrieden sagen zu können: Alles wird gut? Kann ich dunkle Bilder ausblenden? Wie soll es weitergehen? 

Laut einem OECD-Bericht aus 2024 können aus derartigen Sorgen psychische Erkrankungen resultieren; in Österreich treten Angst- und depressive Störungen sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch am häufigsten auf. Anders als bei einer Lungenentzündung lässt sich bei psychischen Erkrankungen meist nicht eine einzige, eindeutig messbare Ursache feststellen, weiß Univ.-Prof. Dr. Katharina Hüfner, Direktorin der Univ.-Klinik für Psychiatrie II an der Medizinischen Universität Innsbruck: „Psychische Erkrankungen sind ernst zu nehmen und haben klar beschreibbare Symptome, typische Verläufe und es gibt wirksame Behandlungsmöglichkeiten.“ Den Ursachen dieser Erkrankungen liegt das biopsychosoziale Modell zugrunde: „Genetische Veranlagungen, neurobiologische Veränderungen und psychosoziale Belastungen wirken bei der Krankheitsgenese zusammen“, so die Ärztin. Nicht jeder Mensch entwickelt in gleichen Situationen eine Erkrankung, dies hat mit der individuellen Anfälligkeit zu tun, die Medizinerinnen und Mediziner als Vulnerabilität bezeichnen. „Vulnerabilität kann genetisch bedingt sein oder auch dadurch, wie man aufwächst. Wer in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht hat, trägt oft ein höheres Risiko. Treffen dann zusätzliche Belastungen wie der Verlust eines Arbeitsplatzes oder eine körperliche Erkrankung dazu, kann dies ein Auslöser sein, der eine Erkrankung zum Ausbruch bringt. Dabei spielen Veränderungen im autonomen Nervensystem, zum Beispiel durch psychischen Stress, bei den Botenstoffen im Gehirn und auch immunologische Faktoren eine Rolle. So zeigen Studien, dass etwa Entzündungsprozesse im Körper das psychische Befinden beeinflussen können. Wer einen Infekt hat, fühlt sich oft erschöpft, antriebslos und zieht sich eher zurück. Ähnlich Prozesse laufen auch bei Depressionen ab“, so Hüfner.

Prim. Priv.-Doz. Dr. 
Kurosch Yazdi-Zorn
„Die Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken, ist heute sicher höher.“ 

Traurig oder depressiv?

Jeder Mensch kennt Phasen von Traurigkeit, Angst, Erschöpfung oder Überforderung. „Entscheidend ist, ob sich diese Zustände durch Erholung, Schlaf, Gespräche mit Freunden oder eine Entlastung im Alltag wieder bessern. Bleiben die Beschwerden jedoch über Wochen bestehen, verschlimmern sie sich oder beeinträchtigen sie die Lebensqualität und die Alltagsbewältigung deutlich, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden“, so die Medizinerin.

Nicht jede bzw. jeder Betroffene braucht sofort ein hoch spezialisiertes Krankenhaus oder eine dauerhafte medikamentöse Behandlung, weiß Hüfner: „Manchmal reichen Beratung, Unterstützung bei der Tagesstruktur oder klinisch-psychologische Gespräche. Auch sportliche Aktivität kann sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. In anderen Fällen kommen Psychotherapie oder Medikamente zum Einsatz. In schweren Krisen, etwa bei Suizidgedanken, oder wenn verschiedene körperliche und psychische Erkrankungen gleichzeitig vorliegen, kann eine stationäre Behandlung notwendig sein. Dazwischen gibt es viele Abstufungen. Grundsätzlich gilt: Je früher behandelt wird, desto besser sind meist die Erfolgsaussichten.“

Krisen und Psyche

Prim. Priv.-Doz. Dr. Kurosch Yazdi-Zorn ist Leiter der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler Universitätsklinikum Linz. Auch er bestätigt eine Zunahme von psychischen Erkrankungen bei Älteren und Jugendlichen: „Wir werden immer älter. Viele alte Menschen leiden daher an einer Altersdepression, ein wesentlicher Grund dafür ist Einsamkeit.“ Andererseits habe man Krankheiten wie Autismus oder ADHS bei Jugendlichen vor Jahren nicht erkannt. „Wir kennen aber viele psychische Krankheiten, die kommen und gehen, ähnlich wie ein Bandscheibenvorfall: Dieser setzt plötzlich ein, wird therapiert und ist genauso rasch wieder weg, kann aber im Laufe des Lebens immer wieder auftreten. Fest steht: Die Wahrscheinlichkeit, psychisch zu erkranken, ist heute sicher höher, das heißt aber nicht, dass eine solche Erkrankung ewig bleibt“, so der Experte.

Priv.-Doz. Dr. 
Günter Klug
„Unsere dynamische Zeit ist für viele belastend.“

Früh erkennen

Psychische Erkrankungen können auch Begleiterscheinung von Krisen sein, weiß Priv.-Doz. Dr. Günter Klug: „Wesentliche Ursachen bei Jüngeren sind einerseits eine häufige Social-Media-Nutzung, andererseits hat sich unsere Wahrnehmung von psychischen Krankheiten verändert.“ Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie und für psychotherapeutische Medizin ist Präsident von pro mente Austria sowie Obmann der Gesellschaft zur Förderung seelischer Gesundheit Graz. Gerade bei Jugendlichen treten Depressionen mitunter temporär auf, doch es gäbe zusehends behandlungsbedürftige Jugendliche mit psychischen Erkrankungen, diese bräuchten unbedingt Unterstützung, sagt Klug: „Das Problem beginnt bereits bei der Mutter, dem kinderwagenschiebenden Vater am Handy. Ein Kind merkt schnell, dass die Aufmerksamkeit nicht bei ihm ist, wenn das Eltern-Handy ständig piepst. Kinder brauchen aber Zuwendung, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln.“ 

Junge Menschen schützen

Junge Menschen müsse man vor zu viel Bildschirmzeit schützen, sagt Yazdi-Zorn: „Zwölf Stunden am Handy bzw. Bildschirm zu sein ist bei 14-Jährigen ein häufiges Freizeitverhalten.“ Die Therapie einer derartigen Verhaltenssucht richtet sich nach dem Alter des Kindes oder Jugendlichen: „So wie man einem Dreijährigen bei übermäßigem Konsum die Schokolade einfach wegnehmen sollte, so sollte man einem Neunjährigen das Handy wegnehmen, denn im Kindesalter braucht es oft keine Psychotherapie, sondern normale erzieherische Maßnahmen.“ Er empfiehlt, bei Kindern zwischen zehn und 14 Jahren sollten Eltern einerseits über Apps kontrollieren, welche Inhalte und in welchem Ausmaß, zu welchen Uhrzeiten konsumiert werden, und andererseits sollten Erwachsene immer wieder daneben sitzen, wenn das Kind konsumiert, um die Inhalte gemeinsam zu reflektieren. Bei Verdacht auf Sucht kann Psychotherapie helfen. 

Die Gefahr von sozialen Medien für junge Menschen sieht Günter Klug darin, dass Jugendliche weniger kritisch denken als Erwachsene. Daher können sie psychische Erkrankungen auslösen, sagt er: „Medien sind ein Teil der Ursache, aber ein Anstieg von psychischen Erkrankungen ist auch dadurch erklärbar, dass es früher eine hohe Dunkelziffer gab. Wir leben in einer unglaublich veränderten Zeit, was die Wissensvermittlung, politische Sicherheit, Kriegssicherheit betrifft – das macht etwas mit Menschen. Unsere dynamische Zeit ist für viele belastend.“ 

Alter, Depression und Einsamkeit

Im höheren Lebensalter sind Depressionen die häufigste psychische Störung. Sogenannte Altersdepressionen sind meist mit einer Einbuße der individuellen Mobilität, der Funktionsfähigkeit des Körpers vergesellschaftet und können von Krisen verstärkt werden, weiß Psychiater Klug: „Betroffen sind vor allem ältere Frauen. Männer sind zahlenmäßig geringer, aber wenn, dann sehr schwer betroffen.“ Gruppen, die im mittleren Alter stärker unter Druck kommen, seien etwa Alleinerziehende. Besonders in diesem Kontext hänge die seelische Gesundheit stark mit der sozialen Situation zusammen. „Wer finanziell und sozial besser situiert ist, kann auch besser und schneller auf psychische Erkrankungen reagieren“, sagt Klug.

Resilienz stärken

Um psychisch gesund zu bleiben, empfiehlt Klug eine ehrliche Innenschau. Man kann vieles lange verdrängen, doch je früher eine Unterstützung erfolgt, desto früher ist auch eine Behandlung möglich und senkt damit das Risiko der Chronifizierung. Allerdings herrscht nach wie vor noch wenig Wissen über psychische Erkrankungen. Wichtig ist es in erster Linie, so der Mediziner, psychische Erkrankungen von psychischen Schwankungen zu unterscheiden: „Schwankungen sind normal, Menschen etwa bei einem Trauerfall gedrückt, dann gibt es gute Freunde oder auch professionelle Beratung. Menschen haben im Allgemeinen eine hohe Kompetenz, sich wieder zu erfangen. Dauert der gedrückte Zustand aber länger an, sollte man Hilfe in Anspruch nehmen. Das größte Problem ist das der Nichtkommunikation, denn für viele ist es schwierig, über Gefühle zu sprechen. Frauen gelingt dies besser, während Männer größere Probleme haben.“

Wichtig ist, anzuerkennen, dass seelische Krisen kein Einzelschicksal sind. Bei Problemen, die man nicht lösen kann, stehen Fachärztinnen bzw. Fachärzte für Psychiatrie, klinische Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und -therapeuten zur Verfügung. Professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist keine Schande. 


Fotos: MUI/Bullock, zvg, pro mente ,istock/stellalevi

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