Gesunde Umwelt – gesunder Mensch

Januar 2012 | Leben & Arbeiten

Wenn die Umwelt krank macht
 
Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sind rund 20 Prozent der Krankheits- und Todesfälle in Europa auf Umweltfaktoren zurückzuführen. Rund 1,8 Millionen Menschenleben könnten pro Jahr durch nachhaltigen Umweltschutz gerettet werden. Österreich ist keine Insel der Seligen. Schädliche Umwelteinflüsse machen auch hierzulande immer mehr Menschen krank.
 
von Mag. Karin Kirschbichler

„Kein Schimmel, kein Radon, keine bleihältigen Rohre“, lautet der Befund des Ärzteteams diesmal. Beinahe jede Woche einmal schnüffeln die Mediziner im Wohn- oder Arbeitsumfeld ihrer Patienten. Gibt es feuchte Flecken an den Wänden? Finden sich gefährliche Chemikalien im Putzmittelschrank? Wurde erst kürzlich ausgemalt? Wie sauber ist es, wonach riecht es? Liegt ein Betrieb in der Nähe, von dem Schadstoffe ausgehen?
Was die Ärzte eigentlich suchen, sind Hinweise auf Ursachen von Beschwerden, die sich auf der Basis von Laborbefunden und Röntgenbildern allein nicht zu einer eindeutigen Diagnose fügen wollen. Wer diese Ärzte sind? Die TV-Doktoren rund um den ebenso griesgrämigen wie genialen „Dr. House“.
Wenn die amerikanischen Serien-Ärzte in seinem Fachgebiet herumkrebsen, sieht auch der Wiener Umweltmediziner OA Doz. DI Dr. Hans-Peter Hutter fasziniert zu: „Ich bin immer wieder begeistert, wenn so ein Hardcore-Kliniker wie Kollege House über den Tellerrand hinaus in die Umwelt schaut. Denn abgesehen vom Rauchen und vielleicht noch verschiedenen Einflüssen am Arbeitsplatz werden die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gesundheit im realen medizinischen Alltag auch heute noch kaum berücksichtigt. Und das, obwohl die medizinische Forschung inzwischen deutlich zeigt, dass Umweltfaktoren eine große Rolle bei verschiedenen Krankheiten spielen.“

Umwelt ins Blickfeld rücken

Werden also Ärzte bald auch in der Realität routinemäßig das Wohn- und Arbeitsumfeld ihrer  Patienten auf schädliche Umwelteinflüsse inspizieren? „Wohl kaum. Den enormen Aufwand, der damit verbunden wäre, werden sich die ohnehin finanziell angeschlagenen Gesundheitssysteme nicht leisten“, bedauert Hutter und lenkt ein: „Es muss ja nicht immer eine groß angelegte Begehung des Umfelds mit Messungen aller Art sein, wie sie übrigens in Einzelfällen von umweltmedizinischen Beratungsstellen durchaus auch bei uns gemacht werden. Es ist schon viel getan, wenn sich das Gespräch zwischen Arzt und Patient wenn nötig auch um Umwelteinflüsse dreht. Hat etwa ein Kind einen hartnäckigen Husten, so kann man einmal nachfragen, ob vielleicht Topfpflanzen im Kinderzimmer stehen, auf deren Erde sich Schimmel gebildet hat“, rückt Hutter den Zusammenhang zwischen Umwelt und Gesundheit ins Blickfeld.

Umweltkrankheiten im Überblick

Atemwegsprobleme durch Schimmel – das ist nur ein Beispiel von vielen, das den engen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Umwelt deutlich macht. Seit ihren Anfängen in den 1970-er Jahren hat die Forschung in diesem Bereich eine Vielzahl von Faktoren ausgemacht, die den Menschen krank machen können. So weiß man heute, dass z. B. viele Arten von Krebs mit der Umwelt zu tun haben. Als Ursachen von Lungenkrebs etwa kommen nicht nur Rauchen, sondern auch der Ruß aus Dieselfahrzeugen oder Radongas aus dem Untergrund in Frage. Bestimmte Chemikalien wie Anilin können Harnblasenkrebs verursachen. Andere chemische Substanzen, die wie das Hormon Östrogen wirken, können mögliche Ursachen für den Anstieg an Brustkrebserkrankungen sein.
Bestimmte Farbstoffe in Lebensmitteln wiederum werden mit der immer häufiger diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizitsstörung (ADHS) bei Kindern in Verbindung gebracht. Schwermetalle wie Aluminium sollen mit Parkinson und Pflanzenschutzmittel (Pestizide) mit Depressionen in Zusammenhang stehen. Nicht zuletzt wissen die Forscher heute über die vielfältigen Gesundheitsbedrohungen durch Weichmacher in Plastik (Phthalate) und Flammschutzmittel in verschiedenen Alltagsgegenständen immer besser Bescheid.
Einen Umweltbezug hat auch die Todesursache Nummer eins in Österreich: Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Feinstaub, das gefährliche Schadstoffgemisch in der Luft, schädigt die Blutgefäße und kann einen Herzinfarkt auslösen. Aber nicht nur das: Die Partikel beeinträchtigen auch die geistigen Fähigkeiten und werden neuerdings sogar als eine Ursache von Alzheimer diskutiert. Negativ auf Herz und Hirn wirkt sich darüber hinaus das Umweltproblem Lärm aus: Wer über einen längeren Zeitraum großen Lärmbelastungen ausgesetzt ist, hat ein höheres Risiko für Herzinfarkt. Und Kindern, die an stark befahrenen Straßen aufwachsen, fällt das Lernen deutlich schwerer.
Auf der langen Liste der umweltbezogenen Krankheiten steht nicht zuletzt Diabetes: „Hier wirkt der Umweltfaktor Mobilität direkt“, erklärt Hutter. „Dass wir uns heute kaum mehr zu Fuß, sondern fast nur mehr mit dem Auto fortbewegen, schadet unserer Gesundheit in mehrfacher Hinsicht: Über die Schadstoffe in der Luft, über den Lärm – und über den Bewegungsmangel, der zu Übergewicht und in weiterer Folge zu Krankheiten wie Diabetes führen kann.“

Umweltschutz ist Gesundheitsschutz

Rund 20 Prozent der Krankheits- und Todesfälle in Europa führt die Weltgesundheitsorganisation WHO auf Umweltfaktoren zurück. „Wahrscheinlich sind es sogar noch mehr“, sagt Hutter. Wenn die Umwelt krank macht, lässt sich das oft nicht sofort zeigen, weil es meistens nicht zu einer akuten Beeinträchtigung kommt. Zwar können z. B. Smogepisoden wie zuletzt 2010 in Moskau im Zuge der Hitzewelle und der Waldbrände sofort zu einer erhöhten Sterblichkeit führen – mehr als 50.000 Menschen starben. Doch in der Regel sind Umweltkrankheiten eher schleichende, langfristige Erscheinungen.
Umso schwieriger ist es, den akuten Handlungsbedarf in diesem Bereich zu vermitteln. „Umweltschutz ist vorsorgender Gesundheitsschutz“, sagt Hutter. „Wir wissen, dass durch Maßnahmen zur Feinstaubreduktion pro Jahr Tausende Menschenleben allein in Österreich gerettet werden könnten. Wir wissen, dass mehr als 30 Prozent der Jugendlichen durch extrem laute Musikberieselung heute schon so große Hörprobleme haben, dass sie bestimmte Berufe nicht ausüben können werden. Und doch wird nichts unternommen, weil sich aus den Erfolgen von Umweltschutzmaßnahmen nicht sofort Profit schlagen lässt“, kritisiert Hutter, der neben seiner Tätigkeit als Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien auch Vorstand der Organisation „Ärztinnen und Ärzte für eine gesunde Umwelt“ ist.

Brennpunkt Klimawandel

Dem zunehmenden Wissen über die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Gesundheit steht die abnehmende Bereitschaft für den Schutz der Umwelt gegenüber. Die aktuelle Wirtschaftskrise drängt Umweltanliegen weiter in den Hintergrund und treibt zudem absurde Blüten: Erst vergangenen Herbst, als hochsommerliche Temperaturen das Geschäft in den Bädern, Eissalons und Gastgärten noch einmal so richtig anheizten, feierte sich Österreich als „Gewinner des Klimawandels. Ein trauriges Beispiel dafür, wie sehr der schnelle Profit heute leider immer gegenüber langfristiger Vorsorge siegt“, so Hutter.
Dabei profitiert gerade der Mensch der Gegenwart von nachhaltigen Maßnahmen der Vergangenheit: „Schließlich ist unsere hohe Lebenserwartung heute maßgeblich auf Verbesserungen der Umwelt- und Hygienebedingungen wie Abfallbeseitigung oder Kanalisation zurückzuführen.“ Doch darüber dürfen die aktuellen Probleme nicht vergessen werden, die „uns und den kommenden Generationen auf den Kopf fallen werden. Das ist der Brennpunkt Klimawandel mit seinen enormen Folgen für die Gesundheit. Das ist das große Handlungsfeld Mobilität, das uns neben Unfällen, Lärm und Luftschadstoffen auch die Strahlen von Handys, WLAN und Co durch mobiles Telefonieren und Internet beschert. Und das sind die verschiedensten Industriechemikalien, die unseren Alltag mehr und mehr durchdringen und unser Leben nicht nur erleichtern. Sie können auch via Luft, Ernährung, Textilien Folgen für unsere Gesundheit haben“, ­listet Hutter die wesentlichen umweltbezogenen Gesundheitsprobleme von heute auf. Prob­leme, gegen die „jeder einzelne trotz des harschen Gegenwinds von Seiten der Politik und Wirtschaft mit einfachsten Mitteln viel tun kann, um durch den Schutz der Umwelt die eigene Gesundheit zu schützen“, nimmt Hutter den Inhalt des MEDIZIN populär-Schwerpunkts des Jahres 2012 vorweg.    

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Interview

Umweltmediziner in Österreich:
„Ihrer Zeit vielfach um Jahre voraus“

Im Interview mit MEDIZIN populär streicht Dr. Othmar Haas, Leiter des Referats für Umweltmedizin in der Österreichischen Ärztekammer und Präsident der Ärztekammer für Kärnten, die wichtige Rolle der Umweltmedizin in der Gesellschaft hervor.

MEDIZIN populär
Seit 1988 haben Ärztinnen und Ärzte die Möglichkeit, bei der Österreichischen Ärztekammer ein Diplom für Umweltmedizin zu erwerben. Wie viele Umweltmediziner gibt es inzwischen in Österreich und worin bestehen ihre Aufgaben?

Dr. Othmar Haas
Die mittlerweile insgesamt 1144 Umweltmediziner befassen sich mit einem sehr breiten Spektrum an Wirkfaktoren, die eine zentrale Voraussetzung für Wohlbefinden und Gesundheit darstellen. Das reicht vom hygienisch einwandfreien Trink- und Badewasser über saubere Außen- und Innenluft bis zur Lärmverschmutzung und zu Fragen der Belastung durch Atomstrahlung und Elektrosmog. Das Besondere an diesem Fachgebiet ist: Die Umweltmediziner sind ihrer Zeit vielfach um Jahre voraus.

Wie meinen Sie das?
Österreichische Umweltmediziner haben etwa schon Anfang der 1990-er Jahre begonnen, die Gesundheitsfolgen von Feinstaub aus Dieselmotoren einer breiteren Öffentlichkeit bewusst zu machen, und eine der zentralen Untersuchungen dazu initiiert. Dies erfolgte zu einer Zeit, als der Begriff Feinstaub kaum bekannt war und die Folgen durch die Industrie verharmlost wurden. Das Thema ist zwar noch nicht gelöst, aber die Notwendigkeit, weitere Schritte zu setzen, ist mittlerweile unstrittig.

Umweltmediziner spielen also eine bedeutende Rolle in der Gesellschaft …
Zweifellos. Denken Sie nur an das Thema elektromagnetische Felder. Auch hier sind es wiederum Umweltmediziner, die auf die Gesundheitsfolgen hinweisen und ein drastisches Umdenken der Industrie, aber auch der gesamten Gesellschaft einfordern. Die Verwendung von Handys speziell durch Kinder und Jugendliche, „schmutziger“ Strom, DECT, WLAN, UMTS am Notebook sowie Mobilfunksender seien hier nur als ein paar aktuelle Schlagworte genannt. Umweltmediziner sind wichtige Schrittmacher in der Bewusstmachung von Fehlentwicklungen in unserer zunehmend technisierten Umwelt.

In welchen Bereichen unserer technisierten Welt sehen Sie besonders großen Handlungsbedarf?
Neben den bereits erwähnten großen Themen Feinstaub und elektromagnetische Felder ist der Bereich der klinischen Umweltmedizin eine große neue Herausforderung. Hier geht es darum, das Verständnis über die Zusammenhänge zwischen Umweltfaktoren und Gesundheit weiter zu vertiefen und neue diagnostische und therapeutische Zugänge zu eröffnen.

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