Putzen: Wie viel Sauberkeit ist gesund?

März 2008 | Leben & Arbeiten

Die einen nehmen es mit der Sauberkeit in den eigenen vier Wänden sehr genau und jagen jedem Brösel hinterher, die anderen greifen erst dann zu Staubsauger und Putzfetzen, wenn sich eine ganze Menge Schmutz angesammelt hat. Wer lebt gesünder: Dreckspatz oder Putzteufel? MEDIZIN populär geht dieser Frage nach und erklärt gemeinsam mit dem Grazer Hygiene-Experten Univ. Prof. Dr. Mag. Franz F. Reinthaler, wie man beim Wohnungsputz aus medizinischer Sicht alles richtig macht.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Wie oft steht bei Ihnen zuhause Staubsaugen auf dem Programm? Wie oft wischen Sie den Boden nass auf? Wie oft putzen Sie das Bad, das WC, die Fenster? Diese Fragen stellte das Linzer Meinungsforschungsinstitut IMAS im Jahr 2005 1055 Österreicherinnen und Österreichern. Die Ergebnisse: 86 Prozent der Befragten staubsaugen mindestens einmal pro Woche, 68 Prozent wischen einmal pro Woche die Böden nass auf, 76 Prozent putzen das Bad einmal pro Woche, 81 Prozent das WC. Die Fenster werden von zwei Dritteln der Befragten einmal im Monat oder zumindest alle paar Monate geputzt. Wie viel Zeit sie sich insgesamt für die Reinigungsarbeiten in Wohnung, Haus und Garten nehmen? Etwa acht Stunden pro Woche, sagten Herr und Frau Österreicher auf diese Frage. Ist das im Sinn der Gesundheit genug oder zu viel geputzt? Dazu sagt Univ. Prof. Dr. Mag. Franz F. Reinthaler vom Institut für Hygiene an der medizinischen Universität Graz: „Ob ausreichend geputzt ist, ist keine Frage der Zeit, die aufgewendet wird, es ist einzig und allein eine Frage des Verschmutzungsgrads.“ Und dieser sei, so der Hygiene-Experte, unter den gleichen Bedingungen oft völlig verschieden. Es gebe aber schon eine grundsätzliche Regel: „Man putzt ausreichend, wenn kein Schmutz sichtbar ist, und wenn man dort, wo oft sichtbarer Schmutz anfällt, auch dementsprechend oft putzt.“ Anders ausgedrückt:?Sieht man den Schmutz, ist er zu viel.

Gefährlicher Staubcocktail
Der durchschnittliche Österreicher verbringt 60 bis 90 Prozent seiner Lebenszeit in der Wohnung – und damit mitten im typischen Wohnungsschmutz. Dieser besteht aus einem Cocktail aus verschiedensten Bakterien und Bazillen, Partikeln von Flugasche, Haaren, Hautschuppen, Insektiziden, unterschiedlichsten Arten von Milben, Pestiziden, Pollen, Quecksilber, Rußpartikeln, Schimmelpilzen, gegebenenfalls auch Silberfischen, Spinnen, Ameisen oder Schaben, Schwermetall-Bestandteilen, Viren. Hinzu kommen chemische Verbindungen, die etwa Möbeln, Fernsehern oder Computern entströmen, sowie Substanzen, die beim Kochen entstehen und beim Entzünden von Kerzen, Räucherstäbchen oder Duftöllampen, nicht zuletzt beim Rauchen. All die Staub- und Schmutzpartikel setzen sich in Vorhängen, Polstermöbeln und Teppichen fest, oder sie sind so klein und leicht, dass sie permanent in der Luft herumschwirren. Aus einer Untersuchung des Bundesgesundheitsamtes in Berlin geht hervor, dass ein Kubikmeter Wohnungsluft im Schnitt zehn Millionen Staubpartikel enthält, eine Zahl, die bei starker Verschmutzung auf bis zu eine Milliarde Staubpartikel klettern kann. Den Aufenthalt in derart verschmutzten Heimen zählt die nordamerikanische Environmental Protection Agency denn auch zu den fünf gesundheitsschädlichsten Umweltbedrohungen.

Hygienefehler in der Küche
Auch Univ. Prof. Dr. Reinthaler kennt Gefahren für die Gesundheit, die dann bestehen, wenn Staub und Schmutz in einer Wohnung überhand nehmen, es also an der Hygiene im Haushalt mangelt. Ein besonderer Problempunkt sei die Küche, sagt der Experte. „Denn über Bakterien in Nahrungsmitteln könne man sich leicht Infektionen holen, die zu Campylobacter-, oder Salmonellen-Vergiftungen führen und schwere Durchfallerkrankungen nach sich ziehen können.“ Die Krankheitserreger gelangen vor allem über rohes Hühnerfleisch und über Hühnereier in die Küche. Durch Hygienefehler werden sie auf Nahrungsmittel übertragen, die auch roh gegessen werden, wie Cremespeisen oder Tiramisu, oder die nicht ausreichend erhitzt werden, wie Faschiertes oder Semmelknödel. Univ. Prof. Dr. Reinthaler: „Deswegen sollte man beim Zubereiten von Speisen für rohe und für bereits gare Nahrungsmittel jeweils verschiedene Arbeitsplatten und unterschiedliche Utensilien verwenden.“ Außerdem sollte man die Putzfetzen austauschen, wenn sie verschmutzt sind – sie können bis zu vier Millionen Keime enthalten – und Geschirr- und Handtücher waschen, sobald sie Flecken haben. Besonders wichtig ist, sich vor und nach dem Zubereiten von Speisen, vor dem Essen und nach jedem Gang aufs WC die Hände zu waschen. Was aber auch noch zur Küchenhygiene gehört: Die Säuberung des Kühlschranks, zumindest alle paar Wochen. Dort können sich pro Quadratzentimeter Fläche bis zu zehn Millionen Bakterien tummeln.

Allergisch auf Milben und Schimmelpilze
Andere häufig auftretende Erkrankungen, die ebenfalls auf mangelnde Hygiene in der Wohnung zurückgeführt werden können, sind Allergien auf Milben oder Schimmelpilze. Die Bandbreite der Symptome reicht in diesen Fällen von Niesanfällen bis hin zu chronischem Asthma, Bronchitis und Neurodermitis. Die beste Methode zur Vorbeugung und auch zur Abschwächung der Symptome: Etwaige Bauschäden, die zur Pilzbildung geführt haben, beseitigen, häufig Lüften, auf Teppiche, Vorhänge und andere Staubfänger wie Polstermöbel und großblättrige Pflanzen verzichten oder sie häufig reinigen, Bettwäsche, Bettzeug und Matratzen häufig waschen beziehungsweise lüften. Letzteres am besten an kalten, aber sonnigen Tagen, denn Kälte und UV-Licht töten Milben ab. „Abgesehen davon gibt es noch zahlreiche weitere Erkrankungen, die in Wohnungen auftreten und unterschiedliche hygiene-relevante Ursachen haben können“, sagt Univ. Prof. Dr. Reinthaler. Auch der nicht unmittelbar sichtbare Schmutz wie Lurch unterm Bett oder hinterm Schrank könne Krankheitserreger enthalten. Deswegen heiße auch hierzu die Devise: „Weg damit!“

Schützen Keime vor Allergien?
55 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher putzen nach den Ergebnissen der erwähnten IMAS-Umfrage äußerst ungern und greifen wohl eher erst dann zu Staubsauger und Putzfetzen, wenn sich so einiger sichtbarer Dreck angesammelt hat. Das Bad wird zum Beispiel in immerhin 14 Prozent der Haushalte nur einmal im Monat oder sogar noch seltener geputzt, in elf Prozent der Haushalte kommt das WC nur einmal monatlich oder noch seltener an die Reihe. Und die Hygienefalle Kühlschrank wird in den meisten Haushalten höchstens einmal monatlich gereinigt. Den „Dreckspatzen“ scheint die so genannte Hygiene-Hypothese entgegenzukommen. Sie besagt sinngemäß, dass Reinlichkeit der Gesundheit mehr schadet als nützt. Untermauert wird die Hypothese von einer internationalen Studie, an der Bauernkinder und Kinder aus nicht bäuerlichen Haushalten teilnahmen. Bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass Bauernkinder, die schon als Säuglinge Stallluft einatmeten, halb so häufig unter Heuschnupfen und um ein Drittel bis zur Hälfte seltener an Asthma leiden, als Kinder aus anderen Haushalten. Die Erklärung der Studienautoren: Im Stall, wo es von Keimen nur so wimmelt, werde das Immunsystem gut ausgebildet. In der sauberen Umwelt lerne die Abwehr hingegen nur schlecht, zwischen harmlosen und gefährlichen Substanzen zu unterscheiden und neige zu Überreaktionen wie einem Asthmaanfall. Univ. Prof. Dr. Reinthaler sagt zu dieser Hypothese, dass der frühzeitige Kontakt mit Bakterien und deren Stoffwechselprodukten zwar nützlich sein könnte, für sich allein aber sicher nicht ausreichend sei, um allergische Reaktionen zu verhindern.

Krank durch „Chemiekeulen“
Dass jene 30 bis 50 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher gesünder leben, die es mit der Sauberkeit ganz genau nehmen und mehrmals pro Woche in Putzteufel-Manier den Kampf gegen Brösel, Staub und Schlieren aufnehmen, könne man aber auch nicht sagen, so Univ. Prof. Dr. Reinthaler. „Mit dem Streben nach Sauberkeit und Reinheit kann man unter bestimmten Voraussetzungen genauso seine Gesundheit gefährden wie durch mangelnde Hygiene.“ Wer mit so genannten antibakteriellen Putzmitteln oder chemischen Desinfektionsmitteln hantiere, die versprechen, jeder Bakterie in Bad, WC und in der Küche den Garaus zu machen, schieße beispielsweise weit über das Ziel hinaus, die Wohnung zu reinigen. Univ. Prof. Dr. Reinthaler: „Damit schädigt man die Umwelt und gefährdet darüber hinaus seine eigene Gesundheit und jene seiner Kinder.“ Denn mittel- und langfristig würden bestimmte Bakterien resistent gegen die Mittel, und in der Folge wirken auch Antibiotika nicht mehr, die in der Medizin eingesetzt werden. Wer häufig ohne Putzhandschuhe mit chlorhaltigen Reinigungsmitteln arbeitet, riskiert, sich Hauterkrankungen einzuhandeln, die schwer auszuheilen sind. Und der Einsatz von Haushaltsreinigern in Sprayform für Glasflächen, Möbel und für die Raumluft kann laut einer amerikanischen Studie mit 3500 Teilnehmern das Risiko verdoppeln, an Asthma zu erkranken. Raumsprays zur Luftreinigung können wiederum Duftstoffallergien auslösen, die sich unter anderem in chronischem Schnupfen äußern. Bei richtigem Lüften seien diese Mittel, so Univ. Prof. Dr. Reinthaler, völlig überflüssig. Um einen Haushalt so sauber zu halten, dass die Sauberkeit gesund ist, reichen gemäß dem Experten ein paar wenige Reinigungsmittel aus. „Das sind ein simpler Allzweckreiniger, Essig, Schmierseife und Zitronensäure für hartnäckige Flecken und zum Entkalken, Waschpulver und ein Geschirrspülmittel.“

 

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Händewaschen:
Das A und O der Hygiene

Über die Hände können verschiedenste Krankheitserreger leicht in den Organismus geraten – etwa wenn man sich mit der Hand an den Mund, die Nase oder in die Augen fährt. Was hilft: Nach Kontakten mit möglicherweise infizierten Menschen, nach Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln, vor und nach dem Zubereiten von Speisen und nach jedem Gang aufs WC sicherheitshalber gründlich die Hände waschen. Das tötet Erreger ab, wie die stark verbreiteten:

  • Bakterien, die eine Campylobacter- oder Salmonellenvergiftung mit nachfolgenden Durchfallerkrankungen auslösen können.
  • Viren, die eine Erkältungskrankheit oder die Grippe verursachen.

 

 

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