Gesund Wohnen

September 2012 | Leben & Arbeiten

90 Prozent unserer Zeit verbringen wir in Innenräumen. Etwa 15 Mal in der Minute atmen wir die Raumluft ein und aus, Säuglinge sogar doppelt so oft. Gründe genug, um in den eigenen vier Wänden auf eine gesunde Luft zu achten. Messungen zeigen jedoch, dass mit jedem Atemzug im trauten Heim nicht nur die natürlichen Luftbestandteile, sondern auch ungesunde, ja giftige Substanzen in den Körper gelangen. Die Ursachen für die Schadstoffbelastung in Innenräumen sind oft hausgemacht.
 
Von Mag. Alexandra Wimmer

Wochenlang litt Hermann S. unter starken Kopfschmerzen, für die man keine Ursache finden konnte. Als er dann zufällig las, dass auch Wohngifte zu derartigen Beschwerden führen können, bestellte er einen Experten zu sich nach Hause. Der Wiener Innenraumklimatologe DI Peter Tappler konnte die Ursache für die Probleme schnell ausmachen: Im Schlafzimmer stellte er eine hohe Konzentration an sogenannten flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) fest, die den neuen Schlafzimmermöbeln entströmten. „Solche Fälle kommen häufig vor“, ist Tappler wenig überrascht. Sein Rat: Dem Problem schon beim Möbelkauf vorbeugen! Ein Indiz für eine hohe VOC-Konzentration können nämlich „bestimmte Gerüche sein“, so der Experte. „Je nachdem, wie speicherfähig Bauteile oder Lackschichten sind, können sich die Geruchsstoffe sogar über Jahre halten.“

In Möbeln, Textilien, Duftstoffen

VOC entweichen nicht nur Möbeln, sie werden auch bei der Herstellung von Textilien, Klebern, Wandanstrichen, Bodenbelägen oder Oberflächenbeschichtungen verwendet. Sogar in natürlichen Produkten wie in Hölzern, die mit gut riechenden Ölen behandelt werden, stecken die Substanzen. Aromaduftlampen entströmen nicht nur die Düfte von Eukalyptus, Bergamotte und Mandarine, sondern auch VOC. Dasselbe gilt für sogenannte „Raumluftverbesserer“: Durch Verdunstung gelangen die Stoffe in die Atemluft – und damit in den Körper. Sie verursachen neben Kopfschmerzen „Reizungen der Schleimhäute von Augen, Nase oder Atemwegen, Leistungsabfall, Übelkeit bis hin zu einem häufigeren Auftreten von Allergien“, erklärt die Umweltmedizinerin Dr. Dagmar Seidl, Leiterin der Umweltmedizinischen Beratungsstelle der MA 39 in Wien.
Kopfschmerzen, Reizungen von Schleimhäuten und Augen können aber auch von einem anderen Wohngift stammen: Formaldehyd. „Die Belastung durch Formaldehyd ist zwar im Abnehmen begriffen, allerdings kann es etwa bei der Verwendung bestimmter Holzwerkstoffe immer noch zu erhöhten Konzentrationen kommen“, weiß Tappler. Ein Beispiel: Peter N. hat eine neue private Sauna gekauft. „Jedes Mal wenn er sie benutzt hat, bekam er eine starke Bindehautentzündung und Kopfschmerzen“, berichtet der Experte. „Messungen haben gezeigt, dass die Formaldehydkonzentration zu groß war.   

Kochen, Rauchen, Heizen

Und es gibt weitere Quellen für schädliche Raumluft: Das Atemgift Kohlenmonoxid (CO) sowie Stickstoffoxid (NO2) werden bei Verbrennungsprozessen freigesetzt: beim Rauchen, einem offenen Kaminfeuer oder beim Kochen auf einem Gasherd. Ein bedenklicher Trend sind zudem Wohnzimmeröfen: Wird nicht richtig damit geheizt, bekommt man einiges an Schadstoffen – von Kohlenmonoxid bis hin zu verschiedenen krebserregenden Stoffen – ab. Leichte Kohlenmonoxid-Vergiftungen können Kopfschmerzen, Schwindel, Sehstörungen und Herzklopfen verursachen, schwere Vergiftungen sind lebensbedrohlich. Stickstoffdioxid erhöht insbesondere bei Kindern die Anfälligkeit für Atemwegsinfekte oder Asthmabeschwerden.
Ein anderes gesundheitsgefährliches, radioaktives Gas wird nur in bestimmten Regionen Österreichs in größerer Menge gemessen: Radon, ein Zerfallsprodukt aus uranhältigen Gesteinen wie Granit, gelangt über die Atemluft in die Lungenzellen; es zählt zu den wichtigsten Ursachen für Lungenkrebs. „Aufgrund des Gesteinsuntergrunds besteht etwa im nördlichen Waldviertel, im Mühlviertel oder in inneralpinen Gebieten in Tirol eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für hohe Radonkonzentrationen“, erklärt Raumluftexperte Tappler. „Doch selbst in einem hochbelasteten Gebiet muss man im Eigenheim keine hohen Werte haben – das hängt davon ab, wie dicht ein Haus gebaut wurde.“

Schimmelquelle Luftfeuchte

Damit nicht genug: Auch biologische Faktoren wie Schimmelpilzsporen mischen sich in unsere Raumluft. Deutschen Statistiken zufolge ist das falsche Nutzerverhalten eine der Hauptursachen für Schimmelbildung. „Schimmel braucht zum Wachsen eigentlich nur Feuchtigkeit, auch eine unsichtbare Kondenswasserbildung auf den Wänden reicht schon: Dazu kommt es, wenn die Temperatur der Wandoberfläche im Vergleich zur relativen Luftfeuchtigkeit im Raum zu niedrig ist“, erklärt Dagmar Seidl. „Deswegen sollte man in den Wintermonaten – auch zur Erwärmung der Wände – ausreichend heizen und zur Verringerung der Luftfeuchtigkeit konsequent lüften.“ Die Folgen von Schimmelbefall? „Medizinische Studien konnten zeigen, dass Menschen, die in feuchten und schimmeligen Wohnungen leben, häufiger krank sind“, so die Expertin. „Es kommt öfter zu Atemwegsinfekten und unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Reizungen der Schleimhäute, der Augen, der Atemwege.“ Schimmel kann außerdem allergische Reaktionen wie Schnupfen, Augenrinnen, Niesen auslösen. „Schließlich kann auch Asthma entstehen“, sagt Seidl.

Hausstaub und Bürogeräte

Hinter Nies- und Juckreiz oder Augenrinnen können auch andere Allergieauslöser stecken:  Hausstaubmilben. Sie zählen zu den „vielfach unterschätzten Ursachen für Beschwerden“, betont Tappler. Giftige Substanzen im Hausstaub verschärfen die Gesundheitsgefahr. „Dazu zählen Holzschutzmittelinhaltsstoffe, Biozide, die bis in die 1980-er Jahre verwendet worden sind“, erläutert der Experte. Sie werden z. B. für Störungen der Motorik, Muskelkrämpfe, Kopfschmerzen oder Benommenheit verantwortlich gemacht.
Gesundheitsschädlicher Feinstaub gelangt nicht nur über die Außenluft in die Wohnräume. Wer abends gern bei Kerzenlicht speist, sorgt neben der romantischen Stimmung auch für eine erhöhte Feinstaubkonzentration in der Luft. „In Büros setzen Bürogeräte Ultrafeinstaub frei“, erklärt Tappler. Schleimhautreizungen, Atemwegs- sowie Herzkreislauf-Erkrankungen zählen zu den möglichen Folgen.  

Raucherhaushalte besonders belastet

Wohngift Nummer eins ist – allen Initiativen zum Trotz – nach wie vor Zigarettenrauch. In ihm konzentriert sich gleichsam das Who’s who der Luftschadstoffe, z. B. Kohlenmonoxid, Stickstoffoxide, Formaldehyd, VOC, Feinstaubpartikel und die darin befindlichen Schwermetalle, Dioxine, Nikotin. „Neben giftigen, zum Teil krebserregenden Substanzen ist auch Feinstaub im Rauch enthalten“, betont Seidl. „Dadurch werden in Innenräumen von Raucherhaushalten wesentlich höhere Feinstaubkonzentrationen erreicht, als sie in der Außenluft jemals gesetzlich zulässig wären.“ Passivrauchen birgt die gleichen gesundheitlichen Risiken, die auch Raucher haben: z. B. Schleimhautreizungen, chronische Atemwegserkrankungen, Herzkreislauf-Erkrankungen, Lungenkrebs.

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Zutaten für gutes Raumklima:
Temperatur, Luftfeuchte, Luftionen

Luft ist – draußen wie drinnen – ein Gemisch aus 21 Prozent Sauerstoff, 78 Prozent Stickstoff, Spuren von Edelgasen und Kohlendioxid, in das sich oft noch ungesunde Bestandteile mischen. In Sachen Raumluftqualität gilt die Nase als wichtiger Sensor: „Gesunde Raumluft sollte geruchsfrei sein“, betont der Umweltanalytiker DI Peter Tappler.
Ein gutes Raumklima zeichnet sich aber nicht nur durch die Abwesenheit von Schadstoffen aus. Weitere „Klimaparameter“ sind die richtige Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit. Die Temperatur sollte zwischen 19 und 22 Grad Celsius liegen, bei diesen Temperaturen können wir uns auch am besten konzentrieren. Die relative Luftfeuchtigkeit sollte in der Heizperiode nicht mehr als 55 Prozent betragen. Entsprechend wichtig ist, regelmäßig zu lüften. Damit wird nicht nur ­einer Schimmelbildung vorgebeugt  – Frischluft steigert außerdem unser Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit. „Es ist erwiesen, dass sich in Schulen der Lernerfolg signifikant verbessern würde, wenn besser gelüftet oder eine Komfortlüftung eingebaut werden würde“, weiß der Raumluftexperte Peter Tappler. „Studien belegen außerdem, dass durch das regelmäßige Lüften, zum Beispiel in Büros, die Ansteckungs- und die Infektionsrate sinkt.“
Bei Komfortlüftungen – mechanischen Wohnraumlüftungen von hoher Qualität – muss darauf geachtet werden, dass sie fachmännisch installiert und optimal eingestellt sind, betont Tappler. „Laut einer aktuellen Studie ist dies in mehr als der Hälfte der Fälle nicht so. Schadstoffe in Innenräumen werden dann nicht ausreichend gut abgeführt.“
Neben der ausreichenden Frischluftzufuhr rückt ein weiterer positiver Faktor zunehmend ins Blickfeld: die hohe Anzahl an Luftionen in der Raumluft. Tappler: „Der Ionengehalt lässt sich beispielsweise durch die Wahl der Innenausstattung beeinflussen: Kunststoffe wirken eher senkend, bestimmte Materialien, etwa eine spezielle Wandfarbe, steigernd.“

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Elektrosmog:
Wer besonders darunter leidet

Er hat zwar keinen Einfluss auf die Luftgüte, manchmal aber auf das Wohlbefinden im trauten Heim: Elektrosmog. Die möglichen Auswirkungen elektrischer, magnetischer oder elektromagnetischer Strahlung, wie sie z. B. von den Geräten im Haushalt abgegeben werden, sind unterschiedlich: „Elektrosensitive Menschen können elektromagnetische Felder wahrnehmen, sie leiden aber nicht zwingend darunter“, erläutert der Umweltmediziner Dr. Piero Lercher, Leiter des Referats für Umweltmedizin in der Wiener Ärztekammer. „Bei elektrosensiblen Personen hingegen kann Elektrosmog ein breites Spektrum an Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität, Stress, Müdigkeit, Tinnitus, Schwindel, Gliederschmerzen oder Herzbeschwerden verursachen.“ Allerdings werde „der wissenschaftliche Zusammenhang zwischen Gesundheitsschädigungen und Elektrosmog nach wie vor kontroversiell diskutiert“, wie Lercher betont. Auch Ergebnisse aus Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Handy, WLAN & Co stehen aus. Umweltmedizinerin Dr. Dagmar Seidl: „Es wird empfohlen, die Belastung durch diese Felder möglichst zu minimieren.“

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