Putzen ohne Chemie?

März 2009 | Leben & Arbeiten

Tipps für gesunde Hygiene daheim
 
Sie verstecken sich unter der Abwasch, im Badezimmerschrank oder auf dem Kellerregal: Bis zu 5000 Chemikalien sind in einem durchschnittlichen Haushalt in Österreich zu finden. Rechtzeitig zum Frühjahrsputz informiert
MEDIZIN populär, wie sich diese Mittel auf die Gesundheit auswirken können und welche Alternativen es zu den chemischen Keulen gibt, um Schmutz, Staub & Co den Garaus zu machen.
 
Von Mag. Sabine Stehrer

Laut einem Bericht von „Chem News“, dem Fachjournal des österreichischen Lebensministeriums, werden hierzulande in einem durchschnittlichen Haushalt bis zu 5000 Chemikalien aufbewahrt. Der Großteil davon steckt in Reinigungsmitteln, Putzmitteln, Scheuermitteln, Spülmitteln, Waschmitteln, Fleckentfernern, Schuhputzmitteln, Luftverbesserern. „Allein ein einziges Allzweckreinigungsmittel kann mehr als zehn unterschiedliche Chemikalien beinhalten“, weiß Univ. Prof. Dr. Mag. Franz F. Reinthaler vom Institut für Hygiene an der medizinischen Universität Graz. Welche davon besonders gefährlich für unsere Gesundheit oder die Umwelt sind? Reinthaler: „Das sind alle, die mit Gefahrensymbolen gekennzeichnet sind.“ (siehe Kasten)
Die Symbole weisen z. B. darauf hin, dass ein Produkt „sehr giftig“ oder „giftig“ ist, dass es „reizend“ ist, also eine Entzündung der Haut, der Augen oder der Atmungsorgane auslösen kann. Oder, dass es eingeatmet, über den Mund oder über die Haut in den Körper aufgenommen „gesundheitsschädlich“ ist, also Chemikalien enthält, die im Verdacht stehen, auch krebserzeugend zu sein. Ist ein Produkt als „ätzend“ gekennzeichnet, kann es beim Kontakt mit der Haut Verletzungen auslösen. Andere Symbole weisen darauf hin, dass ein Produkt „umweltgefährlich“, „explosionsgefährlich“, „entzündlich“ oder „brandfördernd“ ist. Die Kennzeichnung enthält neben dem Symbol auch detaillierte Gefahrenhinweise und Sicherheitsratschläge für den Umgang mit dem Produkt. „Diese Angaben sollte man unbedingt beachten“, sagt Reinthaler, „und die Gefahr nicht auf die leichte Schulter nehmen.“

Gefahr durch Verschlucken

Immerhin können Brand- und Explosionsunfälle, aber auch Verätzungs- und Vergiftungsunfälle tödlich enden. In Deutschland starben in acht Jahren bis 1998 neun Menschen im Alter von 65 bis 90 an der versehentlichen Einnahme von Spülmitteln und Duschgels. Und noch eine Zahl verdeutlicht die Gefahr der Chemie im Haushalt: In den Jahren 1994 bis 2006 wurden in den österreichischen Krankenanstalten 291 Vergiftungsunfälle behandelt. Über ein Drittel davon ging auf das versehentliche Schlucken von Wasch- und Reinigungsmitteln hauptsächlich durch Kleinkinder zurück, die meisten übrigen auf das Schlucken von Schädlingsbekämpfungsmitteln, Pflanzenschutzmitteln und Duftlampenölen.
Auch Chemikalien, die nicht mit Gefahrensymbolen gekennzeichnet sind, aber unter der Abwasch, im Badezimmerschrank oder auf dem Kellerregal aufbewahrt werden, können die Gesundheit beeinträchtigen. Dies entweder durch den bloßen Hautkontakt, der bei Empfindlichen oft zu Hautausschlägen oder Ekzemen führt. Oder die Chemikalien werden zur Gefahr, wenn sie den Weg in den Körper finden: über die Haut, durch Einatmen, oder über den Mund. Leicht versehentlich gegessen werden können Chemikalien z. B., wenn sich Reste davon an den Händen befinden. Versehentlich getrunken werden sie oft, wenn das Spülmittel in Trinkflaschen aufbewahrt wird.

Allergien, Asthma, Krebs

Der Weg von der Chemie in den Reinigungsmitteln, die fast immer hochkonzentrierte Natron- oder Kalilauge, Schwefelsäure, Salzsäure, Phosphorsäure, Hypochlorit, Essigsäure, Tenside, Sulfonate, Ammoniak, Chlorkalk, Benzin, biozide Wirkstoffe wie Chlorverbindungen oder Peroxide enthalten, führt dann über den Mund, die Nase, bzw. Lunge oder die Haut weiter ins Blut und über die Blutbahn in die Leber, Niere, ins Gehirn, ins Nervensystem. Die gesundheitlichen Schäden, die auf diese Art und Weise entstehen können, sind zunächst nicht zu bemerken. Sie treten nicht sofort auf, wie der Ausschlag bei Hautkontakt.

Reinthaler: „Sie zeigen sich erst viel später, etwa in Form von Allergien, einer Asthma- oder Krebserkrankung.“ Dies ist auch wissenschaftlich nachgewiesen. Nach den Ergebnissen einer Studie aus den USA mit 3500 Teilnehmern kann der Einsatz von Haushaltsreinigern in Sprayform das Risiko verdoppeln, an Asthma zu erkranken. Raumsprays können überdies zu Duftstoffallergien führen, die sich in chronischem Schnupfen äußern. Andere Studien haben ergeben, dass eine insgesamt übertriebene häusliche Hygiene und insbesondere die häufige Verwendung von Desinfektionsmitteln mit Bakterien abtötenden Substanzen das Asthma-Risiko bei Kindern erhöhen.

Zu viel oder zu wenig?

Statt Raumsprays zu verwenden, sollte man am besten lüften. Auch der Einsatz von antibakteriellen Desinfektionsmitteln sei im normalen Haushalt nicht notwendig, sagt Reinthaler. Man gefährde damit nicht nur die eigene Gesundheit und die seiner Kinder. Es bestehe zudem die Gefahr, dass nach einiger Zeit bestimmte Bakterien resistent gegen die Mittel werden, und dann wirken auch jene Antibiotika nicht mehr, die in der Medizin verwendet werden.
Doch auch ein Zuviel an Schmutz, Staub & Co kann die Gesundheit gefährden. Bei einer unsachgemäßen Küchenhygiene werden beispielsweise verschiedene Erreger, die sich auf unsauberen Arbeitsflächen, im verschmutzten Backrohr oder auf dreckigen Geschirrtüchern befinden, auf Nahrungsmittel übertragen. Wenn diese roh gegessen werden, kann das zu Campylobacter- oder zu Salmonellen-Vergiftungen führen, die schwere Durchfallerkrankungen nach sich ziehen.  

Chemie vermeiden

Wie soll man sich also von Schmutz befreien, ohne dabei durch die Chemie in den Reinigungsmitteln wiederum die Gesundheit zu gefährden? Reinthaler: „Ganz einfach, indem man bei der Hygiene im Haushalt auf gefährliche oder aggressive, zum Beispiel chlorhaltige Mittel, verzichtet und beim Reinigen die mechanische Komponente in den Vordergrund stellt.“

Das bedeutet: Mehr Körpereinsatz und Zeit sind gefragt, denn es gilt, auch bei starken Verschmutzungen im Backrohr, Kühlschrank oder im Bad intensiv zu schrubben, zu scheuern und zu wischen oder Schmutz einzuweichen, ehe anschließend geschrubbt wird. „Als Reinigungsmittel genügen dann ein Allzweckreiniger, Essig, Schmierseife, Schlämmkreide oder Gallseife und Zitronensäure für hartnäckige Flecken und zum Entkalken“, so Reinthaler weiter. Ansonsten brauche man lediglich noch Waschpulver, ein Geschirrspülmittel, für die Schuhe simple Schuhcreme sowie einen Staubsauger. Für das Staubwischen können Microfasertücher hilfreich sein. Eines sollte man sich ebenfalls vor Augen halten: Gesund putzen heißt, „dass kein sichtbarer Schmutz vorhanden ist“. Es braucht nicht alles blitzen und blinken, glänzen und strahlen.

Da aber auch Allzweckreiniger & Co die Gesundheit beeinträchtigen können – auch Allzweckreiniger können zu Haut­ausschlägen und, versehentlich getrunken, zu Vergiftungen und Verätzungen führen – rät der Grazer Hygiene-Experte außerdem dazu, beim Putzen Gummihandschuhe zu tragen und sich danach die Hände zu waschen, sich darüber hinaus sicherheitshalber vor jedem Essen die Hände zu waschen, sowie alle Reinigungsmittel außerhalb der Reichweite von Kleinkindern aufzubewahren.

Infotipps

Die Broschüre „Chemie im Haushalt“ mit Informationen zu allen Bereichen im Haushalt, wo Chemikalien zum Einsatz kommen, ist kostenlos erhältlich bei „die umweltberatung“, Tel. 01/803 32 32, E-Mail: serviceno@sonicht.umweltberatung.at, und ebenfalls kostenlos zum Downloaden unter https://images.umweltberatung.at/htm/chemie-im-Haushalt-Broschuere.pdf

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