Abfall: Berge von Gefahren

Mai 2012 | Leben & Arbeiten

Beim Mülltrennen sind wir Österreicher vorbildlich, beim Vermeiden allerdings nicht: Mehr als 50 Millionen Tonnen Mist fallen hierzulande pro Jahr an. Und so produzieren auch wir Berge von Gefahren für Mensch und Umwelt.
 
Von Mag. Karin Kirschbichler

Für Archäologen ist Abfall eine wahre Fundgrube. Weil jede Gesellschaft den für sie charakteristischen Mist zurücklässt, kann die Wissenschaft daraus Schlüsse auf das Leben in vergangenen Epochen ziehen. Unseren Vorfahren selbst wurde der eigene Müll allerdings oftmals zum Verhängnis. Dreck und Fäkalien, die vor allem in den Städten auf ungepflasterten Wegen verrotteten und vor sich hin stanken, stellten auch hierzulande noch bis ins 19. Jahrhundert hinein eine massive Gefahr für Leib und Leben dar: „Nahrungsreste auf den Straßen zum Beispiel lockten Ratten an, die verschiedene Krankheiten auf den Menschen übertrugen. Die Pestepidemien etwa hängen mit der Abfallproblematik eng zusammen“, weiß Dr. Hanns Moshammer, Facharzt für Hygiene und Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien. Entsprechend gilt die Abfallbeseitigung neben der Kanalisation als Meilenstein in der Menschheitsgeschichte: „Dass die Städte das Abfall- und Abwasserproblem in den Griff bekommen haben, hat sicherlich mehr zur Steigerung der Lebenserwartung beigetragen als die Fortschritte in der Medizin zur Behandlung von Infektionskrankheiten etwa durch Antibiotika“, ist Moshammer überzeugt.

Sünden der Vergangenheit

Trotz der enormen Bedeutung für Hygiene und Gesundheit ist die systematische Entsorgung von Abfall ein vergleichsweise junges Kapitel in der Geschichte unserer Zivilisation. Erst im 19. Jahrhundert hat man damit begonnen, erst seit etwas mehr als 20 Jahren gibt es in Österreich in jeder Gemeinde eine Müllabfuhr. Bis dahin wurde Abfall in Erdlöcher geschüttet – oder daheim im eigenen Ofen „vernichtet“: „Ich erinnere mich an Leute, die stolz darauf waren, keinen Abfall zu produzieren, weil sie alles selber verbrannt haben. Die waren regelrecht erbost, als ihnen die Gemeinde eine Mülltonne hingestellt hat, für die sie dann auch noch zahlen mussten“, erzählt der Experte, der jahrelang als Abfallbeauftragter des Wiener Gesundheitswesens tätig war. Wie sehr sie Umwelt und Gesundheit damit gefährdet haben, war noch vor ein, zwei Jahrzehnten vielen nicht bewusst: „Einer Schweizer Studie zufolge stammt der höchste Anteil am Umweltgift Dioxin in der Schweiz aus der häuslichen, inzwischen illegalen Müllverbrennung“, so Moshammer.

Altlasten mit tonnenweise Gefahren

Bis heute bergen die Entsorgungssünden der Vergangenheit tonnenweise Gefahren für Umwelt und Gesundheit. Was seit der sogenannten Deponieverordnung von 2004 in Österreich nicht mehr erlaubt ist, war vor nicht allzu langer Zeit gang und gäbe: Müll unterschiedlichster Zusammensetzung landete ohne Vorbehandlung in ungesicherten Gruben, sodass das dabei entstehende Schadstoffgemisch nicht nur in die Luft strömen, sondern – noch schlimmer – ins Grundwasser sickern konnte. Prominentes heimisches Beispiel einer solchen „Altlast“ ist die sogenannte Fischer-Deponie im südlichen Wiener Becken, die von 2002 bis 2005 unter großem Medieninteresse saniert wurde: In die 800.000 Kubikmeter große Schottergrube war von etwa 1972 bis 1987 rund eine Million Tonnen Müll geschmissen worden, der eines der wichtigsten Grundwasservorkommen Mitteleuropas bedrohte, die Mitterndorfer Senke. Bei der Räumung dieser Deponie wurden laut Lebensministerium rund 44.000 Tonnen gefährliche Abfälle und rund 15.000 Giftfässer abtransportiert.
Mindestens 2000 weitere Altlasten harren gemäß Umweltbericht 2011 in Österreich der ordnungsgemäßen Sanierung. Von mehr als 300 geht, wie es heißt, eine „erhebliche Gefährdung“ für Boden und/oder Grundwasser aus.

Zukunftsproblem Elektroschrott

In Österreich verhindert die heutige Gesetzeslage zwar weitgehend die Entstehung neuer Gefahrenherde dieser Art. Unbedenklich für Mensch und Umwelt sind die Abfallprodukte des modernen Lebens deswegen aber längst nicht. Im Gegenteil: Jedes Jahr ein neues Handy, stets am Zahn der Zeit mit dem neuesten Computer – eines der größten Abfallprobleme der Gegenwart und Zukunft heißt Elektro- und Elektronikschrott. Allein in der EU fallen schon jetzt pro Jahr rund sechs Millionen Tonnen davon an. So müssen bergeweise Akkus mit verschiedensten giftigen Schwermetallen entsorgt werden. So entsteht aber auch jede Menge Kunststoffmüll, der mit gesundheitsschädlichen Flammschutzmitteln überzogen ist, da die Geräte ja schwer entflammbar sein müssen. „Besonders schlimm am Elektroschrott ist, dass viel davon oft auf illegalem Weg in die sogenannten Entwicklungsländer abgeschoben wird. Dort gefährdet die unsachgemäße Wiederverwertung die Umwelt und die Gesundheit der Menschen massiv. Wenn zum Beispiel PVC-Kabel im Hinterhof verbrannt werden, um an das wertvolle Kupfer zu gelangen, entsteht sehr viel hochgiftiges Dioxin“, weiß Moshammer.

Wachsende Müllberge

Nicht nur der Elektroschrott lässt die Müllberge wachsen. Aus der Reparatur- ist längst eine Wegwerfgesellschaft geworden. Die Industrie schürt dieses Verhalten, in dem sie kurzlebige Produkte herstellt, und die Werbung verleitet dazu, mehr zu kaufen als man eigentlich braucht. Laut aktuellen Angaben ist allein das Abfallaufkommen aus den Haushalten innerhalb von fünf Jahren um rund 14 Prozent auf fast vier Millionen Tonnen gestiegen. Insgesamt produzierte Österreich 2009 rund 54 Millionen Tonnen Mist, davon wird etwa eine Million Tonnen als gefährlich eingestuft.
Mülltrennung ist der erste Schritt, um Abfall so weiterverarbeiten zu können, dass möglichst wenig Schaden für Mensch und Umwelt entsteht. Papier, Glas und Kunststoff – das sammeln wir Österreicher bereitwillig. Nicht so genau nehmen wir es gemäß jüngsten Analysen der Statistik Austria mit der ordnungsgemäßen Entsorgung von Problemstoffen, auch Abfälle aus Küche oder Garten landen nach wie vor in großen Mengen im Restmüll. Die Nachlässigkeit hat Folgen: Speiseöl im Ausguss z. B. verstopft nicht nur die Filter von Kläranlagen, sondern kann Flüsse, Seen, Grundwasser für lange Zeit verunreinigen. Mit Akkus, Batterien und Energiesparlampen landen auch Schwermetalle wie Blei, Nickel, Cadmium, Quecksilber im Mistkübel, die – wenn sie nicht sachgemäß behandelt werden – Umwelt und Gesundheit belasten. Und Biomüll im Restmüll macht den Abfall so feucht, dass das Verbrennen umso aufwendiger – und problematischer wird.

Abfall vermeiden

Trennen, verbrennen, deponieren – das sind die wesentlichen Wege, mit denen Abfall in Österreich heute behandelt wird. Weil in Hinblick auf Umwelt- und Gesundheitsschutz keiner dieser Wege der Weisheit letzter Schluss ist (siehe unten), braucht es in Zukunft mehr als die Förderung des Reparatur- und Recycling-Gedankens: „Abfall entsteht ja schon lange, bevor er anfällt. Wenn man erst an den Müll denkt, wenn er sich vor einem auftürmt, ist es schon zu spät“, kritisiert Moshammer. Abfall vermeiden ist das Gebot der Stunde: „Da kann der Konsument zwar durchaus einen Beitrag leisten. Doch ohne strengere staatliche Vorgaben, zum Beispiel schon für die Produktion oder Verpackung von diversen Erzeugnissen, wird man die Berge von Gefahren nicht bannen“, appelliert der Umweltmediziner.

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Trennen, verbrennen, deponieren:
Abfallbehandlung birgt erst recht Gefahren

Bevor Abfall weiterverarbeitet wird, sollte er so gut wie möglich getrennt werden. Ob der verbleibende Müll dann verbrannt oder deponiert wird – jedes dieser Verfahren birgt erst recht Gefahren für Mensch und Umwelt.

Trennen
Abfall darf in Österreich von Gesetzes wegen erst dann deponiert oder verbrannt werden, wenn er davor sortiert bzw. mit verschiedenen biologischen Verfahren so aufbereitet wurde, dass er möglichst „reaktionsarm“, also ungefährlich ist. „Mechanisch-biologische Abfallbehandlung – das klingt zwar sehr schön“, sagt Umweltmediziner Dr. Hanns Moshammer. „Allerdings zeigen Studien, dass die Arbeiter in derartigen Anlagen ein erhöhtes Risiko für zum Beispiel Atemwegs- und Hauterkrankungen haben.“ Ein weiteres Problem: Viele Gegenstände wie z. B. elektronische Geräte sind so „verbaut“, dass es oft nicht möglich ist, jene Teile herauszulösen, die bedenkliche Substanzen enthalten bzw. wieder verwertbar wären.

Verbrennen
Durch Verbrennung lässt sich nicht nur die Abfallmenge drastisch reduzieren, man kann so auch verschiedene Schadstoffe unschädlich oder zumindest unschädlicher machen. Doch selbst die heute technisch ausgereiften Müllverbrennungsanlagen können nicht jedes Problem in Luft auflösen. Was von der thermischen Behandlung übrigbleibt, sind Filter, die als Sondermüll z. B. in alten Bergwerkschächten deponiert werden, sowie tonnenweise Aschen und Schlacken, die oftmals ebenfalls einer besonderen Weiterbehandlung bedürfen.    
„Auch wenn von den modernen Müllverbrennungsanlagen heute keine unmittelbare Gefahr mehr für die Gesundheit der Anrainer ausgeht, so bleibt doch die Frage: Wie sicher werden diese Anlagen in zehn, 20 Jahren sein?“ gibt Moshammer zu bedenken. Und: Damit sich der enorme technische Aufwand der Müllverbrennung „rechnet“, werden immer größere Anlagen gebaut – und die wollen befüllt werden: „So setzt man also auf eine Technologie, die Abfall braucht, und vernachlässigt Maßnahmen, die Abfall vermeiden“, weist Moshammer auf den Widerspruch in der aktuellen Abfallpolitik hin.

Deponieren
Allen anfallenden Mist in eine Grube werfen und verrotten lassen – das ist hierzulande heute nicht mehr erlaubt. Nach dem Gesetz ist Deponieren inzwischen ein sehr aufwendiges Verfahren: So darf z. B. nur mehr „sortenreiner“ und „reaktionsarmer“, also entsprechend vorbehandelter Müll deponiert werden. Darüber hinaus müssen die Deponien so abgedichtet werden, dass keine Schadstoffe in den Boden bzw. ins Grundwasser gelangen können. Technische Systeme sorgen darüber hinaus dafür, dass zumindest ein Teil des sogenannten Deponiegases abgesaugt wird. So wird vor allem verhindert, dass klimaschädliches Methangas in großen Mengen in die Luft gelangt. Und nicht nur das: Das so gewonnene Gas kann zur Stromerzeugung und für Heizzwecke genützt werden. „Da hat sich in den letzten Jahren viel verbessert“, gesteht Moshammer zu: „Eitel Wonne ist deswegen aber längst nicht alles. Denn Deponien sind nur so sicher, wie sie kontrolliert werden.“

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Müll in Zahlen

98 Kilo Werbematerial erhält ein Wiener Hauhalt über Post- und Türzustellung pro Jahr.
180 Stück Plastiksackerln kann ein einziger Einkaufskorb pro Jahr ersparen.
195 Millionen Kilowattstunden Energie könnten pro Jahr gespart werden, wenn Mineralwasser in Österreich ausschließlich in Mehrwegflaschen gekauft würde. Damit könnten 55.000 Haushalte versorgt werden.
70.000 Tonnen originalverpackte oder nur teilweise verbrauchte Lebensmittel landen pro Jahr im Wiener Restmüll.

Quelle: Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22)

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Trenn-Tipps:
Die 60-seitige Broschüre des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft enthält Informationen zur Sammlung und Trennung von Abfällen sowie Tipps zur Abfallvermeidung.
Zum Download auf www.lebensministerium.at (Publikationen/Umwelt/Abfall).

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