Trinkwasser

März 2012 | Leben & Arbeiten

Wie gesund ist unser wichtigstes Lebensmittel?
 
Wasser in bester Qualität direkt aus dem Hahn – darauf vertrauen wir Österreicher blind. Kaum jemand ist sich bewusst, dass viel dafür getan wird, dass unser Trinkwasser sicher ist, und dass in Zukunft noch viel mehr getan werden muss, damit es sicher bleibt.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Eine Milliarde Liter Trinkwasser in bester Qualität steht pro Tag in Österreichs Leitungen bereit. 135 Liter verbraucht jeder von uns täglich für Duschen und Baden, Toilettenspülung, Wäschewaschen, Putzen, Kochen und nicht zuletzt Trinken. Sicheres Trinkwasser in ausreichender Menge ist eine Grundvoraussetzung für Gesundheit – und Leben überhaupt. Bis zu zwei Milliarden Menschen auf der Welt bleibt diese Lebensgrundlage verwehrt: Zu wenig oder zu schmutziges Wasser kostet vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern jährlich unzählige Menschenleben.
Wo man es sich leisten kann, schöpft man alle technischen Möglichkeiten aus, um die Bevölkerung mit dem wichtigsten Lebensmittel versorgen zu können. So kann man heute etwa Oberflächenwasser aus Flüssen, Bächen, Seen – und sei es noch so dreckig – zu völlig einwandfreiem Trinkwasser aufbereiten. In Singapur hat die Wassernot so erfinderisch gemacht, dass man sogar Abwasser „recycelt“: „Technisch ist es möglich, in vielen, vielen Schritten jede nur erdenkliche Verunreinigung zu entfernen. Das Wasser, das dabei herauskommt, ist absolut sicher, man kann es also trinken, ohne davon krank zu werden“, schildert Univ. Prof. DI Dr. Regina Sommer, Leiterin der Abteilung für Wasserhygiene an der Medizinischen Universität Wien, das weltweit einzigartige Projekt. „Aber mit dem, was wir in Österreich unter natürlich verstehen, hat es nichts mehr zu tun.“

Möglichst naturbelassen

Möglichst naturbelassenes Trinkwasser aus Grundwasservorkommen – das ist der Luxus, den sich Österreich leisten kann. Ganz naturbelassen geht es aber auch bei uns nicht immer und überall. Kaum jemand ist sich bewusst, dass auch hierzulande einiges dafür getan wird, dass das Trinkwasser sicher ist. „Auch wenn die Aufbereitungsmaßnahmen bei uns vergleichsweise gering sind: Das Wasser aus den Wiener Leitungen zum Beispiel wäre ohne Zugabe von Chlor gesundheitlich nicht unbedenklich“ erklärt Sommer.
Grundwasser entsteht ja, indem Wasser von oben langsam durch Bodenschichten sickert. Je mehr Schichten das Wasser durchdringt, desto besser wird es gereinigt. Nun stammt das Wiener Wasser aus Gebieten mit kargen Kalkgebirgen (Rax, Schneeberg, Hochschwab), wo das Wasser von Regen oder Schneeschmelze ins Grundwasser eingespült wird, ohne reinigende Bodenschichten zu durchlaufen. „Ohne Desinfektion würde dieses Wasser nicht den strengen Anforderungen der Trinkwasserverordnung entsprechen“, so Sommer. (siehe „Strengstens kontrolliert: Trinkwasser in Österreich“ weiter unten)

Sanfte Aufbereitung

„Wir haben uns in Österreich für den Grundsatz entschieden, Trinkwasser nur dort aufzubereiten, wo es unbedingt notwendig ist“, sagt Sommer, die auch Vorsitzende der österreichischen Trinkwasser-Codexkommission ist. Bei den Aufbereitungen wiederum setzt man immer mehr auf den Grundsatz: Lieber nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, also chemische Substanzen zuführen, die in hohen Konzentrationen erst recht gesundheitsschädlich sein können. Wasserreinigung mit UV-Strahlung z. B. ist so ein zukunftsweisendes Verfahren, das schon jetzt in vielen Wasserversorgungsanlagen auch in Österreich zum Einsatz kommt. „Auf diesem Gebiet hat Österreich Pionierarbeit geleistet“, sagt Sommer. „Unsere Forschungsarbeiten die wir nun im Wasser-Technikum Wiental in Kooperation mit der Stadt Wien fortführen, haben bewirkt, dass die UV-Bestrahlung ein zuverlässiges Desinfektionsverfahren geworden ist.“ Was einfach klingt, ist in Wahrheit ein technisch ausgeklügeltes System: Dabei werden schädliche Mikroorganismen im Wasser durch die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht unschädlich gemacht, sodass sie unserer Gesundheit nichts mehr anhaben können.

Bedrohung durch Pestizide

Viel getan wird hierzulande vor allem bei der Kontrolle des Lebensmittels Trinkwasser. Schließlich werden auch in Österreichs Grundwasser immer wieder Substanzen festgestellt, die der Gesundheit schaden können, wenn sie bestimmte Konzentrationen erreichen. In manchen Regionen des Landes sind das natürlich im Boden vorkommende Stoffe wie Uran oder Arsen. In den meisten Fällen aber sind das von Menschenhand verursachte Verunreinigungen aus Industrie, Haushalt, Landwirtschaft. So sind z. B. in einigen Gegenden im Osten und Süden die Belastungen durch Nitrat aus Düngemitteln so hoch, dass die dort lebende Bevölkerung mit Trinkwasser aus anderen Regionen versorgt wird.
Die aktuell größte Gefahr geht von Pestiziden und deren Abbauprodukten aus: Was in enormen Mengen zum Schutz der Pflanzen versprüht wird, bedroht zunehmend die Sicherheit unseres Trinkwassers. „Diese Substanzen bleiben viel länger im Boden, als man bisher angenommen hat. Und dann tauchen sie plötzlich im Trinkwasser auf“, so Sommer, und gefährden unsere Gesundheit: Schließlich stehen Pestizide im Verdacht, langfristig Krebs auszulösen und sogar das Erbgut zu schädigen.
Für rund 90 Prozent der Österreicher, die ihr Wasser aus öffentlichen, regelmäßig kontrollierten Wasserversorgungsanlagen beziehen, stellen Substanzen wie diese keine Gefahr dar. „Bei uns kommt nur Wasser zum Konsumenten, das den strengen Anforderungen der Trinkwasserverordnung entspricht“, versichert Sommer. Anders kann die Situation bei rund einer Million Österreichern sein, die ihr Trinkwasser aus privaten Hausbrunnen beziehen, für deren Zustand und Kontrolle sie selbst verantwortlich sind. „Öfter als man denkt, bewirkt der schlechte bauliche Zustand dieser Wasserspender, dass schmutziges Oberflächenwasser oder sogar Abwasser aus der Senkgrube in das Brunnenwasser gelangen“, weiß Sommer.

Mehr Wasserschutz

Vor Gift und Dreck von oben muss in Zukunft aber auch das Wasser aus öffentlichen Anlagen besser geschützt werden als bisher: „Wenn wir in Österreich weiterhin möglichst naturbelassenes Grundwasser für unser Trinkwasser verwenden und weiterhin auf Aufbereitungen größeren Ausmaßes verzichten wollen, müssen wir noch mehr für den Grundwasserschutz tun“, appelliert die Expertin. „Damit problematische Substanzen wie Pestizide gar nicht erst ins Grundwasser kommen, brauchen wir mehr und strenger überwachte Wasserschutzgebiete“, fordert Sommer.
Aber auch bauliche Maßnahmen zum Schutz vor Überschwemmungen werden in Hinkunft eine größere Rolle spielen müssen. Denn der Klimawandel wird Österreich mehr und mehr Hochwasser bescheren: „Wasser aus überschwemmten Gebieten ist oft monatelang mit verschiedenen Krankheitserregern verseucht. Nach der Hochwasserkatastrophe von 2002 zum Beispiel waren die Brunnen mancherorts ein halbes Jahr lang ,beleidigt‘“, erinnert sich Sommer. „Seither ist für den Grundwasserschutz zwar einiges unternommen worden, vor allem bei Neuprojekten, aber längst noch nicht genug.“

Wachsames Auge

Wasserschutz liegt freilich nicht nur in öffentlicher Hand. Auch wenn inzwischen jedes Kind weiß, dass weder Speise- noch Motoröl, weder Lacke noch Medikamente über Abwasch und Toilette entsorgt werden sollten, halten sich längst nicht alle daran. Auch so können über Umwege Substanzen ins Grundwasser dringen, die in sicherem Trinkwasser nichts verloren haben. „Es sind vor allem die sogenannten hormonaktiven Substanzen, die uns in Zukunft beschäftigen könnten“, warnt Sommer. Diese gelangen nicht nur via Ausscheidungen der Anti-Baby-Pille, sondern u. a. auch von Haarshampoos und anderen Kosmetikprodukten in immer größerer Menge ins Abwasser. Sommer: „Bei im Wasser lebenden Tieren hat man dadurch bereits Veränderungen am Hormonstatus und bei männlichen Amphibien eine Abnahme der Fruchtbarkeit festgestellt. Wie diese Substanzen auf den Menschen wirken, wissen wir noch nicht. Wir müssen aber ein wachsames Auge darauf haben.“

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Strengstens kontrolliert:
Trinkwasser in Österreich

Trinkwasser zählt in Österreich zu den am strengsten kontrollierten Lebensmitteln. In der Trinkwasserverordnung hat der Gesetzgeber Grenzwerte festgelegt, auf deren Einhaltung die Wasserwerke penibel achten müssen. Die Grenzwerte für chemische Stoffe sind so niedrig angesetzt, dass von einem Wasser 70 Jahre lang zwei Liter täglich getrunken werden können, ohne die Gesundheit zu gefährden. Daraus folgt, dass kurzfristige Überschreitungen der Grenzwerte nicht krank machen.
Das Lebensmittelgesetz sieht vor, dass sowohl Wasserqualität als auch -versorgungsanlage regelmäßig von externen und ausschließlich vom Gesundheitsministerium zugelassenen Stellen kontrolliert werden. Untersucht wird das Wasser auf Schadstoffe wie Schwermetalle, Pestizide, Nitrat oder mikrobiologische Verunreinigungen wie Bakterien, Viren, Parasiten, auch der Härtegrad wird erhoben.
Jene 90 Prozent der Österreicher, die öffentliches Wasser beziehen, haben die Möglichkeit, einmal pro Jahr bei ihrem Wasserversorger einen Bericht über die Wasserqualität einzuholen. Jene zehn Prozent der Österreicher, die das Trinkwasser für den privaten Gebrauch aus einem eigenen Hausbrunnen beziehen, sind nicht an die gesetzlichen Vorschriften gebunden. Für sie gibt es beim Gesundheitsministerium den Ratgeber „Trinkwasser aus Hausbrunnen und Quellfassungen“ zum kostenlosen Download auf www.bmg.gv.at. Kontrollen von Wasserqualität und Zustand des privaten Brunnens sollten zumindest einmal im Jahr durchgeführt werden.

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Gesunde Härte:
Calcium und Magnesium im Wasser

Wasserqualität definiert sich nicht nur über das, was nicht drin ist, sondern auch über das, was drin ist. Die beiden Mineralstoffe Calcium und Magnesium sind in unterschiedlichen Konzentrationen natürlich im Wasser vorhanden. Sie geben dem Wasser seinen typischen Geschmack, sind für den Härtegrad zuständig – und darüber hinaus gesund.
Dennoch ist hartes Wasser nicht allseits beliebt, hinterlässt es doch unschöne Kalkränder in Küche und Badezimmer, die sich schwer wegputzen lassen. „Weil Komfort heutzutage leider mehr im Trend liegt als Gesundheit, werden in Haushalten immer häufiger Enthärtungsanlagen eingebaut“, bedauert Univ. Prof. DI Dr. Regina Sommer von der Medizinischen Universität Wien. Als besonders problematisch erachtet die Wasser-Expertin sogenannte Ionenaustauscher, die hartes Wasser mit Hilfe von Natrium „weich“ machen. „Dann ist statt Calcium und Magnesium Natrium im Wasser. Und zuviel Natrium ist bekanntlich ein Risikofaktor für Bluthochdruck“, sagt Sommer.

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Dafür verwenden wir das Trinkwasser:

Trinken und Kochen     3%
Putzen                         5%
Sonstiges                     6%
Geschirrspülen             6%
Persönliche Hygiene     7%
Wäschewaschen          17%
Toilettenspülung         22%
Duschen und Baden    34%

Buchtipp:
Marktl, Reiter, Wasser. Heilmittel – Lebenselixier – Informationsträger
ISBN 978-3-902552-00-6, 240 Seiten, € 19,90
Verlagshaus der Ärzte

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